Deutsche Rohstoffinteressen durchsetzen - Rohstoffpolitik zur Priorität machen
Text
Deutsche Rohstoffinteressen durchsetzen - Rohstoffpolitik zur Priorität machen
Antrag
der Abgeordneten Markus Frohnmaier, Jan Wenzel Schmidt, Dr. Rainer
Rothfuß, Dr. Alexander Wolf, Rocco Kever, Matthias Rentzsch, Johann
Martel, Denis Pauli, Arne Raue, Martina Uhr, Dr. Malte Kaufmann
und der Fraktion der AfD
Deutsche Rohstoffinteressen durchsetzen – Rohstoffpolitik zur Priorität
machen
Der Bundestag wolle beschließen:
I. Der Deutsche Bundestag stellt fest:
Angesichts der aktuellen politischen Lage hat sich die Sicherung globaler Lieferketten
für strategisch relevante Mineralien und Materialien zu einem prioritären Ziel
nationaler und internationaler Politik entwickelt. Rohstoffpolitik sichert nicht nur den Zugang
zu kritischen Rohstoffen und Industriemineralien. Sie ist längst kein rein
wirtschaftliches Handlungsfeld mehr. Vielmehr bildet sie eine strategische Schnittstelle zwischen
Außen-, Sicherheits- und Industriepolitik und gewinnt damit zunehmend an
außenpolitischer Relevanz für Deutschland.
Eine strategisch ausgerichtete Rohstoffdiplomatie, die zentral durch das
Bundeskanzleramt koordiniert wird, kann die außenpolitischen Interessen Deutschlands gezielt
verwirklichen. Sie ermöglicht die langfristige Ausgestaltung bilateraler
Partnerschaften mit rohstoffreichen Staaten, die frühzeitige Identifikation politischer Risiken
entlang globaler Lieferketten sowie die Initiierung und Stärkung strategischer
Rohstoffallianzen auf multilateraler Ebene.
Internationale Vergleichsbeispiele zeigen, dass die Rohstoffpolitik in rohstoffreichen
Staaten wie den USA, Kanada und China, aber auch in ressourcenarmen
Industrieländern wie Indien oder Südkorea, in der Regel auf höchster staatlicher Ebene – durch
Präsidenten oder Staatsoberhäupter – aktiv gesteuert wird.
Im Zuge des Kriegs in der Ukraine hat die US-Regierung die Rohstoffpolitik zu einem
zentralen Bestandteil ihrer diplomatischen Verhandlungen gemacht. Nach dem
Grundsatz „Sicherheit gegen Rohstoffe“ verknüpfte sie ihre militärische und wirtschaftliche
Unterstützung für die Ukraine mit dem Zugang zu deren Rohstoffressourcen1. Parallel
dazu kooperiert die ukrainische Regierung mit weiteren westlichen Partnerstaaten –
darunter Frankreich, Großbritannien und Italien – bei Projekten zur Erkundung und
Gewinnung kritischer Materialien2. Auch China verfolgt eine außenpolitisch fundierte
Rohstoffstrategie, die sich insbesondere im Rahmen der „Belt and Road Initiative“
1 Vgl. www.sueddeutsche.de/politik/ukraine-usa-seltene-erden-rohstoff-deal-li.3201502
2 www.capital.de/wirtschaft-politik/was-ueber-das-rohstoffabkommen-der-ukraine-mit-den-usa-bekannt-ist-
35684612.html#was-ist-ueber-den-deal-bekannt
Deutscher Bundestag Drucksache 21/4281
21. Wahlperiode 24.02.2026
(BRI) manifestiert. Ziel dieser Initiative ist unter anderem die langfristige Absicherung
des chinesischen Zugangs zu strategisch relevanten Rohstoffen. Zahlreiche bilaterale
Abkommen, wie mit der Demokratischen Republik Kongo und dem Irak, folgen dem
Muster „Rohstoffe gegen Infrastruktur“.
Ähnlich wie Deutschland ist Südkorea eine rohstoffarme, jedoch hochindustrialisierte
Volkswirtschaft. Das Land reagiert auf die globale Konkurrenzsituation mit einer
aktiven rohstoffdiplomatischen Strategie. Ab Juli 2024 übernimmt das südkoreanische
Außenministerium den Vorsitz der von den USA initiierten „Minerals Security
Partnership“ (MSP), um die bilateralen und multilateralen Konsultationen mit
rohstoffreichen Ländern zu intensivieren und „seinen Status als globaler Schlüsselstaat“
auszubauen3.
Ein weiterer geopolitisch relevanter Faktor ist die Erweiterung der BRICS-
Staatengruppe um rohstoffreiche Länder wie die Vereinigten Arabischen Emirate und den Iran
sowie ein möglicher Beitritt Saudi-Arabiens. Diese Erweiterung könnte zu einer
erheblichen Verschiebung der Machverhältnisse im globalen Rohstoffsektor führen. Mit
dem Beitritt dieser Staaten würden sechs der zehn größten Erdölproduzenten der Welt
dem BRICS+-Bündnis angehören4. Der Anteil des Bündnisses an der globalen
Erdölproduktion würde sich damit von derzeit etwa 20 Prozent auf rund 43 Prozent mehr
als verdoppeln.5 Bereits im Jahr 2022 wurden über 50 Prozent der 60 von der
Europäischen Union als potenziell kritisch eingestuften Rohstoffe aus den fünf Kernländern
der BRICS-Gruppe in die EU importiert6. Dies unterstreicht die strukturelle
Abhängigkeit Europas von Rohstofflieferungen. Die Risiken dieser Abhängigkeit müssen in
der deutschen und europäischen Außen- und Handelspolitik zunehmend berücksichtigt
werden.
Deutschland ist nach wie vor in erheblichem Maße von Rohstoffimporten abhängig,
insbesondere im Bereich metallischer Rohstoffe und Industriemineralien. Im Jahr 2022
belief sich das Importvolumen auf etwa 343 Millionen Tonnen bei einem Gesamtwert
von rund 311 Milliarden Euro. Damit machten Rohstoffimporte wertmäßig etwa
20 Prozent der gesamten Einfuhren aus7. Siegfried Russwurm, der Präsident des
Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), äußerte in diesem Zusammenhang die
Warnung, dass Deutschland in Fragen der Rohstoffversorgung „erpressbar“ sei.8
Ein besonderes Risiko ergibt sich aus den zunehmenden Exportrestriktionen Chinas.
Diese gefährden die Versorgungssicherheit Deutschlands in wachsendem Maße. Diese
Problematik wird durch die stark gestiegene Importabhängigkeit von chinesischen
Rohstoffen in den vergangenen Jahren zusätzlich verschärft9.
Trotz der strategischen Relevanz dieser Entwicklungen mangelt es der
Bundesregierung bislang an einem kohärenten und langfristig ausgerichteten Konzept für eine
Rohstoffpolitik, die sicherheits- und außenpolitische Dimensionen systematisch integriert.
Erforderlich wäre nicht nur die Sicherung des unmittelbaren Zugangs zu kritischen
Rohstoffen, sondern auch der gezielte Aufbau verlässlicher und strategischer
Partnerschaften, die nachhaltige Absicherung globaler Lieferketten sowie eine verstärkte
außenpolitische Präsenz in geopolitisch sensiblen Förderregionen.
Die bestehenden bilateralen Rohstoffpartnerschaften Deutschlands – mit der Mongolei
(seit 2011), Kasachstan (seit 2012), Chile (seit 2013) und Peru (seit 2014) – haben
bislang jedoch keine nennenswerten Erfolge in Bezug auf die Rohstoffsicherung er-
3 www.mofa.go.kr/eng/brd/m_5676/view.do?seq=322611
4 Deutsche Rohstoffagentur, Chart des Monats, September 2023.
5 Deutsche Rohstoffagentur, Chart des Monats, September 2023.
6 Deutsche Rohstoffagentur, Chart des Monats, August 2023
7 Deutsche Rohstoffagentur, Chart des Monats, Januar 2024.
8 www.das-parlament.de/epaper/2023/35_36/index.html#0
9 Vgl. Deutsche Rohstoffagentur, Chart des Monats, September 2024.
bracht. Laut einer Mitteilung des Bundesrechnungshofes aus dem Jahr 2021 konnten
zahlreiche Projektvorschläge nicht umgesetzt werden. Dies ist unter anderem auf das
geringe Interesse seitens der deutschen Wirtschaft sowie auf finanzierungsbezogene
Hürden zurückzuführen10. Wie aus den Angaben der Bundesregierung hervorgeht,
wird im Rahmen dieser Partnerschaften explizit nicht das Ziel einer zusätzlichen
Rohstoffversorgung durch bilaterale Abkommen verfolgt11. Die Partnerschaften dienen
vielmehr lediglich als ergänzender Kommunikationskanal. Es werden keine konkreten
Maßnahmen zur Absicherung gegen Versorgungsengpässe oder zur Begrenzung von
Preissteigerungen implementiert12. Die Verantwortung für den Abschluss konkreter
Rohstoffverträge wird von staatlicher Seite vollständig auf privatwirtschaftliche
Akteure übertragen13.
Die gegenwärtige Rohstoffpolitik der Bundesregierung, die vom bisherigen
Bundesministerium für Wirtschaft und Klima geleitet wurde, wurde seit ihrer letzten Fassung
im Jahr 2020 trotz der erheblichen sicherheits- und geopolitischen Veränderungen
seither nicht mehr aktualisiert. Die politische Verantwortung für die inhaltliche
Ausrichtung dieser Strategie lag beim ehemaligen Bundeswirtschaftsminister und Vizekanzler
Robert Habeck. Das bislang vorliegende, in weiten Teilen fragmentarische
Strategiepapier fokussiert sich vorrangig auf die Förderung einer klimafreundlichen Ideologie.
Die Entscheidung zur Laufzeitverlängerung deutscher Kernkraftwerke ist nicht im
Rahmen eines ergebnisoffenen Prüfungsprozess zustande gekommen. André Thess,
Professor für Energiespeicherung an der Universität Stuttgart, äußerte in diesem
Zusammenhang Bedenken hinsichtlich der Folgen des Kernenergieausstiegs und
bezeichnete diesen als schädlich für die Zuverlässigkeit, Bezahlbarkeit und
Umweltfreundlichkeit der deutschen Stromversorgung14.
Hinsichtlich einer langfristigen, sicherheitspolitisch fundierten Ausrichtung auf
globale Herausforderungen bleibt die aktuelle Rohstoffpolitik unzureichend. Es mangelt
insbesondere an einer systematischen Berücksichtigung der sicherheits- und
außenpolitischen Dimension der Rohstoffversorgung sowie an einer übergreifenden
strategischen Vision.
Zudem zeigt sich ein erheblicher Mangel an institutioneller Koordination: Es fehlt an
einer klaren Integration sowie an eindeutigen Zuständigkeitsregelungen zwischen den
betroffenen Bundesministerien. Wie im Papier formuliert, „sind die jeweiligen
Ressorts für die Umsetzung der sie betreffenden Maßnahmen zuständig“15. Dies führt zu
unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen der Ressorts mit zum Teil divergierenden
Interessen und erschwert eine zielgerichtete Evaluierung der politischen Maßnahmen.
Da Deutschland als drittgrößte Volkswirtschaft der Welt auch außen- und
sicherheitspolitisch eine unbestreitbare Führungsrolle einnimmt, ist es sinnvoll, unabhängig von
EU-Initiativen eine eigenständige, vom Bundeskanzleramt koordinierte nationale
Rohstoffpolitik zu betreiben. Dies würde es Deutschland ermöglichen, mit einer
ressortübergreifenden Rohstoffpolitik angemessen auf die sich rasch verändernde außen- und
sicherheitspolitische Lage zu reagieren und durch diplomatische Balanceakte für
gesicherte, langfristige und strategische Rohstoffpartnerschaften zu sorgen. Eine vom
Bundeskanzleramt gesteuerte und koordinierte Rohstoffstrategie schafft eine
langfristige, strategische und übergreifende Vision und verleiht der Rohstoffpolitik auch eine
höhere politische Legitimität und Autorität. Zudem erhöht die Steuerung der Rohstoff-
10 www.bundesrechnungshof.de/SharedDocs/Downloads/DE/Berichte/2022/rohstoffpartnerschaften-voll-
text.pdf?__blob=publicationFile&v=2
11 www.bundestag.de/webarchiv/presse/hib/2020_02/684398-684398
12 Ebd.
13 Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Fraktion der CDU/CSU auf Bundestagsdrucksache
20/14981, S. 50.
14 Vgl. www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2025/kw08-pa-2ua-berichtsuebergabe-1052044
15 Fortschreibung der Rohstoffstrategie der Bundesregierung, 14. Januar 2020.
diplomatie durch das Bundeskanzleramt die internationale Verhandlungsmacht
Deutschlands.
II. Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf,
1. die außen- und sicherheitspolitische Perspektive in die Rohstoffpolitik zu
integrieren und einen engen Austausch mit dem Auswärtigen Amt und dem
Bundesministerium für Wirtschaft und Energie über die Sicherung kritischer Rohstoffe
und die Risikomanagementstrategie im Hinblick auf geopolitische
Entwicklungen sicherzustellen;
2. den Fokus der deutschen Rohstoffpolitik stärker auf die Bedürfnisse der
deutschen Wirtschaft, statt auf klimapolitische Ziele, auszurichten;
3. einen ständigen Beauftragten für Rohstoffpolitik zu ernennen, der die deutsche
Rohstoffpolitik zwischen den beteiligten Ressorts (BMWE, AA, BMVg und
Bundeskanzleramt) koordiniert und Deutschland auf EU-Ebene sowie in
internationalen Dialogforen und Gesprächen mit anderen Ländern vertritt und sicherstellt,
dass die sicherheitspolitischen Interessen Deutschlands im globalen
Rohstoffkontext berücksichtigt werden;
4. einen jährlichen Bericht zur Rohstoffsicherheit und -strategie vorzulegen, der
anschließend im Deutschen Bundestag vom Beauftragten für Rohstoffpolitik
vorgestellt wird;
5. im neu einzurichtenden Nationalen Sicherheitsrat einen ständigen
Tagesordnungspunkt „Rohstoffpolitik“ aufzusetzen und zu diskutieren;
6. als Mitglied eine aktive Rolle in der von den USA geführten Minerals Security
Partnership (MSP) durch die intensive Zusammenarbeit mit den anderen 13
Mitgliedern wie Indien und den USA zu spielen, sich um den Vorsitz der MSP zu
bewerben und substanzielle globale strategische Partnerschaften zu entwickeln.
Berlin, den 24. Februar 2026
Dr. Alice Weidel, Tino Chrupalla und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333
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