Abstimmungen der Bundesregierung mit der israelischen Regierung vor ihrer Aussage vor dem Internationalen Gerichtshof
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Abstimmungen der Bundesregierung mit der israelischen Regierung vor ihrer Aussage vor dem Internationalen Gerichtshof
Deutscher Bundestag Drucksache 21/3144
21. Wahlperiode 05.12.2025
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Lea Reisner, Desiree Becker, Gökay Akbulut, Janina Böttger,
Maik Brückner, Katrin Fey, Vinzenz Glaser, Ates Gürpinar, Jan Köstering, Stella
Merendino, Mirze Edis, Charlotte Antonia Neuhäuser, Cansu Özdemir, Zada
Salihović, Ulrich Thoden, Donata Vogtschmidt, Christin Willnat und
der Fraktion Die Linke
Abstimmungen der Bundesregierung mit der israelischen Regierung vor ihrer
Aussage vor dem Internationalen Gerichtshof
Nach Recherchen des „Stern“ und Drop Site News („Hat die Bundesregierung
vor Gericht nur die halbe Wahrheit gesagt?“, Stern vom 31. Oktober 2025) hat
sich die Bundesregierung vor ihrer Stellungnahme im Verfahren Nicaragua
gegen Deutschland vor dem Internationalen Gerichtshof (IGH) in Den Haag
mit der israelischen Regierung abgestimmt. Demnach erfolgte die Offenlegung
von Informationen zu sogenannten Länderabgaben aus Beständen der
Bundeswehr „im Einvernehmen mit dem betroffenen Staat [Israel]“. Dies geht aus
einer Stellungnahme des Bundesministeriums der Verteidigung (BMVg) vom
29. Januar 2025 hervor.
Vor dem IGH hatte die Bundesregierung öffentlich erklärt, im Jahr 2023 seien
keine Kriegswaffen aus Bundeswehrbeständen an Israel geliefert worden,
sondern ausschließlich medizinische Hilfsgüter und Schutzhelme. Dokumente aus
dem BMVg lassen, so die Berichterstattung, jedoch insbesondere im Hinblick
auf die Länderabgaben Zweifel an der Vollständigkeit dieser Angaben
aufkommen.
Diese Zweifel werden auch durch eine Entscheidung des Verwaltungsgerichts
Köln vom 26. Mai 2025 bestärkt, in der festgehalten wird, dass die Darstellung
der Bundesregierung „nach Angaben der Antragsgegnerin im Einvernehmen
mit dem Staat Israel“ erfolgt sei.
Vor diesem Hintergrund soll die Kleine Anfrage dazu beitragen, Transparenz
darüber herzustellen, inwieweit die Bundesregierung gegenüber dem
Internationalen Gerichtshof vollständige und zutreffende Angaben gemacht hat, und ob,
und wenn ja, in welchem Umfang, die israelische Regierung Einfluss auf die
Darstellung deutscher Regierungsstellen in einem laufenden Verfahren vor
einem internationalen Gericht genommen hat.
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Mit welchen israelischen Regierungsstellen oder diplomatischen
Vertretungen hat sich die Bundesregierung oder haben nach Kenntnis der
Bundesregierung ihre nachgeordneten Behörden im Zusammenhang mit der
Aussage der Bundesregierung vor dem Internationalen Gerichtshof (IGH)
am 8. und 9. April 2024 abgestimmt?
2. Welche Gespräche zwischen Vertreterinnen und Vertretern der
Bundesregierung und Vertreterinnen und Vertretern der israelischen Regierung
oder in deren Auftrag handelnden Personen haben nach Wissen der
Bundesregierung seit Einreichen der Klage durch Nicaragua stattgefunden
(bitte unter Angabe der jeweiligen Termine und der Ebene der Beteiligung
aufseiten der Bundesregierung aufschlüsseln)?
3. In welcher Form und zu welchem Zweck fanden diese Gespräche nach
Kenntnis der Bundesregierung statt?
4. Welchen Gegenstand hatten diese Gespräche laut Bundesregierung
jeweils?
5. Trifft es nach Wissen der Bundesregierung zu, dass Angaben zu
sogenannten Länderabgaben aus Bundeswehrbeständen „im Einvernehmen mit
dem betroffenen Staat Israel“ erfolgten?
6. Wer innerhalb der Bundesregierung hat laut Bundesregierung die
Entscheidung über dieses Einvernehmen getroffen?
7. Auf welcher rechtlichen oder vertraglichen Grundlage erfolgte nach
Auffassung der Bundesregierung das Einvernehmen mit der israelischen
Seite?
8. Wurden der Bundesregierung nach ihrer Kenntnis durch israelische
Stellen vor der Anhörung vor dem IGH Bedingungen oder Einschränkungen
hinsichtlich der Offenlegung bestimmter Informationen auferlegt?
9. Wurden konkrete Informationen über Lieferungen oder Länderabgaben
der Bundeswehr an Israel laut Bundesregierung aufgrund dieses
Einvernehmens nicht offengelegt, und wenn ja, welche?
10. Hat die Bundesregierung nach eigener Kenntnis gegenüber dem IGH oder
dessen Sekretariat offengelegt, dass ihre Angaben im Einvernehmen mit
Israel abgestimmt waren?
11. Wie begegnet die Bundesregierung der Einschätzung der
Fragestellerinnen und Fragesteller, wonach nur die von Israel genehmigten Teile der
Länderabgaben öffentlich gemacht wurden?
12. Wie begegnet die Bundesregierung der Einschätzung der
Fragestellerinnen und Fragesteller, wonach Israel durch das Vorgehen vor dem IGH
Einfluss auf den Umfang der von Deutschland offengelegten
Informationen genommen hat?
13. Welche Rolle spielte nach Wissen der Bundesregierung die damalige
Bundesministerin des Auswärtigen, Annalena Baerbock, bei der Vorbereitung
der Aussage der Bundesregierung vor dem IGH am 8. und 9. April 2024,
insbesondere im Hinblick auf eine mögliche Abstimmung mit israelischen
Regierungsstellen?
14. Wurde Annalena Baerbock laut Bundesregierung in ihrer Funktion als
Außenministerin über die Entscheidung informiert oder daran beteiligt,
Angaben zu sogenannten Länderabgaben aus Bundeswehrbeständen „im
Einvernehmen mit dem betroffenen Staat Israel“ offenzulegen, und wenn ja,
in welcher Form?
15. Wurde Annalena Baerbock nach Kenntnis der Bundesregierung in ihrer
derzeitigen Funktion als Präsidentin der Generalversammlung der
Vereinten Nationen nach den Veröffentlichungen von „Stern“ und Drop Site
News von der Bundesregierung kontaktiert oder über die darin
dargestellten Vorgänge bzw. über die Beantwortung entsprechender
parlamentarischer Anfragen informiert, und wenn ja, wann, und in welcher Form, und
zu welchem Zweck?
16. Beabsichtigt die Bundesregierung, die bislang unter Verweis auf
Geheimhaltungsinteressen zurückgehaltenen Informationen über Länderabgaben
an Israel offenzulegen oder dem Deutschen Bundestag zugänglich zu
machen?
17. Inwiefern sieht die Bundesregierung nach eigener Einschätzung das
Prinzip der Unabhängigkeit eines Mitgliedstaates gegenüber einem
internationalen Gericht gewahrt, wenn Angaben zu einem laufenden Verfahren im
Einvernehmen mit einem Drittstaat abgestimmt werden, gegen den wegen
mutmaßlich schwerer Verbrechen ermittelt wird?
18. In welchen Verwaltungsgerichtsverfahren, in denen Genehmigungen nach
dem Kriegswaffenkontrollgesetz (KrWaffKontrG) oder dem
Außenwirtschaftsgesetz (AWG) Gegenstand waren, hat die Bundesregierung nach
eigener Kenntnis in den Jahren 2023 bis 2025 Angaben zu Lieferungen
oder Länderabgaben der Bundeswehr an Israel – möglicherweise ebenfalls
– nicht offengelegt?
19. Sofern die Bundesregierung hierzu (vgl. Frage 18) über keine Statistiken
verfügt oder keine Recherchen vorzunehmen beabsichtigt, inwiefern fand
laut Bundesregierung im Zusammenhang mit dem Eilantrag VG 4 L 44/24
vor dem Verwaltungsgericht Berlin gegebenenfalls eine Abstimmung oder
ein Austausch mit israelischen Stellen statt?
20. Beabsichtigt die Bundesregierung, Maßnahmen zu ergreifen, um künftig
sicherzustellen, dass hinsichtlich von Aussagen oder Eingaben vor
deutschen oder internationalen Gerichten keine Abstimmungen mit dort
angeklagten Drittstaaten mehr erfolgen?
Berlin, den 26. November 2025
Heidi Reichinnek, Sören Pellmann und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333
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