Abhängigkeit von teurem Fracking-Gas aus den USA beenden
Text
Abhängigkeit von teurem Fracking-Gas aus den USA beenden
Antrag
der Abgeordneten Lorenz Gösta Beutin, Jörg Cezanne, Luigi Pantisano,
Marcel Bauer, Violetta Bock, Jorrit Bosch, Janina Böttger, Dr. Fabian Fahl,
Katalin Gennburg, Christian Görke, Mareike Hermeier, Cem Ince, Ina
Latendorf, Caren Lay, Tamara Mazzi, Sahra Mirow, David Schliesing, Lisa
Schubert, Sascha Wagner, Janine Wissler, Anne Zerr und der Fraktion
Die Linke
Abhängigkeit von teurem Fracking-Gas aus den USA beenden
Der Bundestag wolle beschließen:
I. Der Deutsche Bundestag stellt fest:
Die durch den völkerrechtswidrigen Angriff der USA und Israel auf den Iran
ausgelöste Schließung der Straße von Hormus hat eine Energiepreiskrise mit extremen
Preissprüngen auf den internationalen Öl- und Gasmärkten ausgelöst (https://back-
ground.tagesspiegel.de/energie-und-klima/briefing/angriff-auf-iran-sorgt-fuer-
preisschock-bei-oel-und-gas). Hier zeigt sich erneut, wie stark Europas fossile
Energieversorgung von geopolitischen Konflikten, unsicheren Handelsrouten und globalen
Märkten abhängt.
Nach dem weitgehenden Ende der Gasimporte aus Russland hätte die Möglichkeit
bestanden, diese strukturelle Verwundbarkeit durch den umfangreichen Zu- und Ausbau
erneuerbarer Energien und des Stromnetzes sowie der Einführung höherer Standards
der Energieeffizienz zu verringern. Stattdessen verschiebt sich die fossile
Abhängigkeit lediglich. Die EU und insbesondere Deutschland orientieren ihre Gasversorgung
zunehmend auf Flüssigerdgas-Importe (Liquefied Natural Gas – LNG) aus den
Vereinigten Staaten von Amerika. Analysen gehen davon aus, dass ein Großteil der
europäischen LNG-Importe bis 2030 aus den USA stammen könnte (https://ieefa.org/re-
sources/eu-risks-new-energy-dependence-us-could-supply-80-its-lng-imports-2030).
Damit entsteht faktisch eine neue energiepolitische Abhängigkeit, diesmal von US-
amerikanischem, durch Fracking gewonnenem Flüssigerdgas. Um den USA im
Zollstreit entgegenzukommen, erklärte sich die Europäische Union bereit, von den USA in
den kommenden drei Jahren Energie im Wert von 750 Milliarden US-Dollar zu
kaufen.
Ökonomisch ist dieser Kurs fatal. Flüssigerdgas gehört bereits heute zu den teuersten
fossilen Energieformen. Die Kosten entstehen nicht nur bei der Förderung, sondern
vor allem durch die energieintensiven Prozessschritte der Verflüssigung, den
Transport über den Atlantik und die anschließende Wiederverdampfung in europäischen
Terminals. Gleichzeitig erzielen US-LNG-Exportkonzerne wie Venture Global,
welcher Lieferverträge mit der deutschen SEFE (Securing Energy for Europe) und EnBW
(Energie Baden-Württemberg AG) hat, in der aktuellen Markt- und Krisenlage hohe
Deutscher Bundestag Drucksache 21/5571
21. Wahlperiode 23.04.2026
Übergewinne. Die Menschen in den Importländern tragen derweil die steigenden
Energiepreise (www.forbes.com/sites/christopherhelman/2026/03/09/the-american-
lngbillionaires-set-to-cash-in-on-war-with-iran/).
Hinzu kommt, dass der Großteil der US-LNG-Exporte auf Fracking basiert. Diese
Fördermethode verursacht hohe Methanemissionen entlang der Förder- und
Transportkette, verbraucht große Mengen Wasser und führt in den Förderregionen zu
erheblichen lokalen Umweltbelastungen. Die zunehmende Ausrichtung der europäischen
Energieversorgung auf dieses Flüssigerdgas bedeutet daher nicht nur eine neue
geopolitische Abhängigkeit, sondern katastrophale ökologische Folgeschäden.
II. Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf,
1. die bestehenden Lieferverträge zwischen der SEFE sowie EnBW und Venture
Global LNG einer umfassenden Überprüfung zu unterziehen, dabei insbesondere
die Zuverlässigkeit der vertraglichen Lieferbeziehungen sowie mögliche
wirtschaftliche und energiepolitische Risiken zu bewerten und eine Kündigung durch
die Staatsfirma SEFE rechtlich zu prüfen;
2. den weiteren Betrieb und die Laufzeit existierender LNG-Terminals (FSRUS)
grundlegend zu überprüfen und den Bau des zusätzlichen landseitigen LNG-
Importterminals im EU-Vogelschutzgebiet in Wilhelmshaven nicht zuzulassen;
3. die Verwendung der Mittel aus dem Bundeshaushalt, dem Klima- und
Transformationsfond sowie dem Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität
vorrangig auf sozial ausgerichtete Energieeffizienzmaßnahmen und den Ausbau
erneuerbarer Energien und Stromnetze auszurichten und den Einsatz solcher
Mittel für fossile LNG-Infrastrukturprojekte zu beenden;
4. solange die Bundesrepublik Deutschland noch abhängig von LNG-Einfuhren ist,
hohe Umwelt- und Sozialstandards entlang der Lieferkette zu etablieren und
kontinuierlich zu erhöhen;
5. die Dekarbonisierung der Wärmeversorgung konsequent voranzutreiben, im
Einklang mit dem nationalen Klimaschutzrecht sowie den europäischen
Verpflichtungen aus der Effort Sharing Regulation, und an den Vorgaben des
Gebäudeenergiegesetzes, insbesondere an § 71, festzuhalten;
6. an dem im Erneuerbare-Energien-Gesetz verankerten Ziel festzuhalten, bis zum
Jahr 2030 einen Anteil erneuerbarer Energien von 80 Prozent am
Bruttostromverbrauch zu erreichen, ausgehend von einem Referenzszenario, in dem die
zusätzliche Elektrifizierung des Primärenergieverbrauchs zu einem
Gesamtstromverbrauch von 750 Terawattstunden jährlich beiträgt;
7. den zügigen Ausbau der Übertragungs- und Verteilnetze im Einklang mit dem
Ausbau erneuerbarer Energien sowie einen Gesetzentwurf voranzubringen, um
eine gemeinwohlorientierte Infrastrukturgesellschaft des Bundes zu gründen und
die Überführung der Übertragungsnetze in öffentliche Hand vorzubereiten.
Berlin, den 21. April 2026
Heidi Reichinnek, Sören Pellmann und Fraktion
Begründung
Deutschland und Europa machen ihre Energiesysteme zunehmend von US-amerikanischem Flüssigerdgas
abhängig, mit entsprechenden geopolitischen Folgen.
Das Unternehmen Venture Global spielt hier eine zentrale Rolle. Letztes Jahr verkaufte Venture Global an die
EU doppelt so viel LNG wie Qatar (https://blog.datadesk.eco/p/europes-new-us-lng-dependency). Der
überwiegende Anteil der LNG-Cargos an die deutschen LNG-Importstandorte (im Zeitraum Januar 2023–Februar 2026)
wurde ebenfalls von Venture Global aus den Exportstandorten Calcasieu Pass und Plaquemines geliefert
(www.kpler.com/). Das Unternehmen hat Langfristverträge mit dem deutschen Staatsunternehmen SEFE und
dem im Ko-Besitz des Landes Baden-Württemberg befindlichen Unternehmens EnBW (Energie Baden-
Württemberg AG) (www.offshore-energy.biz/venture-global-secures-top-spot-in-germanys-lng-market-with-
expanded-sefe-deal/). Dabei steht aber die Zuverlässigkeit von Venture Global mehrfach auf dem juristischen
Prüfstand. Die Firma wird von mehreren Öl- und Gas-Schwergewichten wie BP, Shell und Repsol wegen Verletzung
der Vertragspflichten verklagt. BP hat letztes Jahr mindestens 1 Milliarde US-Dollar in privatrechtlichen
Schiedsgerichtsverfahren zugesprochen bekommen (https://intelligence.eklipx.io/article/3374). Andere Klagen sind
noch anhängig (www.reuters.com/sustainability/sustainable-finance-reporting/bp-seeks-award-least-37-
billionventure-global-arbitration-win-venture-global-2026-03-06/).
Trotz der Öko- und Klimarisiken durch LNG fließen erhebliche öffentliche Mittel in den Ausbau der LNG-
Infrastruktur (www.duh.de/fileadmin/user_upload/download/Projektinformation/Energiewende/LNG/LNG_Im-
ports_from_the_US__Report__englisch_.pdf, S. 12). Neue Importterminals, Pipelineanbindungen und
langfristige Lieferverträge schaffen Investitionsstrukturen, die die Abhängigkeit von Importen fossiler Energieträger für
Jahrzehnte verankern. Damit werden Pfadabhängigkeiten aufgebaut, die nur schwer rückgängig zu machen sind.
Im Falle der (gebotenen) Abkehr von LNG drohen Schadensersatzklagen auf entgangene Gewinne, wie wir es
beim Atom- und Kohleausstieg bereits erlebt haben.
Diese Entwicklung verhindert nicht nur eine wirtschaftliche Entwicklung innerhalb planetarer Grenzen, sondern
konterkariert auch das Ziel, die Energieversorgung Europas langfristig resilienter und unabhängiger zu machen.
Jeder Euro, der in neue fossile Infrastruktur investiert wird, steht nicht für den beschleunigten Ausbau
erneuerbarer Energien und der Ausweitung von Energieeffizienzmaßnahmen zur Verfügung. Der Import fossiler
Energieträge, in der Hauptsache Erdöl und Erdgas, kostet Deutschland jährlich rund 81 Milliarden Euro
(www.kfw.de/%C3%9Cber-die-KfW/Newsroom/Aktuelles/News-Details_847360.html).
Dabei liegen die strukturellen Vorteile erneuerbarer Energien auf der Hand. Sie schützen das Klima, reduzieren
Importabhängigkeiten und sorgen für niedrigere Energiepreise. Eine Energiepolitik, die auf den Ausbau
erneuerbarer Energien setzt, stärkt daher nicht nur den Klimaschutz, sondern auch die energiepolitische
Unabhängigkeit.
Vor diesem Hintergrund wirkt es kurzsichtig, die aktuelle Krise vor allem als Begründung für neue fossile
Importprojekte zu nutzen oder gar neue Erdgasfelder wie jetzt vor der Nordseeinsel Borkum auszubeuten. Statt
weitere langfristige Bindungen an fossile Energieträger insbesondere US-Fracking-LNG zu schaffen, muss die
politische Priorität darin liegen, den Ausbau erneuerbarer Energien deutlich zu beschleunigen und damit die
strukturellen Ursachen der wiederkehrenden Energiepreiskrisen anzugehen.
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ISSN 0722-8333
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