Technische und infrastrukturelle Realisierbarkeit wasserstoffbasierter Gaskraftwerke bis 2030
Text
Technische und infrastrukturelle Realisierbarkeit wasserstoffbasierter Gaskraftwerke bis 2030
[Deutscher Bundestag Drucksache 21/816
21. Wahlperiode 09.07.2025
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Steffen Kotré, Leif-Erik Holm, Enrico Komning, Raimond
Scheirich und der Fraktion der AfD
Technische und infrastrukturelle Realisierbarkeit wasserstoffbasierter
Gaskraftwerke bis 2030
Bezugnehmend auf die Antwort der Bundesregierung auf die Schriftliche
Frage 68 auf Bundestagsdrucksache 21/396 zu zentralen technischen und
infrastrukturellen Herausforderungen ihres Ziels, ab dem Jahr 2030
wasserstoffbasierte Kraftwerke in systemrelevanter Größenordnung in die
Stromversorgung zu integrieren, wurde unter anderem thematisiert, dass der aktuelle
Entwicklungsstand wasserstofftauglicher Gasturbinen, die begrenzte Effizienz des
Power-to-Gas-to-Power-Verfahrens, das Fehlen einer großskaligen
Rückverstromungsinfrastruktur sowie realistische Bauzeiten von drei bis fünf Jahren
erhebliche Herausforderungen für das angestrebte Ziel darstellen (ebd.). Die
Antwort der Bundesregierung lässt aus Sicht der Fragesteller zentrale Aspekte
unbeantwortet, insbesondere vor dem Hintergrund, dass der geplante Aufbau von
bis zu 20 Gigawatt (GW) wasserstofffähiger Gaskraftwerkskapazität von der
Bundesregierung selbst als zentraler Baustein ihrer zukünftigen
Energieversorgungsstrategie bezeichnet wird (www.koalitionsvertrag2025.de/sites/www.koal
itionsvertrag2025.de/files/koav_2025.pdf, S. 31 und www.bayern-innovativ.de/
detail/reiche-kuendigt-neuausrichtung-der-energiepolitik-an/). Dieses Vorhaben
ist eng verknüpft mit dem angestrebten Kohleausstieg, der Integration
erneuerbarer Energien und dem Ziel der sogenannten Klimaneutralität. Auch das von
der Bundesregierung verfolgte Ziel, bis zum Jahr 2030 rund 10 Gigawatt
Elektrolysekapazität zur Wasserstofferzeugung in Deutschland aufzubauen (www.b
undesregierung.de/breg-de/service/archiv-bundesregierung/
wasserstoffausbaubeschleunigen-2289130), erscheint den Fragestellern angesichts bestehender
technologischer, regulatorischer und wirtschaftlicher Hürden in der
angestrebten Größenordnung zunehmend ambitioniert und mit Blick auf die
Umsetzbarkeit und den Zeitrahmen als unsicher. Damit stehen zwei strategische
Vorhaben – die Rückverstromung über wasserstofffähige Gaskraftwerke und die
inländische Erzeugung von grünem Wasserstoff – in einem engen
Wechselverhältnis, ohne dass in den Augen der Fragesteller derzeit absehbar ist, ob beide
im vorgesehenen Zeithorizont technisch, ökonomisch und infrastrukturell
realisierbar sind.
Angesichts der strategischen Relevanz und der Risiken im Falle technischer
oder wirtschaftlicher Fehleinschätzungen besteht nach Auffassung der
Fragesteller ein erhebliches öffentliches Interesse an belastbaren, nachvollziehbaren
und differenzierten Aussagen zur Realisierbarkeit dieses Vorhabens.
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Welche konkreten Turbinentypen, die vollständig oder anteilig mit
grünem Wasserstoff betrieben werden können, sind nach Kenntnis der
Bundesregierung aktuell marktverfügbar oder bis spätestens 2030 marktreif?
2. Welche deutschen oder europäischen Hersteller haben nach Kenntnis der
Bundesregierung serienreife wasserstofftaugliche Turbinen in der
Entwicklung, und wann ist deren kommerzielle Verfügbarkeit realistisch zu
erwarten?
3. Hat die Bundesregierung Einschätzungen getätigt zur Bauzeit neuer
wasserstofffähiger Gaskraftwerke unter Berücksichtigung realistischer
Planungs-, Genehmigungs- und Lieferbedingungen oder liegen ihr solche
Einschätzungen vor, und wenn ja, was besagen diese?
4. Welcher Netto-Gesamtwirkungsgrad wird nach heutigem Stand und nach
Kenntnis der Bundesregierung bei der Power-to-Gas-to-Power-
Konversion in wasserstoffbasierten Gaskraftwerken erwartet, und wie
hoch ist dabei jeweils der Anteil der im Gesamtprozess aufgewendeten
Energie (z. B. für Elektrolyse, Kompression, Speicherung, Transport und
Rückverstromung) im Verhältnis zur tatsächlich erzeugten elektrischen
Energie beziehungsweise genutzten Wärme am Ausgang des Kraftwerks?
5. Hat die Bundesregierung konkrete Alternativen zur Sicherstellung
gesicherter Leistung im Vergleich zu wasserstoffbasierten Gaskraftwerken
geprüft, insbesondere im Hinblick auf Effizienz, Investitionskosten und
Wirtschaftlichkeit, und wenn ja, zu welchen Ergebnissen ist sie dabei
hinsichtlich Optionen wie hocheffizienten Gas-und-Dampf-Kraftwerken,
Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen, flexiblen Biomasse- oder
Abfallkraftwerken, Wasserkraftwerken, Energiespeichern oder Lastmanagement
gekommen?
6. Wie viele Kilometer an Wasserstoff-Transportleitungen stehen nach
Kenntnis der Bundesregierung in Deutschland derzeit für eine
Rückverstromung in Kraftwerken zur Verfügung, wie viele davon sind bis 2030
konkret geplant, genehmigt und finanziert, und inwiefern fließen die
Ausbaupläne des European Hydrogen Backbone (EHB) in die nationale
Infrastrukturstrategie ein?
7. Über welche konkreten Betriebs- und Effizienzdaten verfügt die
Bundesregierung ggf. in Bezug auf bereits existierende wasserstofftaugliche oder
wasserstoffbetriebene Gaskraftwerke im In- und Ausland, und wie werden
diese Erkenntnisse in die Bewertung der technischen Machbarkeit und
Wirtschaftlichkeit des Ziels von 20 GW wasserstofffähiger
Kraftwerkskapazität bis 2030 einbezogen (bitte nach Anlagen im Inland, in den EU-
Mitgliedstaaten und in Nicht-EU-Mitgliedstaaten aufschlüsseln)?
8. Welche konkreten Standorte in Deutschland sind aktuell für
wasserstoffbasierte Rückverstromungsanlagen vorgesehen, und in welchem
Realisierungsstadium befinden sich diese Projekte (bitte nach Bundesland,
Gemeinde, Genehmigungsstand des Projektes, Investoren und Projektträgern
aufschlüsseln)?
9. Wie begründet die Bundesregierung unter Berücksichtigung des
derzeitigen Technologie- und Infrastrukturstandes die technische und
wirtschaftliche Plausibilität ihres Ziels, bis 2030 wasserstofffähige Kraftwerke im
Umfang von bis zu 20 GW bereitzustellen?
10. Die Errichtung wie vieler neuer Gaskraftwerke plant die Bundesregierung
im Rahmen ihrer Kraftwerksstrategie finanziell zu fördern, einschließlich
geplanter Umrüstungen bestehender Anlagen auf Wasserstoffbetrieb, und
welche Kriterien legt sie dabei für die Standortwahl, Priorisierung und die
wirtschaftliche sowie technische Machbarkeit zugrunde?
11. Welche Maßnahmen sind seitens der Bundesregierung ggf. vorgesehen,
sollte sich die erforderliche Technologie (insbesondere
wasserstofftaugliche Turbinen) nicht im geplanten Zeitrahmen als marktverfügbar oder
wirtschaftlich tragfähig erweisen?
12. Welche Methoden oder Annahmen hat die Bundesregierung zur
Berechnung der Wirtschaftlichkeit wasserstofffähiger Gaskraftwerke
herangezogen, die zu der Schlussfolgerung der Förderbedürftigkeit führen (vgl.
Vorbemerkung der Fragesteller), und wie wird sichergestellt, dass diese
Annahmen angesichts der bestehenden technischen Unsicherheiten realistisch
und belastbar sind – insbesondere im Hinblick auf die
Stromgestehungskosten, Brennstoffpreise, Auslastung und Investitionskosten (bitte nach
Methoden zur Berechnung der Wirtschaftlichkeit und nach Annahmen
unterteilt nach Preisannahmen, Zeitrahmen der Annahme, Anpassung der
Annahme über den Zeitrahmen, Zeitrahmen der Berechnung der
Wirtschaftlichkeit aufschlüsseln)?
13. Beteiligt sich die Bundesregierung über IPCEI-Initiativen (IPCEI =
Important Project of Common European Interest; z. B. Hy2Tech, Hy2Infra)
finanziell und strategisch an Projekten, die direkt der Entwicklung, dem
Bau oder dem Betrieb wasserstofftauglicher Gaskraftwerke dienen, wenn
ja, in welchem Umfang, und wie bewertet sie deren konkreten Beitrag zur
Erreichung des Ziels, bis 2030 eine gesicherte Leistung von bis zu 20
Gigawatt bereitzustellen, insbesondere im Hinblick auf die technische
Machbarkeit, den Zeitplan und die wirtschaftliche Tragfähigkeit (wenn ja, bitte
nach Initiativen, finanziellem Umfang der Beteiligung ab der Initiative
und nach Laufzeit der Initiative aufschlüsseln)?
Berlin, den 7. Juli 2025
Dr. Alice Weidel, Tino Chrupalla und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333]
Relationen
- asked ← Enrico Komning (Kleine Anfrage)
- asked ← Leif-Erik Holm (Kleine Anfrage)
- asked ← Raimond Scheirich (Kleine Anfrage)
- asked ← Steffen Kotré (Kleine Anfrage)
- authored ← Fraktion der AfD
- authored ← Leif-Erik Holm
- authored ← Steffen Kotré
- part_of_vorgang → Technische und infrastrukturelle Realisierbarkeit wasserstoffbasierter Gaskraftwerke bis 2030 (Kleine Anfrage)