Deutscher Beitrag zur künftigen Europäischen Sicherheitsstrategie (Antwort zu Drs. 21/6139)
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Deutscher Beitrag zur künftigen Europäischen Sicherheitsstrategie (Antwort zu Drs. 21/6139)
Deutscher Bundestag Drucksache 21/6535
21. Wahlperiode 17.06.2026
Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Gerold Otten, Dr. Rainer Rothfuß,
Dr. Malte Kaufmann, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der AfD
– Drucksache 21/6139 –
Deutscher Beitrag zur künftigen Europäischen Sicherheitsstrategie
V o r b e m e r k u n g d e r F r a g e s t e l l e r
Angesichts der rasanten geopolitischen Verschiebungen und der zunehmenden
Instabilität in der europäischen Nachbarschaft arbeitet die Europäische Union
derzeit an einer umfassenden Neuausrichtung ihrer Sicherheitsarchitektur.
Medienberichten zufolge hat der Europäische Auswärtige Dienst (EAD) den
Mitgliedstaaten ein „Scoping Paper“ zugeleitet, das als Grundlage für eine neue
Europäische Sicherheitsstrategie dienen soll (https://euractiv.de/news/eu-disku
tiert-wann-sie-ihre-neue-sicherheitsstrategie-vorstellen-soll/#:~:text=EU%20v
erbreitet%20unter%20den%20EU%2DL%C3 ProzentA4ndern%20ein%20sog
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Diese Strategie zielt darauf ab, die strategische Autonomie der Union durch
die Reduzierung einseitiger Abhängigkeiten – insbesondere in kritischen
Sektoren wie der Halbleiterindustrie, der Rohstoffversorgung und der
Cybersicherheit – massiv zu stärken. In diesem Zusammenhang wird ein
„prinzipienorientierter Pragmatismus“ als neues Leitmotiv der EU-Außenpolitik
diskutiert. Parallel dazu wächst der Druck auf die europäischen NATO-Partner, ihre
nationalen Verteidigungsanstrengungen signifikant zu erhöhen, wobei
Forderungen nach einer Steigerung der Verteidigungsausgaben auf bis zu 5 Prozent
des Bruttoinlandsprodukts (BIP) laut werden.
Vor dem Hintergrund des bevorstehenden NATO-Gipfels im Juli 2026 in
Ankara und der ausstehenden Finalisierung der EU-Strategie ergeben sich bei den
Fragestellern dringende Fragen zur Positionierung der Bundesregierung, zum
aktuellen Verhandlungsstand auf EU-Ebene sowie zu den konkreten
Konsequenzen für die nationale Haushalts- und Sicherheitsplanung.
V o r b e m e r k u n g d e r B u n d e s r e g i e r u n g
Die Bundesregierung nimmt die Vorbemerkung der Fragesteller zur Kenntnis.
Sie stimmt weder den darin enthaltenen Wertungen zu noch bestätigt sie die
darin enthaltenen Feststellungen oder dargestellten Sachverhalte. Im Nachgang
zur Ankündigung einer Europäischen Sicherheitsstrategie durch die Präsidentin
der Europäischen Kommission am 15. Januar 2026 hat der Europäische Aus-
Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Auswärtigen Amts vom 17. Juni 2026 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich – in kleinerer Schrifttype – den Fragetext.
wärtige Dienst (EAD) am 9. März 2026 das genannte Scoping Paper „New
European Security Strategy – turning Europe’s strength into power“ mit
Leitfragen den EU-Mitgliedstaaten vorgelegt. Die Bundesregierung begrüßt den
darin vorgeschlagenen Ansatz, der Europäischen Sicherheitsstrategie einen
breiten Sicherheitsbegriff zugrunde zu legen, der unter anderem die Aspekte
Verteidigungsfähigkeit, Resilienz, Krisenvorsorge, Handels-, Klima- und
Erweiterungspolitik sowie digitale und wirtschaftliche Sicherheit umfasst.
1. Welchen grundsätzlichen Standpunkt vertritt die Bundesregierung zu
dem vom Europäischen Auswärtigen Dienst (EAD) verteilten „Scoping
Paper“ für eine neue Europäische Sicherheitsstrategie, und welche
spezifischen Rückmeldungen hat sie hierzu eingebracht?
6. Wurde oder wird in Vorbereitung der Rückmeldung zum Scoping Paper
auch der Deutsche Bundestag informiert oder befragt?
Die Fragen 1 und 6 werden gemeinsam beantwortet.
Die Bundesregierung und die Regierung der Französischen Republik haben im
März 2026 ein gemeinsames Papier mit inhaltlichen Vorschlägen für die
Europäische Sicherheitsstrategie an EAD, KOM und die anderen EU-
Mitgliedstaaten übermittelt. Das Papier wurde am 23. März 2026 auch dem Deutschen
Bundestag zugeleitet.
2. Setzt sich die Bundesregierung für eine Veröffentlichung der EU-
Sicherheitsstrategie vor oder nach dem NATO-Gipfel am 7. und 8. Juli 2026 in
Ankara ein, und welche strategischen sowie außenpolitischen Gründe –
insbesondere im Hinblick auf die europäische Geschlossenheit
gegenüber den USA – sprechen aus ihrer Sicht für den jeweiligen Zeitpunkt?
Nach aktuellem Kenntnisstand der Bundesregierung ist die Veröffentlichung
der Europäischen Sicherheitsstrategie als Gemeinsame Mitteilung von KOM
und EAD nach dem NATO-Gipfel geplant.
3. Wie koordiniert das Auswärtige Amt die Rückmeldungen der
verschiedenen Bundesressorts zum Scoping Paper, um eine kohärente deutsche
Position in Brüssel zu vertreten?
Auf die Antwort zu den Fragen 1 und 6 wird verwiesen. Das deutsch-
französische Papier mit inhaltlichen Vorschlägen zur Europäischen Sicherheitsstrategie
wurde innerhalb der Bundesregierung abgestimmt.
4. Welche konkreten Vorschläge hat die Bundesregierung der EU im
Rahmen der Erarbeitung des Scoping Papers zur Reduzierung strategischer
Abhängigkeiten übermittelt?
Die Bundesregierung hat der EU keine Vorschläge im Sinne der Fragestellung
übermittelt.
5. Wie trägt die Bundesrepublik Deutschland zur Reduzierung der im
Scoping Paper genannten „strategischen Abhängigkeiten“ in den Bereichen
Halbleiter (Chips), Rohstoffe und Cybersicherheit bei bzw. möchte sie
künftig noch stärker beitragen?
Die Bundesregierung setzt sich auf EU-Ebene für eine proaktive Umsetzung
der Europäischen Wirtschaftssicherheitsstrategie ein und unterstützt den
risikobasierten Ansatz mit Fokus auf Hochrisikobereiche wie u. a.
Lieferkettenresilienz. Auf nationaler Ebene wird die Bundesregierung 2026 – entsprechend der
Vorgabe des Koalitionsvertrags orientiert an der europäischen
Wirtschaftssicherheitsagenda – gemeinsam mit der Wirtschaft und der Wissenschaft eine
nationale Wirtschaftssicherheitsstrategie entwickeln.
Die Bundesregierung hat am 15. Oktober 2025 eine umfassende
Mikroelektronik-Strategie beschlossen mit dem Ziel, die gesamte Wertschöpfungskette der
Mikroelektronik (Forschung, Design, Produktion) in Deutschland und Europa
auszubauen und unabhängiger von globalen Märkten zu machen. Mit
Förderung von IPCEI-Projekten (Important Projects of Common European Interest)
und aus einschlägigen europäischen Programmen unterstützt die
Bundesregierung außerdem den Aufbau moderner Mikroelektronikfabriken und Pilotlinien,
um die europäische Produktion entlang der technologischen Schlüsselbereiche
zu stärken.
Die Bundesregierung unterstützt die Wirtschaft bei der Diversifizierung ihrer
Rohstoffversorgung und zur Verringerung von Abhängigkeiten mit einer Reihe
von Maßnahmen, wie z. B. dem nationalen Rohstofffonds. Garantien für
Ungebundene Finanzkredite (UFK-Garantien) sind ein weiterer integraler
Bestandteil der Rohstoffstrategie der Bundesregierung. Auf Grundlage des Beschlusses
des Nationalen Sicherheitsrates vom 5. November 2025 hat die
Bundesregierung zudem einen umfassenden Aktionsplan zur Weiterentwicklung der
deutschen Rohstoffpolitik erarbeitet. Ein weiterer Baustein der Rohstoffpolitik der
Bundesregierung ist der Abschluss von Rohstoffpartnerschaften mit
rohstoffreichen Ländern sowie die Unterstützung von europäischen Maßnahmen im
Rahmen des RESourceEU-Aktionsplans der KOM.
7. Welche Synergien sieht die Bundesregierung zwischen der neuen EU-
Strategie zum Aufbau eigener militärischer und strategischer Fähigkeiten
und den aktuellen Verteidigungsplanungen der NATO, um eine
Duplizierung von Strukturen zu vermeiden?
Der Bundesregierung liegen derzeit keine Informationen zu konkreten Inhalten
der Europäischen Sicherheitsstrategie vor. Es ist im Interesse der
Bundesregierung, dass die EU im Bereich Sicherheit und Verteidigung einen starken
Beitrag zur globalen und transatlantischen Sicherheit leistet. Dies muss
komplementär und in enger Abstimmung mit der NATO geschehen, die für die
Alliierten nach wie vor das Fundament ihrer kollektiven Verteidigung bildet.
8. Wie bewertet die Bundesregierung die Einbeziehung von
technologischen Sektoren wie Chipausrüster und Chipzulieferer sowie der
Chipproduktion in eine originär sicherheitspolitische Strategie, und welche
Auswirkungen hat dies auf die diplomatischen Beziehungen zu Drittstaaten?
9. Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung über die im Scoping
Paper erwähnten Risikominderungsstrategien („De‑Risking“) gegenüber
Washington und Peking vor?
Die Fragen 8 und 9 werden gemeinsam beantwortet.
Der Bundesregierung liegen derzeit keine Informationen zu konkreten Inhalten
der Europäischen Sicherheitsstrategie vor. Zu hypothetischen Fragestellungen
äußert sich die Bundesregierung nicht.
10. Sieht die Bundesregierung bei der Erarbeitung des Scoping Papers noch
Spielraum für eine Modifizierung der Zielmarke von 5 Prozent des
Bruttoinlandsprodukts (BIP) für Verteidigung und verteidigungsrelevante
Infrastruktur?
Die Bundesregierung sieht keinen Anlass, von den Beschlüssen des NATO-
Gipfels in Den Haag am 24. und 25. Juni 2025 abzuweichen und treibt die
Umsetzung des Fünf-Prozent-Ziels entschlossen voran. Damit reagiert die
Bundesregierung auf die sich verschärfende Bedrohungslage und zunehmende
sicherheitspolitische Unsicherheiten.
11. Inwieweit unterstützt die Bundesregierung den im Dokument
formulierten Ansatz eines „prinzipienorientierten Pragmatismus“, und wie
definiert sie diesen Begriff im Kontext deutscher „wertegeleiteter“
Außenpolitik?
Der Begriff „prinzipienorientierter Pragmatismus“ wird im Scoping Paper des
EAD im Rahmen einer Leitfrage an die EU-Mitgliedstaaten genannt. Die
Bundesregierung verfolgt eine Außenpolitik, die auf aus dem Grundgesetz
abgeleiteten Werten wie Demokratie, Rechtstaatlichkeit und Menschenrechte basiert.
12. Welche Position bezieht das Auswärtige Amt in den laufenden
Ratsdiskussionen zur Förderung des Multilateralismus, wenn gleichzeitig, wie
vermutlich im Scoping Paper angedeutet, nationale und europäische
Interessen offensiver verteidigt werden sollen?
Die Bundesregierung bringt sich konstruktiv in die Ratsdiskussionen zur
Förderung multilateraler Strukturen ein. Es ist im Interesse der Bundesregierung
entsprechende Foren zu nutzen, um nationale und europäische Interessen
voranzubringen.
13. Welche Schlussfolgerung zieht die Bundesregierung aus dem erklärten
Ziel der Kommissionspräsidentin Dr. Ursula von der Leyen, die EU von
einem Friedensprojekt, als das sie über Jahrzehnte hinweg verklärt
wurde, zu einer Militärmacht zu entwickeln (https://euractiv.de/news/von-de
r-leyen-verlagert-den-globalen-fokus-der-eu-auf-sicherheit/)?
Vor dem Hintergrund der sich verschärfenden Bedrohungslage und
zunehmender sicherheitspolitischer Unsicherheiten in Europa unterstützt die
Bundesregierung Maßnahmen der EU zur Stärkung der europäischen
Verteidigungsbereitschaft. Diese Maßnahmen dienen der Sicherung von Frieden, Freiheit und
Demokratie in Europa und damit Werten, denen sich die EU seit jeher
verschrieben hat.
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
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ISSN 0722-8333
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