Todesfälle in Haft und in Zusammenhang mit polizeilichen Maßnahmen
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Todesfälle in Haft und in Zusammenhang mit polizeilichen Maßnahmen
[Deutscher Bundestag Drucksache 21/1988
21. Wahlperiode 06.10.2025
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Clara Bünger, Luke Hoß, Anne-Mieke Bremer, Mandy Eißing,
Katrin Fey, Dr. Gregor Gysi, Ferat Koçak, Jan Köstering, Sonja Lemke, Bodo
Ramelow, David Schliesing, Aaron Valent, Donata Vogtschmidt, Christin Willnat
und der Fraktion Die Linke
Todesfälle in Haft und in Zusammenhang mit polizeilichen Maßnahmen
Bundesweit gibt es mehr als 170 Justizvollzugsanstalten. Ende März 2024
saßen dort knapp 44 000 Strafgefangene und Sicherheitsverwahrte ein, also
Menschen, die wegen einer Straftat zu einer Freiheitsstrafe verurteilt wurden. Hinzu
kamen knapp 12 000 Untersuchungsgefangene (https://de.statista.com/statistik/
daten/studie/158317/umfrage/gefangene-und-verwahrte-in-deutschland-nach-ar
t-des-vollzugs/). Die Fragesteller fragen regelmäßig nach Todesfällen in Haft.
In den letzten Jahren ist deren Zahl angestiegen. Während im Jahr 2019 in
deutschen Gefängnissen 144 Menschen starben, waren es im Jahr 2021 182. Und
während im Jahr 2019 42 Suizide verzeichnet wurden, lag die Zahl der
Selbsttötungen im Jahr 2021 bei 92. Dies geht aus der vom damaligen
Bundesministerium der Justiz erstellten Strafvollzugsstatistik hervor (Antwort der
Bundesregierung auf die Kleine Anfrage auf Bundestagsdrucksache 20/8116). Der
Kriminologische Dienst Sachsen (KrimD SN) ermittelt mithilfe eines durch die
Justizvollzugsanstalten ausgefüllten Fragebogens Daten über die durch Suizid
verstorbenen Personen, etwa zu deren Alter, Staatsangehörigkeit oder zur
Haftdauer bis zum Suizidzeitpunkt. Aus Daten des KrimD SN geht ferner hervor,
dass es in Untersuchungshaft besonders häufig zu Suiziden kommt. Zwischen
2019 und 2022 ereigneten sich 45 Prozent der Suizide in dieser Haftform. An
zweiter Stelle stehen Suizide während einer Freiheitsstrafe (39 Prozent). In
29 Fällen oder 10 Prozent der Fälle betrafen Suizide Menschen, die eine
Ersatzfreiheitsstrafe absitzen mussten (vgl. ebd.).
Initiativen betonen, dass bei Todesfällen in Haft oftmals auch menschliches
Fehlverhalten eine Rolle spiele. In vielen Gefängnissen sei die
psychotherapeutische und medizinische Versorgung ungenügend. In der Konsequenz komme es
immer wieder zu vermeidbaren Todesfällen aufgrund unterlassener
Hilfeleistung (https://ggbo.de/todesurteil-knast-ihr-braucht-euch-nicht-zu-wundern-wen
n-haeftlinge-sterben/). Das unterstreicht auch die Nationale Stelle zur
Verhütung von Folter. In ihren Jahresberichten für die Jahre 2022 und 2023 wies sie
auf die steigende Zahl psychisch erkrankter Gefangener im Justizvollzug hin.
Nicht immer könne eine ausreichende Behandlung gewährleistet werden
(www.nationale-stelle.de/fileadmin/dateiablage/Dokumente/Berichte/Jahresberi
chte/NSzVvF_Jahresbericht_2022_140623_web-1.pdf).
Auch im Zusammenhang mit freiheitsentziehenden Maßnahmen durch die
Polizei kommt es immer wieder zu Todesfällen, wie unabhängige Initiativen
dokumentieren. Bundesweite Bekanntheit erlangte der bis heute offiziell nicht
aufgeklärte Tod von Oury Jalloh in einer Dessauer Polizeizelle (www.deutschlandf
unk.de/tod-in-der-zelle-warum-der-fall-oury-jalloh-weiter-100.html). Neben
direkter Gewaltanwendung kann auch eine mangelnde ärztliche Untersuchung,
um festzustellen, ob eine Person gesundheitlich in der Lage ist, in Gewahrsam
genommen zu werden, zum Tod führen, wenn etwa Verletzungen wie
Blutungen im Gehirn übersehen werden (www.deutschlandfunk.de/tod-in-obhut-des-s
taates-wenn-menschen-in-der-haft-sterben-100.html).
Gemeinsam ist den Todesfällen in Gewahrsam oder Haft, dass sie unter der
Verantwortung von Polizistinnen und Polizisten oder Mitarbeiterinnen und
Mitarbeitern von Haftanstalten, insbesondere von Ärztinnen und Ärzten,
geschahen.
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Welche Angaben kann die Bundesregierung zu Todesfällen im
Justizvollzug seit 2022 machen (bitte nach Jahren aufschlüsseln und so darstellen
wie zuletzt in der Antwort zu Frage 1 auf Bundestagsdrucksache
20/8116)?
2. Was ist der Bundesregierung über das Alter, die Staatsangehörigkeit, die
Gründe für die Haft, mögliche psychische Erkrankungen oder
Beeinträchtigungen und weitere (etwa sozioökonomische) Merkmale der
Verstorbenen sowie zur Dauer der Inhaftierung bis zum Tod bekannt?
3. Wie viele Todesfälle von Untersuchungsgefangenen gab es nach Kenntnis
der Bundesregierung seit 2022 (bitte nach Todesursache, Bundesländern
und Jahren aufschlüsseln)?
4. Wie viele Todesfälle von Strafgefangenen gab es nach Kenntnis der
Bundesregierung seit 2022 (bitte zwischen Jugendvollzug und
Erwachsenenvollzug differenzieren und nach Todesursache, Bundesländern und Jahren
aufschlüsseln)?
5. Wie viele Todesfälle von Personen, die eine Ersatzfreiheitsstrafe absitzen,
gab es nach Kenntnis der Bundesregierung seit 2022 (bitte nach
Todesursache, Bundesländern und Jahren aufschlüsseln)?
6. Wie viele Todesfälle von Abschiebegefangenen gab es nach Kenntnis der
Bundesregierung seit 2022 (bitte nach Todesursache, Bundesländern und
Jahren aufschlüsseln)?
7. Welche aktuellen Angaben kann die Bundesregierung zur medizinischen,
psychotherapeutischen und sozialarbeiterischen Betreuung von Personen
in Obhut des Staates (Haft, Sicherheitsverwahrung, Festnahme,
Gewahrsamnahme, Jugendhaft etc.) machen?
8. Welche Angaben kann die Bundesregierung zur Suizidrate unter
Gefangenen seit 2023 im Vergleich zur Suizidrate in der Gesamtbevölkerung
machen?
9. Welche Angaben kann die Bundesregierung zum durchschnittlichen
Auslastungsgrad der Justizvollzugsanstalten in Deutschland seit 2022 machen
(bitte nach Jahren aufschlüsseln, bitte die Gesamtzahlen nennen und
zusätzlich auch nach Bundesländern aufschlüsseln)?
10. Wie viele Personen waren nach Kenntnis der Bundesregierung seit 2023
jeweils zum 31. März in Justizvollzugsanstalten inhaftiert (bitte auch nach
den 15 wichtigsten Staatsangehörigkeiten der Gefangenen, nach
Haftformen und nach Bundesländern aufschlüsseln), und wie viele Personen
waren zu den genannten Stichtagen inhaftiert, weil sie eine
Ersatzfreiheitsstrafe ableisten mussten (bitte auch hier nach Bundesländern und nach den
15 wichtigsten Staatsangehörigkeiten der Gefangenen aufschlüsseln)?
11. Hat der Bund seit September 2024 an Beratungen und Tagungen der
Bundesländer zum Thema Strafvollzug teilgenommen, und wenn ja, was war
jeweils deren genauer Gegenstand (bitte mit Datum und Teilnehmenden
auflisten)?
12. Sind der Bundesregierung aktuelle Berichte oder Dokumentationen von
Nichtregierungsorganisationen zu Problemen und Missständen in
deutschen Haftanstalten bekannt, und wenn ja, welche, und welche
Konsequenzen zieht die Bundesregierung ggf. daraus, und inwiefern ist sie dazu
im Gespräch mit den Bundesländern?
13. Was ist der Bundesregierung zu Weiterbildungs- und
Sensibilisierungsangeboten für Beschäftigte im Justizvollzug, etwa zu Menschenrechten,
Antidiskriminierung und Antirassismus, bekannt (zum Beispiel, ob solche
Angebote für bestimmte Gruppen von Beschäftigten oder alle
Beschäftigten verpflichtend oder nur freiwillig sind, welche Träger diese Angebote
durchführen, wie viele Stunden die Angebote umfassen, wie viele
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sie jährlich durchlaufen etc.)?
14. Gab es im Jahr 2025 Todesfälle während freiheitsentziehender
Maßnahmen durch die Bundespolizei, und wenn ja, welche (bitte einzeln auflisten
und Angaben zum Datum, Ort, zur Art der freiheitsentziehenden
Maßnahme, zur Bundespolizeidirektion und zur Todesursache machen)?
15. Gab es im Jahr 2025 Todesfälle nach Beendigung bzw. im (zeitlichen)
Zusammenhang mit einer freiheitsentziehenden Maßnahme durch die
Bundespolizei, und wenn ja, welche (bitte einzeln auflisten und Angaben zum
Datum, Ort, zur Art der freiheitsentziehenden Maßnahme, zur
Bundespolizeidirektion und zur Todesursache machen)?
16. In welchen der in den Fragen 14 und 15 genannten Fälle wurden
Obduktionen durchgeführt, und welches Ergebnis hatten diese?
17. Wurden in allen der in den Fragen 14 und 15 genannten Fälle
Gewahrsamstauglichkeitsuntersuchungen durchgeführt, und wenn nein, warum
nicht?
18. Wie viele Todesfälle von Personen, die nicht den jeweils beteiligten
Sicherheitsbehörden angehörten, während oder anlässlich polizeilicher
Maßnahmen unter Beteiligung der Bundespolizei gab es nach Kenntnis der
Bundesregierung seit dem 1. Januar 2024 (bitte nach Jahren, Ort und
Anlass der polizeilichen Maßnahme, beteiligten Bundespolizeidirektionen
und, soweit bekannt, Todesursache aufschlüsseln)?
19. In wie vielen Fällen haben Beamtinnen und Beamte der Bundespolizei seit
dem 1. Januar 2024 im Dienst von Schusswaffen Gebrauch gemacht (bitte
nach Jahren, Schussabgaben gegen Personen, Tiere, Sachen, als
Warnschuss oder unbeabsichtigt sowie nach Bundespolizeidirektionen
aufschlüsseln), und wie viele Personen wurden dadurch verletzt oder getötet?
20. In wie vielen Fällen haben Beamtinnen und Beamte der Bundespolizei seit
dem 1. Januar 2024 im Dienst von Distanz-Elektroimpulsgeräten (Tasern)
Gebrauch gemacht (bitte nach Jahren, Schussabgaben gegen Personen
oder Tiere sowie nach Bundespolizeidirektionen aufschlüsseln), und wie
viele Personen wurden dadurch verletzt oder getötet?
Berlin, den 22. September 2025
Heidi Reichinnek, Sören Pellmann und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333]
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