35 Jahre Deutsche Einheit - Freiheit in Deutschland und Europa festigen
Text
35 Jahre Deutsche Einheit - Freiheit in Deutschland und Europa festigen
[Deutscher Bundestag Drucksache 21/2026
21. Wahlperiode 07.10.2025
Antrag
der Fraktionen der CDU/CSU und SPD
35 Jahre Deutsche Einheit – Freiheit in Deutschland und Europa festigen
Der Bundestag wolle beschließen:
I. Der Deutsche Bundestag stellt fest:
Der 35. Jahrestag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 2025 ist Anlass zu großer
Freude, dass die Teilung unseres Landes überwunden werden konnte. Er ist zugleich
Auftrag, in der Erinnerung nicht nachzulassen – Erinnerung an das Unrecht in der
DDR, die Opfer der SED-Diktatur und den mutigen Einsatz der Opposition. Gerade in
unseren Tagen erinnert er uns daran, wie wichtig Engagement für Freiheit und
Demokratie in Deutschland und Europa ist.
Die Teilung Deutschlands von 1949–1990 prägt unser Land, unsere Gesellschaft und
viele Familien bis heute. Es war eine schmerzhafte Trennung zwischen der
freiheitlichdemokratischen Bundesrepublik Deutschland im Westen und der kommunistischen
SED-Diktatur im Osten Deutschlands. Der Weg zur Deutschen Einheit war ein langer
Prozess, der von unseren Partnern des Westens, insbesondere den Vereinigten Staaten
von Amerika, unterstützt wurde. Während der Aufstand vom 17. Juni 1953 in der DDR
noch mit massiver Gewalt niedergeschlagen wurde (wie auch der Volksaufstand in
Ungarn und der „Prager Frühling“ der Tschechoslowakei), hat die neue Ostpolitik des
damaligen Bundeskanzlers Willy Brandt für erste Annäherungen gesorgt. Später
waren es die demokratischen Bewegungen in Osteuropa wie die Gewerkschaft
Solidarnosc in Polen oder der Reformkurs von Perestroika und Glasnost in der
Sowjetunion, die den Willen der Menschen in der DDR bestärkten, für ein freies und
selbstbestimmtes Leben einzutreten.
Schließlich brachte der mutige Einsatz der Bürgerrechtsbewegung und vieler
Bürgerinnen und Bürger der DDR in der Friedlichen Revolution von 1989/1990 das SED-
Regime erst ins Wanken und schließlich zu Fall. Es war der Wunsch der Menschen im
Osten nach einem Leben in einem vereinten Deutschland, der sich in der ersten frei
gewählten Volkskammer der DDR (10. Volkskammer) manifestierte. Und es ist das
große Verdienst des Kanzlers der Einheit Dr. Helmut Kohl, das historische Momentum
erkannt und dann gemeinsam mit unseren internationalen Partnern die politischen
Weichen für die Einheit in Freiheit gestellt zu haben.
Die Deutsche Einheit gehört zu den glücklichsten Ereignissen der deutschen
Geschichte. Einfach war der Übergang jedoch nicht. Es gab für die Einheit keine
Blaupause. Dies gilt insbesondere auch für den Transformationsprozess und die großen
notwendigen Anstrengungen für den wirtschaftlichen Aufbau in den ostdeutschen
Ländern. Für viele Betroffene war diese Zeit mit großen persönlichen Umbrüchen
verbunden. Die Leistungen, die auf beiden Seiten im Zuge der Einheit erbracht wurden,
müssen in der kollektiven Erinnerung verankert sein, um den Dialog zwischen Ost und
West und zwischen den Generationen auf eine neue Basis zu stellen. Ohne eine
ehrliche Analyse der Verhältnisse in der DDR zu Ende der 1980er Jahre, der
wirtschaftlichen Verwerfungen und des politischen Zusammenbruchs der DDR bleibt die kritische
Auseinandersetzung mit Transformationszeit und -erfahrungen unvollständig. Um
diese Umbrüche und Herausforderungen zu würdigen, ist es von großer Bedeutung, an
diesen Teil unserer Geschichte zu erinnern und die Leistungen der Menschen
insbesondere im Osten unseres Landes zu würdigen. Mit dem Zukunftszentrum für
Deutsche Einheit und Europäische Transformation soll ein Ort der Begegnung und
Vermittlung entstehen, der zum gesamtdeutschen und europäischen Austausch über die
Erfahrungen der Menschen in Mittel- und Osteuropa im Transformationsprozess
einlädt.
Die Erinnerung an die beiden Diktaturen in Deutschland sind fester Bestandteil der
Erinnerungskultur in unserem Land. Zentrale Elemente neben der Erinnerung an die
NS-Terrorherrschaft und das singuläre Verbrechen des Holocaust sind das Gedenken
an die Opfer der kommunistischen Herrschaft und die Überwindung der SED-Diktatur
in der Friedlichen Revolution. Offensichtliche Tendenzen zur Verharmlosung, von
Geschichtsrevisionismus und Ideologisierung müssen von Politik und Gesellschaft
eindeutigen und deutlichen Widerspruch erfahren. Es muss klar sein: Die DDR war
ein Unrechtsstaat. Millionen Menschen wurden fundamentale Grundrechte verwehrt.
Viele Menschen wurden Opfer von Willkür, Verfolgung und Repression. Mit der
fraktionsübergreifenden Zustimmung zur Änderung des SED-
Unrechtsbereinigungsgesetzes im Januar 2025 konnten noch vorhandene Lücken in der Anerkennung von
Folgeschäden geschlossen und ein Härtefallfonds eingerichtet werden. Wir danken
insbesondere der Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft e. V., den
Landesbeauftragten, der Bundesbeauftragten für die Opfer der SED-Diktatur beim
Deutschen Bundestag Evelyn Zupke sowie der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der
SED-Diktatur für ihren über viele Jahre währenden Einsatz in diesem Bereich.
Die Würdigung der mutigen Menschen, die in der DDR aus Überzeugung und unter
Inkaufnahme von Repressionen Widerstand geleistet haben, muss in unserem
nationalen Gedächtnis gestärkt werden. Dafür stehen die Freiheits- und Einheitsdenkmale in
Berlin und Leipzig, das Denkmal zur Mahnung und Erinnerung an die Opfer der
kommunistischen Diktatur in Deutschland und das geplante Forum für Opposition und
Widerstand.
35 Jahre nach der Deutschen Einheit hat sich im wiedervereinten Deutschland eine
vielfältige dezentrale Erinnerungslandschaft entwickelt, die für viele Staaten
Vorbildwirkung hat. Dies ist auch dem bundespolitischen Engagement zu verdanken,
entsprechende Einrichtungen, Gedenkstätten und Projekte zu fördern. Die Bundesstiftung zur
Aufarbeitung der SED-Diktatur und die Bundesstiftung Orte der deutschen
Demokratiegeschichte leisten dazu einen maßgeblichen Beitrag. Die dezentrale
Gedenkstättenarbeit wird mit einer Aktualisierung der Gedenkstättenkonzeption zukunftsfähig
gemacht. Defizite in der DDR-Forschung müssen angesichts der erschreckenden
Wissenslücken behoben werden, bis heute gibt es keine strukturelle Verankerung der
DDR-Forschung in der deutschen Hochschullandschaft. Auch die politische Bildung
ist besonders gefordert, da gerade bei jungen Menschen die Kenntnisse über die
Verbrechen der SED-Diktatur immer weiter verblassen. Eigentums- und Kulturgutverluste
in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und DDR prägen viele Familien bis heute
– auch hierzu sollte die Grundlagen- und Provenienzforschung verstärkt werden.
Die Erinnerung an Diktatur und Teilung sowie die Aufarbeitung der Verbrechen der
kommunistischen Vergangenheit bieten wertvolle Anknüpfungspunkte für die
politische Bildung der Gegenwart, um insbesondere junge Menschen für die Gefahren von
Geschichtsvergessenheit und autoritären Regimen sowie für die Werte von Freiheit
und Demokratie in einem geeinten Europa zu sensibilisieren.
Zum Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkrieges vor 80 Jahren und die Befreiung
Europas vom Nationalsozialismus gehört auch die Erinnerung an die zerstörte
Hoffnung auf Freiheit in Ostdeutschland und in ganz Osteuropa. Die Überwindung der
kommunistischen Diktaturen unter sowjetischer Vorherrschaft in Osteuropa vor 35
Jahren ist ein Höhepunkt der europäischen Freiheitsgeschichte. Der daraus möglich
gewordene Prozess der europäischen Integration eröffnete vielen Menschen ein Leben
in Frieden, Wohlstand und Freiheit.
Es bleibt ein gemeinsamer Auftrag von Politik und Zivilgesellschaft, unsere
freiheitlich-demokratische Grundordnung in einem vereinten Deutschland und Europa zu
schützen und zu verteidigen.
II. Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung im Rahmen der zur
Verfügung stehenden Mittel auf,
– die Berücksichtigung der deutschen Teilung und des Prozesses der Deutschen
Einheit in der gesamtdeutschen und europäischen Erinnerungskultur zu stärken;
– das Freiheits- und Einheitsdenkmal in Leipzig im Rahmen des zur Verfügung
gestellten Bundesanteils zeitnah zu realisieren;
– das Mahnmal für die Opfer des Kommunismus in Berlin zeit- und kostengerecht
in dieser Wahlperiode umzusetzen;
– für das Freiheits- und Einheitsdenkmal in Berlin zeitnah ein Umsetzungskonzept
vorzulegen;
– die Oppositions- und Widerstandsbewegung in der SBZ/DDR durch ein Forum
für Opposition und Widerstand zu würdigen und dafür das Vorhaben einer
Freiheitsausstellung zu unterstützen;
– das Erinnern und die Auseinandersetzung mit dem Einigungsprozess ab 1990 im
neuen Zukunftszentrum Deutsche Einheit und Europäische Transformation am
Standort Halle/Saale zu unterstützen und die gesamtgesellschaftliche Dimension
durch eine plurale Besetzungspolitik zum Ausdruck zu bringen;
– die Erinnerung an die positiven Ereignisse unserer Geschichte durch die
Bundesstiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte zu stärken, beispielsweise im
Rahmen der Initiative der Stiftung zum 18. März, dem Tag der ersten freien
Volkskammerwahl 1990;
– die dezentrale Gedenkstättenarbeit zur Aufarbeitung des kommunistischen
Unrechts in Deutschland zu erhalten und im Rahmen der Aktualisierung der
Gedenkstättenkonzeption zukunftsfest zu machen;
– gemeinsam mit den Ländern die noch bestehenden Forschungsdesiderate über die
Diktaturen des 20. Jahrhunderts in Deutschland und Europa zu beheben und die
strukturelle Verankerung der DDR-Forschung in der Hochschullandschaft zu
unterstützen;
– die plurale und dezentrale Förderung der politischen Bildung über die
kommunistischen Diktaturen durch die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-
Diktatur voranzubringen;
– bei den Ländern in ganz Deutschland darauf hinzuwirken, der Geschichte der
deutschen Teilung und der kommunistischen Diktatur sowie der Zeit der
Wiedervereinigung und dem geeinten Deutschland mehr Platz in den Lehrplänen der
Schulen einzuräumen;
– die Wissensdefizite über die Wesensmerkmale von Diktaturen durch innovative
pädagogische, auch digitale Konzepte und Vermittlungsstrategien an
historischauthentischen Orten zu verringern;
– auf europäischer Ebene eine grenzüberschreitende, gemeinsame
Erinnerungskultur zu fördern und damit ein besseres Verständnis für die gemeinsame Geschichte
zu erwirken;
– die Mittel für den Aufklärungsbedarf aus der Bevölkerung und die dafür
notwendigen Kapazitäten des Stasi-Unterlagen-Archivs im Bundesarchiv und seinen
Außenstellen effizient zu bewirtschaften und die Digitalisierung der Akten
voranzutreiben.
Berlin, den 7. Oktober 2025
Jens Spahn, Alexander Hoffmann und Fraktion
Dr. Matthias Miersch und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333]
Relationen
- authored ← Fraktion der CDU/CSU
- authored ← Fraktion der SPD
- part_of_vorgang → 35 Jahre Deutsche Einheit - Freiheit in Deutschland und Europa festigen (Antrag)