Rede von Dr. Lothar Bisky (DIE LINKE) – Plenarprotokoll 16/193
Teil von Protokoll der 193. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages.
Text
Rede von Dr. Lothar Bisky (DIE LINKE) – Plenarprotokoll 16/193
Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und
Herren! Der Europäische Rat wird eine Fülle von
Themen behandeln, die sich wechselweise durchdringen.
Wir alle wissen, dass wir komplexe Antworten
brauchen.
Aktuell befinden wir uns in der tiefsten finanziellen,
wirtschaftlichen und sozialen Krise seit Jahrzehnten.
Diese Krise betrifft die Menschen weltweit; sie
gefährdet Einkommen, soziale Sicherheit und bei den
Schwächsten gar die Existenz. Die Krise entstand aus
unverantwortlichem Handeln der politischen und
ökonomischen Eliten.
Sie ist Folge des neoliberal globalisierten Kapitalismus,
der ungezügelten Raffgier und von Finanzspekulationen.
Kurz: Sie ist die Konsequenz aus fehlender Transparenz,
zu geringer Kontrolle und mangelnder Regulierung.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, die neoliberale
Ausrichtung der Wirtschaft wurde der EU und den
europäischen Volkswirtschaften nicht von außen
aufgezwungen. Sie war politisch gewollt, und sie ist durch die
Einheitliche Europäische Akte und den Vertrag von
Maastricht durchgesetzt worden.
Im Vertrag von Lissabon sollte dies noch zementiert und
verschärft werden. Nicht einmal jetzt gehen Sie davon
ab, da offensichtlich wird, dass dies der falsche Weg ist.
Meine Damen und Herren, wir lehnen diesen Weg ab,
denn unser Nein zum Vertrag von Lissabon ist von
unseren proeuropäischen Hoffnungen getragen. Die Linke
will eine andere Politik. Sie will ein besseres Europa, das
auf wirtschaftlichem und sozialem Fortschritt beruht und
in dessen Mittelpunkt die Bürgerinnen und Bürger
stehen.
Wir Linken kämpfen für den Ausbau und die
Wiederherstellung sozialer Errungenschaften. Wir wollen eine
Politik der Solidarität und Zusammenarbeit, die auf
Vollbeschäftigung und einen vernünftigen Umgang mit der
Natur zielt.
Insofern halte ich es für richtig, dass die
Bundeskanzlerin dem Klimaschutz in ihrer Rede einen ihm
gebührenden Platz einräumt, wiewohl wir seit langem keinen
Mangel an Absichtserklärungen haben, allerdings an
entsprechenden Ergebnissen.
Die Vorschläge der EU-Kommission und der
Mitgliedstaaten zur Überwindung der Finanz- und
Wirtschaftskrise greifen zu kurz: Ein Finanzsystem, das nur
mit massiven staatlichen Bürgschaften wieder
flottgemacht werden kann, gehört dauerhaft unter öffentliche
Kontrolle.
Die Konjunkturprogramme von Bundesregierung und
EU-Kommission sind zu gering ausgestattet. So kann die
aktuelle Krise nicht wirksam bekämpft werden. Es ist
richtig, Opel zu helfen, aber es gilt, zu verhindern, dass
das Geld der Steuerzahlerinnen und Steuerzahler für
CO2-Killer-Autos verwendet wird und an den
Mutterkonzern General Motors fließt.
Eine Schlussfolgerung wäre die Aufhebung des Verbotes
von Kapitalverkehrskontrollen in der EU.
(Beifall des Abg. Dr. Diether Dehm [DIE
LINKE])
Die EU-Kommission hat angekündigt,
Hilfsmaßnahmen zur Rettung von Arbeitsplätzen zu erleichtern und
die Regeln für staatliche Beihilfen zu lockern – wir
unterstützen das –, das reicht aber nicht. Die
Genehmigungspflicht bei Subventionen im Rahmen einer
Konjunktur- und Strukturpolitik muss infrage gestellt
werden. Überdies brauchen wir ein besseres EU-Recht
zur Auftragsvergabe.
Es ist höchste Zeit, dass die Europäische Zentralbank zu
einer wirtschaftspolitischen Zielorientierung verpflichtet
wird und die Daseinsvorsorge vom Deregulierungs- und
Privatisierungsdruck befreit wird.
Dazu muss das EU-Vertragsrecht geändert werden. Hier
initiativ zu werden, stünde der Bundesregierung gut zu
Gesicht.
Frau Bundeskanzlerin, Sie haben auf den
transatlantischen Gipfel zwischen den USA und der EU
hingewiesen. Wir würden es begrüßen, wenn in diesem
Zusammenhang vereinbart würde, dass auf die US-Basen im
System des geplanten Raketenabwehrschildes in Polen
und der Tschechischen Republik gänzlich verzichtet
wird;
denn sie bringen nicht mehr Sicherheit, aber gewiss
mehr Aufrüstung, und sie bergen die Gefahr einer neuen
Spaltung Europas in sich.
Wir Linke wollen die neoliberale und auf
Militärinterventionen ausgerichtete EU-Politik stoppen. Nur wenn
das gelingt, wird die europäische Integration zu einem
sozialen und friedenssichernden Europa führen, zu
einem Europa, zu dem die Menschen Ja sagen. Nur wenn
die Menschen dieses Europa bejahen, wird es auf Dauer
von Bestand sein.Ich danke Ihnen.