Zur humanitären Versorgung der Menschen in Gaza
Text
Zur humanitären Versorgung der Menschen in Gaza
[Deutscher Bundestag Drucksache 21/1451
21. Wahlperiode 02.09.2025
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Boris Mijatović, Luise Amtsberg, Deborah Düring, Lamya
Kaddor, Claudia Roth, Agnieszka Brugger, Max Lucks, Kassem Taher Saleh, Ayse
Asar, Julian Joswig und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Zur humanitären Versorgung der Menschen in Gaza
Die aktuelle humanitäre Lage in Gaza ist weiterhin katastrophal. Seit dem
27. Mai 2025 sind laut den Vereinten Nationen (UN) mindestens 1 400
Menschen bei dem Versuch getötet worden, humanitäre Hilfe zu erhalten, die
meisten davon in der Nähe von Ausgabestellen der neuen „Gaza Humanitarian
Foundation“ (GHF), andere entlang der Routen von Hilfskonvois. Die GHF
erklärte, sie setze lediglich Pfefferspray oder Warnschüsse ein, um
Menschenmengen zu kontrollieren (www.theguardian.com/world/2025/aug/03/israeli-sho
otings-ghf-food-site-gaza-ben-gvir-al-aqsa). Medienberichten zufolge sollen
einzelne Einheiten der israelischen Armee die Anweisung erhalten haben,
gezielt auf unbewaffnete, hilfesuchende Zivilistinnen und Zivilisten zu schießen;
die Armee selbst hat daraufhin eine interne Untersuchung eingeleitet (www.haa
retz.com/israel-news/2025-06-27/ty-article-magazine/.premium/idf-soldiers-ord
ered-to-shoot-deliberately-at-unarmed-gazans-waiting-for-humanitarian-aid/00
000197-ad8e-de01-a39f-ffbe33780000). Allein die Organisation Ärzte ohne
Grenzen berichtet davon, dass zwischen dem 7. Juni und dem 24. Juli 2025
1 380 Verletzte nach Vorfällen an Verteilstellen der sogenannten GHF in ihren
Kliniken in al-Mawasi und al-Attar im Süden Gazas aufgenommen wurden. 28
von ihnen wurden bereits tot eingeliefert. In diesem Zeitraum behandelte das
Personal 71 Kinder mit Schussverletzungen (MSF, „This is not aid. This is
orchestrated killing“, August 2025).
In Reaktion auf die unzureichende humanitäre Versorgung für die Menschen in
Gaza hat die Bundesregierung in Zusammenarbeit mit anderen Partnern,
insbesondere Jordanien, am 1. August 2025 beschlossen, Hilfsgüter über „Air
Drops“ aus der Luft abzuwerfen (www.bmvg.de/de/presse/wiederaufnahme-abs
etzen-humanitaerer-gueter-aus-luft-fuer-gaza-5981846). Auch wenn nichts
unversucht bleiben darf, das humanitäre Leid in Gaza zu lindern, wird dieses
Mittel von Expertinnen und Experten stark kritisiert. Die Abwürfe seien
kostenintensiv und ineffizient, es gibt keine geordnete Verteilung entlang der
humanitären Prinzipien und gleichzeitig gefährden sie die Menschen in den
überfüllten humanitären Zonen (www.tagesschau.de/ausland/asien/humanitaere-hilf
e-gaza-100.html; www.rnd.de/politik/gaza-un-kritisieren-luftabwuerfe-von-hilf
sguetern-als-ineffektiv-und-teuer-E7T3VH3R4ZJKFFDEGVDRCKZRS
A.html). Stattdessen plädieren Expertinnen und Experten für humanitäre
Versorgung über den Landweg, weil diese Methode kostengünstiger ist, ein
höheres Volumen an Hilfslieferungen transportieren werden kann und Hilfsgüter die
Bedürftigsten statt die Stärksten erreichen (www.deutschlandfunknova.de/beitr
ag/gaza-die-wahrheit-ueber-die-luftbruecke; www.handelsblatt.com/politik/inte
rnational/nahost-imagekampagne-scharfe-kritik-an-luftbruecke-fuer-gaza/1001
44718.html).
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Welche Menge und welche Güter von humanitärer Hilfe in Tonnen sind
aus Sicht der Bundesregierung nach Gaza erforderlich, um die notwendige
humanitäre Versorgung der Menschen zu gewährleisten, und welche
Maßnahmen unternimmt sie, damit dieses Ausmaß schnellstmöglich in der
Praxis erreicht werden kann?
2. Welche Maßnahmen ergreift die Bundesregierung, damit insbesondere der
Anteil der Kinder sowie der schwangeren und stillenden Frauen, die von
schwerer akuter Mangelernährung, der tödlichsten Form der
Mangelernährung bei Kindern, betroffen sind, sinkt (www.aerzte-ohne-grenzen.de/
presse/gaza-jedes-vierte-kleinkind-von-mangelernaehrung-betroffen)?
3. Wie positioniert sich die Bundesregierung unter völkerrechtlichen
Gesichtspunkten zu dem Anstieg der Zahl getöteter Palästinenserinnen und
Palästinenser in der Nähe der GHF-Verteilzentren seit dem 20. Juli 2025,
sowohl vor dem Hintergrund der am 27. Juli 2025 seitens Israels
angekündigten täglichen Feuerpausen und sicheren Hilfskorridore (www.deutschla
ndfunk.de/israel-laesst-erste-hilfslieferungen-zu-militaer-kuendigt-taeglic
he-kampfpausen-an-106.html) als auch der Medienberichte über gezielte
Anweisungen der israelischen Armee, auf hilfesuchende Zivilpersonen zu
schießen (www.haaretz.com/israel-news/2025-06-27/ty-article-magazine/.
premium/idf-soldiers-ordered-to-shoot-deliberately-at-unarmed-gazans-w
aiting-for-humanitarian-aid/00000197-ad8e-de01-a39f-ffbe33780000)?
4. Inwiefern hält sich Israel nach Erkenntnis der Bundesregierung an diese
täglich für 10.00 bis 20.00 Uhr angekündigten humanitären Pausen, wenn
ja, hat dies zu einer Verbesserung der humanitären Versorgung und dem
Schutz der humanitären Helfer geführt, und wenn nein, welche
Konsequenzen zieht die Bundesregierung hieraus?
5. Welche Gründe machen es aus Sicht der Bundesregierung notwendig,
humanitäre Hilfsgüter aus der Luft abzuwerfen, obwohl es sich bei Gaza
nicht um ein schwer zugängliches geografisches Gebiet handelt und
Grenzübergänge und Hilfsgüter in ausreichendem Umfang rund um Gaza
vorhanden sind (www.wfp.org/news/wfp-statement-gaza)?
6. Wie reagiert die Bundesregierung auf die von humanitären Organisationen
vorgebrachte Kritik, Luftabwürfe seien ineffektiv, gefährlich, teuer und
aufwendig (www.doctorswithoutborders.org/latest/airdrops-gaza-are-ineff
ective-and-dangerous; www.deutschlandfunk.de/hilfs-abwuerfe-ueber-gaz
astreifen-eindruecke-von-der-packstation-der-airbase-100.html)?
7. Wie ist die Entscheidungsfindung durch die Bundesregierung erfolgt, sich
an den Luftabwürfen zu beteiligen, und inwiefern wurden für diese
Entscheidung Expertinnen und Experten von den Vereinten Nationen und
humanitären Hilfsorganisationen konsultiert?
8. Wurden in der Bundesregierung mögliche Alternativen zur Beteiligung an
den Luftabwürfen diskutiert, wie etwa die Erhöhung des Drucks auf die
israelische Regierung durch konkrete Konsequenzen, um die benötigte
humanitäre Hilfe auf dem Landweg über die bewährten humanitären
Mechanismen der UN und anderer humanitärer Akteure nach Gaza zu lassen,
enn ja, aus welchem Grund fiel die Entscheidung auf die Luftabwürfe,
und wenn nein, warum nicht?
9. Auf welche Summe belaufen sich die Kosten für die Luftabwürfe
gegenüber humanitären Hilfslieferungen über den Landweg, dessen Öffnung die
Bundesregierung mit erhöhtem Druck und gemeinsam mit anderen
Partnern auf die Konfliktparteien erwirken könnte?
10. Aus welchem Budget werden die Mittel für die Luftabwürfe zur
Verfügung gestellt, und wie verhalten sich diese Kosten gegenüber den
geplanten Kürzungen in der humanitären Hilfe in den Jahren 2025 und 2026 im
Vergleich zum Haushaltsjahr 2024 in Höhe von über 53 Prozent?
11. Wird die GHF, nach Kenntnis der Bundesregierung, durch Mittel der
Europäischen Union und bzw. oder anderen EU-Mitgliedstaaten
finanziert, und wenn ja, von welchen?
12. Welche Maßnahmen ergreift die Bundesregierung, damit die UN und
internationale humanitäre Organisationen auch über den Landweg ihre
Hilfslieferungen nach Gaza bringen können?
13. Welche Maßnahmen hat die Bundesregierung unternommen, um beim
Abwurf von Hilfsgütern über Gaza deren sichere und prinzipiengerechte
Verteilung an die Zivilbevölkerung zu gewährleisten und sicherzustellen, dass
sogenannte aid diversion, insbesondere durch kriminelle Gruppen,
vermieden wird?
14. Welche Schlussfolgerung zieht die Bundesregierung aus der aktuellen
Lage des Hilfswerks der Vereinten Nationen für Palästinaflüchtlinge im
Nahen Osten (UNRWA) sowie dessen eingeschränkte
Arbeitsmöglichkeiten innerhalb des Gazastreifens, insbesondere vor dem Hintergrund des
von israelischer Seite verhängten Kontaktverbots?
15. Teilt die Bundesregierung Aussagen von Mitgliedern der
Bundesregierung, wie von Thorsten Frei, Bundesminister für besondere Aufgaben und
Chef des Bundeskanzleramtes, wonach 50 bis 90 Prozent der
Hilfslieferungen in Gaza von der Hamas, Terroristen oder organisierter Kriminalität
abgefangen würden und daher nicht bei der Zivilbevölkerung ankämen
(www.n-tv.de/politik/Das-Problem-ist-nicht-Israel-sondern-die-Hamas-art
icle25943948.html), insbesondere hinsichtlich übereinstimmender
Berichte von UN- und anderen humanitären Organisationen vor Ort sowie
einer Untersuchung durch die United States Agency for International
Development (USAID), dass sich keine Belege für eine systematische
Abzweigung von Hilfsgütern finden ließen (www.reuters.com/world/
middleeast/usaid-analysis-found-no-evidence-massive-hamas-theft-gaza-aid-202
5-07-25/, www.faz.net/aktuell/politik/ausland/wie-netanjahu-die-hilfsliefe
rungen-fuer-gaza-begruendet-110486477.html)?
a) Wenn ja, bitte ausführen, auf welchen konkreten Informationen diese
Einschätzung beruht?
b) Ist die Antwort der Bundesregierung zu Frage 4 der Kleinen Anfrage
der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN „Umsetzung der
humanitären Hilfe in Gaza nach dem neuen Verteilungsplan“ auf
Bundestagsdrucksache 21/972, dass insbesondere die Vereinten Nationen und
Internationale nichtstaatliche Organisationen (INGOs) „ein System des
Risikomanagements etabliert [haben], um Abzweigungen durch
militante Gruppen zu unterbinden“, so zu verstehen, dass aid diversion
insbesondere bei Mechanismen wie der sogenannten Gaza
Humanitarian Foundation erfolgen?
16. Sind der Bundesregierung belastbare Belege der israelischen Regierung
für eine systematische Abzweigung von Hilfsgütern bis dato bekannt,
wenn ja, welche, und wenn nein, inwiefern fordert die Bundesregierung
diese Belege mit Nachdruck ein, vor dem Hintergrund, dass dies das
zentrale Argument der israelischen Regierung für die komplette Blockade von
Hilfsgütern von März bis Mai 2025 war und die nach wie vor massiv
eingeschränkte Zulassung der humanitären Hilfe ist (www.tagesschau.de/ausl
and/asien/gaza-hilfsappell-100.html)?
17. Teilt die Bundesregierung die Auffassung der Fragestellenden, dass
Hilfsgüterabwürfe aus der Luft die ungeeignetste Option sind, um
sicherzustellen, dass die Lieferungen bei den Bedürftigen ankommen und möglichst
keine Hilfsgüter von der Hamas und anderen bewaffneten Gruppen
abgezweigt werden, wenn nein, warum nicht, und wenn ja, inwiefern wurde
dies vor israelischen Regierungsvertretern thematisiert, um sie dazu zu
bewegen, die benötigte humanitäre Hilfe wieder über die bewährten
Verteilmechanismen zuzulassen?
18. Aus welchen Quellen bezieht die Bundesregierung die Informationen,
dass sich die humanitäre Situation im Gazastreifen verbessert haben soll,
wie vom Sprecher des Auswärtigen Amts am 28. Juli 2025 im Rahmen
der Regierungspressekonferenz mitgeteilt wurde (www.auswaertiges-am
t.de/de/newsroom/regierungspressekonferenz-2728772)?
19. Welche Schlussfolgerung zieht die Bundesregierung aus den von der
israelischen Regierung neuen geplanten Registrierungsregeln für
internationale humanitäre Organisationen, die laut zahlreichen INGOs unabhängige
Hilfe im besetzten palästinensischen Gebiet behindern (www.oxfam.org/e
n/press-releases/israels-new-ingo-registration-measures-are-grave-threat-h
umanitarian-operations)?
a) Ergreift sie Maßnahmen zum Schutz und zur Unterstützung dieser
Organisationen, und wenn ja, welche?
b) Aus welchen Gründen hat sie sich dem Statement von 26 Staaten zur
humanitären Lage in Gaza und der Aufforderung an die israelische
Regierung, diese Registrierungsregeln zurückzunehmen (www.gov.u
k/government/news/joint-statement-on-the-humanitarian-situation-
ingaza), nicht angeschlossen?
20. Bei welchen Gelegenheiten hat die Bundesregierung israelische
Regierungsvertreter um eine umfassende Aufklärung der Vorwürfe gebeten,
wonach IDF-Soldaten vorsätzlich scharf und ohne Vorwarnung auf
Hilfebedürftige in der Nähe der Hilfsgüterausgaben durch die Gaza Humanitarian
Foundation geschossen haben sollen (vgl. Antwort der Bundesregierung
auf die Schriftliche Frage 68 auf Bundestagsdrucksache 21/848), und in
welchem Rahmen wird dies nachgehalten?
21. Wann, und wie viele Treffen fanden seit März 2025 zwischen
Vertreterinnen und Vertretern der Bundesregierung, insbesondere des
Bundeskanzleramts, des Auswärtigen Amts und des Bundesamts für wirtschaftliche
Zusammenarbeit und Entwicklung, und Vertreterinnen und Vertretern von in
Gaza tätigen humanitären Organisationen statt (bitte nach Datum und
Teilnehmerinnen und Teilnehmern auflisten)?
22. Wie positioniert sich die Bundesregierung bezüglich der von Israels
Ministerpräsident Benjamin Netanjahu angekündigten sogenannten
freiwilligen Ausreisen von Palästinensern aus Gaza sowie der offenbar geführten
Gespräche Israels mit Südsudan, Somaliland, Äthiopien, Libyen und
Indonesien in diesem Zusammenhang (https://edition.cnn.com/2025/08/14/mid
dleeast/israel-palestinians-gaza-displaced-intl) im Lichte des
Völkerrechts, insbesondere im Hinblick auf das in Artikel 49 der IV. Genfer
Konvention verankerte Verbot von Zwangsvertreibungen (www.fedlex.ad
min.ch/eli/cc/1951/300_302_297/de), und vor dem Hintergrund, dass nach
Einschätzung internationaler humanitärer Organisationen und rechtlicher
Gutachten die Reduzierung von ehemals mehreren hundert UN-
Verteilzentren auf nur wenige militarisierte Standorte im Süden Gazas in
Verbindung mit gefährlichen Zugangsbedingungen und physischer
Erschöpfung der Bevölkerung als Faktor bewertet wird, der faktisch zur
Verlagerung der Zivilbevölkerung beitragen kann (https://drc.ngo/resources/n
ews/catastrophic-humanitarian-crisis-in-gaza)?
23. Wie positioniert sich die Bundesregierung bezüglich der vom israelischen
Premierminister Benjamin Netanjahu angekündigten vollständigen
Besetzung des Gazastreifens, einschließlich Gaza-Stadt (www.spiegel.de/auslan
d/israel-gaza-krieg-israels-sicherheitskabinett-stimmt-fuer-einnahme-
vongaza-stadt-a-8798e4ea-dda4-482a-b96c-60d2abf986c8), und welche
Auswirkungen auf die humanitäre Lage und die Versorgung der
Zivilbevölkerung erwartet sie infolge der Ausweitung des Militäreinsatzes?
Berlin, den 22. August 2025
Katharina Dröge, Britta Haßelmann und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333]
Relationen
- asked ← Agnieszka Brugger (Kleine Anfrage)
- asked ← Ayse Asar (Kleine Anfrage)
- asked ← Boris Mijatović (Kleine Anfrage)
- asked ← Claudia Roth (Kleine Anfrage)
- asked ← Deborah Düring (Kleine Anfrage)
- asked ← Julian Joswig (Kleine Anfrage)
- asked ← Kassem Taher Saleh (Kleine Anfrage)
- asked ← Lamya Kaddor (Kleine Anfrage)
- asked ← Luise Amtsberg (Kleine Anfrage)
- asked ← Max Lucks (Kleine Anfrage)
- authored ← Boris Mijatović
- authored ← Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
- authored ← Luise Amtsberg
- part_of_vorgang → Zur humanitären Versorgung der Menschen in Gaza (Kleine Anfrage)