Versorgungssicherheit bei Schmierstoffen für Landwirtschaft und Lebensmittellogistik vor der Ernte 2026
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Versorgungssicherheit bei Schmierstoffen für Landwirtschaft und Lebensmittellogistik vor der Ernte 2026
Deutscher Bundestag Drucksache 21/6767
21. Wahlperiode 29.06.2026
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Lars Schieske, Stephan Protschka, Peter Felser, Danny
Meiners, Christian Reck, Bernd Schattner, Julian Schmidt, Bernd Schuhmann,
Dr. Michael Blos, Olaf Hilmer, Steffen Janich, Enrico Komning, Dario Seifert,
Stefan Schröder und der Fraktion der AfD
Versorgungssicherheit bei Schmierstoffen für Landwirtschaft und
Lebensmittellogistik vor der Ernte 2026
Ohne Schmierstoffe steht die Landwirtschaft still. Motoren-, Hydraulik-,
Getriebe- und Universalöle sind die unverzichtbare Betriebsgrundlage jeder
modernen Landmaschine; ein Ausweichen auf nicht herstellerfreigegebene
Ersatzprodukte ist nur unter Inkaufnahme von Schäden sowie Garantie- und
Haftungsverlusten möglich. Die Ernte 2026 steht unmittelbar bevor und kennt kein
Zeitfenster zum Nachholen – wer in den wenigen Erntetagen nicht dreschen
kann, verliert Ertrag unwiederbringlich.
Auslöser des sich abzeichnenden Engpasses ist die seit Ende Februar 2026
infolge des Iran-Krieges faktisch blockierte Straße von Hormus, durch die der
Schiffsverkehr nach Einschätzung der Brookings Institution nahezu zum
Erliegen gekommen ist (Brookings Institution, www.brookings.edu). Europa bezog
im vergangenen Jahr nach Daten der US-Energieinformationsbehörde (EIA)
und des Datendienstes Kpler rund 72 Prozent seiner Importe von Basisölen der
Gruppe III, der Ausgangsstoffe synthetischer Schmierstoffe, aus dieser Region.
Die Preise für diese Grundöle haben sich laut der Preisberichtsagentur Argus
Media seit Kriegsbeginn Ende Februar 2026 in den USA mehr als verdoppelt
und sind in Europa um rund 70 Prozent gestiegen (Argus Media, www.argusme
dia.com). Mehrere Marktteilnehmer rechnen damit, dass die Lagerbestände
bereits im Juni 2026 erschöpft sein könnten, genau zum Beginn der Erntesaison.
Dass dies die Landtechnik unmittelbar trifft, ist keine Spekulation: Gruppe‑III-
Basisöle liefern ausdrücklich auch die kritischen Schmierstoffe für industrielle
Fertigung, Landwirtschaft und Verteidigung (Fortune, https:// fortune.com).
Argus-Media-Expertin Gabriella Twining warnt überdies, ein Mangel an
hochwertigen Basisölen könne innerhalb weniger Monate zu schwerwiegenden
Störungen in der gesamten Logistikbranche führen, weil sie für Motoröle für
Nutzfahrzeuge unverzichtbar seien (CNBC, www.cnbc.com). Bereits deutsche
Automobilhersteller können ihren Bedarf an Gruppe‑III-Grundölen nach
Medienberichten nicht mehr vollständig decken und sind auf zugeteilte Mengen
angewiesen (Frankfurter Rundschau, www.fr.de).
Dass dieser Engpass auf staatlicher Ebene bekannt ist und bekannt sein muss,
belegen die Reaktionen nationaler wie internationaler Stellen. Die
Internationale Energieagentur (IEA) bezeichnete die Lage an der Straße von Hormus als die
„größte Energiesicherheitsbedrohung aller Zeiten“ und verwies ausdrücklich
darauf, dass die Folgen über Rohöl, Düngemittel und Helium hinaus bis zu den
Basisölen reichen (CNBC, www.cnbc.com). Die United Nations Conference on
Trade and Development (UNCTAD) bestätigt, dass die Störungen Energie,
Düngemittel und Transport gleichermaßen erfassen und sich rasch über die
vernetzten Märkte ausbreiten (UNCTAD, https:// u n c t a d .org). Der US-
amerikanische Schmierstoffverband ILMA warnte bereits Mitte März 2026
förmlich vor einer drohenden globalen Knappheit bei Grundölen der Gruppe III
(ILMA, https://ilma.org). Er wandte sich an das US-Energieministerium (DOE)
und benannte ausdrücklich die Landwirtschaft, den Transportsektor und die
Verteidigung als betroffene kritische Bereiche; das DOE erkannte die Schwere
der Lage in einem Treffen am 6. und 7. April 2026 ausdrücklich an (ILMA,
https://ilma.org).
Auf europäischer Ebene hat die EU-Kommission als Reaktion auf die Krise
eine Beobachtungsstelle für Kraftstoffe eingerichtet, die Erfassung der
Raffineriekapazitäten angekündigt und die Überarbeitung der Erdölvorrats-Richtlinie
eingeleitet, einschließlich der Prüfung, ob spezifische
Bevorratungsanforderungen für einzelne Erdölerzeugnisse erforderlich sind (Unterrichtung,
Bundestagsdrucksache 239/26).
Die Bundesregierung selbst hat auf die durch die Hormus-Blockade
ausgelösten Verwerfungen bereits reagiert. Sie richtete eine Taskforce zu den
Energiemärkten ein und kündigte die Freigabe von 2,4 Millionen Tonnen aus der
nationalen Ölreserve an, wobei sie wiederholt betonte, die Energieversorgung sei
gesichert (Regierungspressekonferenz vom 11. März 2026, www.bundesregierun
g.de). Wenige Wochen später setzte sie ein Kraftstoffmaßnahmenpaket in Kraft
und befasste sich öffentlich mit der Verfügbarkeit von Diesel, Kerosin und
Düngemitteln (Regierungspressekonferenz vom 8. April 2026, www.bundesreg
ierung.de). Eine Befassung mit der Versorgungslage bei Schmierstoffen und
deren Grundölen, einer aus derselben Lieferkette gespeisten und für die
Landwirtschaft wie die Lebensmittellogistik gleichermaßen systemkritischen
Betriebsgrundlage, ist demgegenüber bislang nicht erkennbar geworden.
Diese Lücke wiegt umso schwerer, als Deutschland seinen Grundölbedarf von
jährlich rund 700 000 Tonnen nur zu einem Bruchteil aus heimischer
Produktion deckt. Zwar entsteht im Energy and Chemicals Park Rheinland in
Wesseling eine Gruppe‑III-Grundölanlage mit einer Kapazität von 300 000 Tonnen
jährlich, was rund 40 Prozent des deutschen Bedarfs entspricht, diese Anlage
soll jedoch erst 2028 in Betrieb gehen und kann die akute Lücke der Ernte 2026
nicht schließen (Shell Deutschland, www.shell.de). Weitere heimische
Kapazitäten, etwa die aus Altöl re-raffinierten Basisöle der PURAGLOBE im
Industriepark Zeitz mit einer Kapazität von rund 45 000 Tonnen Gruppe‑III-Basisöl
jährlich (Umweltbundesamt, www.umweltbundesamt.de) sowie die Standorte
der H&R-Gruppe in Salzbergen und Hamburg (en2x, https://en2x.de), ändern
an der strukturellen Importabhängigkeit nichts.
Die Fragesteller sehen vor diesem Hintergrund dringenden Handlungsbedarf.
Die belegten Warnungen, die Verteuerung der Vorprodukte und die für Juni
2026 befürchtete Erschöpfung der Lagerbestände fallen mit dem Beginn der
Ernte zusammen. Nachdem sich die Bundesregierung mit den Folgen der
Hormus-Blockade für Energie, Diesel und Düngemittel bereits befasst hat, ist
sie gefordert, auch die Versorgungslage bei Schmierstoffen belastbar zu
bewerten, systemrelevante Bereiche zu sichern und Vorsorge zu treffen, bevor ein
Versorgungsausfall in der Landwirtschaft und Lebensmittelversorgung eintritt.
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Liegen der Bundesregierung Erkenntnisse über die aktuelle Verfügbarkeit
und Bestellbarkeit von Motoren-, Hydraulik-, Getriebe- und Universalölen
(STOU bzw. UTTO) für die Landwirtschaft in Deutschland, insbesondere
bei herstellerfreigabenpflichtigen Spezialölen, vor, wenn ja, welche; und
wenn nein, plant die Bundesregierung, solche Erkenntnisse zu erheben
(bitte begründen)?
2. Liegen der Bundesregierung Meldungen, Beschwerden oder Hinweise von
Landwirtschaftsbetrieben, Landhändlern, Maschinenringen oder
Herstellern über Lieferengpässe oder Nichtverfügbarkeit von Schmierstoffen vor,
wenn ja, seit wann, und in welchem Umfang?
3. Liegen der Bundesregierung Erkenntnisse über die Verfügbarkeit von
Motorenölen auf Basis von Grundölen der Gruppe II für Lastkraftwagen und
Nutzfahrzeuge, die im gewerblichen Güterverkehr, insbesondere in der
Belieferung des Lebensmitteleinzelhandels, eingesetzt werden, vor, und
wenn ja, welche?
4. Teilt die Bundesregierung die Einschätzung der Argus Media sowie die
Bewertung der Internationalen Energieagentur, wonach die Verknappung
hochwertiger Basisöle binnen weniger Monate zu schwerwiegenden
Störungen in der gesamten Logistikbranche führen kann, und welche
Erkenntnisse hat sie über entsprechende Warnungen oder Beschwerden aus
dem Speditions- und Transportgewerbe?
5. Welche Auswirkungen erwartet die Bundesregierung für die Sicherheit
der Lebensmittelversorgung und die Belieferung von Supermärkten und
Lebensmittelmärkten, wenn Speditionen ihre Lkw-Flotten mangels
verfügbarer Schmierstoffe nicht uneingeschränkt betreiben oder
vorgeschriebene Wartungsintervalle nicht einhalten können?
6. Liegen der Bundesregierung Erkenntnisse über die Abhängigkeit der
deutschen und europäischen Schmierstoffproduktion von Importen von
Grundölen der Gruppen II und III sowie von Polyalphaolefinen (PAO) aus dem
Nahen Osten, den USA und Asien vor, etwa aus Daten des Bundesamtes
für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) oder der Bundesanstalt für
Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR), und wenn ja, welche?
7. Verfügt die Bundesregierung über eigene oder ihr vorliegende
Erkenntnisse zur Preisentwicklung bei Grundölen und fertigen Schmierstoffen
(insbesondere für landwirtschaftliche und Nutzfahrzeug-Anwendungen)
seit Jahresbeginn 2026, etwa aus Erzeugerpreisindizes des Statistischen
Bundesamtes?
8. Teilt die Bundesregierung die in der Vorbemerkung der Fragesteller
vorgetragene Einschätzung, wonach sich ein Versorgungsengpass zunächst
über längere Lieferzeiten, fehlende einzelne Viskositäten bzw.
Herstellerfreigaben und die Priorisierung von Großkunden ankündigt, und wie
bewertet sie dieses Risiko für die Ernte- und Feldsaison 2026 sowie für die
Transportkette der Lebensmittelversorgung?
9. Verfügt die Bundesregierung über ein Monitoring der Versorgungslage bei
Schmierstoffen für systemrelevante Bereiche (Landwirtschaft,
Ernährungswirtschaft, Lebensmittellogistik, Daseinsvorsorge), wie ist dieses
ausgestaltet, und welche strategischen Reserven oder
Bevorratungsmechanismen bestehen für Schmierstoffe bzw. deren Grundöle (vergleichbar der
Pflichtbevorratung für Mineralölerzeugnisse nach dem
Erdölbevorratungsgesetz)?
10. Hält die Bundesregierung die Einbeziehung von Schmierstoffen für die
Land-, Ernährungs- und Logistikwirtschaft in eine strategische
Bevorratung oder in Notfall-Priorisierungsregelungen für erforderlich, auch vor
dem Hintergrund der von der EU-Kommission eingeleiteten
Überarbeitung der Erdölvorrats-Richtlinie (wenn nein, bitte begründen)?
11. Liegen der Bundesregierung Erkenntnisse über mögliche technische
Schäden, Garantie- und Haftungsrisiken vor, wenn landwirtschaftliche Betriebe
oder Fuhrunternehmen mangels Verfügbarkeit freigegebener Öle auf
nichtfreigegebene Ersatzprodukte ausweichen müssen?
12. Plant die Bundesregierung eine Entschädigung oder finanzielle
Absicherung land- und ernährungswirtschaftlicher Betriebe sowie von
Unternehmen des Transport- und Logistikgewerbes für den Fall, dass diese mangels
Verfügbarkeit freigegebener Schmierstoffe auf nicht vom Hersteller
empfohlene oder nicht freigegebene Ersatzprodukte zurückgreifen müssen und
ihnen hierdurch Schäden, Garantie- oder Gewährleistungsverluste,
Reparaturkosten oder Betriebsausfälle entstehen, wenn ja, in welcher Form,
und in welchem Umfang (wenn nein, bitte begründen)?
13. Welche kurzfristigen Maßnahmen plant die Bundesregierung ggf., um die
Versorgung der Landwirtschaft und der Lebensmittellogistik mit
Schmierstoffen während der Ernte 2026 sicherzustellen?
14. Aus welchen Gründen wurden Schmierstoffe und ihre Grundöle, anders
als Diesel, Kraftstoffe und Düngemittel, bislang nicht ausdrücklich in die
öffentliche Lagebewertung der Bundesregierung zu den Folgen der
Hormus-Blockade einbezogen (vgl. Regierungspressekonferenzen vom
11. März und 8. April 2026), und inwieweit wird die Schmierstofflage
künftig in die Gesamtbewertung einbezogen?
15. Welche Vorkehrungen trifft die Bundesregierung ggf., um die
Importabhängigkeit Deutschlands und der EU bei Grundölen und
Schmierstoffvorprodukten mittel- und langfristig zu verringern (z. B. Diversifizierung der
Bezugsquellen, Stärkung heimischer Produktionskapazitäten)?
Berlin, den 15. Juni 2026
Dr. Alice Weidel, Tino Chrupalla und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333
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