Ehrenamt und Geschlecht
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Ehrenamt und Geschlecht
[Deutscher Bundestag Drucksache 21/1601
21. Wahlperiode 11.09.2025
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Mandy Eißing, Nicole Gohlke, Dr. Michael Arndt, Desiree
Becker, Anne-Mieke Bremer, Maik Brückner, Kathrin Gebel, Mareike Hermeier,
Christian Görke, Ates Gürpinar, Maren Kaminski, Cansin Köktürk, Ina Latendorf,
Sonja Lemke, Stella Merendino, Sören Pellmann, Evelyn Schötz, Julia-Christina
Stange und der Fraktion Die Linke
Ehrenamt und Geschlecht
Ehrenamtliches Engagement ist eine tragende Säule des gesellschaftlichen
Zusammenhalts in Deutschland. Laut Freiwilligensurvey 2019 engagieren sich
rund 39,7 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren freiwillig – das entspricht
etwa 28,8 Millionen Menschen. Auch wenn sich die Engagementquoten von
Frauen und Männern in den letzten Jahrzehnten angenähert haben und
mittlerweile fast gleichauf liegen, zeigen differenzierte Analysen weiterhin deutliche
geschlechtsspezifische Ungleichheiten. Frauen engagieren sich vor allem in
sozialen, kulturellen und bildungsbezogenen Bereichen sowie in der
Nachbarschaftshilfe, während Männer insbesondere im Sport, in der Feuerwehr, bei
Rettungsdiensten oder in politischen Gremien tätig sind. Führungspositionen
im Ehrenamt sind nach wie vor überwiegend männlich besetzt (https://de.statist
a.com/infografik/31369/anteil-freiwillig-engagierter-personen-in-deutschland-n
ach-bereich/).
Hinzu kommt, dass Frauen häufiger mit einer Mehrfachbelastung konfrontiert
sind: Neben bezahlter Erwerbsarbeit leisten sie einen Großteil der unbezahlten
Sorgearbeit – laut Daten des Statistischen Bundesamts sind es im Durchschnitt
29,8 Stunden pro Woche, während Männer lediglich auf 20,7 Stunden kommen.
Diese strukturelle Ungleichverteilung erschwert es vielen Frauen, sich
zusätzlich ehrenamtlich zu engagieren – insbesondere in Organisationen mit festen
Sitzungszeiten oder Abendterminen. Während das Ehrenamt für Männer oft mit
Sichtbarkeit, Status und Aufstiegsmöglichkeiten verbunden ist, übernehmen
Frauen vielfach unsichtbare, fürsorgende oder organisatorische Aufgaben, die
gesellschaftlich weniger anerkannt werden.
Besonders in ländlichen Regionen wird die strukturelle Benachteiligung
deutlich. In konservativ geprägten Vereinsstrukturen fehlen nicht selten
familienfreundliche Angebote und flexible Formate. Das führt dazu, dass Frauen hier
deutlich seltener ehrenamtlich aktiv sind – in sehr ländlichen Räumen ist ihre
Engagementquote bis zu 10 Prozentpunkte niedriger als die der Männer
(https://www.diw.de/de/diw_01.c.824080.de/publikationen/wochenberichte/20
21_35_1/ehrenamtliches_engagement__soziale_gruppen_insbesondere_in_seh
r_laendlichen_raeumen_unterschiedlich_stark_beteiligt.html).
Diese Befunde werfen grundlegende Fragen zur Geschlechtergerechtigkeit im
Ehrenamt auf. Es braucht aus Sicht der Fragestellenden politische Maßnahmen
zur besseren Vereinbarkeit von Engagement, Beruf und Sorgearbeit, zur
gezielten Förderung weiblicher Führungskräfte im Ehrenamt sowie zum Abbau
struktureller und bürokratischer Barrieren.
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Wie viele Menschen engagieren sich nach Kenntnis der Bundesregierung
derzeit ehrenamtlich in Deutschland (bitte nach Geschlecht, Altersgruppe,
Bundesland und Engagementfeld aufschlüsseln)?
2. Wie haben sich diese Zahlen seit 2019 entwickelt (bitte nach Jahren
inklusive prozentualem Anteil an der Gesamtbevölkerung aufschlüsseln)?
3. Wie hoch ist nach Kenntnis der Bundesregierung der Anteil weiblicher,
männlicher und diverser Ehrenamtlicher, und wie hat sich dieser Anteil
seit 2019 entwickelt (bitte nach Jahren aufschlüsseln)?
4. Wie hoch ist nach Kenntnis der Bundesregierung der Anteil weiblicher,
männlicher und diverser Ehrenamtlicher in leitenden bzw. führenden
Funktionen (z. B. Vorstand, Geschäftsführung, Projektleitung), und wie
hat sich dieser Anteil seit 2019 entwickelt?
5. Wie bewertet die Bundesregierung den Umstand, dass Frauen im
Ehrenamt seltener Führungsrollen übernehmen, und liegen der Bundesregierung
Studien und Evaluierungen hierzu vor, und wenn ja, welche?
6. Welche Maßnahmen ergreift oder plant die Bundesregierung, um die
Vereinbarkeit von Familie, Erwerbsarbeit und Ehrenamt insbesondere für
Frauen zu verbessern?
7. Wie hoch ist derzeit das Budget für die Erhöhung der Übungsleiter- und
Ehrenamtspauschalen?
8. Wie soll sich dieses im Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD
angekündigte „Zukunftspakt Ehrenamt“ konkret finanziell auswirken, und
welche konkreten Schritte zur Umsetzung sind hierzu bereits geplant?
9. Liegen der Bundesregierung Evaluationen zur tatsächlichen Nutzung der
Übungsleiterpauschale vor, und wenn ja, wie viele Personen profitieren
aktuell jährlich davon (bitte nach Geschlecht und Altersgruppe
aufschlüsseln)?
10. Inwiefern werden bei der Weiterentwicklung der Deutschen Stiftung für
Engagement und Ehrenamt Aspekte der Geschlechtergerechtigkeit
systematisch berücksichtigt (z. B. bei Förderlinien, Beratung,
Öffentlichkeitsarbeit)?
11. Inwiefern werden unterschiedliche Lebensrealitäten, z. B. von
transgeschlechtlichen oder nicht-binären Personen, bei der Engagementstrategie
der Bundesregierung berücksichtigt?
12. Welche Mittel sind im Bundeshaushalt 2025 und 2026 zur Förderung von
chancengerechtem Engagement (z. B. Programme zur Stärkung
weiblicher Ehrenamtlicher, Forschung zu Beteiligungsbarrieren) eingeplant?
13. In welchem Umfang und Zeitrahmen verfolgt die Bundesregierung die im
Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD angekündigten
Vorhaben, die Attraktivität des Ehrenamts für junge Menschen zu steigern und
die Vereinbarkeit von Familie und Ehrenamt zu verbessern, und wie sollen
diese geprüft bzw. umgesetzt werden?
14. Inwiefern berücksichtigt die Bundesregierung bei der Erhebung und
Bewertung ehrenamtlichen Engagements auch informelle, nicht institutionell
gebundene Formen wie Angehörigenpflege, Kinderbegleitung zu
Freizeitaktivitäten oder andere unbezahlte Unterstützungsleistungen, und plant die
Bundesregierung, dieses Engagement künftig systematisch zu erfassen
und anzuerkennen, wenn ja, wie, und wenn nein, warum nicht?
Berlin, den 3. September 2025
Heidi Reichinnek, Sören Pellmann und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333]
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