Rede von Anne-Mieke Bremer (DIE LINKE) – Plenarprotokoll 21/100
Teil von Protokoll der 100. Sitzung des 21. Deutschen Bundestages.
Text
Rede von Anne-Mieke Bremer (DIE LINKE) – Plenarprotokoll 21/100
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Eines möchte ich direkt zu Beginn feststellen: Wir als Linke
sind ausdrücklich für einen schnellen und
flächendeckenden Ausbau des Glasfasernetzes. Alle sollen an der
Digitalisierung teilhaben, und eine der dafür nötigen
Grundvoraussetzungen ist der Zugang zu schnellem Internet.
Und – Überraschung! – gerade hier greift der vorliegende
Gesetzentwurf natürlich viel zu kurz. Besonders drei
Aspekte möchte ich in meiner Rede hervorheben: die
katastrophalen Arbeitsbedingungen im Glasfaserausbau, die
Lücken im Verbraucher/-innenschutz und die weiterhin
mangelhafte Versorgung im ländlichen Raum.
Beginnen möchte ich mit dem sicherlich drängendsten
Problem, an dem sich auch mit dem hier vorliegenden
Gesetzentwurf nichts ändern wird. Es geht um die
skandalösen Arbeitsrechtsverletzungen beim
Glasfaserausbau: Schwarzarbeit, einbehaltene Lohnzahlungen,
fehlender Arbeitsschutz, Arbeitszeiten weit jenseits der
Zulässigkeit, sogar körperliche Gewalt. Durch das
Auslagern von Aufträgen in undurchsichtige
Subunternehmerketten sind die Verantwortlichen schwer zu greifen.
All das ist seit mehreren Jahren bekannt, und die
Bundesregierung bleibt weiterhin untätig.
(Beifall bei der Linken – Heidi Reichinnek
[Die Linke]: Skandal!)
Nun kann Minister „Nicht zuständig“-Wildberger
wieder versuchen, die Verantwortung von sich zu weisen.
Mit unserem Entschließungsantrag zur letzten TKG-
Novelle hatten Sie eine ideale Vorlage, diese Zustände
wirkungsvoll zu bekämpfen: Generalunternehmerhaftung,
Begrenzung der Vergabekette, Einhaltung von tariflichen
Standards und Schwerpunktprüfungen durch die
Finanzkontrolle Schwarzarbeit, um nur einige Beispiele zu
nennen.
(Ina Latendorf [Die Linke]: Das wäre mal
was!)
Es kann nicht sein, dass der beschleunigte Netzausbau
auf dem Rücken der Arbeiter/-innen vorangebracht wird.
Handeln Sie endlich!
Ebenfalls wenig zu erwarten haben jene, die auf
verlässliches und bezahlbares Internet angewiesen sind: die
Verbraucher/-innen. Besonders Menschen, die zur Miete
wohnen, dürften sich ärgern, dass sich bei der Weitergabe
der Ausbaukosten im Wesentlichen nichts geändert hat.
Gebäudeeigentümer/-innen können weiterhin einen Teil
der Kosten für den Anschluss auf die Mietparteien
umlegen, obwohl diese den Anschluss gar nicht nutzen
müssen. In Zeiten, in denen Mieter/-innen ohnehin bereits
einen immensen Anteil ihres verfügbaren Einkommens
für die Miete aufwenden müssen, ist das ein untragbarer
Zustand. Wir fordern daher, den entsprechenden § 72
TKG ersatzlos zu streichen.
In einer aktuellen Befragung im Auftrag des
Verbraucherzentrale Bundesverbands gaben 74 Prozent der
Befragten, die derzeit kein Interesse an der Nutzung eines
Glasfaseranschlusses haben, an, dass Ihnen die bisherige
Geschwindigkeit ausreicht. Der Hauptgrund ist
sicherlich, dass es die Anbieter bisher versäumen, attraktive
Konditionen anzubieten. Zur Wahrheit gehört auch,
dass eine privatisierte Telekom wenig Interesse an einem
breiten Ausbau der Glasfaserinfrastruktur hat, solange sie
ihre Kupfernetze weiterhin profitabel betreiben kann.
Der ländliche Raum ist – Überraschung,
Überraschung! – besonders unterversorgt. Es fehlt schlicht
an Anreizen bzw. Profitaussichten für die
privatwirtschaftlichen Akteure. Immer dort, wo das der Fall ist,
muss der Staat mit Förderungen aushelfen – getreu der
Maxime „Gewinne privatisieren, Kosten
vergesellschaften“.
Der Netzausbau wurde mit der letzten TKG-Novelle
zum überragenden öffentlichen Interesse erklärt. Ich
möchte noch einen Schritt weiter gehen: Digitale
Infrastruktur sollte ein Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge
werden!
(Beifall bei der Linken – Zuruf von der Linken:
Sehr richtig!)
Im digitalen Zeitalter ist die Infrastruktur sowohl die
Grundvoraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe als
auch – weil Sie das allein natürlich nicht überzeugen
wird – für die heilige wirtschaftliche
Wettbewerbsfähigkeitsfähigkeit des Standortes.
Wir konnten in den letzten Jahren beobachten, zu
welchen Ergebnissen der Wettbewerb profitorientierter
Unternehmen beim Ausbau der physischen digitalen
Infrastruktur führt: schlimmste Ausbeutungsverhältnisse auf
den Glasfaserbaustellen, Unterversorgung im ländlichen
Raum bei gleichzeitigem Doppelausbau in lukrativen
Gebieten, fehlende Anreize zu Glasfasernutzung und ein
Ausbaustand, der den Anforderungen an moderne
Infrastruktur Jahre bis Jahrzehnte hinterherhinkt.
Die Lösung all dieser Probleme ist mit Sicherheit nicht
mehr Wettbewerb, sondern verbindliche Vorgaben, klare
Kontrollen für die Unternehmen und ein
bedarfsgerechter, gemeinwohlorientierter Ausbau.
Vielen Dank.
Relationen
- part_of → Protokoll der 100. Sitzung des 21. Deutschen Bundestages
- spoke_in ← Anne-Mieke Bremer (Rede)