Lebensräume des Rotwildes schützen - Rotwildgebiete auflösen und Hegegedanken auf Grundlage wildbiologischer Forschung weiterentwickeln
Text
Lebensräume des Rotwildes schützen - Rotwildgebiete auflösen und Hegegedanken auf Grundlage wildbiologischer Forschung weiterentwickeln
[Antrag
der Abgeordneten Stephan Protschka, Peter Felser, Danny Meiners, Christian
Reck, Bernd Schattner, Julian Schmidt, Bernd Schuhmann, Dr. Michael Blos,
Steffen Janich, Enrico Komning, Dario Seifert, Lars Schieske, Stefan
Schröder, Alexander Arpaschi, Dr. Christoph Birghan, Joachim Bloch, René
Bochmann, Erhard Brucker, Thomas Dietz, Tobias Ebenberger, Dr. Ingo Hahn,
Udo Theodor Hemmelgarn, Karsten Hilse, Dr. Malte Kaufmann, Dr. Michael
Kaufmann, Rocco Kever, Kurt Kleinschmidt, Heinrich Koch, Reinhard Mixl,
Edgar Naujok, Iris Nieland, Denis Pauli, Tobias Matthias Peterka, Arne Raue,
Manfred Schiller, Jan Wenzel Schmidt, Thomas Stephan, Martina Uhr,
Dr. Daniel Zerbin, Jörg Zirwes, Ulrich von Zons und der Fraktion der AfD
Lebensräume des Rotwildes schützen – Rotwildgebiete auflösen und
Hegegedanken auf Grundlage wildbiologischer Forschung weiterentwickeln
Der Bundestag wolle beschließen:
I. Der Deutsche Bundestag stellt fest:
Der Lebensräume des heimischen Wildes wurde in den letzten Jahrzehnten
insbesondere durch den Ausbau der Verkehrswege sowie durch die Zersiedlung der Landschaft
immer weiter eingeschränkt. Aktuell wird diese Problematik durch die Errichtung von
immer mehr eingezäunten Solarparks sowie durch Herdenschutzmaßnahmen zum
Schutz vor Wolfsübergriffen zusätzlich weiter verschärft. In einigen Bundesländern
trägt darüber hinaus auch die Errichtung der Zäune zur Eindämmung der
Afrikanischen Schweinepest zur weiteren „Verdrahtung“ bzw. Zerschneidung von
Lebensräumen bei.
Diese Entwicklung ist insbesondere für das heimische Rotwild (Cervus elaphus)
aufgrund seiner hohen Raumansprüche kritisch zu sehen. So ist es durch die
Zerschneidung von Lebensräumen und Wanderkorridoren des Rotwildes in vielen Gegenden
Deutschlands bereits zur genetischen Degeneration gekommen. Für ganz Deutschland
konnte beispielsweise eine im Jahr 2022 veröffentlichte Untersuchung der Georg-
August-Universität Göttingen nachweisen, dass die meisten der insgesamt 34 beprobten
Rotwildvorkommen genetisch voneinander isoliert sind, dass kaum Genfluss
nachzuweisen ist und dass hierfür insbesondere Straßen, Siedlungen und rotwildfreie Gebiete
verantwortlich sind (https://ediss.uni-goettingen.de/handle/11858/13992). Auf Inzucht
zurückzuführende Missbildungen wie verkürzte Unterkiefer konnten bereits in einigen
Bundesländern wie beispielsweise Schleswig-Holstein, Hessen und Thüringen
nachgewiesen werden (www.rothirsch.org/neue-studie-warnt-vor-inzucht-bei-
hessischemrotwild/).
Deutscher Bundestag Drucksache 21/3836
21. Wahlperiode 27.01.2026
Eine Verbesserung dieser Situation im Rahmen der wildökologischen Raumplanung
(beispielsweise durch die Anlage von Grünbrücken über Autobahnen) ist nicht nur
wichtig für den Erhalt des Rotwildes. Verbunden sind darüber hinaus auch positive
Synergieeffekte für andere dem Jagdrecht unterliegende Wildarten wie beispielsweise
Fischotter, Luchs und Wildkatze (https://wanderhirsch.de/).
Ein wichtiger Aspekt für die erfolgreiche Wiedervernetzung von Lebensräumen ist
zukünftig, dass Mindeststandards für die Durchlässigkeit neuer Infrastrukturvorhaben
entwickelt werden, um funktionale Wildtierkorridore dauerhaft gewährleisten zu
können. Weiterhin ist die verbindliche Verankerung von Wildtierkorridoren in der
Raumordnung sowie die Integration von Maßnahmen zur Reduktion von Wildunfällen ein
wesentlicher Baustein eines zeitgemäßen Biotopverbundes.
II. Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf,
1. anlässlich der Frühjahrs-Agrarministerkonferenz 2026 einen aktualisierten
Umsetzungsbericht zum Bundesprogramm Wiedervernetzung bzw. zur Fortführung
dieser Maßnahmen vorzulegen und zur Diskussion zu stellen;
2. zur Umsetzung von zukünftigen Biotopverbundmaßnahmen bzw. zur Umsetzung
der wildökologischen Raumplanung (beispielsweise Bau von Wildbrücken über
Autobahnen/Bundestraßen/Bahnstrecken) ab dem Haushalt 2027 einen
eigenständigen Haushaltstitel einzurichten;
3. sich gemeinsam mit den Ländern dafür einzusetzen, dass die bundesweit
bestehenden Rotwild-Hegegemeinschaften durch die jeweils zuständige oberste
Jagdbehörde im Sinne eines Erfahrungsaustausches zum Einsatz der Jagd als
Instrument zur Steuerung des Raum-Zeit-Verhaltens des Rotwildes regelmäßig
informiert bzw. unterstützt werden;
4. sich darüber hinaus bis zum Ende der laufenden Legislaturperiode dafür
einzusetzen, die in einigen Ländern bestehenden Rotwildgebiete aufzulösen, um einen
gesunden Wildbestand zu erhalten und den genetischen Austausch im Rahmen
von großräumigen und funktionsfähigen Managementeinheiten bundesweit
wieder zu ermöglichen;
5. bis zum dritten Quartal 2026 eine Übersicht zu den bisherigen und laufenden
populationsgenetischen Untersuchungen am Rotwild in Deutschland vorzulegen
und darauf aufbauend zu prüfen, inwiefern die Ergebnisse dieser Untersuchungen
zukünftig auf der Grundlage eines bundesweit einheitlichen Monitorings an einer
oberen Bundesoberbehörde (beispielsweise am Thünen-Institut für
Waldökosysteme in Eberswalde) zusammengeführt, ausgewertet und öffentlich zugänglich
gemacht werden können;
6. bei allen Neu- und Ausbauprojekten an Bundesfernstraßen ab 2027
verpflichtende Wildtierquerungshilfen (beispielsweise Grünbrücken,
Wilddurchlässe) vorzusehen und diese im Bundesverkehrswegeplan verbindlich
anzuerkennen;
7. im Rahmen der laufenden Weiterentwicklung der Gemeinschaftsaufgabe
„Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes“ (GAK) für den
Förderzeitraum ab 2029 einen speziellen Fördertatbestand für private Waldbesitzer zur
Finanzierung von Maßnahmen der Wiedervernetzung aufzulegen.
Berlin, den 27. Januar 2026
Dr. Alice Weidel, Tino Chrupalla und Fraktion
Begründung
Das bereits im Jahr 2012 gestartete Bundesprogramm Wiedervernetzung gehört bislang zu den wichtigsten
Instrumenten zur praktischen Umsetzung der wildökologischen Raumplanung in Deutschland. Inzwischen werden
die Maßnahmen des Bundesprogrammes Wiedervernetzung im Rahmen des Aktionsprogrammes Natürlicher
Klimaschutz (ANK) weitergeführt. Vor dem Hintergrund des Ziels, insbesondere die Situation beim Rotwild als
Leitart im Rahmen von Biotopverbundmaßnahmen zu verbessern, ist die geforderte Erstellung eines
aktualisierten Umsetzungsberichtes des Bundesprogrammes Wiedervernetzung eine erste wichtige Grundlage. Die
Schaffung eines eigenen Haushaltstitels ist in diesem Zusammenhang darüber hinaus wichtig, um das Programm
insgesamt zu stärken und um bezüglich der zukünftigen Finanzierung mehr Transparenz gewährleisten zu können.
Zusätzlich zum grundsätzlichen Problem der Zerschneidung der Lebensräume wird der genetische Austausch
beim Rotwild in einigen Bundesländern durch die Ausweisung von rotwildfreien Gebieten erheblich erschwert.
In Bayern sind bspw. 14 Prozent der Fläche als Rotwildgebiete definiert, d. h. dass auf 86 Prozent der Fläche
Bayerns per Gesetz kein Rotwild vorkommen darf (www.hhg-opf.de/rotwild/rotwild-in-bayern/). In Baden-
Württemberg darf das Rotwild sogar nur auf vier Prozent der Landesfläche existieren (www.deutschewildtier-
stiftung.de/aktuelles/artikel/wappentier-baden-wuerttembergs-steht-am-beginn-eines-aussterbeprozesses). Der
Grund für die Festlegung der rotwildfreien Gebiete war in der Vergangenheit in erster Linie der politische Wille,
grundsätzlich keine Wildschäden durch Rotwild zuzulassen.
Aus heutiger Sicht ist dieser Ansatz jedoch nicht mehr zeitgemäß und stellt nicht zuletzt einen erheblichen
naturschutzrechtlichen Eingriff dar („Rotwildgebiete – Im Ergebnis nicht gerechtfertigt“; Interview mit Dr. Michael
Pießkalla, in: Wild und Hund 16/2023, S. 18–22). Darüber hinaus konnten in den letzten Jahren erheblich
Fortschritte im Bereich der wildbiologischen Forschung erzielt werden, die zeigen, dass sich Wildschäden im Wald
durch die Schaffung von Wildruhezonen und Wildäsungsflächen in Kombination mit Maßnahmen der
Schwerpunktbejagung auf Aufforstungs- bzw. Verjüngungsflächen nachweislich deutlich reduzieren lassen (Balkenhol
et al.: „Lenkung von Schalenwild durch Bejagung: Wissenschaft und Praxis“, in: AFZ – Der Wald 10/2023,
S. 12–15). Vor diesem Hintergrund gehen die aktuellen Initiativen (beispielsweise Gründung einer Initiative zur
Schaffung eines länderübergreifenden Rotwildgebietes in der Rhön) zur Zulassung von Wanderkorridoren in
rotwildfreien Gebieten zwar in die richtige Richtung („Rotwild-Rettung – Politik zurrt den Fahrplan für
Wanderkorridore fest“, in: PIRSCH 17/2025, S. 68). Grundsätzlich sollten die rotwildfreien Gebiete in den nächsten drei
Jahren jedoch vollständig aufgelöst werden, um den genetischen Austausch beim Rotwild endlich im Rahmen
von großräumigen und funktionsfähigen Managementeinheiten bundesweit wieder zu ermöglichen und damit
den Trend zur genetischen Verarmung allmählich umzukehren.
Kritisch hinterfragt werden muss in diesem Zusammenhang auch der am 03.07.2025 mit knapper Mehrheit
beschlossene Entwurf der Landesregierung von Rheinland-Pfalz für ein neues Jagdgesetzt (mit Änderungsantrag
vom 02.07.2025), das am 01.04.2027 in Kraft treten soll. Zwar wird das Vorkommen des Rotwildes in dieser
Gesetzesnovelle nicht so radikal wie die Vorkommen von Dam- und Muffelwild auf „Duldungsgebiete“
beschränkt, was im Fall dieser als „nicht heimischen“ bezeichneten Wildarten bis auf Weiteres auf „wildfreie
Gebiete“ hinauslaufen wird, in denen das Wild „nicht gehegt oder geduldet werden“ darf (https://dokumente.land-
tag.rlp.de/landtag/drucksachen/12096-18.pdf). Jedoch ist auch im Fall des Rotwildes weiterhin von
Einschränkungen auszugehen, da die ehemaligen „Bewirtschaftungsbezirke“ lediglich durch neue „Schwerpunktgebiete“
ersetzt werden, wobei die Durchführungsvorschriften nach § 55 in diesem Zusammenhang vorsehen, dass die
Einzelheiten zur Bildung und Abgrenzung dieser „Schwerpunktgebiete“ sowie Vorgaben zur Hege und Bejagung
inner- und außerhalb dieser Gebiete von der jeweiligen Landesregierung bestimmt werden können. In diesem
Zusammenhang wurde von 23 (von insgesamt 24) Kreisjagdmeistern im Verlauf des Gesetzgebungsverfahrens
zudem kritisiert, dass eine neutrale Abgrenzung der Bewirtschaftungsgemeinschaften Rotwild durch die
Zentralstelle der Forstverwaltung nicht zu erwarten sei. Im Rahmen einer Resolution wurde von den Kreisjagdmeistern
daher eine organisatorische und personelle Trennung gefordert („Kreisjagdmeister gegen Sonderstellung der
Landesforsten“, in: Holz-Zentralblatt Nr. 26 vom 27.06.2025, S. 386).
Eine wichtige Grundlage zur Evaluierung der Maßnahmen zur Verbesserung des genetischen Austausches ist
nicht zuletzt die populationsgenetische Forschung. Die Zusammenführung und einheitliche Auswertung aller
bisheriger und zukünftiger Daten zur Genetik des Rotwildes an einem zentralen Bundesinstitut hätte im Vergleich
zu den bisherigen „Insellösungen“ verschiedene Vorteile und ist daher ein vielversprechender Ansatz. Ein
umfassendes Monitoring, das Bestandsentwicklung, Telemetrie und Genetik zusammenführt, sorgt für
wissenschaftliche Nachvollziehbarkeit, Transparenz und praxisnaher Verbesserung des Rotwildmanagements.
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333]
Relationen
- authored ← Alexander Arpaschi (Antrag)
- authored ← Arne Raue (Antrag)
- authored ← Bernd Schattner (Antrag)
- authored ← Bernd Schuhmann (Antrag)
- authored ← Christian Reck (Antrag)
- authored ← Christoph Birghan (Antrag)
- authored ← Daniel Zerbin (Antrag)
- authored ← Danny Meiners (Antrag)
- authored ← Dario Seifert (Antrag)
- authored ← Denis Pauli (Antrag)
- authored ← Edgar Naujok (Antrag)
- authored ← Enrico Komning (Antrag)
- authored ← Erhard Brucker (Antrag)
- authored ← Fraktion der AfD
- authored ← Heinrich Koch (Antrag)
- authored ← Ingo Hahn (Antrag)
- authored ← Iris Nieland (Antrag)
- authored ← Jan Wenzel Schmidt (Antrag)
- authored ← Joachim Bloch (Antrag)
- authored ← Jörg Zirwes (Antrag)
- authored ← Julian Schmidt (Antrag)
- authored ← Karsten Hilse (Antrag)
- authored ← Kurt Kleinschmidt (Antrag)
- authored ← Lars Schieske (Antrag)
- authored ← Malte Kaufmann (Antrag)
- authored ← Manfred Schiller (Antrag)
- authored ← Martina Uhr (Antrag)
- authored ← Michael Blos (Antrag)
- authored ← Michael Kaufmann (Antrag)
- authored ← Peter Felser (Antrag)
- authored ← Reinhard Mixl (Antrag)
- authored ← René Bochmann (Antrag)
- authored ← Rocco Kever (Antrag)
- authored ← Stefan Schröder (Antrag)
- authored ← Steffen Janich (Antrag)
- authored ← Stephan Protschka (Antrag)
- authored ← Thomas Dietz (Antrag)
- authored ← Thomas Stephan (Antrag)
- authored ← Tobias Ebenberger (Antrag)
- authored ← Tobias Matthias Peterka (Antrag)
- authored ← Udo Theodor Hemmelgarn (Antrag)
- authored ← Ulrich von Zons (Antrag)
- part_of_vorgang → Lebensräume des Rotwildes schützen - Rotwildgebiete auflösen und Hegegedanken auf Grundlage wildbiologischer Forschung weiterentwickeln (Antrag)