Rede von Winfried Hermann (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Drucksache 16/11217
Teil von Protokoll der 193. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP ZP 3 und 4: Drucksache 16/11217 –.
Text
Rede von Winfried Hermann (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Drucksache 16/11217
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Liebe
Kolleginnen und Kollegen! Kollege Parr, sitzen Sie
aufrecht, stellen Sie das Lachen ein, ein Grüner spricht!
Sie hätten einmal Ihre freundliche Miene bei Ihrer
eigenen Rede sehen sollen. Ich habe noch nie so eine traurige
Rede zum Sport gehört wie Ihre.
(Heiterkeit und Beifall beim BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN – Beifall bei Abgeordneten der
LINKEN)
Aber Spaß beiseite. Mir geht es heute um eine
ernsthafte Debatte. Ich habe mich gerade wirklich sehr über
die Reaktionen bei der Rede von Frau Lötzsch geärgert.
Man kann zwar in der Sache sehr unterschiedlicher
Meinung sein, und man kann auch Aussagen für Blödsinn
halten;
(Dr. Peter Danckert [SPD]: Da ist doch am
Thema vorbeigeredet worden! Das muss man
sich doch nicht bieten lassen!)
aber völlig unangemessen finde ich die dauernden
Zwischenrufe. Selbst wenn jemand beim Thema Sport
gesellschaftliche Themen, Kitas usw. erwähnt, finde ich es
daneben, wenn dazwischengerufen wird, was das mit der
Sache zu tun habe. Wenn wir als Sportpolitiker von den
anderen ernst genommen werden wollen, dann müssen
wir akzeptieren, dass andere sich an der Debatte
beteiligen. Nur wenn die Debatte erweitert wird, wird sie auch
ernst genommen.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
und bei der LINKEN)
Eine Sportdebatte, bei der wir uns gegenseitig auf die
Schultern klopfen und uns erzählen, dass wir tolle
Sportpolitiker sind, dass die Regierung toll ist, dass die
Opposition toll ist, dass der DOSB und auch alle anderen toll
sind und dass alles gut wird, wird niemandem helfen.
(Detlef Parr [FDP]: Haben Sie nicht zugehört,
Herr Kollege?)
– Doch; aber Sie haben gleichzeitig jede Kritik von uns
und den Linken verspottet.
Jetzt habe ich schon ziemlich viel Redezeit dafür
verwendet,
aber mir war es wichtig, das auch einmal deutlich zu
machen. Eine Debatte macht nur Sinn, wenn man auch
kritische Punkte ansprechen kann. Sie haben genügend
gelobt; dem kann ich mich anschließen. Das will ich nicht
weiter ausführen.
Ich will aber deutlich machen, was in den letzten
Jahren geschehen ist und was Sie als Koalition gemacht
haben: Sie haben den Spitzensport systematisch verbessert
und die Förderung erhöht. Parallel dazu hat der DOSB
ein strategisches Förderkonzept entwickelt, was ich
richtig finde. Das ist wirklich ein Fortschritt. Wir kritisieren
aber, dass nicht parallel dazu genauso strategisch auch
ein Gesamtkonzept für den gesamten Sport – für den
Breitensport, für den Jugendsport, für den Freizeitsport,
für den Behindertensport – entwickelt wurde. Dann
würden wir weiter vorankommen.
Das ist unser Vorschlag: Wir wollen einen
Zukunftsplan Sport 2020. Es reicht nicht aus, zu sagen: 2012 ist
wichtig – Olympische Spiele –, 2016 ist wichtig, 2018
ist wichtig. Nein, wir brauchen insgesamt eine
Perspektive für den Sport.
Es gibt eine Reihe von Fragen, die Sie bei den Reden
vorhin übrigens mit der Frage abgetan haben, was das
mit Sport zu tun hat.
Natürlich hat der demografische Wandel etwas mit
Sport zu tun, weil sich Sportvereine umstellen müssen
und weil wir andere Sportstätten brauchen. Natürlich hat
der Klimawandel etwas mit Sport zu tun, weil ganze
Regionen vielleicht keine Skiregionen mehr sein können
und sich hinsichtlich der Sportarten dann umstellen
müssen. Natürlich hat der Sport auch mehr als das, was
bisher gesagt wurde, mit Integration zu tun.
Es gibt doch offenkundig das Problem, dass durch
den Sport viele Menschen integriert werden, viele aber
eben auch nicht. Sozial wirklich Schwache gibt es in
Sportvereinen nicht. Das ist einfach auch die Wahrheit.
Nichtdeutsche, Migrantenkinder sind in manchen
Bereichen – zum Beispiel beim Fußball – ganz gut vertreten,in vielen Sportarten aber eben nicht. Also funktioniert
auch dort die Integration noch nicht.
– Da Sie so direkt fragen, Herr Kollege: zum Beispiel
beim Reiten. Ich kenne kaum Migranten in
Reitervereinen.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
und bei der LINKEN – Detlef Parr [FDP]: Sie
wählen selbst, wo sie Sport treiben wollen! –
Dr. Peter Danckert [SPD]: Dann kennen Sie
keine Reitervereine!)
Zur Finanzierung. Sie haben es abgelehnt, dass wir
über die soziale und die wirtschaftliche Krise sprechen.
Es ist aber doch völlig klar, dass der Sport, der sich in
den letzten Jahren im Wesentlichen auch auf das
Sponsoring gestützt hat, in den nächsten Jahren Probleme
bekommen wird. Man muss doch darüber nachdenken, wie
man diese Ausfälle auffangen kann. All dies sind
Fragen, die durch einen solchen Zukunftsplan Sport 2020
beantwortet werden müssen.
Zu den Konzepten des Bundes gehören
beispielsweise das Bund-Länder-Programm „Soziale Stadt“ und
der „Masterplan FahrRad“. Das alles sind Konzepte, bei
denen man vergeblich sucht, wie etwa die Vorstellung
von mehr Bewegung und mehr Sport im Alltag realisiert
werden soll.
(Dr. Peter Danckert [SPD]: Stimmt doch gar nicht!
Sie kennen das Programm gar nicht!)
– Nein, das steht dort eben nicht, sondern das wird als
Verkehrskonzept und nicht als Bewegungskonzept
gesehen. Das ist unsere Kritik.
(Klaus Riegert [CDU/CSU]: Ich würde das
einmal nachlesen! Das steht alles darin! –
Dr. Peter Danckert [SPD]: Im Bereich
„Soziale Stadt“ ist sehr viel getan worden!)
Zur internationalen Politik, Außenpolitik. Mühselig
haben wir in diesem Bereich die Förderung ein bisschen
erhöht. Gleichzeitig sind die Mittel im Bereich der
Entwicklungszusammenarbeit aber reduziert worden.
(Klaus Riegert [CDU/CSU]: Wie war denn das
bei Joschka?)
– Gerade kam ein Zwischenruf des Kollegen Riegert,
den ich jetzt doch gerne beantworten möchte. Sie sind
jetzt seit drei Jahren in der Großen Koalition. Das
einzige Argument, das Sie regelmäßig bringen, wenn wir
einen Vorschlag machen oder eine Kritik anführen, ist
Ihre Frage, was wir in sieben Jahren Regierung getan
haben.
(Klaus Riegert [CDU/CSU]: Ich habe gefragt,
wie das mit der auswärtigen Kulturpolitik bei
Joschka war!)
Erstens erinnere ich daran, dass Sie schon seit drei
Jahren in der Regierung sind, und zweitens waren wir
sieben Jahre lang nicht alleine. Sie als großer Brocken
können den anderen großen Brocken eigentlich besser
schieben. Warum haben Sie das nicht getan?
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN –
Ingrid Fischbach [CDU/CSU]: Das war aber
so was von platt!)
Ich finde, diese Ausrede zählt nicht mehr.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN –
Eberhard Gienger [CDU/CSU]: Sagst du!)
Kommen wir zum Thema Doping. Es ist keine Frage,
dass auch in diesem Bereich in den letzten Jahren viel
geschehen ist – auch dank der neuen Führung im DOSB.
Das will ich ausdrücklich anerkennen. Vieles ist aber
noch nicht so gut, wie behauptet wird – übrigens auch in
der Regierungspolitik nicht.
Als erstes Beispiel nenne ich nur einmal den
Jahresdopingbericht. Zu Beginn des Jahres hat Herr Bergner
im Sportausschuss gesagt: Bis zum 31. März 2008
müssen die Sportberichte vorliegen. Der DOSB sammelt sie
bei Fachverbänden ein; und dann werden sie öffentlich
gemacht, sodass wir darüber diskutieren können. – Bis
zum heutigen Tag liegt dieser Jahresdopingbericht nicht
vor. Wo ist er denn? Man hört nur, dass es zahlreiche
Verfehlungen gebe, weswegen er so lange im
Ministerium herumliegt. Das ist doch erstaunlich, wenn Sie
sagen, dass er eigentlich schon im März vorliegen muss
(Dr. Peter Danckert [SPD]: Ich habe ihn
gefunden!)
und dass Sie alles ganz schnell tun und vorne dabei sind.
Das sehe ich nicht.
Zweites Beispiel. Kollege Peter Danckert hat den Fall
Busch und den Deutschen Eishockey-Bund
angesprochen. Das Ärgerliche ist doch, dass einer, der
offensichtlich ein Dopingprobenflüchtling ist und nach dem
allgemeinen internationalen Reglement eigentlich bestraft
werden müsste, freigesprochen werden muss, weil sein
Verband die rechtlichen Voraussetzungen dafür nicht
geschaffen hat, da der NADA-Code nicht umgesetzt
wurde.
(Eberhard Gienger [CDU/CSU]: Das ist kein
Dopingprobenflüchtling, sondern das war
Dummheit!)
Dann frage ich mich: Wie kann es eigentlich sein, dass
weiterhin gefördert wird? Herr Bergner hat immer
gesagt: Wenn sie unsere Regeln nicht erfüllen, fördern wir
sie nicht. Das machen wir nicht im Voraus, sondern im
Nachhinein. – Erst hat er gesagt: Wir machen es
andersrum.
Jetzt hätten Sie die Gelegenheit. Warum machen Sie
es nicht? Warum bekommt dieser Verband immer noch
Geld? Meines Wissens sind es 500 000 Euro für das
Jahr 2008. Wie viel nehmen Sie davon zurück? Das
müssen Sie doch tun, wenn Sie Ihren eigenen
Ansprüchen gerecht werden wollen.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN –
Klaus Riegert [CDU/CSU]: Wenn Sie im
Ausschuss gewesen wären, wüssten Sie es!)Beispiel drei betrifft den BDR. Sie haben ihn
sozusagen rein gesprochen und waren von Scharpings
Darstellung begeistert. Sie haben vieles nicht zur Kenntnis
genommen.
(Detlef Parr [FDP]: Sie haben die Unterlagen
nicht einmal gelesen!)
Als Sie aus dem Ausschuss herauskamen, konnten Sie
nachlesen, dass es vier weitere Dopingfälle gab. Dabei
handelte es sich nicht um Profis, sondern im weitesten
Sinne um Amateure. Diese Fälle waren damals schon
bekannt. Sie haben gesagt: Es ist doch alles in Ordnung.
– Ich habe darauf bestanden, einmal genau
hinzuschauen. Ihr habt es nicht getan. Jetzt gibt es diese Fälle.
Wo ist die Konsequenz? Ihr habt immer gesagt: Wenn
die Fälle vorliegen, handeln wir. – Ihr habt sie noch nicht
einmal richtig zur Kenntnis genommen.
(Dagmar Freitag [SPD]: Das ist eine
Unverschämtheit!)
Ich möchte an diesen Beispielen zeigen: Im Sport ist
nicht alles so, wie Sie sagen. Bei der Dopingbekämpfung
in der Politik ist nicht alles gut. Wir glauben, dass hier
nach wie vor viel zu tun ist. Die Mittel für die Prävention
im Doping beispielsweise sind noch immer niedrig.
Sie waren schon unter Rot-Grün niedrig. Sie lagen
damals bei 400 000 Euro, jetzt liegen sie bei 300 000 Euro
pro Jahr. Das ist alles nicht wirklich gut. Wir sagen: Das
muss besser werden.
Sport tut Deutschland gut; das war einmal eine
Marketingkampagne. Sauberer Sport tut auch den Menschen
gut. Gute Sportpolitik tut somit auch dem Sport gut.
(Klaus Riegert [CDU/CSU]: Und grüner
Sport?)
Machen wir etwas, schaffen wir einen Zukunftsplan,
damit der Sport auch in Zukunft den Menschen guttut!
Vielen Dank.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
und bei der LINKEN)
Relationen
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