Umsetzung der humanitären Hilfe in Gaza nach dem neuen Verteilungsplan
Text
Umsetzung der humanitären Hilfe in Gaza nach dem neuen Verteilungsplan
[Deutscher Bundestag Drucksache 21/682
21. Wahlperiode 27.06.2025
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Boris Mijatovic, Max Lucks, Luise Amtsberg, Deborah Düring,
Schahina Gambir, Dr. Kirsten Kappert-Gonther, Denise Loop, Claudia Roth,
Marlene Schönberger, Jamila Schäfer, Ayse Asar, Agnieszka Brugger, Jeanne
Dillschneider, Katrin Göring-Eckardt, Dr. Robert Habeck, Dr. Anton Hofreiter,
Julian Joswig, Sara Nanni, Niklas Wagener, Robin Wagener und der Fraktion
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Umsetzung der humanitären Hilfe in Gaza nach dem neuen Verteilungsplan
Der durch den Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 sowie
durch die anhaltende Geiselnahme ausgelöste Krieg bringt unfassbares Leid
über die Zivilbevölkerung in Gaza. Mit der kompletten Abriegelung Gazas
durch die israelische Regierung am 2. März 2025 als neue Stufe der
Kriegsführung gelangten für mindestens zehn Wochen keine humanitären
Hilfslieferungen nach Gaza. Das komplette Einfuhrverbot hat eine andauernde massive
Hungersnot mit fatalen Folgen für die komplette Bevölkerung, insbesondere für
besonders vulnerable Gruppen wie Babys, Kinder und ältere Menschen zur
Folge. Der massive Bedarf der Zivilbevölkerung an elementaren Hilfsgütern,
neben Lebensmitteln auch Medikamente und Hygieneartikel, kann auch aktuell
durch die nach wie vor zu geringe Anzahl der (temporär) zugelassenen
Hilfstransporte nicht gedeckt werden.
Die dramatischen humanitären Folgen der jüngsten Abriegelung Gazas haben
die zuvor bereits katastrophale Situation großer Teile der Zivilbevölkerung
weiter verschärft. Seit dem 7. Oktober 2023 hat die Weltgesundheitsorganisation
(WHO) 686 Angriffe auf das Gesundheitswesen in Gaza dokumentiert. Zudem
sind in Gaza mittlerweile Gebäude und Infrastruktur weitgehend zerstört.
Zeitgleich hält die Hamas nach wie vor die Geiseln fest, legt ihre Waffen nicht ab,
ist nicht dazu bereit, Gaza zu verlassen, und bleibt damit eine Bedrohung für
den Staat Israel sowie die palästinensische Zivilbevölkerung, auch indem sie
durch die Hamas als menschliche Schutzschilde genutzt wird. Große Teile der
Zivilbevölkerung sind durch Kampfhandlungen mehrfach binnenvertrieben
worden. Laut der britischen humanitären Hilfsorganisation Medical Aid for
Palestinians wurden in den letzten 19 Monaten mindestens 1 400 medizinische
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Gaza getötet (www.map.org.uk/news/archi
ve/post/1736-1400-healthcare-workers-killed-in-israelas-systematic-attacks-
ongazaas-health-system). Laut Angaben der Vereinten Nationen sind im gleichen
Zeitraum mindestens 408 humanitäre Helferinnen und Helfer getötet worden (n
ews.un.org/en/story/2025/04/1161736).
Durch die am 2. März 2025 verfügte Abriegelung Gazas hat sich die
humanitäre Lage vor Ort weiter rapide verschlechtert. Das Integrated Food Security
Phase Classification System weist für den Zeitraum ab dem 1. April bis zum
10. Mai 2025 darauf hin, dass die gesamte Bevölkerung von einem kritischen
Hungerrisiko betroffen ist, während der Krieg und die humanitäre Blockade
anhalten (www.ipcinfo.org/ipc-country-analysis/details-map/en/c/1159596/). Von
insgesamt 2,1 Millionen Bewohnern in Gaza sind fast eine halbe Million
Menschen vom Verhungern bedroht und 1 Million weitere Menschen haben kaum
genug zu essen. Laut World Food Programme (WFP) sind auch die letzten
Lebensmittelreserven in Gaza aufgebraucht (www.theguardian.com/world/2025/m
ay/15/intense-wave-of-israeli-airstrikes-gaza-deaths). Die öffentliche Ordnung
und das Gesundheitssystem sind kollabiert. Die seit Beginn der
Einfuhrblockade schrumpfenden Bestände selbst lebensnotwendiger Waren haben zudem zu
einem massiven Preisanstieg bei den wenigen noch verfügbaren Gütern geführt.
So wurde in der ersten Maiwoche 2025 in Gaza-Stadt ein einzelner 25-
Kilogramm-Sack Weizenmehl für umgerechnet über 415 US-Dollar verkauft –
ein Anstieg von über 3 000 Prozent im Vergleich zur letzten Februarwoche des
gleichen Jahres (www.unocha.org/news/todays-top-news-occupied-
palestinianterritory-yemen-somalia-haiti).
Mitte Mai 2025 kündigten die israelische Regierung und die US-
Administration an, einen neuen Mechanismus für die Lieferung humanitärer
Güter nach Gaza zu etablieren, der Anfang Juni 2025 in Kraft treten soll.
Geplant ist, dass die „Gaza Humanitarian Foundation“ (GHF) humanitäre
Hilfsgüter an vier Verteilungszentren in Gaza ausgeben. Bisher scheinen die Pläne
jedoch erst im Anfangsstadium und noch nicht operativ ausgereift zu sein. Der
neue Mechanismus wird zudem von relevanten humanitären Akteuren und den
Vereinten Nationen abgelehnt, weil er unter militärischer Kontrolle stehen und
damit den humanitären Prinzipien von Menschlichkeit, Unparteilichkeit,
Unabhängigkeit und Neutralität eklatant widersprechen würde. Am 25. Mai 2025,
einen Tag vor geplantem Einsatzbeginn der Hilfsgüterverteilung durch die
GHF, trat der Leiter der Stiftung, Jake Wood, von seinem Amt mit der
Begründung zurück, die GHF könne die humanitären Prinzipien nicht gewährleisten.
Dieses Abrücken von den humanitären Prinzipien beinhaltet eine Politisierung
humanitärer Hilfe, die auch für andere Konfliktkontexte als Präzedenzfall
gelten könnte und die bestehenden Prinzipien weltweit gefährlich erodieren würde.
Ferner könnten durch den angekündigten Mechanismus in Gaza nur etwa
60 Prozent der Bevölkerung erreicht werden. Humanitäre Organisationen
befürchten, dass der neue Mechanismus Zwangsvertreibungen befördert und
humanitäre Güter als Druckmittel für die (Binnen-)Vertreibung eingesetzt werden
könnten. Zudem bestehen Kritik bezüglich der Transparenz sowie große
Zweifel an der Praktikabilität der Umsetzung, da er bisher nur vier Verteilzentren
vorsieht, während es vor der humanitären Blockade noch etwa 400
Verteilzentren gab, die von den Vereinten Nationen (UN) betrieben wurden. Auch
Berichte über vereinzelte Probleme bei der Verteilung von Hilfsgütern begründen
kein Abrücken von humanitären Prinzipien. Insbesondere weil es derzeit keine
unabhängigen Berichte über einen systematischen Missbrauch der humanitären
Hilfe unter den bisher genutzten Strukturen gibt (www.faz.net/aktuell/politik/au
sland/wie-netanjahu-die-hilfslieferungen-fuer-gaza-begruendet-11048647
7.html).
Diese aus humanitärer Sicht inakzeptablen Umstände sowie das Ausbleiben
eines Waffenstillstands während der humanitären Operationen machen eine
störungsfreie und gerechte Verteilung der Güter schier unmöglich. Mehrere UN-
Organisationen sowie unabhängige humanitäre Nichtregierungsorganisationen
(NGOs) stehen weiterhin bereit, sofort lebenswichtige Güter und
Dienstleistungen zu den Not leidenden Menschen zu bringen, aber werden durch die
humanitäre Blockade daran gehindert. Hinzu kommen Regelungen für die
Registrierung und Visavergabe von internationalen Organisationen und ihrem Personal,
die darauf zielen, die Arbeit von unabhängigen und kritischen humanitären
Akteuren zu erschweren oder unmöglich zu machen.
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Wie bewertet die Bundesregierung die seit dem 2. März 2025 für zehn
Wochen anhaltende humanitäre Blockade von Gaza durch die israelische
Regierung mit Blick auf die humanitäre Lage und auf die politischen
Konsequenzen, die sich für die diplomatischen Bemühungen, den Krieg zu
beenden, daraus ergeben?
2. Welche konkreten Erkenntnisse liegen der Bundesregierung zur aktuellen
Versorgungslage der Zivilbevölkerung in Gaza, insbesondere in Bezug auf
Nahrung, Wasser, Treibstoff und medizinische Versorgung vor?
3. Wie bewertet die Bundesregierung die humanitären Bedarfe in Gaza, und
wie stimmt sie sich mit internationalen Partnern zur Bewältigung der
humanitären Katastrophe auch in finanzieller Hinsicht ab?
4. Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung über die systematische
Entwendung und den Missbrauch von humanitären Hilfsgütern durch
Hamas-Strukturen vor?
5. Mit welchen Maßnahmen trägt die Bundesregierung auf internationaler
Ebene dazu bei, dass Verteilmechanismen und Strukturen in Gaza
aufgebaut werden können, die den Prinzipien des humanitären Völkerrechts
strikt unterliegen und zugleich Verteilung fernab der Hamas
gewährleisten?
6. Inwiefern liegen der Bundesregierung Beweise bzw. belastbare
Informationen darüber vor, ob die Hamas zivile Orte, insbesondere
Krankenhäuser, als Waffenlager und strategische Kommandozentralen nutzt, und
wenn ja, um welche Infrastruktur bei welchen Krankenhäusern handelt es
sich?
7. Wie bewertet die Bundesregierung die Kritik zahlreicher Organisationen,
dass die israelische Regierung Hunger als Kriegswaffe einsetzt und die
Zivilgesellschaft in Gaza unter Kollektivbestrafung stellt?
8. Wie hoch ist nach Erkenntnissen der Bundesregierung der Anteil der
Bevölkerung in Gaza, der von Hunger betroffen ist (bitte in Prozent
angeben)?
9. Welche Informationen liegen der Bundesregierung zum aktuellen
Zeitpunkt zu dem neuen Verteilungsmechanismus der GHF von humanitärer
Hilfe in Gaza vor?
10. Wie bewertet die Bundesregierung den neuen Verteilungsmechanismus
durch die Gaza Humanitarian Foundation mit Blick auf die
Gewährleistung der humanitären Prinzipien und des internationalen humanitären
Systems?
a) Wie viele Hilfsgüter konnten seit Operationsbeginn verteilt werden?
b) Von welchen Problemen bei der Verteilung hat die Bundesregierung
Kenntnis, und bestanden nach Kenntnis der Bundesregierung
dieselben Probleme auch bei der Verteilung durch UN-Strukturen?
11. Welche Veränderungen bei der humanitären Lage in Gaza erwartet die
Bundesregierung durch den neuen Verteilmechanismus und die Rolle der
Gaza Humanitarian Foundation?
12. Welche Auswirkungen erwartet die Bundesregierung durch die Reduktion
von rund 400 auf vier Verteilzentren im Rahmen des neuen
Verteilmechanismus mit Blick auf die humanitäre Lage und Vertreibung der
Bevölkerung aus ihren Wohngebieten?
13. Wie bewertet die Bundesregierung die Gefährdungslage humanitärer
Helferinnen und Helfer in Gaza angesichts der hohen Zahl getöteter
Mitarbeitender internationaler Hilfsorganisationen, und welche konkreten
Maßnahmen ergreift sie auf bilateraler und multilateraler Ebene zum Schutz
humanitärer Einsatzkräfte in bewaffneten Konflikten, insbesondere in Gaza?
14. Welche Position vertritt die Bundesregierung zur Kritik der
internationalen Organisationen an den militärischen Kontrollen des
Verteilmechanismus?
15. Welche Maßnahmen hat die neue Bundesregierung seit Amtsantritt
ergriffen, um auf diplomatischer Ebene auf eine sofortige Wiederaufnahme
unabhängiger humanitärer Hilfslieferungen nach Gaza hinzuwirken, und in
welchem Umfang ist sie derzeit in internationale Vermittlungsformate
eingebunden?
16. Über welche Quellen wird die Gaza Humanitarian Foundation nach
Kenntnis der Bundesregierung finanziert?
17. Fließen derzeit auch staatliche Fördermittel aus Deutschland an die Gaza
Humanitarian Foundation, bzw. plant die Bundesregierung, den neuen
Verteilungsmechanismus finanziell zu unterstützen, und wenn ja, was
bedeutet dies für die finanzielle humanitäre Unterstützung von UN-
Organisationen und anderen internationalen Organisationen sowie für die
Höhe der geplanten Haushaltsaufwendungen im Jahr 2025 für den Bereich
humanitäre Hilfe durch die Bundesregierung?
18. Welche Organisationen verfügen nach Kenntnis der Bundesregierung
aktuell über funktionierende logistische Kapazitäten, um die Verteilung
von Hilfsgütern in Gaza leisten zu können (bitte nach Anzahl der
Mitarbeitenden, Verteilzentren und Lkw auflisten)?
19. Welche humanitären Organisationen unterstützt die Bundesregierung
derzeit finanziell für ihre Arbeit in Gaza im laufenden Haushaltsjahr 2025
(bitte nach Zuwendungsorganisationen und Summen auflisten)?
20. Welche Informationen liegen der Bundesregierung über den aktuellen
Zustand des Gesundheitssystems in Gaza vor, insbesondere hinsichtlich
funktionsfähiger Krankenhäuser, verfügbarer Medikamente und
medizinischer Ausrüstung sowie des allgemeinen Bedarfs an ihnen, wie auch des
Zugangs zu medizinischer Versorgung für chronisch kranke Personen,
Schwangere, Kinder oder Verletzte seit Beginn der Abriegelung?
21. Auf welche Weise setzt sich die Bundesregierung aktuell aktiv bei der
israelischen Regierung oder anderen relevanten Akteuren dafür ein, dass
medizinische Evakuierungen aus Gaza ermöglicht werden, und welche
Maßnahmen prüft oder unterstützt die Bundesregierung selbst oder im
Rahmen der EU, um medizinische Evakuierungen aus Gaza zu
ermöglichen oder zu beschleunigen und Patientinnen und Patienten in
Deutschland aufzunehmen?
22. Wie hoch ist die Anzahl an geplanten und durchgeführten medizinischen
Evakuierungen aus Gaza in die Bundesrepublik Deutschland seit der
Blockade vom 2. März 2025?
23. Welche Informationen liegen der Bundesregierung zur aktuellen Situation
von Kindern in Gaza hinsichtlich Unterernährung, psychischer und
physischer Gesundheit und Zugang zu Bildung vor, inwiefern hat sich die Lage
seit der Blockade weiter verschlechtert, und welche langfristigen Folgen
sind nach der Einschätzung der Bundesregierung zu erwarten?
24. Wie beurteilt die Bundesregierung das Risiko nachhaltiger körperlicher
und psychischer Schäden bei Kindern durch die humanitäre Krise in
Gaza?
25. Welche Kenntnisse hat die Bundesregierung über den Zugang zu
Hilfsangeboten für besonders gefährdete Gruppen wie Menschen mit
Behinderungen oder ältere Menschen in Gaza?
26. Welche Maßnahmen sieht die Bundesregierung als notwendig an, um
gezielt Kinder, Schwangere, ältere Menschen und Menschen mit
Behinderungen bei der humanitären Hilfe zu berücksichtigen, und wie kann dies
aus Sicht der Bundesregierung unter dem neuen Verteilungsmechanismus
gewährleistet werden?
27. Wie setzt sich die Bundesregierung bei internationalen Partnern, hier
insbesondere die Türkei und Katar, dafür ein, dass die Freilassung der
Geiseln gegenüber der Hamas stetig adressiert wird und dringliche sowie
unverzichtbare Versorgung der Geiseln gewährleistet ist?
Berlin, den 24. Juni 2025
Katharina Dröge, Britta Haßelmann und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333]
Relationen
- asked ← Agnieszka Brugger (Kleine Anfrage)
- asked ← Anton Hofreiter (Kleine Anfrage)
- asked ← Ayse Asar (Kleine Anfrage)
- asked ← Boris Mijatović (Kleine Anfrage)
- asked ← Claudia Roth (Kleine Anfrage)
- asked ← Deborah Düring (Kleine Anfrage)
- asked ← Denise Loop (Kleine Anfrage)
- asked ← Jamila Schäfer (Kleine Anfrage)
- asked ← Jeanne Dillschneider (Kleine Anfrage)
- asked ← Julian Joswig (Kleine Anfrage)
- asked ← Katrin Göring-Eckardt (Kleine Anfrage)
- asked ← Kirsten Kappert-Gonther (Kleine Anfrage)
- asked ← Luise Amtsberg (Kleine Anfrage)
- asked ← Marlene Schönberger (Kleine Anfrage)
- asked ← Max Lucks (Kleine Anfrage)
- asked ← Niklas Wagener (Kleine Anfrage)
- asked ← Robert Habeck (Kleine Anfrage)
- asked ← Robin Wagener (Kleine Anfrage)
- asked ← Sara Nanni (Kleine Anfrage)
- asked ← Schahina Gambir (Kleine Anfrage)
- authored ← Boris Mijatović
- authored ← Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
- authored ← Max Lucks
- part_of_vorgang → Umsetzung der humanitären Hilfe in Gaza nach dem neuen Verteilungsplan (Kleine Anfrage)