Rede von Dr. Sascha Raabe (SPD) – Hübinger, Dr. Christian Ruck, Dr. Wolf Bauer,
Teil von Protokoll der 166. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP ZP 4: Hübinger, Dr. Christian Ruck, Dr. Wolf Bauer,.
Text
Rede von Dr. Sascha Raabe (SPD) – Hübinger, Dr. Christian Ruck, Dr. Wolf Bauer,
Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Kolleginnen
und Kollegen! Wir haben die vorliegenden Anträge vor
einigen Wochen in erster Lesung diskutiert. In unserem
Koalitionsantrag haben wir einige Anregungen und
Wünsche in Richtung Bundesregierung – an der Spitze
die Bundeskanzlerin – formuliert, die wir heute
nachträglich beschließen. Der Lateinamerika-Gipfel hat ja in
der Zwischenzeit stattgefunden. Als Augenzeuge dieser
Reise – ich durfte die Kanzlerin für die SPD-Fraktion
auf dieser Reise begleiten – kann ich Ihnen sagen, dass
sie die wesentlichen Punkte, die wir in dem Antrag der
Koalition vereinbart hatten, bei ihren Gesprächen in
allen vier Ländern und auf dem Gipfel angesprochen hat.
Wir haben in unserem Antrag eine Vertiefung der
Beziehungen zwischen der Europäischen Union und
Lateinamerika nicht nur allgemein gefordert, sondern das
auch mit ein paar konkreten Inhalten gefüllt. Zum
Beispiel muss der Umwelt- und Ressourcenschutz auch
dazu führen, dass das Erbe, das wir unserer
nachfolgenden Generation, den Kindern, im Bereich der
biologischen Vielfalt hinterlassen – dazu hat kurz danach die
Konferenz in Bonn stattgefunden –, wirkungsvoll
geschützt wird. Das geht natürlich nicht, wenn wir den
Entwicklungsländern und unseren lateinamerikanischen
Partnern – zum Beispiel Brasilien oder Ecuador, wo es
große Regenwaldflächen gibt – nur mit dem moralischen
Zeigefinger sagen: Ihr müsst euren Wald schützen. –
Natürlich müssen diese Länder ihre Verantwortung
wahrnehmen. Aber unsere Bundeskanzlerin hat sich im Sinne
unseres Antrags dazu bekannt, dass Deutschland
weiterhin und verstärkt seinen finanziellen Beitrag dazu leisten
wird, dass diese Wälder geschützt werden und dass die
lokale Bevölkerung, die um diese Wälder lebt, und die
indigene Bevölkerung, die in diesen Wäldern lebt, Ein-
Dr. Sascha Raabekommensalternativen erhalten, wenn sie keine Wälder
roden.
Wir haben schon vor vielen Jahren in Brasilien – das
war die erste Station der Reise – das PPG-7-Projekt
gestartet, um den amazonischen Regenwald zu schützen.
Mittlerweile sagt man in Brasilien oft – das habe ich vor
Ort gehört –: Das ist eigentlich das PPG-1-Projekt, weil
Deutschland der einzige Geldgeber ist, der dieses
Projekt noch wirkungsvoll unterstützt. Deshalb hat man in
Brasilien einen großen Respekt und eine große
Anerkennung dafür, was wir im Bereich des Tropenwaldschutzes
leisten.
Vor dem Gespräch, das die Kanzlerin mit dem
ecuadorianischen Präsidenten Correa geführt hat, hatte ich
Gelegenheit, mit ihr über den Vorschlag der
ecuadorianischen Regierung zu sprechen, dass wir in einem
besonders wertvollen Abschnitt des Amazonas, in dem die
höchste Biodiversitätsdichte der Welt herrscht, in dem
also die meisten Pflanzen- und Tierarten vorkommen –
abgekürzt: im ITT-Gebiet; eine Parlamentarierdelegation
hat sich dies zuvor auf einer Reise in das
Amazonasgebiet angeschaut –, helfen. Denn unter dem Boden dieses
Gebietes liegen die größten Erdölreserven Ecuadors.
Ecuador ist ein armes Land; es kann nicht ohne
Weiteres auf solche Einnahmen verzichten. Denken Sie
daran, welche hohen Erdölpreise wir gerade haben. Da
gäbe es viel zu gewinnen, was dieses Land für
Infrastruktur, Bildung, Gesundheit und die
Armutsbekämpfung einsetzen könnte. Deswegen hat Ecuador gesagt:
Wir erkennen unseren Teil der Verantwortung an. Wir
verzichten auf die Hälfte der möglichen Einnahmen aus
der Erdölförderung, wenn die Weltgemeinschaft die
zweite Hälfte kompensiert und wir dieses Geld für die
Bevölkerung vor Ort nehmen können, damit sie sich
andere Einkunftsquellen erschließen kann.
Auch das hat die Kanzlerin in einem Gespräch mit
Correa unterstützt. Wir von der Koalition werden
gemeinsam mit den Grünen dazu einen Antrag in den
Bundestag einbringen, in dem zum Ausdruck gebracht wird,
dass wir dieses Projekt unterstützen wollen.
Die Kanzlerin hat auch beim Thema Biokraftstoffe
das, was wir in unserem Antrag beschrieben haben und
auch in vielen anderen Papieren zu lesen ist, sehr
differenziert und positiv rübergebracht: Biokraftstoffe, zum
Beispiel aus Zuckerrohr gewonnenes Ethanol, können
und dürfen nur dann nach Europa eingeführt werden,
wenn sie aus nachweislich zertifiziertem Anbau
stammen. Es darf also weder zu ökologischen
Beeinträchtigungen – auch nicht zu indirekten Beeinträchtigungen,
die sich daraus ergeben, dass der Sojaanbau auf
Regenwaldflächen verlagert wird – noch zu einer Konkurrenz
zur Nahrungsmittelproduktion kommen; denn auch die
Ernährungssicherheit ist uns wichtig.
Die Kanzlerin hat in Brasilien im Sinne unseres
Antrages durchaus den richtigen Ton getroffen. Es ist
bekannt, dass Präsident Lula in der Produktion von
Biokraftstoffen große Chancen sieht. Es ist berechtigt, dass
er diese Chancen wahrnehmen will. Er hat aber schon
die Botschaft verstanden, die wir vom deutschen Parla-ment über unsere Bundeskanzlerin ausgesandt haben:
Wir wollen darauf achten, dass die ökologischen und
sozialen Kriterien gewahrt bleiben.
Apropos soziale Kriterien: Gerade in Lateinamerika,
auf einem Kontinent, der hohe wirtschaftliche
Wachstumsraten verzeichnet – in den letzten Jahren lag die
Wachstumsrate in den meisten Ländern bei 7 bis 8
Prozent; davon können wir nur träumen –, ist es ganz
wichtig, dass das Problem der Verteilungsungerechtigkeit
gelöst wird. Auf keinem anderen Kontinent gibt es eine
solch starke Ungleichverteilung zwischen Arm und
Reich. Hier konnten wir, die deutsche Delegation, im
Gespräch mit den Unternehmern immer wieder deutlich
machen, dass wir in Lateinamerika eine soziale
Marktwirtschaft fördern wollen. Das bedeutet, dass die oberen
Schichten durch eine gerechte Besteuerung ihrer
Verantwortung gerecht werden müssen, damit soziale
Sicherungssysteme aufgebaut werden können. Sonst entsteht
dort – auch das konnten wir rüberbringen – ein
explosiver Sprengstoff, der für den Kontinent nicht gut ist.
In einigen Zeitungen und von einigen kritischen
NGOs wurde beklagt, dass auf dem Gipfel, was
Dokumente anbelangt, keine riesigen Ergebnisse erzielt
wurden. Ich glaube, internationale Gipfel haben das an sich.
Es ist aber wichtig, dass eine Annäherung zwischen
Europa und Lateinamerika in Freundschaft erreicht wurde
und dass die Themen richtig besetzt wurden. Jetzt liegt
es an uns Parlamentariern in Deutschland, in Europa und
in unseren lateinamerikanischen Partnerländern, die
benannten Themen mit Leben zu erfüllen und konkrete
Ziele zu erreichen, sei es durch Wirtschaftsabkommen
mit Lateinamerika, durch verschiedene
Assoziierungsabkommen, oder sei es – das würde Europa und
Lateinamerika sicherlich helfen – durch einen Durchbruch in
der WTO-Runde.
Ich möchte ein paar Sätze zur letzten Station unserer
Reise, zu Kolumbien, äußern. In erster Lesung haben wir
sehr emotional über Kolumbien diskutiert. Auf der einen
Seite erkennen wir dort, was die Sicherheit angeht, große
Fortschritte. Die Journalisten und die
Wirtschaftsdelegation konnten sich davon überzeugen, dass sich viele
Verbesserungen ergeben haben: Die Zahl der Morde und der
Entführungen sowie das Ausmaß des Terrors sind
zurückgegangen.
Die größte dort verbliebene Terrororganisation ist die
FARC. Sie hält weiterhin viele Geiseln gefangen, und
zwar unter schlimmen Bedingungen. Vor einigen
Wochen konnten wir in den Medien von einem
Computerfund der kolumbianischen Regierung lesen. In der
letzten Debatte wurde die Frage gestellt, ob die Daten echt
sind oder ob der Computer manipuliert wurde.
Mittlerweile wissen wir: Diese Computer sind nicht manipuliert
worden.
Bei der Auswertung der Daten auf diesem Computer
wurden erschreckende Erkenntnisse gewonnen: Die
venezolanische Regierung mit Präsident Chávez hat der
FARC, einer Terrororganisation, Geld und Waffen
angeboten. Zugleich ließ sich Chávez anlässlich der
Vermittlung einer möglichen Geiselfreilassung als
Friedensengel feiern. Es ist der Gipfel der Heuchelei, die
Dr. Sascha RaabeGeiselnehmer zu unterstützen und dann zu sagen, die
Geiseln sollten befreit werden.
Im Spiegel konnten wir über einen Kollegen im
Parlament, Wolfgang Gehrcke von der Linkspartei – er wird
hier noch reden –, lesen, dass er sich laut der Daten auf
diesem Computer im Jahr 2005 mit dem Sohn des
Terroristenführers getroffen hat, um konkret über eine
Unterstützung und über Strategien zu verhandeln, wie die
Linkspartei/PDS die Terrororganisation FARC
unterstützen kann.
(Wolfgang Gehrcke [DIE LINKE]: Das stand
noch nicht einmal im Spiegel!)
Das Ergebnis war: Herr Gehrcke hat von sich aus dem
Sohn des Terroristenführers angeboten, darauf
hinzuwirken, dass die FARC von der Terrorliste der EU
gestrichen wird.
Das hat die Linke gleich hier im Parlament umgesetzt;
ein entsprechender Antrag wurde dem Parlament
vorgelegt.
Herr Gehrcke, ich muss sagen: Das ist unter
Demokraten ein wirklich erschreckender Vorgang.
(Beifall bei der SPD, der CDU/CSU, der FDP
und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Es war wirklich erschreckend, dass Sie in der letzten
Parlamentssitzung tränenrührig gesagt haben: „Liebe
Freunde von der FARC“ – na ja, das haben Sie nicht
gesagt –, „ich gebe euch einen sozialistischen Rat: Lasst
die Geiseln frei!“, Sie aber gleichzeitig die FARC
verharmlosen und sagen, dass Sie die FARC von der
Terrorliste nehmen wollen. Sie sagen immer, dass man mit den
Leuten verhandeln muss. Man muss aber sehen, dass
man hier im Grunde in einer Erpressungssituation
verhandelt. Wenn ein Entführer eine Pistole an den Kopfdes Entführten hält, dann kann die Polizei in dem Moment
nur verhandeln und sagen: Bevor du ihn erschießt …
Wie Sie das darstellen, klingt das so, als wollten Sie
die FARC zu einer sozialen Bewegung machen, mit
deren Vertretern man auf Augenhöhe verhandeln kann, um
soziale Probleme zu lösen. Sie wollen die FARC nicht
kriminalisieren. Die FARC muss aber kriminalisiert
werden, weil das eine Mörder- und Terroristenbande ist, die
Massaker verursacht und Leid über die Zivilbevölkerung
gebracht hat.