Rede von Winfried Hermann (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Plenarprotokoll 16/166
Teil von Protokoll der 166. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages.
Text
Rede von Winfried Hermann (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Plenarprotokoll 16/166
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Im
Sportausschuss, so pflegen wir zu sagen, gibt es viele
Gemeinsamkeiten. Die Sportpolitikerinnen und
Sportpolitiker haben Spaß und Freude am Sport. Deswegen gibt es
auch viele gemeinsame Vorstöße. Obwohl es viele
Gemeinsamkeiten gibt, gibt es auch Differenzen und
Unterschiede. Das ist auch gut so. Auch der Sport braucht eine
politische Debatte.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der SPD und der
FDP)
Im Sportbericht, der Anlass unserer Debatte ist, findet
man ganz am Anfang beschrieben, welche unglaublich
vielfältige Dimensionen der Sport hat. Er hat eine
soziale, eine integrative und eine leistungsfördernde
Funktion. Er spielt inzwischen auch in großen Bereichen der
Wirtschaft eine wichtige Rolle. Ich nenne beispielsweise
den Tourismus. Der gesamte Bericht spiegelt wider, wie
großartig und wie vielfältig Sport ist, wie er in dieser
Gesellschaft wahrgenommen wird und was er für sie
bedeutet. Darin sind wir uns einig.
Die Frage ist jetzt nur, ob die Politik selber diese
Vielfalt, die der Sport bietet, auch in ihren Akzenten, in dem,
was sie tut, widerspiegelt. In diesem Zusammenhang
möchte ich ein paar kritische Dinge ansprechen. Herr
Minister, Sie sagen, das Prä der Sportpolitik liege
natürlich beim Sport. Da besteht kein Dissens. Aber wenn
man sich nur an dem orientiert, was die
Sportorganisationen machen, dann läuft die Politik Gefahr, dass sie
nur darauf antwortet und keine selbstständigen
Initiativen in Gang setzt. Wir Grüne meinen, Sportpolitik muss
auch eigenständige Akzente setzen und dafür sorgen,
dass alles in den richtigen Bahnen läuft.
Ein Beispiel. Es muss skeptisch stimmen, wenn zum
Beispiel beim Landessporttag in Baden-Württemberg
der Tenor der Debatte ist: „Der DOSB nimmt den
Breitensport nicht wahr, nicht ernst“ oder wenn, wie im
Sportausschuss, die nichtolympischen Sportverbände
sagen: Wir bekommen kaum Fördermittel; alles
konzentriert sich auf den olympischen Sport. – Dazu sage ich:
Hoppla, es könnte sein, dass falsche Zeichen gesetzt
werden, dass wir bei der Konzentration auf den
Spitzensport, dessen Bedeutung durchaus nicht bestritten wird,
vergessen, dass es auch Breitensport und Sport auf Lan-
Winfried Hermanndesebene und in den Kommunen gibt. Auch dies müssen
wir in unsere sportpolitischen Überlegungen mit
einbeziehen. Unsere Forderung ist, sich mehr in diese
Bereiche hineinzudenken.
Herr Minister, meine Kolleginnen und Kollegen von
der Koalition, Sie haben die Mittel für den Spitzensport
zu Recht erhöht;
(Stephan Mayer [Altötting] [CDU/CSU]: Sehr
gut!)
denn sie waren über Jahre gedeckelt. Aber die Mittel für
Breitensportaktivitäten, für Modelle, die dort möglich
sind, sind nicht in gleicher Weise erhöht worden.
(Dr. Peter Danckert [SPD]: Sie wissen, dass
wir dafür nicht zuständig sind?)
Wir sagen eindeutig: Wir wollen auch in diesem Bereich
mehr tun.
Der Breitensport braucht eine Lobby – so der
Landessportverband Baden-Württemberg; auch andere
könnte man zitieren. Nun sagen Sie: Da haben wir doch
keine verfassungsgemäße Zuständigkeit.
Die ist in der Tat beschränkt. Aber Sie sollten in Ihrer
Argumentation konsequent sein: Die meisten von Ihnen
vertreten die Auffassung, dass Sport als Staatsziel in das
Grundgesetz aufgenommen werden soll.
Warum? Weil Sie sagen: Breitensport, Gesundheitssport,
soziale Funktionen des Sports, all das ist wichtig. Wir
wollen das im Grundgesetz verankert sehen. – Wenn
man das für richtig hält, dann muss man diese
breitensportliche Dimension aber auch in seine politischen
Überlegungen, in seine Konzeption mit einbeziehen.
Das zum Ersten.
Zum Zweiten hat der Bund natürlich in den
Bereichen Gesundheit, Prävention und Altersvorsorge jede
Menge Kompetenzen, sodass er zumindest modellhaft
Dinge anstoßen kann, damit sich sportliche
Organisationen und die Sportförderung weiterentwickeln können.
Liebe Kolleginnen und Kollegen von der Koalition,
überlegen Sie sich einmal, welche Initiativen, Gedanken,
Ideen und Modelle Sie zum Bereich des Breitensports in
den letzten zwei Jahren eingebracht haben. Dazu fällt
Ihnen nichts ein.
(Klaus Riegert [CDU/CSU]: Was fällt Ihnen
denn zu sieben Jahren Rot-Grün ein? Sagen
Sie mal, was Sie in sieben Jahren Rot-Grün
gemacht haben!)
Ich bin die Sache extra noch einmal durchgegangen. Es
ist nichts geschehen. Ich meine, moderne Sportpolitik
müsste da mehr zu bieten haben. (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Ich war vor zwei Wochen mit einer kleinen Gruppe
des Parlamentarischen Beirats für Nachhaltige
Entwicklung in Norwegen. Wir haben uns um Nachhaltigkeit
bemüht. Da ist mir etwas Interessantes begegnet: Bei jedem
Besuch eines Ministeriums fand man an der Eingangstür
ein Plakat vor: Benutze deine Beine zur Arbeit!
Durch diese Kampagne in Norwegen werden die Leute
aufgefordert, sich zu bewegen und schon morgens zur
Arbeit zu laufen oder mit dem Rad zu fahren.
– Das ist eine gute Idee. – Aber wo ist die Initiative der
Bundesregierung, auch einmal so ein Konzept
vorzulegen, dass die Politik, die Verwaltung vorbildlich zeigen:
„Wir wollen uns bewegen; wir fahren Fahrrad. Fahren
Sie mit!“?
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN –
Detlef Parr [FDP]: Die Mitarbeiter fahren
freiwillig Fahrrad! – Eberhard Gienger [CDU/
CSU]: Kollege Winfried, wir spielen jeden
Dienstag Fußball! Du kannst kommen!)
– Ich merke, einige sind erregt.
(Klaus Riegert [CDU/CSU]: Das ist nur ein
Angebot, keine Erregung!)
Kollege Gienger, der nur eine Radlrutsch hat, tut sich
schwer mit dem Radfahren; ich weiß.
Es gibt übrigens ein Ministerium, das so eine
Kampagne fördert: Das ist das Verkehrsministerium, das dafür
wirbt, mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren. Wenn man
für Bewegung in der Gesellschaft mehr tun will, dann
müsste so eine Kampagne breiter gefasst werden, dann
müssten alle mitmachen. Dann müsste das
Innenministerium ganz vorne dabei sein.
Jetzt komme ich zum Thema „Vorbereitung auf die
Olympischen Spiele in Peking“. Wir haben darüber
schon viel gesprochen. Ich will nicht in aller Breite
darüber sprechen, aber auf zwei Punkte eingehen: erstens auf
die Bekämpfung von Doping und die Voraussetzungen
dafür in China. Der Herr Minister hat gestern im
Ausschuss und auch heute gesagt, dass sich in China in
letzter Zeit einiges getan hat. Das will ich nicht bestreiten,
das ist wahr. Aber gemessen an der Zahl der Menschen
in China, die Leistungssport treiben, sind 8 000 Proben
pro Jahr – das sind etwa doppelt so viele wie in
Deutschland – eine sehr bescheidene Maßnahme und viel zu
wenig. Wir wissen, dass es in China viele Labors und jede
Menge Eliteschulen und Fördereinrichtungen gibt, die in
dieses Kontrollsystem noch nicht eingebunden sind. Es
ist unsere Aufgabe, über die internationalen
Sportorganisationen darauf hinzuwirken, dass auch in China mehr
gegen Doping getan wird.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN –
Peter Rauen [CDU/CSU]: Wieder die Welt
verbessern!)
Winfried HermannZweitens: das Thema Menschenrechte. Herr
Minister, ich habe Sie gestern bewusst gefragt: Was halten Sie
von diesem blau-grünen Bändchen mit der Aufschrift
„Sports for Human Rights“, das ich am Arm trage?
(Detlef Parr [FDP]: Pure Symbolpolitik!
Damit kommen wir nicht weiter! Das dient nur
der Befriedigung des eigenen Egos!)
– Der Kollege Parr nennt das Symbolpolitik. Für mich
ist die Frage, ob es möglich ist, sich bei den
Olympischen Spielen zu den Menschenrechten zu bekennen,
und zwar nicht propagandistisch, sondern aus
persönlicher Überzeugung heraus.
(Detlef Parr [FDP]: Albernheit! Das ist
oberflächlich! Befriedigung des eigenen Gewissens!)
Kann man so etwas tragen, um sich zu den
Menschenrechten zu bekennen, oder ist das Propaganda, die
verboten ist? Das IOC tut so, als sei so etwas verboten. Der
DOSB übernimmt diese Haltung. Der Minister erklärt,
das sei so im Sport und das müsse man so akzeptieren. –
Wir meinen, das ist inakzeptabel. Ein Bekenntnis zu
Menschenrechten muss erlaubt sein. Das ist keine
Propaganda, sondern eine pure Selbstverständlichkeit.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie der Abg. Dagmar Freitag [SPD])
Lassen Sie mich noch etwas zur Aufarbeitung des
Dopingproblems im deutschen Sport sagen. Über die
Anti-Doping-Kommission des Ministeriums, die sich
mit der Aufarbeitung beschäftigt, über den Einsatz der
Mittel wacht und prüft, ob die Verbände die Auflagen
umsetzen, haben wir Einblick in das bekommen, was wir
in Deutschland noch tun müssen. Tatsächlich hat diese
Kommission dazu beigetragen, dass in den Verbänden
aufgeräumt wurde
und dass man sich an bestimmte Regeln hält. Das ist gut
so. Aber jetzt müssen wir dranbleiben und konsequent
sein: Dort, wo Verbände diese Auflagen verletzen, darf
es keine staatliche Förderung für den Sport geben.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie der Abg. Dagmar Freitag [SPD] –
Dagmar Freitag [SPD]: Das passiert ja!)
Das passiert schon beim Deutschen Eishockey-Bund;
das ist gut so. Aber jeder andere Sportverband muss
wissen: Diese Auflagen müssen erfüllt werden. Angesichts
der Kriterien, die deutlich machen, was alles zu machen
ist, wird klar, dass viele Verbände noch etwas tun
müssen. Denen muss man signalisieren: Tut es, und zwar
schnell und sorgfältig!
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der SPD)
Ich komme zum Fall der Universität Freiburg.
Inzwischen arbeitet die Untersuchungskommission in Baden-
Württemberg die Verstrickungen und Finanzierungen
von Doping an der Universität in Freiburg auf. Aber
diese Aufarbeitung betrifft auch den Bund, weil auch
Bundestrainer im Einsatz waren und Bundesmittel ge-flossen sind. Deswegen sind wir vonseiten des Bundes in
der Pflicht, nachzuschauen, was schiefgelaufen ist und
welche Konsequenz zu ziehen ist. Dabei werden wir Sie
unterstützen.
Ich komme zum Schluss. Was der Sport braucht, ist
nicht nur Unterstützung durch die Politik; vielmehr
braucht er auch Anregungen und Denkanstöße. Das gilt
insbesondere dann, wenn man den Eindruck hat, dass der
Sport selbst zu sehr auf den Spitzen- und
Hochleistungssport konzentriert ist. Das ist die Aufgabe der Politik.
Wir stehen für eine breite Sportpolitik, nicht nur für eine
Breitensportpolitik. Wir wollen eine Politik, die
Bewegung und Sport in der Gesellschaft und in den
Sportverbänden fördert: an der Spitze wie in der Breite.
Vielen Dank.
Relationen
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