Rechtsextreme Vorfälle in der Bundeswehr 2024
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Rechtsextreme Vorfälle in der Bundeswehr 2024
[Deutscher Bundestag Drucksache 21/719
21. Wahlperiode 01.07.2025
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Zada Salihović, Desiree Becker, Doris Achelwilm, Jan van
Aken, Gökay Akbulut, Dr. Dietmar Bartsch, Marcel Bauer, Anne-Mieke Bremer,
Violetta Bock, Jorrit Bosch, Janina Böttger, Maik Brückner, Agnes Conrad, Mirze
Edis, Katrin Fey, Kathrin Gebel, Vinzenz Glaser, Nicole Gohlke, Ates Gürpinar,
Mareike Hermeier, Cem Ince, Maren Kaminski, Ferat Koçak, Cansin Köktürk,
Jan Köstering, Caren Lay, Tamara Mazzi, Stella Merendino, Charlotte Antonia
Neuhäuser, Cansu Özdemir, Luigi Pantisano, Lea Reisner, Evelyn Schötz, Ulrich
Thoden, Aaron Valent, Donata Vogtschmidt, Sascha Wagner, Christin Willnat,
Anne Zerr und der Fraktion Die Linke
Rechtsextreme Vorfälle in der Bundeswehr 2024
Wie schon in den letzten Jahren ist das Niveau rechtsextremer Straftaten weiter
auf hohem Niveau. Nach den Zahlen des Berichts der Wehrbeauftragten des
Deutschen Bundestages Dr. Eva Högl für das Jahr 2024 auf
Bundestagsdrucksache 20/15060 erreichten sie innerhalb der letzten fünf Jahre einen
Höchststand. Die Ereignisse mit Bezügen zum Extremismus, welche hauptsächlich auf
den Phänomenbereich Rechtextremismus entfallen, stiegen im Jahr 2024 von
177 (2023) um 42,37 Prozent auf 252 Vorfälle von Volksverhetzungen,
extremistischen Verhaltensweisen und Verstößen gegen die freiheitliche
demokratische Grundordnung. Diese Zahlen haben somit seit 2016 einen Höchststand
erreicht. Man mag dies auf das gestiegene Vertrauen in das Amt des
Wehrbeauftragten und eine höhere Sensibilität in der Truppe zurückführen, es könnte
jedoch ebenfalls ein Zeichen dafür sein, dass die Normalisierung rechtsextremen
Verhaltens nicht spurlos an der Bundeswehr vorübergegangen ist. Auch die
vom Bundesamt für den Militärischen Abschirmdienst (BAMAD) bearbeiteten
Fälle zum Phänomenbereich Rechtsextremismus stiegen nach dem Wehrbericht
im Jahr 2024 von 178 auf 219 Fälle an. Lediglich die neu aufgenommenen
Sachverhalte mit Extremismusbezug, mit denen sich die gemeinsame
Arbeitsgemeinschaft Reservistinnen und Reservisten im letzten Jahr beschäftigte,
sanken schwach auf 1 028 Vorfälle.
Insgesamt scheinen die Probleme der Bundeswehr mit rechtsextremem
Gedankengut nach wie vor zu existieren, auch wenn zuletzt große Skandale wie beim
Kommando Spezialkräfte (KSK) im Jahr 2017 und 2020 ausblieben. Dass, wie
im Wehrbericht beschrieben, ein Soldat bei einem rechtsextremen Aufmarsch
in Budapest mitlief, bei dem der Nationalsozialismus und die Wehrmacht
glorifiziert wurden, lässt an der Verfassungstreue einiger Soldatinnen und Soldaten
zweifeln und schadet so dem Image der gesamten Bundeswehr. Es steht somit
schon jetzt fest, dass rechtsextremistische Einstellungen und Vorfälle die
Bundeswehr als Parlamentsarmee weiterhin schwer belasten. Dabei stehen über den
jeweiligen Fall der betreffenden Soldatinnen und Soldaten hinaus insbesondere
der Umgang der Dienstvorgesetzten mit derartigen Vorfällen und die Qualität
der sogenannten Inneren Führung auf dem Prüfstand. Mit der vorliegenden
Kleinen Anfrage sollen die weitere Entwicklung sowie der aktuelle Stand der
Problematik erneut erfragt werden.
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Welche Meldungen zu rechtsextremistischen Vorfällen und Vorfällen von
gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit sind den Dienststellen der
Bundeswehr im Jahr 2024 bekannt geworden (bitte alle dem Wehrbeauftragten
gemeldeten Fälle inklusive etwaiger Nachmeldungen für die Vorjahre
einzeln darstellen)?
a) Sind die Sachverhalte bestätigt (bitte nach ja, nein, offen aufgliedern)?
b) Welchen Status hatten die beschuldigten Soldatinnen und Soldaten
(Berufssoldat, Soldat auf Zeit, freiwillig Wehrdienstleistender), und
welche Dienstgrade bekleideten sie (bitte nach Mannschaften,
Unteroffizieren mit und ohne Portepee, Leutnants und Hauptleuten,
Stabsoffizieren, Generälen unterscheiden)?
c) In welchen Fällen waren Zivilbeschäftigte der Bundeswehr oder
anderer Behörden in die Vorfälle involviert, und wie viele jeweils?
d) Wann, und wo fanden die Vorfälle statt?
e) Wie wurden die Sachverhalte beschrieben (bitte den Inhalt der
Meldung bzw. des Vorfalls kurz wiedergeben)?
f) Welche disziplinarischen und strafrechtlichen Maßnahmen wurden
gegen die betroffenen Soldatinnen und Soldaten eingeleitet?
g) Haben die beschuldigten Soldatinnen und Soldaten weiterhin Zugang
zu Waffen?
h) Werden die beschuldigten Soldatinnen und Soldaten (ggf. weiterhin)
als Ausbilderinnen und Ausbilder eingesetzt?
i) Erteilen die beschuldigten Soldatinnen und Soldaten (ggf. weiterhin)
als Vorgesetzte Befehle?
j) Welche Maßnahmen wurden gegen die beteiligten Zivilangestellten
eingeleitet?
2. Bei wie vielen Soldatinnen bzw. Soldaten oder Zivilangestellten, die
Gegenstand von Meldungen aus dem Jahr 2024 sind, wurde eine vorzeitige
Entlassung vorgenommen bzw. in die Wege geleitet oder das
Beschäftigungsverhältnis beendet (bitte den Vorfällen in der Antwort zu Frage 1
zuordnen)?
3. Welche weiteren Aktualisierungen, Korrekturen und Ergänzungen kann
die Bundesregierung zu den Angaben in der Antwort auf
Bundestagsdrucksache 20/14002 vornehmen (bitte vollständig angeben)?
4. Wie viele und welche der im Jahr 2024 vom BAMAD neu eingeleiteten
Verdachtsfälle sind mit den von der Wehrbeauftragten genannten
Verdachtsfällen identisch?
5. Wie viele und welche nicht der Wehrbeauftragten Dr. Eva Högl
gemeldeten Vorfälle mit rechtsextremistischem, rassistischem oder
antisemitischem Hintergrund oder politisch rechts konnotierte Fälle fehlender
Verfassungstreue sind dem BAMAD oder anderen Dienststellen der
Bundeswehr bekannt geworden?
6. In wie vielen und welchen der in der Antwort zu Frage 1 genannten Fälle
kamen die Hinweise von anderen Behörden, Einzelpersonen bzw. Dritten
(bitte den Vorfällen in der Antwort zu Frage 1 zuordnen)?
7. Wie viele der vom Militärischen Abschirmdienst (MAD) im Jahr 2024
abgeschlossenen Prüfverfahren endeten mit einer Einstufung als „rot“,
„orange“ oder „grün“ (bitte jeweils die Bedeutung dieser Kategorien
erläutern), und welche Schritte wurden hinsichtlich der als „rot“ oder
„orange“ (www.bundeswehr.de/de/aktuelles/meldungen/mad-geht-gegen-extre
misten-vor-ueberblick-42992) eingestuften Bundeswehrangehörigen
unternommen (bitte analog zum Schema in der Antwort zu Frage 1
darstellen)?
8. Wie viele rechtsextreme Netzwerke oder Gruppierungen in der
Bundeswehr sind dem MAD, Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) oder
Bundeskriminalamt (BKA) bekannt?
a) Wie viele Personen in der Bundeswehr wurden als sogenannte
Gefährder oder Relevante Personen mit rechtsextremem Hintergrund
eingestuft?
b) Welche Rolle spielt die Bundeswehr in der rechtsextremen Szene
außerhalb der Truppe (z. B. bei paramilitärischen Trainings,
Milizbildung, Vernetzung in Chatgruppen wie „Nordkreuz“)?
9. In wie vielen Fällen führten welche Sicherheitsüberprüfungen im Jahr
2024 zur Ablehnung von Bewerbern bzw. zur Entlassung von Soldaten,
weil ein Sicherheitsrisiko aus dem Bereich des Rechtsextremismus
festgestellt wurde?
10. In wie vielen Fällen haben nach Kenntnis der Bundesregierung
Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr in den Jahren 2023 und 2024 an
Protesten oder Demonstrationen gegen die staatlichen Maßnahmen zur
Bekämpfung der Corona-Pandemie oder an Protesten gegen die Unterstützung der
Ukraine teilgenommen und dabei Zweifel an ihrer Haltung und ihrem
Eintreten für die freiheitliche demokratische Grundordnung erkennen lassen,
beispielsweise aufgrund fehlender Distanzierung von antisemitischen oder
menschenverachtenden Einstellungen auch anderer
Versammlungsteilnehmenden (bitte einzeln nach Datum, Ort, Bundesland, Dienstgrad der
betreffenden Soldatinnen und Soldaten, Einleitung etwaiger
disziplinaroder strafrechtlicher Verfahren etc. auflisten)?
11. Wie viele nachrichtendienstliche Prüfoperationen hat das BAMAD in den
Jahren 2023 und 2024 durchgeführt (bitte nach Jahren aufgliedern)?
a) Welche Kriterien hat das BAMAD zur Prüfung der Zuständigkeit
herangezogen?
b) In wie vielen Fällen lehnte das BAMAD trotz des Vorliegens
ausreichender Anhaltspunkte für extremistisches Verhalten die Bearbeitung
des Falls aufgrund mangelnder Zuständigkeit ab?
c) Wurden die in Frage 11b genannten Fälle an andere Behörden
weitergegeben, und wenn ja, an welche (bitte den Sachverhalt kurz
beschreiben und den Grund für die fehlende Zuständigkeit und die Behörde, an
die weitergeleitet wurde, auflisten)?
12. Wie viele Verdachtsfälle von Rechtsextremismus wurden seit 2015 in der
Bundeswehr gemeldet?
a) Wie viele dieser Fälle betreffen aktive Soldatinnen und Soldaten,
Reservistinnen und Reservisten sowie Zivilangestellte?
b) Wie viele Fälle wurden bestätigt, und wie viele wurden eingestellt?
c) In welchen Truppenteilen treten solche Fälle besonders häufig auf
(z. B. Kommando Spezialkräfte, Feldjäger, Marine, weitere)?
13. Gibt es bestimmte Standorte, Truppenteile oder Ausbildungseinrichtungen
mit auffällig vielen rechtsextremen Vorfällen?
a) Wie wird der Umgang mit Rechtsextremismus in der Ausbildung
(z. B. an Offiziersschulen) thematisiert?
b) Wie oft wurden Disziplinarmaßnahmen aufgrund rechtsextremer
Äußerungen bzw. Handlungen verhängt?
14. Wie viele Waffen, Schusswaffen und Sprengmittel sind in den letzten zehn
Jahren aus Beständen der Bundeswehr verschwunden?
a) In wie vielen Fällen wurde ein rechtsextremer Hintergrund bei diesen
Verlusten vermutet oder nachgewiesen?
b) Gibt es Erkenntnisse über die Weitergabe von Bundeswehrmaterial an
rechtsextreme Kreise?
15. Wie viele Angehörige der Bundeswehr mit Zugang zu Waffen oder
Sprengstoff standen in den letzten fünf Jahren unter Verdacht, Teil
rechtsextremer Chatgruppen, Netzwerke oder Umsturzpläne gewesen zu sein,
und wie viele von ihnen sind weiterhin im Dienst?
16. Wie viele Rechtsextremismusfälle wurden seit 2015 im KSK registriert?
a) Wie ist der Stand der Umsetzung der Reformmaßnahmen im KSK, die
nach den Enthüllungen 2020 beschlossen wurden?
b) Welche Bewertung nimmt das Bundesministerium der Verteidigung
zur Reformbereitschaft des KSK selbst vor?
17. Wie viele interne Hinweise auf rechtsextreme Einstellungen kamen aus
der Truppe selbst?
a) Welche Schutzmaßnahmen gibt es für die Hinweisgeberin oder den
Hinweisgeber?
b) In wie vielen Fällen kam es zu Repressalien gegen meldende
Personen?
18. Wie bewertet die Bundesregierung die Effizienz des MAD in Bezug auf
die Aufdeckung rechtsextremer Netzwerke?
a) Wie viele Mitarbeitende des MAD wurden selbst wegen
extremistischer Tendenzen überprüft?
b) Gibt es Kooperationen mit ausländischen Nachrichtendiensten zur
Beobachtung rechtsextremer Bundeswehrangehöriger?
19. Gibt es Erkenntnisse über Kontakte von rechtsextremen Soldatinnen und
Soldaten zu zivilen rechtsextremen Organisationen (z. B. Identitäre
Bewegung, III. Weg)?
20. Gibt es Überschneidungen mit rechtsextremen Netzwerken in Polizei,
Reservistenverbänden oder Schützenvereinen, und wenn ja, welche?
21. a) Gibt es Hinweise darauf, dass Soldatinnen und Soldaten mit
rechtsextremen Einstellungen gezielt Auslandseinsätze nutzen, um
Kampferfahrung zu sammeln?
b) Wie wird mit psychischen Belastungen umgegangen, die ggf.
Radikalisierungen befördern?
22. a) Welche konkreten Maßnahmen hat die Bundesregierung seit 2020
ergriffen, um Rechtsextremismus in der Bundeswehr zu bekämpfen?
b) Wie bewertet die Bundesregierung selbst ihre Erfolge oder
Misserfolge in diesem Bereich?
Berlin, den 30. Juni 2025
Heidi Reichinnek, Sören Pellmann und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333]
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