Schriftliche Frage 18 von Misbah Khan (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Wie viele Fälle sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche sind nach Kenntnis der Bundesregierung jeweils in den vergangenen fünf Ja…
Teil von Schriftliche Fragen mit den in der Woche vom 16. Februar 2026 eingegangenen Antworten der Bundesregierung · Geschäftsbereich des Bundesministeriums des Innern.
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Schriftliche Frage 18 von Misbah Khan (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Wie viele Fälle sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche sind nach Kenntnis der Bundesregierung jeweils in den vergangenen fünf Ja…
Frage 18 (Misbah Khan, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Wie viele Fälle sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche sind nach Kenntnis der Bundesregierung jeweils in den vergangenen fünf Jahren angezeigt geworden (bitte nach sexuellem Missbrauch sowie nach Verbreitung, Erwerb, Besitz und Herstellung von Missbrauchsdarstellungen [„Kinder- und Jugendpornografie“] aufgeschlüsselt angeben), und welche Dunkelfeldschätzungen durch nationale und internationale Organisationen oder wissenschaftlicher Studien sind der Bundesregierung zum Ausmaß von sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in Deutschland bekannt?
Antwort der Parlamentarischen Staatssekretärin Daniela Ludwig vom 19. Februar 2026:
Informationen dazu, wie viele Fälle sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche angezeigt wurden, liegen der Bundesregierung nicht vor. In der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) werden keine Anzeigen erfasst. Gegenstand der PKS-Erfassung sind polizeilich ausermittelte Fälle, die zum Zeitpunkt der Abgabe an die Staatsanwaltschaft oder das Gericht mit dem dann vorliegenden Ermittlungsergebnis in die PKS einfließen. Die PKS-Daten zu sexuellem Missbrauch von Kindern und Jugendlichen sowie Verbreitung, Erwerb, Besitz und Herstellung von Missbrauchsdarstellungen sind nachfolgend aufgeführt. Sexueller Missbrauch von Kindern §§ 176, 176a, 176b StGB 2020 14.594 2021 15.507 2022 15.520 2023 16.375 2024 16.354 Sexueller Missbrauch von Jugendlichen § 182 StGB 2020 1.102 2021 1.147 2022 1.135 2023 1.200 2024 1.191 Verbreitung, Erwerb, Besitz und Herstellung kinderpornografischer Schriften § 184b StGB 2020 18.761 2021 39.171 2022 42.075 2023 45.191 2024 42.854 Verbreitung, Erwerb, Besitz und Herstellung jugendpornografischer Schriften § 184c StGB 2020 3.107 2021 5.105 2022 6.746 2023 8.851 2024 9.601 Online können die Daten unter folgendem Link abgerufen werden: www.bka.de/SharedDocs/Downloads/DE/Publikationen/PolizeilicheKri minalstatistik/2024/Interpretation/Faelle/T01-ZR-Bund-F%C3%A4lle_x ls.xlsx?__blob=publicationFile&v=6. Die angefragten Daten sind zudem Gegenstand des online verfügbaren Bundeslagebildes Sexualdelikte zum Nachteil von Kindern und Jugendlichen 2024, welches unter folgendem Link abgerufen werden kann: www.bka.de/SharedDocs/Downloads/DE/Publikationen/JahresberichteU ndLagebilder/SexualdeliktezNvKindernuJugendlichen/BLBSexualdelikt ezNvKindernuJugendlichen2024.html?nn=222052. Die in wissenschaftlichen Studien berichteten Prävalenzen sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche variieren erheblich. Nationale wie internationale Untersuchungen nennen Werte, die von niedrigen einstelligen Prozentbereichen bis hin zu etwa 20 Prozent reichen. Diese Spannbreite ist unter anderem auf unterschiedliche Begriffsdefinitionen, Erhebungsinstrumente und Studiendesigns zurückzuführen. Oftmals werden Erwachsene retrospektiv zu ihren Erfahrungen in der Kindheit befragt (Jud & Fegert 2018; Leitgöb-Guzy & Bieber 2026). Ein weiterer Grund für die Unterschiede in den Prävalenzangaben liegt im jeweiligen Untersuchungsfokus der Studien. Während sich manche Erhebungen ausschließlich auf Gewalterfahrungen im familiären Kontext, insbesondere durch Eltern oder Erziehungsberechtigte, konzentrieren, beziehen andere zusätzlich institutionelle Kontexte (z. B. Schule, Verein, Kirche), sexuelle Gewalt im digitalen Raum oder Übergriffe durch Gleichaltrige in ihre Analysen ein. Diese unterschiedlichen Bezugsrahmen beeinflussen maßgeblich die berichteten Häufigkeiten. Dies muss bei der Interpretation der Prävalenzen stets berücksichtigt werden. Trotz methodischer Unterschiede zeigt sich über die Studien hinweg das konsistente Muster, dass weibliche Personen deutlich häufiger von sexuellen Gewalterfahrungen in der Kindheit berichten als männliche Personen. Die geschlechterübergreifende Dunkelfeld-Studie „Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag (LeSuBiA)“ untersucht das Dunkelfeld im Bereich von Gewaltvorkommnissen in Deutschland. Sie wurde durch das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, dem Bundesministerium des Innern und dem Bundeskriminalamt (BKA) gemeinsam veröffentlicht. Die Schwerpunkte der Studie liegen auf den Themen Partnerschaftsgewalt, sexualisierte Gewalt sowie digitale Gewalt. In LeSuBiA wurde unter anderem erhoben, ob die Befragten in ihrer Kindheit körperliche, sexuelle und psychische Gewalt erlebt haben. Dabei zeigt sich, dass 5 Prozent der befragten Frauen und 1,9 Prozent der befragten Männer von sexueller Gewalt in der Kindheit durch Erziehungsberechtigte berichten (Leitgöb-Guzy & Bieber 2026). Eine ebenso jüngst veröffentliche weitere repräsentative Studie von Personen zwischen 18 und 59 Jahren in Deutschland kommt zu dem Ergebnis, dass 12,7 Prozent der Befragten mindestens einmal in ihrem Leben von sexualisierter Gewalt betroffen waren. Bezüglich der Merkmale zum Zeitpunkt der Tat zeigte sich, dass die Betroffenen im Durchschnitt 11,2 Jahre alt waren, als sie erstmals sexualisierte Gewalt erlebten. Zudem waren Personen, die bei der ersten Tat unter 14 Jahre alt waren, häufiger von Mehrfachtaten betroffen als jene, die bei der ersten Erfahrung 14 Jahre oder älter waren (Dreßling et al. 2025). Eine frühere repräsentative Studie von Häuser et al. (2010) ergab, dass 12,6 Prozent der Befragten sexuellen Missbrauch in der Kindheit und Jugend erlebten. Von schweren Formen waren 1,9 Prozent betroffen. Die Studie wurde im Jahr 2016 von Witt et al. (2017) repliziert, wobei 7,6 Prozent der Befragten von sexuellem Missbrauch in der Kindheit berichteten. 2,3 Prozent waren von schweren Formen betroffen. Zudem kann auf Studien des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen e. V. verwiesen werden. In einer Untersuchung aus dem Jahr 1992 wurde eine Prävalenz sexuellen Missbrauchs in der Kindheit von 7,3 Prozent bei Männern und 18,1 Prozent bei Frauen festgestellt (Wetzels 1997a, b). Eine weitere Studie aus dem Jahr 2011 zeigte, dass 1 Prozent der Männer und 5 Prozent der Frauen vor dem Alter von 14 Jahren sexuellen Missbrauch mit Körperkontakt erlebten. Zukünftig wird die „Safe! Bundesweite Jugendstudie zu Gewalterfahrungen und deren Folgen“ Zahlen zum aktuellen Ausmaß des Dunkelfelds (sexualisierter) Gewalt an Kindern und Jugendlichen in Deutschland liefern. Die Safe!-Studie ist eine Befragung von Jugendlichen der neunten Klassen zu ihren Gewalterfahrungen und wird derzeit im Auftrag der Unabhängigen Bundesbeauftragten gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen (UBSKM) durch das Zentrum für Forschung zu sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen (ZEFSG) vorbereitet. Die Daten des ZEFSG zum Ausmaß sexualisierter Gewalt in Kindheit und Jugend fließen in die gesetzlich vorgesehene Berichterstattung der Unabhängigen Bundesbeauftragten an den Bundestag, den Bundesrat und die Bundesregierung ein. Der internationale Forschungsstand zu sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche ist umfangreich. Zahlreiche Länder berichten nationale Prävalenzschätzungen; zudem liegen verschiedene Meta-Analysen und systematische Reviews vor, sowohl auf nationaler Ebene als auch länderübergreifend oder mit globalem Fokus. Insgesamt zeigt sich auch im internationalen Vergleich eine erhebliche Spannbreite der Prävalenzangaben. Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit mit Meta-Analyse von 165 Studien (Piolanti et al., 2025) kommt zu dem Ergebnis, dass die globale Prävalenz sexueller Belästigung gegenüber Kindern bei 11 Prozent liegt. Die Prävalenz sexueller Gewalt mit Körperkontakt wurde auf 9 Prozent geschätzt. Erzwungener Geschlechtsverkehr wurde von 7 Prozent der Mädchen und 3 Prozent der Jungen berichtet. Quellen: Dreßling, Harald; Hoell, Andreas; Scharmann, Leonie; Simon, Anja M., Haag, Ann-Christin; Dölling, Dieter; Meyer-Lindenberg, Andreas & Fegert, Jörg M. (2025): Sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche. Eine bundesweite, auf Repräsentativität ausgelegte Befragung zu Prävalenz, situativem Kontext und den Folgen. Deutsches Ärzteblatt, 122 (11), S. 285–291. Häuser, Winfried, Schmutzer, Gabriele, Brähler, Elmar, & Glaesmer, Heide (2011). Misshandlungen in Kindheit und Jugend: Ergebnisse einer Umfrage in einer repräsentativen Stichprobe in der deutschen Bevölkerung. Deutsches Ärzteblatt International, 108(17), S. 287 – 294. Jud, Andreas; Fegert, Jörg M. (2018): Herausforderungen, sexualisierte Gewalt in der empirischen Forschung zum Thema zu machen – In: Sabine Andresen und Rudolf Tippelt (Hg.): Sexuelle Gewalt in Kindheit und Jugend. Theoretische, empirische und konzeptionelle Erkenntnisse und Herausforderungen erziehungswissenschaftlicher Forschung. Weinheim; Basel: Beltz Juventa 2018, S. 67–80. Leitgöb-Guzy, Nathalie; Bieber, Ina (2026): Ergebnisse der Dunkelfeldstudie „Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag (LeSuBiA)“ I: Gewalterfahrungen innerhalb und außerhalb von (Ex-)Partnerschaften. Herausgegeben vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Bundesministerium des Innern, Bundeskriminalamt. Wetzels, Peter (1997a): Gewalterfahrungen in der Kindheit: Sexueller Missbrauch, körperliche Misshandlung und deren langfristige Konsequenzen. Baden-Baden: Nomos. Wetzels, Peter (1997b): Zur Epidemiologie physischer und sexueller Gewalterfahrungen in der Kindheit: Ergebnisse einer repräsentativen retrospektiven Prävalenzstudie für die Bundesrepublik Deutschland. Hannover: Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen. Witt, Andreas; Brown, Rebecca. C.; Plener, Paul. L.; Brähler, Elmar.; Fegert, Jörg. M. (2017). Child maltreatment in Germany: prevalence rates in the general population. Child and Adolescent Psychiatry and Mental Health, 11(47), S. 1 – 9.
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