Mögliche finanzielle Risiken für Deutschland durch die Verschuldung Frankreichs und mögliche Belastungen für die Eurozone
Text
Mögliche finanzielle Risiken für Deutschland durch die Verschuldung Frankreichs und mögliche Belastungen für die Eurozone
Deutscher Bundestag Drucksache 21/5931
21. Wahlperiode 13.05.2026
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Diana Zimmer, Kay Gottschalk, Hauke Finger, Torben Braga,
Christian Douglas, Rainer Groß, Jörn König, Reinhard Mixl, Iris Nieland, Dirk
Brandes und der Fraktion der AfD
Mögliche finanzielle Risiken für Deutschland durch die Verschuldung Frankreichs
und mögliche Belastungen für die Eurozone
Frankreich befindet sich seit Jahren in einer kritischen Haushaltslage. Die
Staatsverschuldung liegt mit rund 3,4 Billionen Euro (www.zeit.de/wirtschaft/2
025-10/frankreich-krise-ratingagentur-moodys-bewertung, zuletzt aufgerufen
am 18. November 2025) bzw. 115,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP)
deutlich über den Maastricht-Grenzwerten (https://de.statista.com/infografik/33
624/entwicklung-der-staatsverschuldung-der-groessten-europaeischen-volkswir
tschaften/, zuletzt aufgerufen am 18. November 2025). Erst im Oktober 2025
hat auch die Ratingagentur S&P die Kreditwürdigkeit Frankreichs von AA‑/
A‑1+ auf A+/A‑1 herabgesetzt (www.tagesschau.de/wirtschaft/weltwirtschaft/fr
ankreich-rating-kreditwuerdigkeit-100.html, zuletzt aufgerufen am 13.
November 2025). Das öffentliche Defizit überschreitet mit circa 5,5 Prozent des
Bruttoinlandsprodukts ebenfalls die EU-Stabilitätsregeln (www.deutschlandfun
k.de/eu-eroeffnet-defizitverfahren-gegen-frankreich-und-sechs-weitere-laender-
100.html, zuletzt aufgerufen am 18. November 2025). Ein Defizitverfahren
gegen Frankreich läuft bereits. Gleichzeitig steckt das Land in einer politischen
Dauerkrise: Die vielen Rücktritte der Premierminister, wiederholte
Haushaltsblockaden und die gescheiterte Vertrauensfrage im Jahr 2025 haben die ohnehin
fragile Finanzlage weiter verschärft.
Die steigenden und volatilen Risikoaufschläge auf französische Staatsanleihen
(Obligations assimilables du Trésor (OATs)) zeigen die Verunsicherung der
Märkte hinsichtlich des Vertrauens in die Schuldentragfähigkeit Frankreichs
(www.fuw.ch/frankreichs-spread-im-fokus-245721385382, zuletzt aufgerufen
am 13. November 2025). Gleichzeitig ist die französische Volkswirtschaft eng
mit der deutschen Realwirtschaft und dem europäischen Bankensektor
verflochten. Eine mögliche Vertrauens- oder Liquiditätskrise in Frankreich kann
nach Ansicht der Fragesteller einen Contagion-Effekt auslösen, der sich auf
Deutschland und auf die gesamte Eurozone negativ auswirkt. Zinserhöhungen
würden dabei die eigene Verschuldung verteuern, während Wirtschaftsverträge
ins Stocken geraten. Besonders eine Aktivierung von ESM(Europäischer
Stabilitätsmechanismus)- oder EZB(Europäische Zentralbank)-
Stabilisierungsinstrumenten (z. B. Transmission Protection Instrument (TPI))
würde Deutschland als größten Nettozahler und Hauptgarant in der Eurozone
stark belasten.
Ziel dieser Kleinen Anfrage ist es, den Informationsstand der Bundesregierung
zu den aktuellen Finanzrisiken Frankreichs, den potenziellen Auswirkungen auf
Deutschland sowie den bestehenden Koordinations- und
Sicherungsmechanismen innerhalb der Eurozone zu ermitteln.
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Liegen der Bundesregierung Daten über den Refinanzierungsbedarf und
die Fälligkeitenstruktur der französischen Staatsverschuldung für die
Jahre 2025 bis 2030 vor, und wenn ja, welche?
2. Hat sich die Bundesregierung zur Entwicklung der französischen Zinslast
im Kontext der steigenden Renditen auf französische Staatsanleihen eine
eigene Auffassung erarbeitet, und wenn ja, welche?
3. Hat sich die Bundesregierung mit der Frage beschäftigt, welche
Auswirkungen ein möglicher Vertrauensverlust in französische Staatsanleihen auf
die Refinanzierungskosten Deutschlands und anderer Eurostaaten hätte,
und wenn ja, zu welcher Erkenntnis ist sie gelangt (bitte ggf. Schätzung
nennen)?
4. Welche aggregierten Forderungen deutscher Banken, Versicherungen und
Fonds bestehen laut den der Bundesregierung vorliegenden Daten
gegenüber französischen Staatsanleihen, Finanzinstituten und sonstigen
Schuldnern (bitte jeweils in Mrd. Euro und nach Sektoren aufgeschlüsselt
angeben)?
5. Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung zu möglichen
Kursoder Bewertungsverlusten deutscher Finanzinstitute bei einem möglichen
Zinsanstieg französischer OATs um 200 Basispunkte vor?
6. Welche Informationen liegen der Bundesregierung über die
Risikoeinschätzungen der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin)
und der Deutschen Bundesbank bezüglich eines möglichen Frankreich-
Stressszenarios vor?
7. Gibt es nach Kenntnis der Bundesregierung seitens der Europäischen
Zentralbank (EZB) oder des Einheitlichen Aufsichtsmechanismus (SSM)
spezielle Stresstests für Institute mit hohem Frankreich-Exposure?
8. In welcher Höhe wäre Deutschland nach Kenntnis der Bundesregierung
im Falle eines möglichen Hilfsprogramms für Frankreich über den
Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) anteilig haftungs- und
kapitalbeteiligungspflichtig, und wie hoch wäre der deutsche Kapitalabruf im
Ernstfall?
9. Hat die Bundesregierung eine Bewertung der fiskalischen und politischen
Implikationen einer möglichen Inanspruchnahme des ESM durch
Frankreich insbesondere im Hinblick auf Deutschlands Haftungsanteil
vorgenommen, wenn ja, mit welchem Ergebnis, und wenn nein, warum nicht?
10. Hat sich die Bundesregierung mit der Frage beschäftigt, ob sie eine
mögliche Anwendung des Transmission Protection Instruments (TPI) der EZB
als realistisch ansieht, wenn ja, mit welchem Ergebnis, und welche
rechtlichen Grenzen bestehen hierfür nach Auffassung der Bundesregierung,
und wenn nein, warum nicht?
11. Hat die Bundesregierung eine Bewertung vorgenommen betreffend
mögliche indirekte Belastungen des Bundeshaushalts infolge höherer
Eurozinsen, wenn ja, mit welchem Ergebnis, und wenn nein, warum nicht?
12. Hat sich die Bundesregierung mit der Frage beschäftigt, welche
makroökonomischen Rückwirkungen sie im Falle eines möglichen ausgeprägten
Wachstumsrückgangs in Frankreich (z. B. bei Schrumpfung oder
Minimalwachstum) auf die deutsche Volkswirtschaft erwartet, wenn ja, mit
welchem Ergebnis, und wenn nein, warum nicht?
13. Hat die Bundesregierung bereits konkrete Maßnahmen geplant, um die
deutsche Finanzmarktstabilität im Falle eines möglichen französischen
Zahlungsschocks zu gewährleisten, wenn ja, welche, und wenn nein,
warum nicht?
14. Welche finanziellen Verpflichtungen entstehen Deutschland durch die
deutsch-französische Initiative „FIVE“ für Wachstumsunternehmen, und
wie bewertet die Bundesregierung deren Risikoexposition?
15. Sieht die Bundesregierung die bilaterale Zusammenarbeit im
Finanzbereich als stabilisierenden oder risikosteigernden Faktor in der aktuellen
Lage, und wenn ja, inwiefern?
16. Welche Indikatoren zieht die Bundesregierung ggf. zur Bewertung der
Schuldentragfähigkeit Frankreichs heran (z. B. Debt-to-Revenue-Ratio,
Zinsdeckung, Primärsaldo)?
17. Welche bisherigen Gespräche oder Abstimmungen gab es ggf. zwischen
dem Bundesministerium der Finanzen, der EZB und der französischen
Regierung zu möglichen Stabilisierungsmaßnahmen?
18. Welche Kommunikations- und Koordinationsmechanismen bestehen
zwischen dem Bundesministerium der Finanzen, der Bundesbank, der EZB,
der BaFin und dem Bundeskanzleramt im Falle einer möglichen akuten
Frankreich-Krise?
Berlin, den 8. Dezember 2025
Dr. Alice Weidel, Tino Chrupalla und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333
Relationen
- asked ← Christian Douglas (Kleine Anfrage)
- asked ← Diana Zimmer (Kleine Anfrage)
- asked ← Dirk Brandes (Kleine Anfrage)
- asked ← Hauke Finger (Kleine Anfrage)
- asked ← Iris Nieland (Kleine Anfrage)
- asked ← Jörn König (Kleine Anfrage)
- asked ← Kay Gottschalk (Kleine Anfrage)
- asked ← Rainer Groß (Kleine Anfrage)
- asked ← Reinhard Mixl (Kleine Anfrage)
- asked ← Torben Braga (Kleine Anfrage)
- authored ← Diana Zimmer
- authored ← Fraktion der AfD
- authored ← Kay Gottschalk
- part_of_vorgang → Mögliche finanzielle Risiken für Deutschland durch die Verschuldung Frankreichs und mögliche Belastungen für die Eurozone (Kleine Anfrage)