Steigende Gewerbemieten sowie Verdrängung zentraler Versorgungsstrukturen
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Steigende Gewerbemieten sowie Verdrängung zentraler Versorgungsstrukturen
Deutscher Bundestag Drucksache 21/4840
21. Wahlperiode 19.03.2026
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Hanna Steinmüller, Dr. Till Steffen, Sandra Stein, Kassem
Taher-Saleh, Helge Limburg, Lukas Benner, Dr. Lena Gumnior, Awet Tesfaiesus,
Stefan Schmidt, Sylvia Rietenberg, Mayra Vriesema, Julia Schneider und der
Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Steigende Gewerbemieten sowie Verdrängung zentraler Versorgungsstrukturen
In zahlreichen deutschen Städten steigen die Gewerbemieten seit Jahren
deutlich an. Diese Entwicklung betrifft längst nicht mehr nur klassische
Gewerbebetriebe wie Einzelhandel, Gastronomie oder Handwerk, sondern zunehmend
auch soziale Einrichtungen und gesundheitsnahe Dienstleistungen wie
Physiotherapie, Logopädie und Ergotherapiepraxen, Hebammenpraxen,
Beratungsstellen oder gemeinnützige Träger. Gerade diese Einrichtungen sind für die soziale
und gesundheitliche Daseinsvorsorge unverzichtbar, arbeiten jedoch mit
geringen Margen und können stark steigende Mietpreise kaum auffangen.
Zahlreiche Kommunen berichten nach Kenntnis der Fragestellenden, dass
therapeutische Praxen, soziale Träger, Familienzentren, Jugendhilfeeinrichtungen
oder gemeinnützige Beratungsstellen ihre Standorte aufgeben müssen, weil
Vermieter die Mieten massiv erhöhen oder Mietverträge nicht verlängern. Die
Verdrängung dieser Einrichtungen hat erhebliche soziale Folgen:
Versorgungslücken entstehen, Wartezeiten verlängern sich, vulnerable Gruppen verlieren
niedrigschwellige Angebote, und ganze Stadtteile verlieren wichtige
Bestandteile der sozialen und gesundheitlichen Daseinsvorsorge.
Gleichzeitig gibt es bislang kaum bundesweite Daten zur Entwicklung der
Gewerbemieten, zu Kündigungen oder zur Verdrängung gemeinwohlorientierter
Einrichtungen. Auch ist unklar, welche Maßnahmen die Bundesregierung plant,
um soziale Infrastruktur vor spekulativen Mietsteigerungen zu schützen.
Vor diesem Hintergrund fragen wir die Bundesregierung:
1. Welche Erkenntnisse hat die Bundesregierung über die Entwicklung der
Gewerbemieten in den letzten zehn Jahren (bitte nach Städten und
Regionen aufschlüsseln)?
2. Welche Erkenntnisse hat die Bundesregierung zum Leerstand bei
Gewerberäumen und Gewerbeflächen beziehungsweise zur Zahl der bundesweit
vermietbaren Gewerberäume und Gewerbeflächen, die seit längerer Zeit
nicht vermietet sind (bitte nach Bundesländern und den 40 größten
Städten aufschlüsseln)?
3. Welche Erkenntnisse hat die Bundesregierung über die Verteilung dieser
Gewerbeeinheiten (Einzelhandel, Gastronomie und Hotels, Handwerk,
soziale Träger, gesundheitsnahe Infrastruktur, Kultureinrichtungen,
Dienstleistungen bzw. Büro und andere) nach Gewerbeart?
4. Sind der Bundesregierung Kritiken am aktuell geltenden
Gewerbemietrecht bekannt, und wenn ja, welche?
5. Inwiefern sind der Bundesregierung positive Beispiele aus anderen
europäischen Ländern bekannt, die als Lösung für aktuelle Kritikpunkte am
deutschen Gewerbemietrecht gelten können?
6. Welche Daten liegen der Bundesregierung zur Zahl von Kündigungen
oder Nichtverlängerungen von Gewerbemietverträgen vor?
7. Welche Branchen sind nach Kenntnis der Bundesregierung besonders von
steigenden Gewerbemieten betroffen?
8. Welche Erkenntnisse hat die Bundesregierung darüber, in welchem
Umfang soziale Einrichtungen, gemeinnützige Träger und gesundheitsnahe
Praxen von Verdrängung betroffen sind?
9. Welche Ergebnisse hat die Bundesregierung seit den Antworten zu den
Fragen 11 und 12 auf Bundestagsdrucksache 19/7410 aus dem Jahr 2019
hinsichtlich der damals angekündigten Prüfung von Maßnahmen im
Dreiklang aus Gewerbemietrecht, Wirtschaftsförderung und Städtebaurecht
erzielt, und welchen konkreten Handlungsbedarf leitet sie heute aus dieser
Prüfung ab, insbesondere im Hinblick auf die Verdrängung kleiner und
mittlerer Unternehmen sowie sozialer und gesundheitsnaher
Einrichtungen aus innerstädtischen Lagen?
10. Welche Folgen sieht die Bundesregierung für die wohnortnahe
Versorgung, wenn Physiotherapie-, Logopädie-, Ergotherapie- oder
Hebammenpraxen aufgrund steigender Gewerbemieten schließen müssen?
11. Welche Auswirkungen hat die Verdrängung sozialer Einrichtungen (z. B.
Jugendhilfe, Familienzentren, Beratungsstellen) auf soziale Teilhabe und
Prävention?
12. Wie bewertet die Bundesregierung die Bedeutung dieser Einrichtungen
für die Daseinsvorsorge und die Gesundheitsversorgung?
13. Welche Erkenntnisse hat die Bundesregierung darüber, welche
volkswirtschaftlichen Folgekosten in anderen Wirtschaftsbereichen entstehen, wenn
kleinteilige Gewerbestrukturen, soziale Einrichtungen sowie
gesundheitsnahe Dienstleistungen aufgrund steigender Gewerbemieten verdrängt
werden, und wie bewertet sie die daraus resultierenden Auswirkungen auf
regionale Wertschöpfung, Versorgungssicherheit, Arbeitsplätze und die
Stabilität innerstädtischer Wirtschaftsökosysteme?
14. Welche rechtlichen Möglichkeiten haben Kommunen nach Kenntnis der
Bundesregierung derzeit, um soziale und gesundheitsnahe Einrichtungen
vor Verdrängung durch steigende Gewerbemieten zu schützen?
15. Plant die Bundesregierung, Gewerbemietverhältnisse stärker zu regulieren
oder Schutzmechanismen analog zum Wohnraummietrecht zu prüfen?
16. Erwägt die Bundesregierung Maßnahmen, um spekulativen
Mietsteigerungen im Gewerbebereich entgegenzuwirken, wenn ja, welche, und wenn
nein, warum nicht?
17. Welche Möglichkeiten sieht die Bundesregierung, im Gewerbemietrecht
eine Unterscheidung zwischen gemeinwohlorientierten
Gewerbemietenden und kommerziellen Gewerbemietenden zu schaffen?
18. Sieht die Bundesregierung Änderungsbedarf im geltenden
Gewerbemietrecht, und wenn nein, warum nicht?
19. Wie möchte die Bundesregierung eine vergleichbare Entwicklung der
Gewerbemieten in bundesdeutschen Großstädten wie in den Innenstädten
von Paris und London verhindern, welche konkreten Maßnahmen ergreift
sie?
20. Welche Programme der Bundesregierung unterstützen Kommunen dabei,
Räume für soziale und gesundheitsnahe Infrastruktur langfristig zu
sichern?
21. Wie bewertet die Bundesregierung Modelle wie Konzeptvergaben,
Erbpacht oder gemeinwohlorientierte Immobilienfonds zur Sicherung sozialer
Infrastruktur?
22. Plant die Bundesregierung, eine bundesweite Datenerhebung
(Gewerbemietkataster) zu Gewerbemieten, Kündigungen und
Verdrängungstendenzen durchzuführen, und wenn nein, warum nicht?
23. Welche Forschungsvorhaben sind geplant, um die sozialen Auswirkungen
steigender Gewerbemieten besser zu verstehen?
24. Welche Erkenntnisse hat die Bundesregierung darüber, welcher Anteil des
gewerblichen Immobilienbestands in Deutschland inzwischen im
Eigentum von Immobilienfonds, institutionellen Investoren oder anderen
renditeorientierten Eigentümerstrukturen steht, und wie hat sich dieser Anteil in
den vergangenen zehn Jahren entwickelt?
25. Welche Erkenntnisse hat die Bundesregierung über die Zahl der
Insolvenzen von kleinen und mittleren Unternehmen, Gewerbetreibenden sowie
Handwerksbetrieben in den vergangenen zehn Jahren, und wie haben sich
diese Insolvenzen in innerstädtischen Lagen im Vergleich zu peripheren
Lagen entwickelt (bitte nach Bundesländern und den 40 größten Städten
aufschlüsseln)?
26. Welche Rolle spielen nach Kenntnis der Bundesregierung steigende
Gewerbemieten, Nichtverlängerungen von Mietverträgen oder
Standortverdrängungen als Insolvenzursache für kleine und mittlere Unternehmen
(KMU), Gewerbetreibende und Handwerksbetriebe?
27. Welche Branchen sind nach Kenntnis der Bundesregierung besonders
insolvenzgefährdet, wenn Gewerbemieten steigen oder innerstädtische
Gewerbeflächen in höherpreisige Nutzungen umgewandelt werden?
Berlin, den 4. März 2026
Katharina Dröge, Britta Haßelmann und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333
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