Dokumentation, Bewertung und klimapolitische Relevanz langlebiger Kondensstreifen-Zirren (Contrail Cirrus) über Deutschland
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Dokumentation, Bewertung und klimapolitische Relevanz langlebiger Kondensstreifen-Zirren (Contrail Cirrus) über Deutschland
[Deutscher Bundestag Drucksache 21/706
21. Wahlperiode 30.06.2025
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Steffen Kotré, Adam Balten, Dr. Christoph Birghan, Dr. Ingo
Hahn, Udo Hemmelgarn, Nicole Höchst, Dr. Michael Kaufmann, Andras Mayer,
Raimond Scheirich, Dr. Paul Schmidt, Stefan Schröder und der Fraktion der AfD
Dokumentation, Bewertung und klimapolitische Relevanz langlebiger
Kondensstreifen-Zirren (Contrail Cirrus) über Deutschland
Langlebige Kondensstreifen, auch als Kondensstreifen-Zirren (Contrail Cirrus)
bezeichnet, entstehen durch den Flugverkehr in großen Höhen und können sich
zu ausgedehnten künstlichen Zirruswolken entwickeln. Unter bestimmten
atmosphärischen Bedingungen – insbesondere bei hoher Luftfeuchtigkeit in
großen Höhen – breiten sich diese Kondensstreifen horizontal aus und
verschmelzen mit benachbarten Streifen. Auf diese Weise bilden sie mitunter
großflächige, zusammenhängende Zirruswolkenfelder, die sich über Stunden – bei
stabilen Wetterlagen auch über Tage hinweg – am Himmel halten und eine
vollständig geschlossene künstliche Wolkendecke bilden können. Diese
Wolkenstrukturen verändern die natürliche Wolkenverteilung. Der potenzielle Einfluss solcher
Kondensstreifen-Zirren auf die atmosphärische Strahlungsbilanz infolge
veränderter Rückstrahlung ist Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen.
Entsprechend der gängigen Rückstrahlungshypothese, in der „(d)er
Strahlungsantrieb“, auch „Radiative Forcing“ (RF) genannt, „daher nichts weiter als das
Ergebnis eines Gedankenexperiments ist“ (wiki.bildungsserver.de/klimawande
l/index.php/Strahlungsantrieb), führt diese zusätzliche Rückstrahlung zur
Erwärmung. Hierbei sind die Grundlagen des Strahlungstransports bzw. der
Energieumwandlung innerhalb von Materie natürlich unbestritten, jedoch die
allgemein unterstellte Intensität des Strahlungsantriebs und damit seiner Wirkung
nach Kenntnis der Fragesteller nicht gezeigt und daher anzuzweifeln, wie nun
weiter ausgeführt werden soll.
Da das oben genannte Gedankenexperiment zudem noch nie positiv
experimentell überprüft werden konnte, müssen die Ergebnisse der Studien, hier eben die
angegebenen Rückstrahlungsintensitäten, die auf dieser
Rückstrahlungshypothese aufgebaut sind, nach Ansicht der Fragesteller per se angezweifelt werden.
Das Ergebnis des Gedankenexperiments muss in den Augen der Fragesteller
auch deswegen angezweifelt werden, dass dabei von der Voraussetzung
ausgegangen wird, dass sich infrarotaktive Moleküle in der Troposphäre der
Erdatmosphäre nicht wie Atomkerne oder hinreichend isolierte Moleküle verhalten,
die ihre Anregungsenergie nur durch Strahlung wieder abgeben können (www.l
eifiphysik.de/atomphysik/atomarer-energieaustausch/grundwissen/energiezusta
ende-von-atomen). Vielmehr können infrarotaktive Moleküle die Energie ihrer
Rotations- und Schwingungszustände auch durch Stöße mit anderen Molekülen
abgeben (eike-klima-energie.eu/2012/08/20/der-anthropogene-treibhauseffekt-e
ine-spektroskopische-geringfuegigkeit/), insbesondere auch, weil unter
normalen atmosphärischen Druckverhältnissen, also bis ca. einer Höhe von 5 000 m,
Luftmoleküle nach einer Zeit von 10-10 bis 10-8 Sekunden zusammenstoßen
(www.tec-science.com/de/thermodynamik-waermelehre/kinetische-gastheorie/
mittlere-freie-weglange-stosszahl/). Die mittlere Lebensdauer des angeregten
Zustandes bis zur Abstrahlung beträgt in Abhängigkeit von der Wellenlänge
zwischen 10-7 und 10-1 Sekunden. Die Chance für eine Relaxation durch Stöße
ist somit mindestens um Faktor 103 höher als durch spontane Emission. Selbst
unter der durchaus vorkommenden Bedingung, dass derart angeregte
Ensembles Infrarotstrahlung zur Erdoberfläche emittieren, ist die Intensität als auch
die Dauer einer solchen Emission (zeitlich veränderliche Verteilung des
Ensembles mit variablem Wärmetransport und veränderlicher Strahlungsbilanz als
Folge) unklar. Dies alles macht auch die fehlenden experimentellen Nachweise
verständlich.
Darüber hinaus muss beachtet werden, dass die kühlende Wirkung von Wolken
in den nachfolgend aufgeführten Untersuchungen unterschlagen, gleichwohl in
anderen Untersuchungen die abkühlende Wirkung von Wolken deutlich
herausgehoben wird (www.klimareporter.de/erdsystem/aerosole-kuehlen-staerker-
alsgedacht). Hierzu sollte nach Auffassung der Fragesteller angemerkt werden,
dass durch Aerosole Kondensstreifen entstehen.
Die ausschließliche Beachtung des Rückstrahlungseffektes, der nach
Auffassung der Fragesteller experimentell nicht direkt nachgewiesen werden konnte,
bei gleichzeitiger Ignoranz der kühlenden Wirkung von Wolken, die jeder Laie
fast täglich erlebt, kann nach Auffassung der Fragesteller eigentlich nur mit
einer zu einseitigen wissenschaftlichen Betrachtung erklärt werden.
Nachfolgend wird ein Überblick über einige wissenschaftliche Artikel gegeben,
die nach Auffassung der Fragesteller fachlich unvollständig und zweifelhaft
sind, aber eine Temperaturerhöhung durch Kondensstreifen-Zirren (Contrail
Cirrus) vorhersagen.
Die von Wissenschaftlern des Imperial College London geleitete Studie über
die Auswirkungen von Kondensstreifen auf den Klimawandel kommt zu dem
Schluss, dass moderne Verkehrsflugzeuge, die in höheren Lagen fliegen,
langlebigere Kondensstreifen bilden, die angeblich zur globalen Erwärmung
beitragen (www.imperial.ac.uk/news/255315/study-planet-warming-contrails-spanne
r-works-aviation/). Trotz geringerer CO2-Emissionen unterstreicht die Studie
nach Ansicht der Fragesteller die vorgeblich doppelte Erwärmungswirkung von
Kondensstreifen und CO2.
Darüber hinaus konstatierten die Wissenschaftler, dass auch Privatjets mehr
Kondensstreifen erzeugen als erwartet, was auf ihre höhere Flughöhe
zurückzuführen ist. Die Forscher heben hervor, dass eine Verringerung des Rußausstoßes
die Lebensdauer von Kondensstreifen verkürzen kann. Die Luftfahrtindustrie
stünde damit angeblich vor der Herausforderung, diese Klimaauswirkungen zu
mindern.
Entsprechend dem Artikel „Contrail cirrus radiative forcing for future air
traffic“ (acp.copernicus.org/articles/19/8163/2019/) werden die
Klimaauswirkungen des zukünftigen Flugverkehrs stark von der Bildung von Kondensstreifen-
Zirruswolken beeinflusst. Ihre Studien zeigen, dass der globale
Strahlungsantrieb dieser Wolken bis 2050 um das Dreifache ansteigen könnte. Diese
Zunahme wird durch einen intensiveren Flugverkehr und eine leichte Verlagerung in
höhere Flughöhen ausgelöst. Besonders stark ist der Effekt über Ostasien.
Emissionseinsparungen, insbesondere weniger Ruß, könnten demnach die
Klimaauswirkungen reduzieren. Trotz dieser Maßnahmen könne der Anstieg der
Kondensstreifen-Zirren durch Flugverkehrsaufkommen nicht vollständig
kompensiert werden, was die Bedeutung von Maßnahmen zur Emissionsreduktion
hervorhebe.
Im Artikel „Up to 90 percent fewer condensation trails due to reduced air
traffic over Europe“ des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) aus
dem Jahr 2020 (www.dlr.de/en/latest/news/2020/02/20200520_fewer-condensa
tion-trails-due-to-reduced-air-traffic) untersuchten die Forscher den reduzierten
Flugverkehr und seine Auswirkungen auf Kondensstreifen. Die COVID-19-
Pandemie führte zu einem drastischen Rückgang des Flugverkehrs, was die
Kondensstreifenbildung über Europa stark reduzierte. Die Forscher des DLR
analysierten diesen Effekt anhand von Meteosat-Satellitendaten. Ihre Studien
zeigen, dass die Kondensstreifenbildung auf ein Zehntel des Normalbetriebs
gesunken ist. Diese Streifen, bestehend aus winzigen Eiskristallen, tragen ihrer
Meinung nach zur Klimawirkung des Luftverkehrs bei, jedoch verringert sich
ihre Wirkung schnell bei sinkendem Flugverkehr. Die Forscher planen, weitere
Satellitendaten zu verwenden, um zu verstehen, wie diese Änderungen den
Strahlungshaushalt der Erde beeinflussen.
Eine neue Studie der European Geosciences Union, die sich auch auf die
Ergebnisse der DLR-Studie bezieht (www.egu.eu/news/493/climate-impact-of-cl
ouds-made-from-airplane-contrails-may-triple-by-2050/) meint zu zeigen, dass
die Klimaauswirkungen von Kondensstreifen-Zirren bis 2050 aufgrund des
steigenden Flugverkehrs dreimal so hoch sein könnten wie 2006. Diese
Eiswolken, die aus Flugzeugemissionen entstehen, trügen mehr zur Erderwärmung bei
als CO2, werden jedoch in Programmen wie CORSIA ignoriert. Eine
Reduzierung von Rußpartikeln könnte die Auswirkungen mindern, jedoch sind große
Reduktionen notwendig. Die Umleitung von Flügen könnte kontraproduktiv
sein. Die Studie hebt die Wichtigkeit von Maßnahmen zur
Rußemissionsreduktion hervor.
Weitere Artikel mit gleicher Intention („Contrail cirrus radiative forcing for
future air traffic“ (acp.copernicus.org/articles/19/8163/2019/), „Airplane contrails
are a tricky, and surprising, contributor to global warming“ (www.space.com/m
odern-airplane-contrails-impact-global-warming)) sollen die vorgenannten
Annahmen untermauern.
Gleichwohl die wissenschaftlichen Erkenntnisse den Vorgaben aus der Politik
zu folgen scheinen, rechtfertigen die möglichen klimatischen Auswirkungen
langlebiger Kondensstreifen-Zirren nach Auffassung der Fragesteller eine
genauere Beobachtung und Bewertung durch die zuständigen Bundesbehörden.
Angesichts wiederholt auftretender regionaler Trockenperioden und veränderter
Niederschlagsmuster stellt sich ihnen die Frage, ob diese atmosphärischen
Phänomene einen messbaren Einfluss auf die Hydrologie in Deutschland haben
können. In diesem Zusammenhang ist in den Augen der Fragesteller zu klären,
ob und in welchem Umfang Kondensstreifen-Zirren systematisch erfasst,
ausgewertet und im Kontext der bestehenden klimatischen Veränderungen
eingeordnet werden. In den Augen der Fragesteller ist aus wissenschaftlicher und
gesellschaftlicher Sicht erforderlich, zu prüfen, ob ein Zusammenhang zwischen
der verstärkten Bildung solcher Wolkenformationen und bestimmten regionalen
Wetterveränderungen besteht oder zumindest nicht ausgeschlossen werden
kann.
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Mit welcher Veranlassung stützt sich die Bundesregierung auf
Klimastudien, deren Grundlage lediglich eine Hypothese auf Basis eines Ergebnisses
eines Gedankenexperiments ist, dessen Aussagekraft nach Ansicht der
Fragesteller bisher nie experimentell nachgewiesen wurde (vgl.
Vorbemerkung der Fragesteller)?
2. Ist der Bundesregierung bekannt, ob in den atmosphärischen
Strahlungsmodellen berücksichtigt wird, dass infrarotaktive Moleküle die Energie
ihrer Schwingungs- und Rotationszustände auch durch Stöße an nicht
infrarotinaktive Gase wie Stickstoff- und Sauerstoffmoleküle abgeben
können (bitte ausführen)?
3. Liegen der Bundesregierung Studien vor, die die Nettostrahlungsbilanzen
für verschiedene Wolkenformationen über Breitengrade, verschiedene
Erd- und Wasseroberflächen sowie Tageszeiten angeben, und wenn ja,
welche?
4. Wird das Auftreten und die Ausbreitung von langlebigen
Kondensstreifen-Zirren über Deutschland bereits durch Bundesbehörden
oder Bundesinstitutionen (z. B. Deutscher Wetterdienst,
Umweltbundesamt) systematisch beobachtet und dokumentiert?
5. Wenn Frage 4 bejaht wird, seit wann erfolgt diese Beobachtung, und mit
welchen Methoden?
6. Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung ggf. über die Häufigkeit,
jahreszeitliche Verteilung und die meteorologischen Bedingungen der
Bildung langlebiger Kondensstreifen-Zirren über Deutschland vor?
7. Welche Auswirkungen auf das regionale Klima – insbesondere auf
Temperaturverläufe, Bewölkungsverhältnisse, nächtliche Abkühlung,
Sonnenscheindauer und Niederschlagsmuster – sind im Zusammenhang mit
langlebigen Kondensstreifen-Zirren der Bundesregierung bekannt oder werden
vermutet, und inwiefern wurden nach Kenntnis der Bundesregierung ggf.
solche Effekte auch über Deutschland wissenschaftlich beobachtet oder
analysiert?
8. Gibt es nach Kenntnis der Bundesregierung Hinweise, Bewertungen oder
wissenschaftliche Untersuchungen, wonach langlebige Kondensstreifen-
Zirren zur Verstärkung oder Veränderung bestimmter Wetterlagen
beitragen können (wenn ja, wird um eine Bewertung des Umweltbundesamtes,
des Deutschen Wetterdienstes und anderer zuständiger Behörden zu den
dokumentierten Klima- und Wetterwirkungen langlebiger
Kondensstreifen-Zirren gebeten)?
9. Plant die Bundesregierung, die nicht-CO2-basierten Klimawirkungen des
Luftverkehrs – insbesondere durch langlebige Kondensstreifen-Zirren – in
ihrer nationalen Klimaschutzstrategie sowie in internationalen
Verhandlungsprozessen (z. B. Internationale Zivilluftfahrtorganisation (ICAO),
EU-Emissionshandel) einzubeziehen?
10. Wurden im Rahmen einer möglichen Klimaforschung der
Bundesregierung oder nachgeordneter Behörden mögliche Beiträge nicht-CO2-
basierter Klimawirkungen des Luftverkehrs – insbesondere durch
langlebige Kondensstreifen-Zirren – zu regional verändertem Klima Europas
thematisiert, wie sie etwa vom Copernicus Climate Change Service
festgestellt wurden, und wenn ja, inwiefern und liegen hierzu
wissenschaftliche Bewertungen, Modellierungen oder Untersuchungsergebnisse vor
(bitte ggf. ausführen)?
11. Liegen der Bundesregierung Erkenntnisse darüber vor, welche nationalen
oder internationalen Studien, Forschungsprogramme oder
Modellierungsprojekte zur Untersuchung der Entstehung, Ausbreitung, Wirkung und
möglichen klimatischen Rückkopplungen langlebiger Kondensstreifen-
Zirren derzeit in Planung sind, sich in Durchführung befinden oder
abgeschlossen sind (wenn ja, bitte ausführen)?
12. Welche konkreten Maßnahmen werden nach Kenntnis der
Bundesregierung auf nationaler oder europäischer Ebene bereits ergriffen oder sind
geplant, um die Entstehung und Wirkung langlebiger Kondensstreifen-
Zirren zu verringern (z. B. durch Optimierung von Flugrouten und
Flughöhen, Einsatz alternativer Flugkraftstoffe, technische Innovationen,
regulatorische Vorgaben oder sektorbezogene Forschungsförderung)?
13. Dienen die in der Vorbemerkung der Fragesteller aufgezählten Studien,
die eine Erwärmungswirkung durch Kondensstreifen-Zirren postulieren,
nach Auffassung der Bundesregierung als Grundlage für Verbote,
technische Vorgaben, Bepreisungen und Besteuerungen?
14. Plant die Bundesregierung eine Besteuerung von Emissionen, welche
Kondensstreifen-Zirren zur Folge haben, in Anlehnung an die CO2-
Bepreisung als zentrales klimapolitisches Steuerungsinstrument?
Berlin, den 17. Juni 2025
Dr. Alice Weidel, Tino Chrupalla und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333]
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