Flächenverbrauch, Förderabhängigkeit, Emissionsbilanz und volkswirtschaftliche Folgen der staatlichen Biogasförderung
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Flächenverbrauch, Förderabhängigkeit, Emissionsbilanz und volkswirtschaftliche Folgen der staatlichen Biogasförderung
Deutscher Bundestag Drucksache 21/5834
21. Wahlperiode 07.05.2026
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Dr. Michael Blos, Andreas Bleck, Dr. Ingo Hahn, Dr. Rainer
Kraft, Karsten Hilse, Manuel Krauthausen, Marcel Queckemeyer, Dr. Paul
Schmidt, Martina Uhr, Dr. Michael Espendiller und der Fraktion der AfD
Flächenverbrauch, Förderabhängigkeit, Emissionsbilanz und
volkswirtschaftliche Folgen der staatlichen Biogasförderung
Die Bundesregierung fördert die Nutzung von Biogas seit Jahren direkt und
indirekt über das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), regulatorische Vorgaben
sowie weitere energiepolitische Instrumente. Biogas wird dabei regelmäßig als
besonders nachhaltige und „klimafreundliche“ Alternative zu fossilen
Energieträgern dargestellt und zunehmend auch im Zusammenhang mit
Wärmeversorgung, Gasnetznutzung und Beimischungsmodellen politisch aufgewertet.
Diese Bewertung erfordert eine umfassendere Betrachtung der gesamten
Wertschöpfungskette von Biogas; denn die Erzeugung von Biogas ist regelmäßig
mit einem erheblichen Einsatz landwirtschaftlicher Flächen, Düngemitteln,
Pflanzenschutzmitteln, Dieselkraftstoff, maschineller Bodenbearbeitung sowie
zusätzlichem Transport-, Lager- und Aufbereitungsaufwand verbunden. Gerade
beim Anbau von Energiepflanzen entstehen Nutzungskonflikte mit der Lebens-
und Futtermittelerzeugung sowie Belastungen für Fruchtfolgen und
Agrarökosysteme (vgl. www.umweltbundesamt.de/publikationen/nationaler-inventarberi
cht-2023; www.ipcc.ch/report/ar6/syr/; www.nature.com/articles/nature07037;
www.fnr.de/). Daher ist es wichtig, Biogas in seiner Gesamtheit zu beurteilen,
einschließlich der Herstellung von Düngemitteln, Feldemissionen,
Bereitstellung von Substraten, Lagerung von Gärresten sowie der damit verbundenen
Logistik (vgl. www.umweltbundesamt.de/dokument/requirements-consistent-emis
sion-reporting-and).
Zugleich ist die Wirtschaftlichkeit der Biogasnutzung nach Ansicht der
Fragesteller vielfach nicht Ergebnis marktwirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit,
sondern Folge staatlicher Förderung, gesetzlicher Quoten und regulatorischer
Begünstigungen. Damit stellt sich nicht nur die Frage, ob die Bundesregierung
Vor- und Nachwirkungen der Biogasproduktion methodisch vollständig erfasst,
sondern vor allem, ob die bestehende Förderlogik agrarstrukturelle Fehlanreize,
Nutzungskonflikte und volkswirtschaftliche Kosten systematisch ausblendet.
Hinzu kommt, dass bei der Bewertung biogener Energieträger auch Emissionen
und Verluste entlang der gesamten Bereitstellungskette in den Blick genommen
werden müssen. Dazu zählen insbesondere Emissionen aus Düngung,
Bewirtschaftung, Ernte, Silierung, Transport, Gärrestlagerung sowie mögliche
Methanverluste bei Produktion, Speicherung und Aufbereitung. Werden
Methanemissionen und mögliche Leckagen entlang der Kette unvollständig erfasst oder
mit zu günstigen Annahmen bewertet, kann dies die behaupteten Vorteile
systematisch verzerren (zu GWP-Werten [GWP = Global Warming Potential] und
deren Bedeutung in der Praxis der Methanbewertung vgl. zusammenfassend:
Oxford Institute for Energy Studies – „Measurement, Reporting and
Verification of Methane Emissions“, Quelle: www.oxfordenergy.org/wpcms/wp-content/
uploads/2025/04/ET46-Measurement-Reporting-and-Verification-of-Methane-
Emissions.pdf).
Parallel dazu werden für die Biogasproduktion Flächen genutzt, die auch für
andere landwirtschaftliche Zwecke zur Verfügung stehen könnten. In
Deutschland wird ein signifikanter Anteil des Maisanbaus für die Biogasproduktion
eingesetzt, was zu einer Umverteilung der Flächennutzung führt. Dies bringt
sowohl Chancen als auch Herausforderungen für die Balance zwischen
Energieproduktion und der Erzeugung von Lebens- und Futtermitteln mit sich
(Entwicklung und Größenordnung „Biogasmais“: FNR – „Entwicklung der
Maisanbaufläche in Deutschland“, Quelle: https://mediathek.fnr.de/grafiken/bioenergi
e/biogas/entwicklung-der-maisanbauflache-in-deutschland.html; Einordnung
„mehr als ein Drittel Biogasmais“ und Zusammenhang mit Förderanreizen:
landwirtschaft.de/BZL – „Energie aus nachwachsenden Rohstoffen“, Quelle:
www.landwirtschaft.de/umwelt/klimawandel/erneuerbare-energien/energie-au
s-nachwachsenden-rohstoffen).
Zudem sind bei energiepflanzenbasierten Pfaden indirekte
Landnutzungsänderungen (ILUC) und Verlagerungseffekte ein anerkannter Nachhaltigkeits- und
Zielkonflikt, den selbst die EU-Regelsetzung als Risiko adressiert (Hintergrund
zu ILUC und Begrenzungslogik im RED-II-Kontext: Europäische
Kommission – „criteria to ensure that biofuels […] are sustainable“ [2019], Quelle:
https://commission.europa.eu/news-and-media/news/commission-specifies-crit
eria-ensure-biofuels-used-transport-sector-are-sustainable-context-recast-2019-
03-13_en).
Landwirtschaftliche Flächen dienen nach Ansicht der Fragesteller vorrangig der
sicheren Versorgung mit Lebens- und Futtermitteln und sollten nicht durch
politisch forcierte Energiepfade zusätzlich verknappt werden. Vor diesem
Hintergrund bestehen erhebliche Zweifel daran, ob die staatlich begünstigte Nutzung
von Ackerflächen für Energiezwecke sachgerecht, volkswirtschaftlich sinnvoll
und mit den Interessen der heimischen Land- und Ernährungswirtschaft
vereinbar ist. Entsprechend besteht Klärungsbedarf hinsichtlich des
Flächenverbrauchs, der Förderabhängigkeit, der Emissionsbilanz und der
volkswirtschaftlichen Folgen der staatlichen Biogasförderung.
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Wie viele Hektar landwirtschaftlicher Fläche in Deutschland werden nach
Kenntnis der Bundesregierung aktuell (ab 2025) für den Anbau von
Energiepflanzen für andere biobasierte Energien, mit Anwendungen zum
Beispiel in Kraftstoffen, genutzt (bitte Gesamtfläche angeben sowie nach
Energiepflanze und Anwendung aufschlüsseln)?
2. Welche energetische Ausbeute je Hektar wird nach Kenntnis der
Bundesregierung beim Einsatz von Energiepflanzen zur Biogasproduktion erzielt,
und wie bewertet die Bundesregierung dieses Verhältnis im Vergleich zur
vorrangigen Nutzung landwirtschaftlicher Flächen für die Lebens- und
Futtermittelerzeugung?
3. Welche volkswirtschaftlichen und agrarstrukturellen Opportunitätskosten
entstehen nach Kenntnis der Bundesregierung dadurch, dass
landwirtschaftliche Flächen für Energiepflanzen zur Biogasproduktion statt für die
Lebens- und Futtermittelerzeugung genutzt werden?
4. Welche Daten liegen der Bundesregierung nun (Stand: 2026) zu
Stilllegungen, Aufgabe oder Insolvenz von Biogasanlagen seit 2021 vor, unter
Berücksichtigung der EEG-Novelle 2025 und des Biomassepakets?
5. Wie viele Biogasanlagen wären nach Einschätzung der Bundesregierung
ohne EEG-Förderung sowie ohne sonstige regulatorische Begünstigungen
wirtschaftlich tragfähig, und wie hoch ist die durchschnittliche garantierte
Vergütung pro Kilowattstunde (kWh) Biogasstrom im Rahmen
bestehender Förderzusagen?
6. Welche Renditeerwartungen oder Wirtschaftlichkeitsannahmen liegen
nach Kenntnis der Bundesregierung der Förderung biogasbasierter
Anlagen zugrunde?
7. In welchem Umfang basiert die Wirtschaftlichkeit bestehender Anlagen
auf gesetzlichen Quotenregelungen oder
Mindestabnahmeverpflichtungen?
8. Welche gesamtstaatlichen Förderzusagen einschließlich EEG-
Vergütungen, Investitionsförderung und sonstiger mittelbarer
Begünstigungen bestehen nach Kenntnis der Bundesregierung bis 2035 bzw.
darüber hinaus (bitte sowohl Rechtsgrundlagen als auch monetäre
Verpflichtungen angeben)?
9. Welcher Anteil der eingesetzten biogenen Rohstoffe wird nach Kenntnis
der Bundesregierung importiert?
10. Aus welchen Ländern stammen diese Importe (vgl. Frage 9)
überwiegend?
11. Wie werden indirekte Landnutzungsänderungen in Drittländern sowie
mögliche Verlagerungseffekte bei der politischen und fachlichen
Bewertung importierter biogener Rohstoffe berücksichtigt?
12. Welche Risiken für Versorgungssicherheit und Preisstabilität sieht die
Bundesregierung bei zunehmender Importabhängigkeit?
13. Welche fiskalischen Belastungen ergeben sich aus bestehenden
Förderverpflichtungen für die kommenden zehn bzw. 20 Jahre?
14. Wie bewertet die Bundesregierung die langfristige Tragfähigkeit der
Biogasförderung unter Berücksichtigung der Schuldenbremse?
15. Plant die Bundesregierung eine systematische Effizienzprüfung der
Biogasförderung im Vergleich zu alternativen, z. B. in unseren
Nachbarländern angewandten, Formen der Energieversorgung bzw. im Vergleich zum
fortgesetzten Einsatz konventioneller Energieträger, und wenn nein,
warum nicht?
16. Welche vollständige Lebenszyklusbetrachtung legt die Bundesregierung
der fachlichen Bewertung von Biogas zugrunde, und welche vor- und
nachgelagerten Prozesse werden dabei einbezogen?
17. In welchen genauen Prozentsätzen (nicht nur Schätzungen) setzen
Biogasanlagen Substrate wie Gülle, Festmist bzw. Anbaubiomasse und Bioabfall
ein (bitte nach Anlagentyp und Jahr 2025/2026 aufschlüsseln)?
18. Wie viele Tonnen Mais, Zuckerrüben, Gras oder Kartoffeln wurden 2024
und 2025 in Biogasanlagen vergoren (bitte nach Kultur und Jahr
aufschlüsseln)?
19. Werden Emissionen und sonstige Belastungen aus
Düngemittelherstellung, Pflanzenschutz, maschineller Bodenbearbeitung, Ernte,
Aufbereitung und Transport in den Bewertungsgrundlagen der Bundesregierung
vollständig berücksichtigt, und wenn ja, nach welcher Methodik?
20. Welche Emissions- und Verlustannahmen legt die Bundesregierung dem
Vergleich von Biogas mit Erdgas zugrunde, wenn sämtliche vor- und
nachgelagerten Prozesse berücksichtigt werden?
21. Wie werden Methanleckagen entlang der Produktions-, Speicher-,
Aufbereitungs- und Transportkette in den Bewertungsgrundlagen der
Bundesregierung berücksichtigt?
22. Welche durchschnittliche Methanleckage-Rate wird dabei (vgl. Frage 21)
zugrunde gelegt?
23. In welchem Umfang führen sektorale Bilanzierungsregeln dazu, dass
Emissionen dem Landwirtschaftssektor statt dem Energiesektor
zugerechnet werden?
24. Welche fiskalischen Belastungen ergeben sich aus bestehenden EEG-
Förderverpflichtungen für Biogas in den Jahren von 2025 bis 2030?
25. Welche Annahmen liegen diesen Berechnungen (vgl. Frage 24) zugrunde?
26. Liegen der Bundesregierung Studien vor, die Biogas hinsichtlich seiner
volkswirtschaftlichen Effizienz mit anderen Formen der
Energieversorgung oder mit dem Einsatz konventioneller Energieträger vergleichen, und
wenn ja, zu welchen Ergebnissen kommen diese?
Berlin, den 20. April 2026
Dr. Alice Weidel, Tino Chrupalla und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333
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