Versorgungssicherheit bei Schmierstoffen für Landwirtschaft und Lebensmittellogistik vor der Ernte 2026 (Antwort zu Drs. 21/6767)
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Versorgungssicherheit bei Schmierstoffen für Landwirtschaft und Lebensmittellogistik vor der Ernte 2026 (Antwort zu Drs. 21/6767)
Deutscher Bundestag Drucksache 21/7172
21. Wahlperiode 14.07.2026
Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Lars Schieske, Stephan Protschka,
Peter Felser, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der AfD
– Drucksache 21/6767 –
Versorgungssicherheit bei Schmierstoffen für Landwirtschaft und
Lebensmittellogistik vor der Ernte 2026
V o r b e m e r k u n g d e r F r a g e s t e l l e r
Ohne Schmierstoffe steht die Landwirtschaft still. Motoren-, Hydraulik-,
Getriebe- und Universalöle sind die unverzichtbare Betriebsgrundlage jeder
modernen Landmaschine; ein Ausweichen auf nicht herstellerfreigegebene
Ersatzprodukte ist nur unter Inkaufnahme von Schäden sowie Garantie- und
Haftungsverlusten möglich. Die Ernte 2026 steht unmittelbar bevor und kennt
kein Zeitfenster zum Nachholen – wer in den wenigen Erntetagen nicht
dreschen kann, verliert Ertrag unwiederbringlich.
Auslöser des sich abzeichnenden Engpasses ist die seit Ende Februar 2026
infolge des Iran-Krieges faktisch blockierte Straße von Hormus, durch die der
Schiffsverkehr nach Einschätzung der Brookings Institution nahezu zum
Erliegen gekommen ist (Brookings Institution, www.brookings.edu2 Prozent bezog
im vergangenen Jahr nach Daten der US-Energieinformationsbehörde (EIA)
und des Datendienstes Kpler rund 72 Prozent seiner Importe von Basisölen
der Gruppe III, der Ausgangsstoffe synthetischer Schmierstoffe, aus dieser
Region. Die Preise für diese Grundöle haben sich laut der Preisbe0 Prozentntur
Argus Media seit Kriegsbeginn Ende Februar 2026 in den USA mehr als
verdoppelt und sind in Europa um rund 70 Prozent gestiegen (Argus Media,
www.argusmedia.com). Mehrere Marktteilnehmer rechnen damit, dass die
Lagerbestände bereits im Juni 2026 erschöpft sein könnten, genau zum Beginn
der Erntesaison. Dass dies die Landtechnik unmittelbar trifft, ist keine
Spekulation: Gruppe III-Basisöle liefern ausdrücklich auch die kritischen
Schmierstoffe für industrielle Fertigung, Landwirtschaft und Verteidigung (Fortune,
https://fortune.com). Argus-Media-Expertin Gabriella Twining warnt überdies,
ein Mangel an hochwertigen Basisölen könne innerhalb weniger Monate zu
schwerwiegenden Störungen in der gesamten Logistikbranche führen, weil sie
für Motoröle für Nutzfahrzeuge unverzichtbar seien (CNBC, www.cnbc.com).
Bereits deutsche Automobilhersteller können ihren Bedarf an Gruppe III-
Grundölen nach Medienberichten nicht mehr vollständig decken und sind auf
zugeteilte Mengen angewiesen (Frankfurter Rundschau, www.fr.de).
Dass dieser Engpass auf staatlicher Ebene bekannt ist und bekannt sein muss,
belegen die Reaktionen nationaler wie internationaler Stellen. Die
Internationale Energieagentur (IEA) bezeichnete die Lage an der Straße von Hormus als
Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie
vom 14. Juli 2026 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich – in kleinerer Schrifttype – den Fragetext.
die „größte Energiesicherheitsbedrohung aller Zeiten“ und verwies
ausdrücklich darauf, dass die Folgen über Rohöl, Düngemittel und Helium hinaus bis
zu den Basisölen reichen (CNBC, www.cnbc.com). Die United Nations
Conference on Trade and Development (UNCTAD) bestätigt, dass die Störungen
Energie, Düngemittel und Transport gleichermaßen erfassen und sich rasch
über die vernetzten Märkte ausbreiten (UNCTAD, https://unctad.org). Der US-
amerikanische Schmierstoffverband ILMA warnte bereits Mitte März 2026
förmlich vor einer drohenden globalen Knappheit bei Grundölen der Gruppe
III (ILMA, https://ilma.org). Er wandte sich an das US-Energieministerium
(DOE) und benannte ausdrücklich die Landwirtschaft, den Transportsektor
und die Verteidigung als betroffene kritische Bereiche; das DOE erkannte die
Schwere der Lage in einem Treffen am 6. und 7. April 2026 ausdrücklich an
(ILMA, https://ilma.org).
Auf europäischer Ebene hat die EU-Kommission als Reaktion auf die Krise
eine Beobachtungsstelle für Kraftstoffe eingerichtet, die Erfassung der
Raffineriekapazitäten angekündigt und die Überarbeitung der Erdölvorrats-
Richtlinie eingeleitet, einschließlich der Prüfung, ob spezifische
Bevorratungsanforderungen für einzelne Erdölerzeugnisse erforderlich sind (Unterrichtung,
Bundestagsdrucksache 239/26).
Die Bundesregierung selbst hat auf die durch die Hormus-Blockade
ausgelösten Verwerfungen bereits reagiert. Sie richtete eine Taskforce zu den
Energiemärkten ein und kündigte die Freigabe von 2,4 Millionen Tonnen aus der
nationalen Ölreserve an, wobei sie wiederholt betonte, die Energieversorgung
sei gesichert (Regierungspressekonferenz vom 11. März 2026, www.bundesre
gierung.de). Wenige Wochen später setzte sie ein Kraftstoffmaßnahmenpaket
in Kraft und befasste sich öffentlich mit der Verfügbarkeit von Diesel, Kerosin
und Düngemitteln (Regierungspressekonferenz vom 8. April 2026, www.bund
esregierung.de). Eine Befassung mit der Versorgungslage bei Schmierstoffen
und deren Grundölen, einer aus derselben Lieferkette gespeisten und für die
Landwirtschaft wie die Lebensmittellogistik gleichermaßen systemkritischen
Betriebsgrundlage, ist demgegenüber bislang nicht erkennbar geworden.
Diese Lücke wiegt umso schwerer, als Deutschland seinen Grundölbedarf von
jährlich rund 700 000 Tonnen nur zu einem Bruchteil aus heimischer
Produktion deckt. Zwar entsteht im Energy and Chemicals Park Rheinland in
Wesseling eine Gruppe III-Grundölanlage mit einer Kapazität von 300 000 Tonnen
jährlich, was rund 40 Prozent des deutschen Bedarfs entspricht, diese Anlage
soll jedoch erst 2028 in Betrieb gehen und kann die akute Lücke der Ernte
2026 nicht schließen (Shell Deutschland, www.shell.de). Weitere heimische
Kapazitäten, etwa die aus Altöl re-raffinierten Basisöle der PURAGLOBE im
Industriepark Zeitz mit einer Kapazität von rund 45 000 Tonnen Gruppe III-
Basisöl jährlich (Umweltbundesamt, www.umweltbundesamt.de) sowie die
Standorte der H&R-Gruppe in Salzbergen und Hamburg (en2x, https://en2
x.de), ändern an der strukturellen Importabhängigkeit nichts.
Die Fragesteller sehen vor diesem Hintergrund dringenden Handlungsbedarf.
Die belegten Warnungen, die Verteuerung der Vorprodukte und die für Juni
2026 befürchtete Erschöpfung der Lagerbestände fallen mit dem Beginn der
Ernte zusammen. Nachdem sich die Bundesregierung mit den Folgen der
Hormus-Blockade für Energie, Diesel und Düngemittel bereits befasst hat, ist sie
gefordert, auch die Versorgungslage bei Schmierstoffen belastbar zu bewerten,
systemrelevante Bereiche zu sichern und Vorsorge zu treffen, bevor ein
Versorgungsausfall in der Landwirtschaft und Lebensmittelversorgung eintritt.
1. Liegen der Bundesregierung Erkenntnisse über die aktuelle
Verfügbarkeit und Bestellbarkeit von Motoren-, Hydraulik-, Getriebe- und
Universalölen (STOU bzw. UTTO) für die Landwirtschaft in Deutschland,
insbesondere bei herstellerfreigabenpflichtigen Spezialölen, vor, wenn ja,
welche; und wenn nein, plant die Bundesregierung, solche Erkenntnisse
zu erheben (bitte begründen)?
Laut Branchenangaben ist die Lage im Bereich der Schmieröle angespannt und
im Großhandel sind die Preise deutlich gestiegen. Von Versorgungsengpässen
wird derzeit nicht ausgegangen.
2. Liegen der Bundesregierung Meldungen, Beschwerden oder Hinweise
von Landwirtschaftsbetrieben, Landhändlern, Maschinenringen oder
Herstellern über Lieferengpässe oder Nichtverfügbarkeit von
Schmierstoffen vor, wenn ja, seit wann, und in welchem Umfang?
Hierzu liegen der Bundesregierung keine Informationen vor.
3. Liegen der Bundesregierung Erkenntnisse über die Verfügbarkeit von
Motorenölen auf Basis von Grundölen der Gruppe II für Lastkraftwagen
und Nutzfahrzeuge, die im gewerblichen Güterverkehr, insbesondere in
der Belieferung des Lebensmitteleinzelhandels, eingesetzt werden, vor,
und wenn ja, welche?
Der Bundesregierung liegen keine Informationen vor, die auf eine akute
Nichtverfügbarkeit von Motorenölen für Lkw und Nutzfahrzeuge hindeuten würden.
4. Teilt die Bundesregierung die Einschätzung der Argus Media sowie die
Bewertung der Internationalen Energieagentur, wonach die Verknappung
hochwertiger Basisöle binnen weniger Monate zu schwerwiegenden
Störungen in der gesamten Logistikbranche führen kann, und welche
Erkenntnisse hat sie über entsprechende Warnungen oder Beschwerden aus
dem Speditions- und Transportgewerbe?
Laut Branchenangaben kann ein Teil der weggefallenen Produktion durch
zuvor umgenutzte Kapazitäten – insbesondere in Südkorea – kompensiert werden.
Schwerwiegende Störungen der Logistik sind derzeit nicht zu sehen. Eine
Verschlechterung der Versorgungslage kann jedoch nicht ausgeschlossen werden.
5. Welche Auswirkungen erwartet die Bundesregierung für die Sicherheit
der Lebensmittelversorgung und die Belieferung von Supermärkten und
Lebensmittelmärkten, wenn Speditionen ihre Lkw-Flotten mangels
verfügbarer Schmierstoffe nicht uneingeschränkt betreiben oder
vorgeschriebene Wartungsintervalle nicht einhalten können?
Derzeit sind keine negativen Auswirkungen auf die Lebensmittelversorgung
absehbar.
6. Liegen der Bundesregierung Erkenntnisse über die Abhängigkeit der
deutschen und europäischen Schmierstoffproduktion von Importen von
Grundölen der Gruppen II und III sowie von Polyalphaolefinen (PAO)
aus dem Nahen Osten, den USA und Asien vor, etwa aus Daten des
Bundesamtes für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) oder der
Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR), und wenn ja,
welche?
Bei den genannten Grundstoffen gibt es eine hohe Importabhängigkeit.
Insbesondere bei Grundölen der Gruppe III besteht eine hohe Abhängigkeit von
Importen aus der Golfregion. Ein Teil der Mengen kann über alternative Quellen
kompensiert werden (v. a. Südkorea).
7. Verfügt die Bundesregierung über eigene oder ihr vorliegende
Erkenntnisse zur Preisentwicklung bei Grundölen und fertigen Schmierstoffen
(insbesondere für landwirtschaftliche und Nutzfahrzeug-Anwendungen)
seit Jahresbeginn 2026, etwa aus Erzeugerpreisindizes des Statistischen
Bundesamtes?
Der Bundesregierung liegen dazu keine eigenen Zahlen vor. Die
Preisentwicklung kann im Internet recherchiert werden. Danach sind insbesondere die Preise
für Grundöle der Gruppe III um über 200 Prozent gestiegen.
8. Teilt die Bundesregierung die in der Vorbemerkung der Fragesteller
vorgetragene Einschätzung, wonach sich ein Versorgungsengpass zunächst
über längere Lieferzeiten, fehlende einzelne Viskositäten bzw.
Herstellerfreigaben und die Priorisierung von Großkunden ankündigt, und wie
bewertet sie dieses Risiko für die Ernte- und Feldsaison 2026 sowie für
die Transportkette der Lebensmittelversorgung?
Die Bundesregierung sieht keinen Versorgungsengpass für die Erntesaison
2026.
9. Verfügt die Bundesregierung über ein Monitoring der Versorgungslage
bei Schmierstoffen für systemrelevante Bereiche (Landwirtschaft,
Ernährungswirtschaft, Lebensmittellogistik, Daseinsvorsorge), wie ist dieses
ausgestaltet, und welche strategischen Reserven oder
Bevorratungsmechanismen bestehen für Schmierstoffe bzw. deren Grundöle
(vergleichbar der Pflichtbevorratung für Mineralölerzeugnisse nach dem
Erdölbevorratungsgesetz)?
Es gibt für diesen Bereich weder ein spezielles Monitoring noch einen
Bevorratungsmechanismus vergleichbar dem nach Erdölbevorratungsgesetz.
10. Hält die Bundesregierung die Einbeziehung von Schmierstoffen für die
Land-, Ernährungs- und Logistikwirtschaft in eine strategische
Bevorratung oder in Notfall-Priorisierungsregelungen für erforderlich, auch vor
dem Hintergrund der von der EU-Kommission eingeleiteten
Überarbeitung der Erdölvorrats-Richtlinie (wenn nein, bitte begründen)?
Die Bundesregierung hält eine strategische Bevorratung von Schmierstoffen
nicht für erforderlich, da die benötigten Mengen im Vergleich zu Kraftstoffen
sehr gering sind und Engpässe durch Marktkräfte bzw. alternative
Bezugsquellen ausgeglichen werden können.
11. Liegen der Bundesregierung Erkenntnisse über mögliche technische
Schäden, Garantie- und Haftungsrisiken vor, wenn landwirtschaftliche
Betriebe oder Fuhrunternehmen mangels Verfügbarkeit freigegebener
Öle auf nichtfreigegebene Ersatzprodukte ausweichen müssen?
Hierzu liegen der Bundesregierung keine Informationen vor.
12. Plant die Bundesregierung eine Entschädigung oder finanzielle
Absicherung land- und ernährungswirtschaftlicher Betriebe sowie von
Unternehmen des Transport- und Logistikgewerbes für den Fall, dass diese
mangels Verfügbarkeit freigegebener Schmierstoffe auf nicht vom Hersteller
empfohlene oder nicht freigegebene Ersatzprodukte zurückgreifen
müssen und ihnen hierdurch Schäden, Garantie- oder
Gewährleistungsverluste, Reparaturkosten oder Betriebsausfälle entstehen, wenn ja, in welcher
Form, und in welchem Umfang (wenn nein, bitte begründen)?
13. Welche kurzfristigen Maßnahmen plant die Bundesregierung
gegebenenfalls, um die Versorgung der Landwirtschaft und der Lebensmittellogistik
mit Schmierstoffen während der Ernte 2026 sicherzustellen?
Die Fragen 12 und 13 werden gemeinsam beantwortet.
Nach Einschätzung der Bundesregierung besteht derzeit keine Notwendigkeit
eine der genannten Maßnahmen zu ergreifen.
14. Aus welchen Gründen wurden Schmierstoffe und ihre Grundöle, anders
als Diesel, Kraftstoffe und Düngemittel, bislang nicht ausdrücklich in die
öffentliche Lagebewertung der Bundesregierung zu den Folgen der
Hormus-Blockade einbezogen (vgl. Regierungspressekonferenzen vom
11. März und 8. April 2026), und inwieweit wird die Schmierstofflage
künftig in die Gesamtbewertung einbezogen?
Die öffentliche Lagebewertung der Bundesregierung kann nicht sämtliche
Rohstoffe abdecken. Gleichwohl beobachtet die Bundesregierung auch die
Verfügbarkeit dieser Rohstoffe und steht mit den jeweiligen Verbänden in Kontakt.
15. Welche Vorkehrungen trifft die Bundesregierung gegebenenfalls, um die
Importabhängigkeit Deutschlands und der EU bei Grundölen und
Schmierstoffvorprodukten mittel- und langfristig zu verringern (z. B.
Diversifizierung der Bezugsquellen, Stärkung heimischer
Produktionskapazitäten)?
Die Umrüstung der Raffinerie in Wesseling wird im Bereich der Grundöle
absehbar für Entlastung sorgen.
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333
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