Rede von Dr. Herbert Schui (DIE LINKE) – Drucksache 16/2520
Teil von Protokoll der 73. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 6: Drucksache 16/2520 –.
Text
Rede von Dr. Herbert Schui (DIE LINKE) – Drucksache 16/2520
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Der
Zweck der höheren Mehrwertsteuer soll sein, zu
ausgeglichenen Haushalten zu kommen. Gegen eine
Haushaltskonsolidierung ist an sich ja gar nichts
einzuwenden, nur das Mittel taugt nichts.
Die Defizite und die zu niedrigen Steuereinnahmen
sind im Wesentlichen eine Folge der anhaltenden
Senkung der Besteuerung von Gewinn- und
Vermögenseinkommen. Als grober Anhaltspunkt kann gelten: Im
Jahre 1960 hat die Steuerbelastung dieser Einkommen in
Westdeutschland 20 Prozent betragen. Bis 1980 ist diese
auf 15 Prozent abgefallen. Im darauf folgenden
Jahrzehnt, bis zur deutschen Vereinigung, ist sie auf rund
8 Prozent gesunken, und gegenwärtig haben wir gerade
einmal 6 Prozent.
Wie Sie wissen, hat sich das Wachstum des
Bruttoinlandprodukts in derselben Periode verringert. An
diesem Trend ändert auch das gegenwärtige Wachstum von
2,4 Prozent nichts. Die Investitionskonjunktur wird im
kommenden Jahr abflachen; ebenfalls wird sich das
Wachstum der Exporte verlangsamen. Wen wollen Sie
vor diesem Hintergrund noch davon überzeugen, dass
weniger Gewinnsteuern zu mehr Wachstum und zu mehr
Beschäftigung führen?
Reden Sie sich nicht mit der Globalisierung heraus,
die wie eine biblische Plage über uns gekommen sei.
Vielmehr ist diese Form der Globalisierung das Ergebnis
von Politik.
Gerechtfertigt haben Sie diese Politik mit dem
Versprechen von mehr Wohlstand. Den aber haben wirnicht. Nachdem nun nichts daraus geworden ist, drehen
Sie das Argument um. Nun sind es auf einmal fremde
Völkerschaften, die unseren Lebensstandard bedrohen,
weil sie billiger arbeiten. Wenn sich die Vorstellung,
mehr Lohn besonders für gering Qualifizierte sei wegen
der Auslandskonkurrenz nicht möglich, endgültig im
allgemeinen Bewusstsein eingefressen hat, dann werden
erste Plakate mit der Losung „Das Ausland ist unser
Unglück“ nicht auf sich warten lassen.
Die höhere Mehrwertsteuer wird die wirtschaftliche
Lage der großen Mehrheit der Bevölkerung weiter
verschlechtern. Der Wachstumsverlust wird je nach
Schätzung 0,7 bis 1,0 Prozent betragen. Dieser
Wachstumsverlust als Folge der Mehrwertsteuererhöhung wird so
lange anhalten, wie aus Gründen der Konsolidierung des
Haushalts die projektierten Staatsausgaben langsamer
ansteigen als das geschätzte Wirtschaftswachstum.
Bekanntlich sollen die Ausgaben des Bundes laut
Finanzplanung bis 2010 im Durchschnitt nominal um rund
1,3 Prozent jährlich wachsen, das Bruttoinlandsprodukt
dagegen um durchschnittlich 2,5 Prozent. Für diesen
ganzen Zeitraum also entzieht die hohe Mehrwertsteuer
anhaltend dem privaten Sektor Kaufkraft, ohne dass der
Staat entsprechend mehr ausgeben würde.
Gibt es eine Alternative für die Konsolidierung?
Ohne Zweifel ja. Die Gewinn- und
Vermögenseinkommen, die hohen Vermögen und Erbschaften müssen
wieder stärker besteuert werden. Damit es sich einprägt:
Allein die Steuerbelastung der Gewinn- und
Vermögenseinkommen ist seit 1960 – Westdeutschland – von
20 Prozent auf jetzt – Gesamtdeutschland – 6 Prozent
gesunken.
Würde sich die Koalition entschließen können, diesen
Steuersatz auch nur etwas anzuheben, dann gäbe es
genug Staatseinnahmen, um die Kreditaufnahme zu
mindern.
(Beifall bei der LINKEN – Dr. Volker Wissing
[FDP]: Und noch mehr Arbeitslose, Herr
Kollege!)
– Darauf kommen wir gleich. – Im Jahr 2005 beträgt das
Unternehmens- und Vermögenseinkommen vor Steuern
555 Milliarden Euro, 2002 waren es 452 Milliarden
Euro; in kurzer Zeit eine Steigerung um 100 Milliarden
Euro. Jeder Prozentpunkt mehr Steuern auf dieses
Einkommen bringt 5,5 Milliarden Euro. Das ist das
Alphabet, nach dem soziale Gerechtigkeit und
Steuergerechtigkeit buchstabiert wird.
Glauben Sie denn wirklich, dass Unternehmen
massenhaft aus Deutschland flüchten, wenn das
Unternehmens- und Vermögenseinkommen um zusätzliche 4
Prozentpunkte – das wären 22 Milliarden Euro – besteuert
würde? Beachten Sie das Beispiel Schweden, das gerne
auch von Ihnen zitiert wird. Dort beträgt die Staatsquote
57,1 Prozent, in Deutschland dagegen sind es 45,7
Prozent. Die schwedische Wirtschaft wächst heuer um real
4 Prozent, die deutsche um 2,4 Prozent. Im Globalisie-
Dr. Herbert Schuirungsindex, den „Foreign Policy“ in seiner
Dezemberausgabe erneut ausgewiesen hat, belegt Schweden den
Rang 19, Deutschland dagegen nur den Rang 41.
Schweden ist also international viel mehr eingebunden als
Deutschland. Sein höheres Wachstum und seine
niedrigere Arbeitslosigkeit stammen nicht von niedrigeren
Löhnen und Gewinnsteuern und nicht von einer
geringeren Staatsquote. Wenn aber Schweden noch auf der
Landkarte ist und trotz seiner hohen Einbindung in die
Globalisierung ökonomisch die besseren Erfolge hat,
warum sollen wir in Deutschland nicht dasselbe wagen?
Wandern die Unternehmen einfach ab, wenn sie
wieder höhere Steuern zahlen müssen? Finanzminister
Steinbrück behauptet das in einem „Spiegel“-Interview.
Ich will mich gerne auf Ihre Überlegungen einlassen.
Die höhere Mehrwertsteuer kostet ein Wachstum von
0,7 bis 1 Prozent. Welcher Wachstumsverlust wäre denn
tatsächlich durch Abwanderung von Unternehmen
eingetreten, wenn Ihr theoretischer Ansatz überhaupt
richtig wäre? Mehr oder weniger als bei einer höheren
Mehrwertsteuer? Haben Sie das je durchgerechnet,
bevor Sie darangegangen sind, die Mehrwertsteuer zu
erhöhen?
(Lydia Westrich [SPD]: Ja, klar! – Zuruf von
der FDP: Natürlich nicht!)
Selbst wenn der Verlust an Wachstum und
Arbeitsplätzen genauso groß wäre – wenigstens wäre das
verfügbare Realeinkommen der Lohnbezieher nicht um die
Belastung durch die Mehrwertsteuer gesenkt worden.
Dies ist umso fataler, als beispielsweise die
Einkommen der Arbeitnehmerhaushalte von 1991 bis 2005 real
um 10 Prozent gesunken sind. Müssen eigentlich immer
die Arbeitnehmer zahlen, wenn die Staatshaushalte
konsolidiert werden?
Oder haben Sie sich schon einmal durch den Kopf gehen
lassen, dass das vielleicht auch die Aufgabe von
Gewinn- und Vermögenseinkommensbeziehern sein
müsste?
Es bleibt nur ein vernünftiger Weg: Die
Mehrwertsteuererhöhung ist zurückzunehmen. In diesem Punkt
hat die FDP Recht. Allerdings darf der Arbeitsmarkt
nicht weiter dereguliert und der Unternehmeranteil an
der Finanzierung der sozialen Sicherheit nicht weiter
abgesenkt werden. Dieser Vorschlag der FDP ist
abzulehnen.