Änderung der Geschäftsordnung des Deutschen Bundestages hier: Einführung einer Liste der ordnungsrufwürdigen Äußerungen, Begriffe und Handlungen zur Herstellung umfassender Transparenz
Text
Änderung der Geschäftsordnung des Deutschen Bundestages hier: Einführung einer Liste der ordnungsrufwürdigen Äußerungen, Begriffe und Handlungen zur Herstellung umfassender Transparenz
[Deutscher Bundestag Drucksache 21/2225
21. Wahlperiode 14.10.2025
Antrag
der Abgeordneten Stephan Brandner, Alexander Arpaschi, Adam Balten,
Birgit Bessin, Dr. Christoph Birghan, Joachim Bloch, René Bochmann, Peter
Boehringer, Peter Bohnhof, Erhard Brucker, Thomas Dietz, Tobias
Ebenberger, Hauke Finger, Mirco Hanker, Stefan Henze, Olaf Hilmer, Karsten
Hilse, Dr. Malte Kaufmann, Rocco Kever, Kurt Kleinschmidt, Maximilian
Kneller, Heinrich Koch, Manuel Krauthausen, Pierre Lamely, Markus
Matzerath, Reinhard Mixl, Iris Nieland, Gerold Otten, Tobias Matthias Peterka,
Arne Raue, Christian Reck, Jan Wenzel Schmidt, Dr. Paul Schmidt, René
Springer, Thomas Stephan, Martina Uhr, Sven Wendorf, Jörg Zirwes, Ulrich
von Zons und der Fraktion der AfD
Änderung der Geschäftsordnung des Deutschen Bundestages
hier: Einführung einer Liste der ordnungsrufwürdigen Äußerungen, Begriffe
und Handlungen zur Herstellung umfassender Transparenz
Der Bundestag wolle beschließen:
Die Geschäftsordnung des Deutschen Bundestages vom 25. Juni 1980 (BGBl. I S.
1237), die zuletzt durch Beschluss des Bundestages vom 22. Februar 2024 geändert
worden ist, wird wie folgt geändert:
In § 36 Absatz 1 wird nach Satz 2 der folgende Satz eingefügt:
„Zur Förderung der Transparenz wird dieser Geschäftsordnung eine Anlage beigefügt,
die diejenigen Begriffe, Äußerungen und Handlungen auflistet, die regelmäßig zu
einem Ordnungsruf führen.“
Berlin, den 14. Oktober 2025
Dr. Alice Weidel, Tino Chrupalla und Fraktion
Begründung
Die bestehende Regelung des § 36 GO BT räumt dem Präsidenten des Deutschen Bundestages ein weites
Ermessen bei der Erteilung von Ordnungsrufen ein. Zwar ist ein gewisses Maß an Flexibilität im Interesse der
Aufrechterhaltung der Ordnung erforderlich, zugleich führt sie jedoch in der parlamentarischen Praxis zu einer
erheblichen Rechtsunsicherheit für Abgeordnete.
Abgeordnete können derzeit nicht mit hinreichender Vorhersehbarkeit erkennen, welche Begriffe oder
Äußerungen als ordnungswidrig eingestuft werden und somit einen Ordnungsruf nach sich ziehen. Dies beeinträchtigt die
freie Mandatsausübung gemäß Art. 38 Abs. 1 Satz 2 GG, da die Redner gezwungen sind, im Zweifel auf
pointierte oder kritische Formulierungen zu verzichten, um Sanktionen zu vermeiden. Die Transparenzlücke schwächt
damit den offenen parlamentarischen Diskurs, was insbesondere angesichts der geplanten Einführung
verpflichtender Ordnungsgelder dazu führen kann, dass Abgeordnete sich nicht mehr am Diskurs beteiligen.
Zudem hat die Erfahrung gezeigt, dass die Erteilung der Ordnungsrufe in der Praxis nicht immer einheitlich über
alle Fraktionen hinweg gehandhabt wird. Identische oder vergleichbare Formulierungen wurden in der
Vergangenheit unterschiedlich sanktioniert, abhängig von der konkreten Sitzungssituation oder der politischen
Zuschreibung des Absenders. Dies kann nicht nur innerhalb des Parlaments, sondern auch für außenstehende Zuschauer
den Eindruck erwecken, dass Fraktionen oder einzelne Abgeordnete ungleich behandelt werden.
So beschimpfte ein Abgeordneter der Fraktion Die Linke die Alternative für Deutschland als „Faschisten“ und
„Verbrecherbande“ (Plenarprotokoll 21/22), was bei dem Vizepräsidenten des Deutschen Bundestages, der
ebenfalls der Fraktion Die Linke zugehörig ist, zunächst zu keinerlei Reaktion, später nur zu einer Randbemerkung
führte. Auf der anderen Seite erhielt ein Abgeordneter der Alternative für Deutschland, die selbst nicht im
Präsidium des Deutschen Bundestages vertreten ist, für die Bezeichnung „Syndikatsparteien“ einen Ordnungsruf
(Plenarprotokoll 21/11), der durch den Vizepräsidenten der Grünen Fraktion erteilt wurde. Weitere Abgeordnete
der AfD-Fraktion haben bereits in der aktuellen Legislaturperiode Ordnungsrufe für die Verwendung des Begriffs
der „Kartellparteien“ erhalten (Plenarprotokoll 21/5). Der Bundestagsvizepräsident der Fraktion Die Linke
erteilte einen Ordnungsruf aufgrund der „Herabwürdigungen von Menschengruppen und der Verächtlichmachung
der Antidiskriminierungsstelle des Bundes und der (…) gewählten Unabhängigen Beauftragten“ (Plenarprotokoll
21/18). Für das Hochhalten „jenseits gesprochener Zeichen“ erhielt eine Abgeordnete der AfD einen Ordnungsruf
durch den Bundestagsvizepräsidenten der Fraktion der Grünen (Plenarprotokoll 21/8), was bei einem
Abgeordneten der Grünen zu keiner Reaktion seitens der sitzungsleitenden Vizepräsidentin führte (Plenarprotokoll
21/13). Die Beschimpfung eines Abgeordneten der AfD-Fraktion als „Kleiner Nazi“ führte in dieser
Legislaturperiode zu einer Rüge (Plenarprotokoll 21/20), während die Bezeichnung „Linksextremistin“ für eine nicht
anwesende Kandidatin für das Bundesverfassungsgericht zu einem Ordnungsruf führte (Plenarprotokoll 21/19). Zu
einer Rüge führte auch ein „Küsschen“, das eine Abgeordnete der Fraktion der AfD in Richtung einer anderen
Fraktion sendete (Plenarprotokoll 21/18). Es fällt auf, dass insbesondere der Vizepräsident der Fraktion Die
Linke, die mit 64 Sitzen die kleinste Fraktion ist, überdurchschnittlich aktiv an der Verteilung der Ordnungsrufe
mitwirkt und damit ausschließlich die Abgeordneten der AfD trifft. So wurden fünf der 13 Ordnungsrufe, die
Stand 16. September 2025 in der 21. Legislaturperiode verteilt wurden, durch ihn vergeben.
Wenn dem schon keine (bewusste) Ungleichbehandlung zugrundeliegen sollte, so reicht doch bereits der
Verdacht aus, um die Autorität der Sitzungsleitung und das Vertrauen in die unparteiische Anwendung der
Geschäftsordnung zu beeinträchtigen. Durch die Einführung einer Anlage zu § 36 GO BT, in der die regelmäßig
ordnungsrufrelevanten Begriffe, Äußerungen und Handlungen transparent aufgelistet werden, wird die notwendige
Vorhersehbarkeit geschaffen. Abgeordnete können sich dadurch besser orientieren, was die Verlässlichkeit der
Parlamentspraxis stärkt. Zugleich wird der Sitzungsleitung weiterhin ein notwendiger Ermessensspielraum belassen,
da die Liste nicht abschließend wirkt, sondern regelmäßig vom Ältestenrat überprüft und fortgeschrieben wird.
Die Änderung dient somit sowohl der Rechtssicherheit der Abgeordneten als auch der Gleichbehandlung aller
Fraktionen und trägt zu einer transparenten und fairen Debattenkultur im Deutschen Bundestag bei.
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333]
Relationen
- authored ← Adam Balten (Antrag)
- authored ← Alexander Arpaschi (Antrag)
- authored ← Arne Raue (Antrag)
- authored ← Birgit Bessin (Antrag)
- authored ← Christian Reck (Antrag)
- authored ← Christoph Birghan (Antrag)
- authored ← Erhard Brucker (Antrag)
- authored ← Fraktion der AfD
- authored ← Gerold Otten (Antrag)
- authored ← Hauke Finger (Antrag)
- authored ← Heinrich Koch (Antrag)
- authored ← Iris Nieland (Antrag)
- authored ← Jan Wenzel Schmidt (Antrag)
- authored ← Joachim Bloch (Antrag)
- authored ← Jörg Zirwes (Antrag)
- authored ← Karsten Hilse (Antrag)
- authored ← Kurt Kleinschmidt (Antrag)
- authored ← Malte Kaufmann (Antrag)
- authored ← Manuel Krauthausen (Antrag)
- authored ← Markus Matzerath (Antrag)
- authored ← Martina Uhr (Antrag)
- authored ← Maximilian Kneller (Antrag)
- authored ← Mirco Hanker (Antrag)
- authored ← Olaf Hilmer (Antrag)
- authored ← Paul Schmidt (Antrag)
- authored ← Peter Boehringer (Antrag)
- authored ← Peter Bohnhof (Antrag)
- authored ← Pierre Lamely (Antrag)
- authored ← Reinhard Mixl (Antrag)
- authored ← René Bochmann (Antrag)
- authored ← René Springer (Antrag)
- authored ← Rocco Kever (Antrag)
- authored ← Stefan Henze (Antrag)
- authored ← Stephan Brandner (Antrag)
- authored ← Sven Wendorf (Antrag)
- authored ← Thomas Dietz (Antrag)
- authored ← Thomas Stephan (Antrag)
- authored ← Tobias Ebenberger (Antrag)
- authored ← Tobias Matthias Peterka (Antrag)
- authored ← Ulrich von Zons (Antrag)
- part_of_vorgang → Änderung der Geschäftsordnung des Deutschen Bundestages hier: Einführung einer Liste der ordnungsrufwürdigen Äußerungen, Begriffe und Handlu (Antrag)