Rede von Dagmar Freitag (SPD) – Drucksache 16/11217
Teil von Protokoll der 193. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP ZP 3 und 4: Drucksache 16/11217 –.
Text
Rede von Dagmar Freitag (SPD) – Drucksache 16/11217
Frau Präsidentin! Verehrte Kolleginnen und
Kollegen! Wie wichtig Sport ist, haben wir heute schon
gehört: Sport tut gut! Dem braucht man eigentlich nicht
viel hinzuzufügen. Ich will nur einige Stichpunkte
aufgreifen.
Ich denke, es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass es
Ziel aller im Sport Verantwortung Tragender sein muss,
die Menschen zu einem lebenslangen Sporttreiben zu
bewegen. Das bedeutet natürlich auch, dass der Sport so
organisiert sein muss, dass möglichst alle
gesellschaftlichen Gruppen ihren jeweiligen Bedürfnissen
entsprechend angesprochen werden.
Dafür – ich glaube, das hat jeder verstanden – müssen
wir die Menschen in ihren jeweiligen Lebenswelten
erreichen.
Eine solche Lebenswelt ist natürlich auch die Schule.
Der Schule kommt aus meiner Sicht nach wie vor eine
zentrale Bedeutung dabei zu, Kindern und Jugendlichen
klarzumachen, wie wichtig Sport ist.
In den Schulen erreichen wir – das ist bekannt –
ausnahmslos alle Kinder, behinderte wie nichtbehinderte.
Die Erfahrungen, die Kinder im Sportunterricht und in
anderen schulischen Bewegungsangeboten machen,
prägen die weitere Entwicklung ganz maßgeblich. Dannwird die Frage entschieden: Wird man Sport als
unverzichtbaren Teil seines persönlichen Lebensstils
akzeptieren, oder wird man zum Bewegungsmuffel mit all den
gesundheitlichen Problemen, die angesprochen worden
sind?
Im Idealfall gelingt es, Kinder über attraktive
Angebote in den Schulen zum Verein zu bringen. In den
Vereinen sind sie nämlich bestens aufgehoben.
Ich möchte hinzufügen: An dieser Stelle leisten unsere
Vereine einen unverzichtbaren gesellschaftspolitischen
Beitrag.
Lieber Kollege Mayer, Sie haben auf die
gesundheitlichen Segnungen des Sporttreibens hingewiesen. Ich
teile allerdings die Enttäuschung des Deutschen
Olympischen Sportbundes darüber, dass es uns bislang nicht
gelungen ist, uns mit Ihnen, also unserem
Koalitionspartner, auf ein Präventionsgesetz zu einigen.
(Beifall bei der SPD und beim BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN – Detlef Parr [FDP]: Zum
Gesundheitsfonds noch einmal Umverteilung!)
– Das Umverteilen hatten wir doch schon, lieber Kollege
Parr. Damit waren wir doch für heute fertig.
Lassen Sie mich stattdessen einen Blick über die
Landesgrenzen hinaus werfen. Für meine Fraktion haben die
Maßnahmen des Auswärtigen Amtes – ich denke
beispielhaft an die Kurz- und Langzeitprojekte in Ländern
der Dritten Welt – eine ganz enorme Bedeutung. Durch
die Arbeit unserer Experten werden grundlegende
Kenntnisse und Fertigkeiten vermittelt. Wie groß die
Wertschätzung und die Erfolge dieser Arbeit sind, wird
an zwei Beispielen deutlich.
So erklärte der Präsident des Olympischen Komitees
von Vietnam Deutschland ausdrücklich zum Vorbild
seines Landes auf dem Gebiet der Sportorganisation.
Außerdem machten die Gespräche die Bedeutung der vom
Auswärtigen Amt finanziell unterstützten Trainerschule
in Mainz deutlich. So sind in Indonesien zwei
Vizepräsidenten des dortigen Leichtathletikverbandes und ein
Vizepräsident des NOK Absolventen der Trainerschule in
Mainz.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der
CDU/CSU)
Das heißt, in den Spitzenpositionen des organisierten
Sports in diesen Ländern finden wir in Deutschland
ausgebildete Fachleute. Ich denke, das ist gut investiertes
Geld.
Herr Kollege Hermann, anders als in Ihrem Antrag
behauptet, gehen diese Maßnahmen also weit über reine
Sympathiewerbung für Deutschland hinaus. Gestatten
Sie mir die Anmerkung: Sie betrachten das Ganze etwas
eindimensional.
(Klaus Riegert [CDU/CSU]: Nicht nur an
dieser Stelle!)
Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir haben viel über
die positiven Wirkungen des Sports gesprochen. Wir
müssen an dieser Stelle aber auch über die
Schattenseiten reden. Wettskandale, gewalttätige Ausschreitungen
und natürlich auch die Dopingproblematik erschüttern
den Sport in seinen Grundfesten.
Wir müssen feststellen, dass Teile des organisierten
Sports auch im Jahr 2008 noch nicht begriffen haben,
dass sie verpflichtet sind – und dass dies kein Hobby ist –,
den Kampf gegen Doping ernst zu nehmen.
(Beifall bei der SPD, der CDU/CSU und dem
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Der Fall Busch ist mehrfach angesprochen worden.
Gestern hat das Schiedsgericht des Deutschen
Olympischen Sportbundes den Schiedsspruch gesprochen:
Keine Sperre! Keine Sperre für einen Sportler, der nach
dem NADA-Code wegen der vorsätzlichen
Verweigerung einer Dopingkontrolle mit einer zweijährigen
Sperre hätte sanktioniert werden müssen. Der Grund
dafür ist ein Formfehler.
Der Deutsche Eishockey-Bund war noch zu Beginn
des Jahres 2008 nicht in der Lage oder – was
wahrscheinlicher ist – sah keine Notwendigkeit, den NADA-
Code in seine Satzung aufzunehmen und entsprechende
Vereinbarungen mit den Spielern zu treffen. Nur zur
Erinnerung: Der derzeit gültige NADA-Code existiert
bereits seit dem Jahr 2006. Das sollte man sich auf der
Zunge zergehen lassen.
Wenn wir solch ein Verhalten eines Verbandes
sozusagen als Blaupause für andere Verbände durchgehen
lassen, können wir mit der Dopingbekämpfung Schluss
machen.
Herr Dr. Bergner, ich fordere das BMI auf, unverzüglich
die Urteilsbegründung einer rechtlichen Würdigung zu
unterziehen und den Sportausschuss über die
Konsequenzen für den Deutschen Eishockey-Bund zu
unterrichten.
(Winfried Hermann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Und die Förderung! Unser Geld, die
Steuermittel!)
– Bleiben Sie ganz entspannt, Herr Kollege Hermann, zu
Ihnen komme ich nämlich noch.
(Heiterkeit bei Abgeordneten der SPD, der
CDU/CSU und der FDP)
Wenn zutrifft, Herr Kollege Bergner, was heute in den
Medien zu lesen ist, muss es bei der verfügten Sperre der
Gelder bleiben und – ich ergänze das einmal – vielleicht
auch geprüft werden, ob eine weitere Rückzahlung von
bereits ausgezahlten Geldern angezeigt ist. Klare
Verstöße erfordern klare Konsequenzen.
(Zuruf des Abg. Winfried Hermann [BÜND-
NIS 90/DIE GRÜNEN])
– Ich habe doch gesagt, dass ich gleich zu Ihnen komme. –
Wir meinen es nämlich ernst damit. Jetzt zum Kollegen Hermann: Wir sind keine
Umfaller und erst recht keine Fensterredner, Herr Kollege
Hermann.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU
sowie des Abg. Jörg Tauss [SPD])
Gestern meinten Sie, uns schon wieder der Fensterreden
bezichtigen zu müssen, nämlich im Handelsblatt. Nun
ist es schön, wenn man schlaue Kollegen im Parlament
hat, die alles schon einen Tag vorher wissen.
Ich sage Ihnen nur eines dazu: Das sagt genau der
Richtige. Ich begründe meine Aussage gerne.
(Winfried Hermann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Da bin ich gespannt!)
Sie wollten dem Bund Deutscher Radfahrer Mittel für
2009 vorsorglich erst streichen; in einem späteren
Antrag forderten Sie, diese lieber nur zu sperren.
(Winfried Hermann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Wo Ihre Kollegen Rauen und Danckert
zugestimmt haben!)
Wann aber, Herr Kollege, erreichten Ihre Anträge die
anderen Fraktionen? Jeweils kurz vor der
Sportausschusssitzung und kommentarlos.
Wer ernsthaft – das betone ich an dieser Stelle –
Mehrheiten für seine Anträge organisieren will, zumal
wenn er der kleinsten Oppositionsfraktion angehört,
muss doch wohl anders vorgehen. Zum Beispiel sollte er
einmal mit denen reden, die die Mehrheit haben.
(Winfried Hermann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Machen Sie einen Vorstoß! Ich
unterstütze den!)
Fehlanzeige, Herr Kollege. Das nennt man dann wohl zu
Recht Schaufensterpolitik.
Zurück zum Formfehler des Deutschen Eishockey-
Bundes. In den Zuwendungsbescheiden des BMI heißt
es wörtlich:
Die Bundesförderung setzt die uneingeschränkte
aktive Mitwirkung des Bundessportfachverbandes
voraus. Hierzu gehören insbesondere die
Anerkennung und Umsetzung des NADA-Codes und die
uneingeschränkte Teilnahme am Anti-Doping-
Kontrollsystem.
Mein Kollege Danckert hat bereits darauf hingewiesen;
Kollege Hermann auch.
Wie kann es sein, dass ein Verband offensichtlich
nicht im Traum daran gedacht hat, den
unmissverständlichen Forderungen im Zuwendungsbescheid
nachzukommen, und dennoch davon ausgeht, anstandslos
Bundesmittel zu erhalten?
(Beifall des Abg. Winfried Hermann [BÜND-
NIS 90/DIE GRÜNEN] – Dr. Peter Danckert
[SPD]: Das ist eine berechtigte Frage!)
Warum lassen NADA, DOSB und BMI weiterhin die
Ausflüchte von Verbänden gelten, man würde ja gerne
alles Notwendige erledigen, müsse hierfür aber leider
den nächsten Verbandstag abwarten? Das muss man
nämlich nicht.
Die Verbände wissen seit Jahren, dass hinsichtlich der
Anti-Doping-Regelungen ständige Aktualisierungen
vonnöten sind. Es gibt Verbände, die schon vor Jahren
die Kompetenz für diese Entscheidungen einem anderen
Verbandsgremium übertragen haben, das zum Beispiel
mehrfach im Jahr tagt und keine Zusatzkosten
verursacht. Milde und Nachsicht, liebe Kolleginnen und
Kollegen, sind an dieser Stelle wirklich nicht angebracht.
(Beifall bei der SPD sowie des Abg. Winfried
Hermann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])
Meine Fraktion ist jedenfalls sehr an einer Übersicht
über den aktuellen Stand der Umsetzungen des NADA-
Codes in den Verbandssatzungen interessiert. Daher
habe ich heute eine entsprechende Anfrage an das
Bundesinnenministerium gerichtet. Auf die Antwort bin
vermutlich nicht nur ich gespannt.
(Winfried Hermann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Stimmt! Wir auch!)
Ich danke Ihnen.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU und des Abg. Winfried
Hermann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])