Mögliche Gefährdung der Versorgungssicherheit in Deutschland durch den Iran-Krieg
Text
Mögliche Gefährdung der Versorgungssicherheit in Deutschland durch den Iran-Krieg
Deutscher Bundestag Drucksache 21/6678
21. Wahlperiode 24.06.2026
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Dr. Anna Rathert, Dr. Malte Kaufmann, Stefan Keuter,
Dr. Rainer Rothfuß, Uwe Schulz, Dr. Alexander Gauland, René Springer, Marc
Bernhard, Bernd Schattner, Sascha Lensing und der Fraktion der AfD
Mögliche Gefährdung der Versorgungssicherheit in Deutschland durch den Iran-
Krieg
Die weltwirtschaftliche Lage ist aktuell volatil und durch erhebliche
Unsicherheiten geprägt. Geopolitische Spannungen und kriegerische
Auseinandersetzungen, u. a. im Nahen Osten, am Horn von Afrika oder in der Ukraine, führen
zu Störungen internationaler Handelswege und Lieferketten (siehe hierzu u. a.
www.morgenpost.de/wirtschaft/article411916336/nicht-nur-strasse-von-hormu
s-iran-hat-noch-einen-hebel-im-globalen-handel.html, gesehen: 11. Mai 2026).
Drohende Engpässe in der Energieversorgung sowie zunehmende
wirtschaftliche Abhängigkeiten durch globale Lieferketten werfen bei den Fragestellern
Fragen hinsichtlich der Krisenfestigkeit der Versorgung mit strategischen
Gütern wie Medikamenten, Kraftstoffen, Ersatzteilen sowie einigen weiteren
Produkten der Grundversorgung in Deutschland auf. Besonders kritisch ist hier in
ihren Augen ein drohender Versorgungsmangel mit Kerosin zu nennen, der
spürbare Auswirkungen auf den deutschen und internationalen Flugbetrieb
haben kann (vgl. www.bz-berlin.de/deutschland/kerosinmangel-flugausfaelle-koe
nnten-20-mio-passagiere-treffen, gesehen: 11. Mai 2026).
Die Versorgung mit oben genannten Gütern ist in erheblichem Maße abhängig
von funktionierenden globalen Transport- und Handelsstrukturen. Der Ukraine-
Krieg hat seit Beginn massive Auswirkungen auf die Weltwirtschaft. Dies zeigt
sich u. a. durch gestiegene Energiepreise in Deutschland und Europa sowie eine
hohe Inflation der Lebensmittelpreise (vgl. www.tagesschau.de/wirtschaft/welt
wirtschaft/ukraine-krieg-folgen-wirtschaft-preise-handel-101.html, gesehen:
11. Mai 2026).
Zusätzlich zu den Preissteigerungen aufgrund der CO2-Steuer befeuert aktuell
der Iran-Krieg und die dadurch verursachte teilweise Blockade der Straße von
Hormus als wichtige Handelsroute massive Preissteigerungen in nahezu allen
Bereichen, insbesondere an den Tankstellen, bei Lebensmitteln und in der
Bauwirtschaft. Die Bundesregierung und die Koalitionsfraktionen im Deutschen
Bundestag haben als erste Maßnahme eine sogenannte „Taskforce
Wirtschaftliche Auswirkungen des Iran-Krieges“ ins Leben gerufen, um sich mit weiteren
fachlichen Experten zu den wirtschaftlichen Herausforderungen, wie z. B.
steigende Energie- und Lebensmittelpreise, zu beraten. In ihrer dritten Sitzung
haben die Mitglieder der Taskforce die steigenden Preise für Lebensmittel
thematisiert. Dazu fanden unter anderem Gespräche mit dem
Lebensmitteleinzelhandel, dem Deutschen Bauernverband e. V. sowie den Verbraucherzentralen
statt (vgl. www.welt.de/politik/deutschland/video69c642c8bcbf6a73533c12ef/f
olgen-des-iran-kriegs-taskforce-diskutiert-massnahmen-gegen-steigende-lebens
mittelpreise.html, gesehen: 11. Mai 2026).
Abgeordnete des Deutschen Bundestages haben die Bundesregierung bereits zu
relevanten Teilaspekten in Bezug auf die Versorgungslage im Zusammenhang
mit dem Iran-Krieg in diversen Gesprächsformaten befragt. Mit der
Schriftlichen Frage 122 auf Bundestagsdrucksache 21/5249 wurde das erwartete
Ausmaß von Treibstoffknappheiten erfragt. Die Schriftliche Frage 42 auf
Bundestagsdrucksache 21/5159 thematisierte die völkerrechtliche Bewertung des Iran-
Krieges durch die Bundesregierung. Mit der Schriftlichen Frage 112 auf
Bundestagsdrucksache 21/4848 wurde das Risiko einer Ernährungskrise durch den
Iran-Krieg erfragt.
Die Fragesteller haben demnach ein großes Interesse daran, sich einen
Überblick über aktuelle Herausforderungen und mögliche Lösungsansätze im
Hinblick auf die Versorgungssicherheit in der Bundesrepublik Deutschland zu
verschaffen.
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Über welche nationalen Reserven an
a) Lebensmitteln,
b) Düngemitteln,
c) Medikamenten und Medizinprodukten,
d) Energie- und Treibstoffen,
e) petrochemischen Rohstoffen wie Naphtha (Rohbenzin) sowie
f) technischen Vorprodukten
verfügt die Bundesrepublik Deutschland nach Kenntnis der
Bundesregierung zum Stichtag 30. April 2026 für den Fall von Krisen- und
Katastrophenfällen?
2. Welche kritischen Importabhängigkeiten bestehen nach Kenntnis der
Bundesregierung bei
a) Lebensmitteln.
b) Düngemitteln,
c) Medikamenten und Medizinprodukten,
d) Energie- und Treibstoffen,
e) petrochemischen Rohstoffen wie Naphtha (Rohbenzin) sowie
f) technischen Vorprodukten
(bitte nach Produktart, Herkunftsland, Menge etc. ausführen)?
3. Welche Lagebilder, Risikoanalysen, Frühwarnberichte oder
ressortübergreifenden Bewertungen zur Versorgungssicherheit bei den in Frage 2
genannten Gütern hat die Bundesregierung seit dem 1. Januar 2024 erstellt
oder beauftragt, und welche Ressorts oder Behörden waren daran beteiligt
(bitte nach Datum, Gegenstand und beteiligten Ressorts bzw. Behörden
aufschlüsseln)?
4. Welche Schwellenwerte, Indikatoren oder Kriterien nutzt die
Bundesregierung, um eine kritische Versorgungslage bei den in Frage 2
genannten Gütern festzustellen, und in welchen Fällen wurden diese
Schwellenwerte, Indikatoren oder Kriterien seit dem 1. Januar 2024 erreicht oder
nahezu erreicht?
5. Welche Maßnahmen wurden seit 2020 nach Kenntnis der
Bundesregierung ergriffen, um die Resilienz deutscher Liefer- und Versorgungsketten
zu erhöhen (bitte ausführen)?
6. Welche konkreten Maßnahmen plant oder prüft die Bundesregierung
derzeit, um kritische Importabhängigkeiten bei den in Frage 2 genannten
Gütern mittel- und langfristig zu reduzieren (z. B. durch Diversifizierung von
Lieferländern, Förderung heimischer Produktion oder strategische
Partnerschaften)?
7. Welche Ressorts oder Bundesbehörden sind für die Versorgungssicherheit
bei den in Frage 2 genannten Gütern jeweils federführend zuständig, und
wie ist die ressortübergreifende Koordinierung im Krisenfall geregelt?
8. Welche Rolle spielen nach Einschätzung der Bundesregierung maritime
Transportwege und internationale Containerlogistik für die Sicherstellung
der deutschen Grundversorgung mit den in Frage 2 benannten Gütern
(bitte ausführen)?
9. Über welche Erkenntnisse verfügt die Bundesregierung in Bezug auf die
Abhängigkeit der Lebensmittelversorgung in Deutschland von Just-
intime-Lieferketten?
10. Welche Ersatzrouten, alternativen Lieferländer, Beschaffungswege oder
sonstigen Ausweichmechanismen hat die Bundesregierung seit dem 1.
Januar 2024 im Zusammenhang mit möglichen oder tatsächlichen Störungen
a) in der Straße von Hormus,
b) im Roten Meer,
c) im Suezkanal und
d) am Bab al-Mandab
bei den in Frage 2 genannten Gütern geprüft oder prüfen lassen (bitte nach
Verkehrsweg, Gut und Ergebnis der Prüfung aufschlüsseln)?
11. Über welche Erkenntnisse verfügt die Bundesregierung in Bezug auf die
durchschnittliche Lagerdauer von Lebensmitteln im deutschen Einzel- und
Großhandel?
12. Welche konkreten Szenarien eines großflächigen Ausfalls oder einer
erheblichen Störung internationaler Lieferketten werden derzeit durch die
Bundesregierung und in den Bundesbehörden analysiert (bitte ausführen)?
13. Welche Auswirkungen hätten nach Einschätzung der Bundesregierung
länger andauernde Unterbrechungen internationaler Handelsströme und
insbesondere wichtiger Seehandelsrouten auf die Versorgungslage in
Deutschland mit den in Frage 2 genannten Gütern?
14. Inwieweit werden nach Kenntnis der Bundesregierung die strategischen
Erdöl- und Erdgasreserven der Bundesrepublik Deutschland
(einschließlich der Reserven der Mineralölwirtschaft) für die in Frage 8 genannten
Szenarien als ausreichend eingestuft, und wie lange könnten sie im
Ernstfall die Versorgung aufrechterhalten?
15. Über welchen Zeitraum könnte nach Kenntnis der Bundesregierung die
Versorgung der Bevölkerung mit den in Frage 2 benannten Gütern im
Falle erheblicher Unterbrechungen der internationalen Lieferketten
aufrechterhalten werden?
16. Welche Auswirkungen könnten nach Einschätzung der Bundesregierung
steigende Transport-, Energie- und Versicherungskosten auf die
Versorgungssicherheit mit und auf die Preisentwicklung der in Frage 2
genannten Güter in Deutschland haben (bitte ausführen)?
17. Wie bewertet die Bundesregierung die aktuelle Lage in der Straße von
Hormus und deren Auswirkungen auf die deutsche Energie- und
Rohstoffversorgung im Vergleich zu den Störungen durch den Ukraine-Krieg?
18. In welchem Umfang berücksichtigt die Bundesregierung bei ihrer
Krisenplanung auch mögliche Kombinationsszenarien (z. B. gleichzeitige
Störungen in der Straße von Hormus und im Roten Meer oder zusätzliche
Ausfälle durch Cyberangriffe)?
19. Welche rechtlichen Instrumente stehen der Bundesregierung zur
Bewältigung schwerer Versorgungsengpässe bei den in Frage 2 genannten Gütern
zur Verfügung, und welche dieser Instrumente wurden seit dem 1. Januar
2020 überprüft, aktualisiert oder praktisch erprobt?
20. Welche Krisenübungen, Stabsrahmenübungen oder Planspiele zu
großflächigen Lieferkettenstörungen, Energieengpässen, Lebensmittelengpässen,
Medikamentenengpässen oder sonstigen Versorgungsengpässen hat die
Bundesregierung seit dem 1. Januar 2020 durchgeführt oder beauftragt,
und welche Maßnahmen wurden daraus abgeleitet (bitte nach Datum,
Szenario, beteiligten Stellen und abgeleiteten Maßnahmen aufschlüsseln)?
21. Hat die Bundesregierung Kenntnis von der Existenz einer
parlamentarischen „Taskforce Wirtschaftliche Auswirkungen des Iran-Krieges“ der
Koalitionsfraktionen CDU, CSU und SPD, und wenn ja, seit wann?
22. In welcher Form und in welchem Umfang stellt die Bundesregierung bzw.
stellen einzelne Ressorts dieser parlamentarischen Taskforce
Informationen, Lageberichte oder Datenmaterial zur Verfügung?
23. Haben Mitglieder der Bundesregierung, Staatssekretäre oder Beamte an
Sitzungen oder Beratungen der parlamentarischen Taskforce
teilgenommen (bitte ggf. Anlass, Datum und Ressort angeben)?
24. Sind im Rahmen einer solchen Teilnahme bzw. Zuarbeit Ressourcen der
Bundesregierung (Personal, Arbeitszeit, Sachmittel) eingesetzt worden,
und wenn ja, in welchem Umfang?
25. Werden der parlamentarischen Taskforce Informationen oder
Auswertungen zur Verfügung gestellt, die dem Deutschen Bundestag insgesamt –
etwa den Oppositionsfraktionen – nicht in gleicher Weise zugänglich
gemacht werden?
26. Hat die Bundesregierung Empfehlungen, Beschlüsse oder Stellungnahmen
der parlamentarischen Taskforce erhalten, und sind diese in das
Regierungshandeln (z. B. den Tankrabatt) eingeflossen?
27. Wie grenzt die Bundesregierung ihre eigene ministerielle Taskforce
organisatorisch und inhaltlich von der parlamentarischen Taskforce der
Koalitionsfraktionen CDU, CSU und SPD ab?
28. Findet zwischen der bundesministeriellen Taskforce der Bundesregierung
und der parlamentarischen Taskforce ein institutionalisierter Austausch
statt, und wenn ja, in welcher Form, und mit welcher Frequenz?
29. Welche Notfallpläne bestehen auf Bundesebene für den Fall großflächiger
Versorgungsengpässe mit den in Frage 2 genannten Gütern (bitte
ausführen)?
30. Welche Koordinationsmechanismen bestehen zwischen Bund und
Ländern für den Fall großflächiger Versorgungsengpässe, und inwiefern
wurden die Länder bereits in die Arbeit der Taskforce einbezogen?
31. Welche Empfehlungen kommuniziert die Bundesregierung der
Bevölkerung zur privaten Krisenvorsorge und Vorratshaltung (bitte ausführen,
u. a. nach Produkten, Lagerung und Zeitraum)?
32. Welche konkreten Empfehlungen gibt die Bundesregierung den
betroffenen Wirtschaftsbranchen (Lebensmitteleinzelhandel, Landwirtschaft,
Logistik, Pharmaindustrie) zur Erhöhung der eigenen Resilienz und
Vorratshaltung?
33. Welche Abstimmungen und Mechanismen finden nach Kenntnis der
Bundesregierung im Krisenfall auf Ebene der Europäischen Union zur
Sicherung der Versorgung mit den in Frage 2 genannten Gütern statt (bitte
ausführen)?
34. Welche Rolle spielt die Bundesregierung in internationalen Gremien (EU,
G7, NATO, Internationale Seeschifffahrts-Organisation (IMO)) bei der
Sicherung maritimer Handelsrouten, und welche eigenen Beiträge leistet
Deutschland zur Aufrechterhaltung der Schifffahrt im Nahen Osten?
Berlin, den 11. Juni 2026
Dr. Alice Weidel, Tino Chrupalla und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333
Relationen
- asked ← Alexander Gauland (Kleine Anfrage)
- asked ← Anna Rathert (Kleine Anfrage)
- asked ← Bernd Schattner (Kleine Anfrage)
- asked ← Malte Kaufmann (Kleine Anfrage)
- asked ← Marc Bernhard (Kleine Anfrage)
- asked ← Rainer Rothfuß (Kleine Anfrage)
- asked ← René Springer (Kleine Anfrage)
- asked ← Sascha Lensing (Kleine Anfrage)
- asked ← Stefan Keuter (Kleine Anfrage)
- asked ← Uwe Schulz (Kleine Anfrage)
- authored ← Anna Rathert
- authored ← Fraktion der AfD
- authored ← Malte Kaufmann
- part_of_vorgang → Mögliche Gefährdung der Versorgungssicherheit in Deutschland durch den Iran-Krieg (Kleine Anfrage)