Rede von Hans-Josef Fell (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Drucksachen 16/8148, 16/8393
Teil von Protokoll der 167. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP ZP 6 und 7: Drucksachen 16/8148, 16/8393 –.
Text
Rede von Hans-Josef Fell (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Drucksachen 16/8148, 16/8393
Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und
Herren! Die vollständige Umstellung der weltweiten
Energieversorgung auf erneuerbare Energien ist die
entscheidende Lösung, um das Klima zu schützen sowieder Menschheit eine sichere, bezahlbare und
umweltfreundliche Energiequelle zu geben. Die Sonne schickt
uns noch 5 Milliarden Jahre lang jährlich viel mehr
Energie, als die Menschheit braucht. Eine industrielle
Technikrevolution für erneuerbare Energien gehört
damit zu den Überlebensstrategien der Menschheit.
Die ganze Welt schaut staunend auf Deutschland, wo
sich in kürzester Zeit eine von vielen Zweiflern niemals
für möglich gehaltene industrielle Entwicklung für
Solarzellen, Windkraft und Biogas entwickelt hat. Viele
neue Fabriken und Hunderttausende Arbeitsplätze
wuchsen und wachsen gleichzeitig mit dem Sinken von CO2-
Emissionen und dem Purzeln der Preise für erneuerbare
Energien.
Ursache ist das Erneuerbare-Energien-Gesetz,
welches auf Betreiben der Grünen im Jahr 2000 von der
rotgrünen Bundestagsmehrheit mit großem Mut
durchgesetzt wurde.
Der Weitblick der damals verantwortlichen
Abgeordneten wurde lange belächelt und bekämpft – bis heute von
den Liberalen und bis 2005 auch von der Union. So
wurde die damalige forschungspolitische Sprecherin der
Union, Frau Reiche, im August 2005 im Technology
Review mit der Aussage zitiert:
Finden Sie es nicht seltsam, dass das Erneuerbare-
Energien-Gesetz die Stromkonzerne zwingt,
bestimmte Arten von Strom abzunehmen, die
eigentlich nicht wettbewerbsfähig sind? Ich kann darin
keinen volkswirtschaftlichen Nutzen erkennen.
Es ist gut, dass Frau Reiche und mit ihr die
Unionsfraktion ihre Meinung zum Erneuerbare-Energien-Gesetz
geändert haben.
(Dr. Maria Flachsbarth [CDU/CSU]: Das
Stromeinspeisegesetz ist eine Erfindung der
Union, Herr Fell!)
Das resultiert jedoch aus dem nicht mehr zu
übersehenden volkswirtschaftlichen Nutzen und basiert eben nicht
auf Weitblick.
Offensichtlich werden Ihre Visionslosigkeit und Ihr
fehlender Weitblick bei dem heute vorliegenden
Erneuerbare-Energien-Wärmegesetz. Sie behaupten, mit dem
Gesetz die CO2-Emissionen reduzieren zu wollen. Doch
das ist mit Ihrem Gesetz faktisch unmöglich; denn der
gesamte heutige Gebäudebestand wird von der
Baupflicht nicht erfasst. Aber nur dort gibt es heute
Emissionen aus Wärmenutzung und nicht bei Neubauten, weil
diese noch gar nicht stehen. Nun gilt Ihre Baupflicht
aber nur für Neubauten. Wie wollen Sie denn
Emissionen verringern, die es heute noch gar nicht gibt?
Ihr Wärmegesetz ist ein Torso und passt zu Ihrem
Versagen bei vielen anderen Punkten im Klimaschutzpaket.
In der heute vorliegenden Novelle des Erneuerbare-
Energien-Gesetzes gibt es durchaus viel Licht. Sie bietet
viel Grund zur Hoffnung für die Branche der erneuerba-
Hans-Josef Fellren Energien. Aber auch gravierende Fehlentwicklungen
sind bereits abzusehen. Wir werden uns deshalb der
Stimme enthalten.
Wir bedauern sehr, dass Sie mit einer wichtigen
Tradition in diesem Hohen Hause gebrochen haben: Vor
jeder EEG-Novelle hat Rot-Grün in Verhandlungsrunden
versucht, die Zustimmung der damaligen
Oppositionsfraktionen zu erreichen. Die Machtpolitik der Großen
Koalition hat das verhindert, sicherlich, weil Sie manche
der im EEG vorgesehenen drastischen
Verschlechterungen nicht vorher kundtun wollten.
Wir begrüßen die deutlichen Verbesserungen bei der
Windkraft an Land und auf See. Wir vermissen aber
einen eigenen Vergütungssatz für Kleinwindanlagen. Wir
begrüßen die Verbesserungen bei der Geothermie,
vermissen aber solche bei den Meeresenergien. Wir
begrüßen die Besserstellung bei Biogas und hoffen sehr, dass
damit viele Anlagenhersteller und Biogasproduzenten
vor dem Konkurs bewahrt werden können. In diese
Notlage kam die Biogasbranche, weil die Große Koalition
nicht schnell genug auf Markteinbrüche reagierte. Wir
vermissen ganz besonders eine Stärkung der
Nachhaltigkeit bei Bioenergien. Die Besserstellung von Gülle-
und Abwärmenutzung ist sehr gut. Wir vermissen aber
eine Nachhaltigkeitsverordnung und weitere
Regelungen, die dem einseitigen Einsatz von Mais
entgegentreten.
Wir haben die Sorge, dass die Erfolgsgeschichte der
Solartechnik einen Knick bekommen wird. Zwar sind
die Vorstellungen mancher Unionsabgeordneten, die die
Fotovoltaik gänzlich beenden wollten, nicht realisiert
worden; doch ein schnell wachsender Markt braucht
sensible Marktunterstützung und nicht auf Jahre hinweg
starr festgelegte, drastische Vergütungssenkungen.
Unglaublich ist, dass Sie die Senkung der Vergütung
um 25 Prozent für große Dachanlagen über 1 Megawatt
bisher verschwiegen haben.
(Katherina Reiche [Potsdam] [CDU/CSU]:
Das steht alles im Gesetz, Herr Fell!)
Sie haben den Umweltausschuss während der Beratung
in falscher Sicherheit gewiegt.
(Katherina Reiche [Potsdam] [CDU/CSU]: Sie
müssen einmal die Vorlage lesen!)
Die Union sprach im Umweltausschuss von einer
Degression von mehr als 12 Prozent.
(Katherina Reiche [Potsdam] [CDU/CSU]: Da
hilft ein Blick ins Gesetz!)
Mit keinem Wort war von der im Gesetz stehenden
Degression in Höhe von 25 Prozent die Rede. Dadurch,
dass Sie dem Umweltausschuss den Änderungsantrag so
spät vorgelegt haben, dass eine Prüfung durch uns nicht
mehr möglich war, entstand der Verdacht, dass Sie sogar
vorsätzlich gehandelt haben, um die
Ausschussberatungen nicht zu belasten.(Dr. Maria Flachsbarth [CDU/CSU]: Das
stimmt überhaupt nicht!)
Mit der in den Beratungen verschwiegenen 25-
prozentigen Vergütungssenkung werden Sie das wichtige
Marktsegment der großen Dachanlagen zerstören. Sie
haben die Aktienmärkte im Vorfeld getäuscht und das
Vertrauen in die Politik geschmälert. Ja, auch wir
Grünen glauben an eine starke Kostensenkung bei der
Fotovoltaik. Dies ist ein großer Erfolg unseres
bisherigen Gesetzes. Den Vorschlag der Grünen, die Senkung
der Vergütungssätze nicht mehr starr festzuschreiben,
sondern an die Marktentwicklung anzubinden, haben Sie
im Prinzip sogar aufgenommen. Ohne unseren Vorschlag
wäre in der turbulenten Fraktionssitzung der Union am
letzten Dienstag die gesamte EEG-Novelle sogar
gescheitert.
(Dr. Maria Flachsbarth [CDU/CSU]: Ich war
anwesend, Sie nicht!)
Leider haben Sie die von uns vorgeschlagenen
Modalitäten nur schlampig übernommen, sodass mögliche
Markteinbrüche kaum aufgefangen werden können.
(Dr. Maria Flachsbarth [CDU/CSU]: Hat auch
bei Rot-Grün nicht gereicht!)
Meine Damen und Herren von der Großen Koalition,
mittlerweile verwalten Sie mehr schlecht als recht den
Klimaschutz und die Energiepolitik. Zu mutigen und
visionären Gesetzentwürfen, wie wir damals unter Rot-
Grün – vom alten Stromeinspeisegesetz zum
Erneuerbare-Energien-Gesetz –, haben Sie keine Kraft.