Kriege und Krisen als Preistreiber im Lebensmittelsektor
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Kriege und Krisen als Preistreiber im Lebensmittelsektor
Deutscher Bundestag Drucksache 21/6196
21. Wahlperiode 02.06.2026
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Ina Latendorf, Marcel Bauer, Sascha Wagner, Luigi Pantisano,
Doris Achelwilm, Lorenz Gösta Beutin, Violetta Bock, Jorrit Bosch, Agnes
Conrad, Mandy Eißing, Dr. Fabian Fahl, Katrin Fey, Katalin Gennburg, Ates
Gürpinar, Dr. Gregor Gysi, Mareike Hermeier, Cansin Köktürk, Jan Köstering,
Caren Lay, Pascal Meiser, Sahra Mirow, David Schliesing, Aaron Valent und
der Fraktion Die Linke
Kriege und Krisen als Preistreiber im Lebensmittelsektor
Seit dem Beginn des Krieges der USA und Israels gegen den Iran am 28.
Februar 2026 sind die Düngemittelpreise um über 70 Prozent gestiegen (www.agr
arheute.com/markt/duengemittel/duengerpreise-april-so-viel-zahlen-landwirte-f
uer-harnstoff-kas-ahl-dap-640210, aufgerufen am 23. April 2026). Bereits im
Zuge des Angriffskrieges Russlands gegen die Ukraine im Jahr 2022 stieg der
Preis für Düngemittel um knapp 30 Prozent und war letztlich eine Ursache für
die hohen Preissteigerungen von Lebensmitteln (www.welthungerhilfe.de/welte
rnaehrung/rubriken/agrar-ernaehrungspolitik/ukrainekrieg-als-treiber-der-globa
len-duengemittelkrise, aufgerufen am 23. April 2026). Während die
gestiegenen Stickstoffdüngerpreise erst später im Jahr durchschlagen werden, ist die
Landwirtschaft bereits jetzt stark von den gestiegenen Preisen für Treibstoff
betroffen.
Vergangene sowie vorhergesagte Preissteigerungen bei Lebensmitteln sind
allerdings nicht ausschließlich auf höhere Produktionskosten durch erhöhte
Dünge- und Energiepreise zurückzuführen. Ein weiterer zentraler Preistreiber,
insbesondere in internationalen Krisen, ist die immer weiter zunehmende
Finanzialisierung der Weltagrarmärkte. Die ausgeweitete Spekulation mit
Grundnahrungsmitteln verstärkt Preisschwankungen, da Finanzinvestoren auf
steigende Preise wetten und so die Nachfrage auf den Terminmärkten künstlich
beeinflussen. Erfahrungen aus den Jahren 2007/2008 sowie 2022 zeigen ein
sprunghaftes Ansteigen des Volumens von Spekulationsgeschäften als Reaktion auf
geopolitische Krisen (www.spiegel.de/wirtschaft/nahrungsmittel-wie-spekulant
en-von-der-krise-profitieren-a-566ff49f-81e6-4327-a235-b23fa4616dc0,
aufgerufen am 23. April 2026).
Hinzu kommt, dass Klimawissenschaftlerinnen und Klimawissenschaftler vor
einem ungewöhnlich starken El-Niño-Ereignis warnen, das sich bis Ende 2026
entwickeln könnte. Dies droht, weltweit Extremwetterlagen, Fluten und
Temperaturrekorde auszulösen, die in Europa und außerhalb Europas die Ernteerträge
im Herbst beeinträchtigen könnten. Schon jetzt sind über 260 Millionen
Menschen akut von Hunger betroffen (https://openknowledge.fao.org/server/api/cor
e/bitstreams/86067cbb-9396-4e7d-8d19-e60ad00d2f73/content, aufgerufen am
27. April 2026). „Die globale Ernährungssicherheit steht nach Einschätzung der
Vereinten Nationen so stark unter Druck wie seit Jahren nicht mehr. […]
Máximo Torero, Chefökonom der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation
FAO mit Hauptsitz in Rom, warnt vor einem massiven Angebotsschock auf
dem globalen Nahrungsmittelmarkt“ (www.kreiszeitung.de/politik/globale-erna
ehrungssicherheit-auf-kritischem-niveau-da-iran-krieg-neue-schocks-ausloest-
warnt-un-zr-94279177.html, aufgerufen am 27. April 2026).
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Wie haben sich nach Kenntnis der Bundesregierung die Verbraucherpreise
für Lebensmittel sowie die internationalen Agrarrohstoffpreise seit dem
28. Februar 2026 entwickelt (bitte die Antworten zu den Fragen 1a bis 1c
nach Verbraucher- und Rohstoffpreisen aufschlüsseln)?
a) Wie verhält sich nach Kenntnis der Bundesregierung diese
Entwicklung zur Preisentwicklung im gleichen Jahreszeitraum 2025 (bitte
nach Produktgruppe und Produktherkunft aufschlüsseln)?
b) Die Preisanstiege welcher Produktgruppen sind nach Kenntnis der
Bundesregierung im Vergleich zum gleichen Jahreszeitraum 2025
besonders auffällig?
c) Welche Entwicklung der Preise erwartet die Bundesregierung für das
laufende Jahr 2026 (bitte nach Produktgruppe und Produktherkunft
aufschlüsseln)?
d) Welchen Zusammenhang sieht die Bundesregierung zwischen zu
erwartenden Lebensmittelpreissteigerungen seit dem 28. Februar 2026
und dem Angriff der USA und Israels auf den Iran (www.swr.de/swra
ktuell/baden-wuerttemberg/heilbronn/steigen-lebensmittelpreise-profe
ssor-dhbw-was-wird-teurer-100.html, aufgerufen am 23. April 2026)?
e) Welchen Zusammenhang sieht die Bundesregierung zwischen
Lebensmittelpreiserhöhungen in Krisenzeiten und der Marktmacht der vier
größten Lebensmitteleinzelhandelsunternehmen Edeka, Rewe,
Schwarz/Lidl und Aldi, die etwa 85 Prozent des Markts kontrollieren
(www.monopolkommission.de/images/PDF/SG/SG%20LLK%20202
5/Pressemitteilung_Sondergutachten%20Lebensmittellieferkette%202
025.pdf)?
f) Welche Untersuchungen bzw. Maßnahmen hat das Bundeskartellamt
in Bezug auf den Lebensmitteleinzelhandel in der aktuellen
Legislaturperiode mit jeweils welchen Ergebnissen durchgeführt bzw.
umgesetzt?
2. Welche Maßnahmen hat die Bundesregierung seit dem 28. Februar 2026
ergriffen, um eine Teuerung von Lebensmittelpreisen zu verhindern oder
zu dämpfen?
a) Welche Schlüsse zieht die Bundesregierung bisher aus der „Taskforce“
zu den Auswirkungen des Krieges gegen den Iran auf
Lebensmittelpreise der Koalitionsparteien von CDU, CSU und SPD (www.zeit.de/
wirtschaft/2026-03/taskforce-preise-lebensmittel-supermarkt-irankrie
g-gxe, aufgerufen 17. April 2026)?
b) Erwägt die Bundesregierung in Anbetracht der zu erwartenden
Lebensmittelpreissteigerungen, die Mehrwertsteuer auf
Grundnahrungsmittel zu senken oder zu streichen, wenn ja, wie plant die
Bundesregierung sicherzustellen, dass die Steuersenkung an die
Verbraucherinnen und Verbraucher weitergegeben wird, und wenn nein, warum
nicht?
c) Welche Maßnahmen ergreift die Bundesregierung, um
gewinngetriebener Preissteigerung bei Lebensmittelpreisen entgegenzuwirken
(www.ifo.de/DocDL/20221207-Ragnitz-Gewinninflation-Dezember-2
022.pdf, aufgerufen am 23. April 2026)?
d) Erwägt die Bundesregierung, eine Übergewinnsteuer für die vier
marktbeherrschenden Unternehmensgruppen im Lebensmittelhandel
einzuführen, und wenn nein, warum nicht?
e) Plant die Bundesregierung die Einrichtung einer objektiven Preis- und
Kostenbeobachtungsstelle, wie sie es etwa in Frankreich oder Spanien
gibt (www.vzbv.de/sites/default/files/2024-09/2024-08-29_Machbarke
itsstudie_Preisbeobachtungsstelle.pdf, aufgerufen 25. Februar 2026),
wenn ja, inwiefern, und wenn nein, warum nicht?
f) Wie stellt die Bundesregierung sicher, dass Maßnahmen gegen
steigende Lebensmittelpreise sich nicht negativ auf die
Arbeitsbedingungen von Beschäftigten im Einzelhandel auswirken, z. B. auf die
aktuell laufenden Tarifverhandlungen?
g) Hat die Bundesregierung sich anlässlich des Angriffskriegs der USA
und Israels gegen den Iran seit dem 28. Februar 2026 mit
Vertreterinnen und Vertretern aus der Landwirtschaft getroffen und beraten, und
wenn ja, mit welchen Akteuren und welchen Erkenntnissen?
h) Plant die Bundesregierung, Maßnahmen zu ergreifen, um rechtzeitig
auf zukünftige Preissprünge bei Lebensmittelpreisen reagieren zu
können, wenn ja, welche, und wenn nein, warum nicht?
3. Inwiefern plant die Bundesregierung, Menschen infolge von gestiegenen
Lebensmittelpreisen seit dem 28. Februar 2026 gezielt zu entlasten?
a) Wird die Bundesregierung den Regelsatz im Bürgergeld respektive der
Grundsicherung entsprechend den Lebensmittelpreisentwicklungen
anpassen, und wenn nein, warum nicht?
b) Wird die Bundesregierung den Mindestlohn entsprechend den
Lebensmittelpreisentwicklungen anpassen, und wenn nein, warum nicht?
c) Inwiefern wird die Bundesregierung weitere Sozial- und
Rentenauszahlungssätze entsprechend den Lebensmittelpreisentwicklungen
anpassen, und wenn nein, warum nicht?
d) Welche Maßnahmen hat die Bundesregierung bisher ergriffen, um
mehr Transparenz bei versteckten Preiserhöhungen zu schaffen, wie
im Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD angekündigt (ko-
av_2025.pdf, S. 40, aufgerufen 25. Februar 2026)?
e) Welche Kenntnisse hat die Bundesregierung über die Verbreitung von
Ernährungsarmut in Deutschland?
f) Welche Maßnahmen plant die Bundesregierung, um einen Anstieg von
Ernährungsarmut in Deutschland infolge der zu erwartenden
Lebensmittelpreissteigerungen zu verhindern?
4. Welche Prognosen liegen der Bundesregierung zur Entwicklung der
Düngemittelpreise und Düngemittelverfügbarkeiten für die Jahre 2026 und
2027 in Bezug auf Stickstoff und Phosphor vor?
a) Wie haben sich die deutschen Importe von synthetischen Stickstoff-
Düngemitteln in den Jahren 2020, 2021, 2022, 2023, 2024, 2025 und
2026 entwickelt (bitte nach Herkunftsländern und Preisen
aufschlüsseln)?
b) Welche Preisentwicklungen erwartet die Bundesregierung bei
stickstoff- und phosphorhaltigen Düngemitteln im Laufe des Jahres
2026 und im Jahr 2027?
c) Welchen Anteil haben jeweils Energie-, Rohstoff- und
Transportkosten an den Stickstoff-Düngemittelpreisen?
d) Welche Maßnahmen plant die Bundesregierung, um die Versorgung
mit Düngemitteln angesichts vielfältiger internationaler Krisen und
Kriege resilienter und unabhängiger vom Weltmarkt zu machen?
e) Welche Maßnahmen unternimmt oder plant die Bundesregierung, um
die landwirtschaftliche Produktion unabhängiger von synthetischen
Düngemitteln aufzustellen, und wenn sie keine unternimmt oder plant,
warum nicht?
f) Welche Kenntnisse liegen der Bundesregierung über aktuelle
Verfügbarkeitsprobleme bei Düngemitteln in anderen Weltregionen vor (bitte
nach Regionen und Zeitraum aufschlüsseln)?
g) Welche Entwicklung erwartet die Bundesregierung in Bezug auf die
Verfügbarkeit von Düngemitteln global im Laufe des Jahres 2026 und
für die erste Jahreshälfte 2027 (bitte nach Regionen und Zeitraum
aufschlüsseln)?
h) Plant die Bundesregierung die Einführung einer risikobasierten
Pestizidabgabe nach dänischem Vorbild, bei der die Steuersätze nach der
Toxizität der Wirkstoffe gestaffelt sind und die Einnahmen vollständig
an die Landwirtschaft zurückverteilt werden, um die ökologische
Transformation heimischer Betriebe zu fördern und deren
Abhängigkeit von volatilen Betriebsmittelmärkten zu verringern (https://makros
kop.eu/152026/lander-hort-die-preissignale/, aufgerufen am 4. Mai
2026), und wenn nein, warum nicht?
5. Welche Kenntnisse hat die Bundesregierung über Finanzspekulation im
Agrarrohstoffbereich, und wie bewertet sie deren Einfluss auf die
Volatilität von Lebensmittelpreisen?
a) Wie unterscheidet die Bundesregierung zwischen legitimen
Absicherungsgeschäften (Hedging) und spekulativen Geschäften?
b) Wie bewertet die Bundesregierung den Einfluss von Indexfonds,
Hedgefonds und anderen Formen des „Managed Money“ auf die
Preisentwicklung bei Agrarrohstoffen?
c) Welche Studien und Kenntnisse liegen der Bundesregierung zur
Auswirkung von geopolitischen Krisen auf das Verhalten spekulativer
Marktteilnehmer auf Agrarmärkten vor?
d) Welche Studien und Kenntnisse liegen der Bundesregierung zum
Einfluss spekulativer Finanzinvestoren, insbesondere in geopolitischen
Krisen, auf Agrarpreise vor?
e) Welche Lehren oder Schlussfolgerungen hat die Bundesregierung aus
den in der Vorbemerkung der Fragesteller erwähnten
Lebensmittelspekulationen der Jahre 2007/2008 sowie infolge des Angriffskriegs auf
die Ukraine gezogen?
6. Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung zur Markttransparenz im
Agrarderivatehandel auf Grundlage von Daten der Bundesanstalt für
Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) sowie weiterer verfügbarer Quellen
vor?
a) Welche Daten liegen der Bundesregierung zur Aufteilung der
Marktteilnehmer im Agrarderivatehandel vor (Produzenten, Händler,
Finanzinvestoren)?
b) Wie hoch ist der Anteil rein finanzieller Akteure im Vergleich zu
kommerziellen Akteuren am Handelsvolumen bei Agrarderivaten?
c) In welchem Umfang sind Positionsdaten großer Marktteilnehmer
öffentlich zugänglich?
d) Welche Positionslimits gelten derzeit für Agrarrohstoffe, und wie
werden sie überwacht?
e) Wie oft wurden Positionslimits in den letzten fünf Jahren
überschritten, und welche Sanktionen folgten?
f) Hält die Bundesregierung die bestehenden Positionslimits für
ausreichend, um Marktverzerrungen zu verhindern?
g) Plant die Bundesregierung, im Rahmen der bestehenden Aufsichts-
und Meldepflichten der BaFin auf eine Ausweitung der Erhebung und
Veröffentlichung von Positionsdaten hinzuwirken?
h) Welcher Anteil des Handels mit Agrarderivaten findet im
außerbörslichen Handel (OTC) statt, und um welche Summen geht es?
i) Welche Transparenzanforderungen gelten für OTC-Geschäfte?
j) Wie wird sichergestellt, dass OTC-Transaktionen keine Umgehung
von Positionslimits ermöglichen?
7. Welchen Stellenwert misst die Bundesregierung angebotsseitigen
Mengenveränderungen gegenüber Preisveränderungen bei der Bewertung von
Agrarmärkten bei?
a) Hat die Bundesregierung eine Auffassung zu Aussagen von Börsen-
und Finanzexpertinnen und Börsen- und Finanzexperten, dass die
Preisentwicklung von Agrarrohstoffen an den Warenterminbörsen von
Fundamentalereignissen abweicht und sich an den Finanzmärkten
orientiert (https://doi.org/10.3390/ijfs12040121?urlappend=%3Futm_sou
rce%3Dresearchgate.net%26utm_medium%3Darticle, https://media-a
pi.suub.uni-bremen.de/api/core/bitstreams/457a3212-c261-496c-8d86-
e9e1dc28e9d8/content, aufgerufen am 24. April 2026), und wenn ja,
wie lautet diese?
b) Schätzt die Bundesregierung die Preissteigerungen von Lebensmitteln
im Zuge des Angriffs Russlands auf die Ukraine 2022 durch reale
Knappheiten oder primär durch Preisbildungsmechanismen getrieben
ein?
c) Werden die aktuellen und zu erwartenden Preissteigerungen für
Agrarrohstoffe und folglich Lebensmittel durch den Krieg der USA und
Israels gegen den Iran nach Einschätzung der Bundesregierung durch
reale Knappheiten oder primär durch Preisbildungsmechanismen
getrieben sein?
d) In welchem Umfang werden welche Agrarrohstoffe seit Beginn des
Irankriegs nach Kenntnis der Bundesregierung von Marktakteuren
national und international zurückgehalten, und welche Auswirkungen
hat dies auf die Lebensmittelpreise?
e) Welche Initiativen unterstützt die Bundesregierung auf internationaler
Ebene – insbesondere im Rahmen der G20, der Food and Agriculture
Organization (FAO) sowie des Agricultural Market Information
System (AMIS) –, um eine verbindliche Meldepflicht für die physischen
Lagerbestände großer privater Agrarhändler (wie z. B. der
sogenannten ABCD-Konzerne) einzuführen, und wie bewertet sie das Risiko,
dass die derzeitige Intransparenz dieser Bestände in geopolitischen
Krisen zu Marktmanipulationen und künstlichen Preissteigerungen
führt (https://makroskop.eu/152026/lander-hort-die-preissignale/,
aufgerufen am 4. Mai 2026)?
8. Wie reagiert die Bundesregierung auf die aktuellen EU-Regelungen für
Agrarderivate sowie deren nationale Umsetzung in Bezug auf deren
Wirksamkeit zur Eindämmung von Spekulation und Marktmanipulation?
a) Welche Positionen hat die Bundesregierung im europäischen
Gesetzgebungsprozess von MiDIF (I und insbesondere II) inklusiv deren
späteren Überarbeitung vertreten?
b) Hat sich die Bundesregierung auf EU-Ebene dafür eingesetzt, die im
Rahmen von MiFID (Markets in Financial Instruments Directive) II
und MiFIR (Markets in Financial Instruments Regulation)
beschlossenen Positionslimits für Agrar-Futures zu verschärfen, um die erhöhte
Preisvolatilität durch übermäßige Spekulation zu begrenzen, und wenn
nein, warum nicht?
c) Hat sich die Bundesregierung auf EU-Ebene dafür eingesetzt, den
Hochfrequenzhandel mit Agrarderivaten im Rahmen von MiFID II
stärker zu regulieren oder zu verbieten, und wenn nein, warum nicht?
d) Misst die Bundesregierung den Positionslimits für den Handel mit
Warenderivaten auf Agrarrohstoffe und Wasser gegenüber anderen
Derivaten eine besondere Bedeutung zu, und wenn ja, welche, und warum?
e) Hält die Bundesregierung die Anwendung des in Artikel 57 Absatz 1,
3 und 10 MiFID II vorgesehenen nationalen Ermessensspielraums
durch die BaFin bei der Festlegung von Positionslimits für kritische,
liquide und illiquide Agrarderivate für ausreichend, um Marktstabilität
und Missbrauchsvermeidung zu gewährleisten?
f) Welche Positionslimits im Bereich Agrarrohstoffe hat die BaFin in den
letzten fünf Jahren festgelegt oder angewendet, und wie wurden diese
in den Stellungnahmen der Europäischen Wertpapier- und
Marktaufsichtsbehörde (ESMA) bewertet?
g) Setzt die BaFin nach Kenntnis der Bundesregierung den ihr nach
Artikel 57 MiFID II sowie der Delegierten Verordnung (RTS 21a)
eingeräumten Spielraum zur Festlegung von Positionslimits für
Agrarderivate um, und wenn ja, in welchem Maße?
h) Warum hat sich die Bundesregierung bislang nicht für eine
Finanztransaktionssteuer eingesetzt, die Derivate, insbesondere Agrarderivate,
erfasst, wurde eine solche Maßnahme auf nationaler oder EU-Ebene
geprüft, wenn ja, mit welchem Ergebnis, und wenn nein, warum nicht?
i) Inwiefern diskutiert oder prüft die Bundesregierung eine
Mindesthaltefrist für Agrarderivate an deutschen Terminbörsen mit Agrar-Futures
(z. B. für die European Energy Exchange (EEX))?
j) Welche Mindesthaltefrist für Agrarderivate ist in den Augen der
Bundesregierung angemessen, und warum?
k) Welche Initiativen verfolgt Deutschland innerhalb der G20 zur
Regulierung von Rohstoffspekulation?
l) Prüft die Bundesregierung angesichts der Analysen der Welthandels-
und Entwicklungskonferenz (UNCTAD) und der UN, ein
vollständiges Verbot von Agrar-Indexfonds sowie von Finanzprodukten, die
Agrarrohstoffe als rein spekulative Anlageklasse ohne physischen
Hintergrund nutzen, um die künstliche Aufblähung der Lebensmittelpreise
durch rein finanzielle Akteure zu unterbinden (https://unctad.org/fr/no
de/372; https://unctad.org/publication/price-formation-financialized-co
mmodity-markets-role-information; https://digitallibrary.un.org/recor
d/713426?v=pdf, aufgerufen am 4. Mai 2026), und wenn nein, wie
begründet die Bundesregierung die Beibehaltung dieser Instrumente?
9. Hat die Bundesregierung seit Ausbruch des aktuellen Krieges der USA
und Israel gegen den Iran die BaFin konsultiert, um Kenntnisse über die
Auswirkungen des Krieges auf die Preisentwicklung und
Handelsvolumina von Agrarderivaten an deutschen und internationalen Börsen zu
erhalten, und wenn ja, wann, und mit welchem Ergebnis?
a) Hat die Bundesregierung die BaFin explizit angewiesen, die
Auswirkungen des aktuellen Krieges der USA und Israels gegen den Iran auf
Agrarderivate zu analysieren, und wenn ja, welche Erkenntnisse
wurden gewonnen?
b) Liegen der BaFin Kenntnisse darüber vor, ob die EU-Vorgaben zu
Positionslimits beim Handel mit Agrarderivaten seit Beginn des Krieges
der USA und Israel gegen den Iran am 28. Februar 2026 überschritten
wurden?
c) Hat die BaFin seit Ausbruch des Krieges am 28. Februar 2026
verstärkte Überwachungsmaßnahmen für Agrarderivate ergriffen, und
wenn ja, welche konkreten Schritte wurden umgesetzt?
10. Welche Rolle spielen nach Kenntnis der Bundesregierung energieintensive
Produktionsprozesse bei der Preisentwicklung von Lebensmitteln (bitte
nach Erzeugung, Verarbeitung, Transport etc. aufschlüsseln)?
a) In welchem Umfang ist infolge der Energiepreiskrise im Zuge des
Iran-Kriegs mit Flächennutzungsänderungen zugunsten des Anbaus
von Energiepflanzen bzw. der Produktion von Biokraftstoffen zu
rechnen, und wie bewertet die Bundesregierung diese Entwicklung im
Hinblick auf die Versorgung mit Lebensmitteln?
b) Welchen Zusammenhang sieht die Bundesregierung zwischen den
Preissteigerungen bei Agrardiesel und der Entwicklung der
Lebensmittelpreise, und wie hoch schätzt sie den entsprechenden
Kostenüberwälzungseffekt entlang der Wertschöpfungskette ein?
c) Welche Unterschiede in der Entwicklung der Lebensmittelpreise stellt
die Bundesregierung zwischen ökologisch und konventionell
erzeugten Produkten fest?
d) Betrachtet die Bundesregierung die Unabhängigkeit des Ökolandbaus
von synthetischen Stickstoffdüngemitteln als einen Faktor, der die
Preise von Bio-Lebensmitteln gegenüber konventionellen Produkten
weniger anfällig gegenüber externen Schocks macht?
11. Welcher Anteil der Preissteigerungen bei Lebensmitteln ist in den Jahren
von 2020 bis heute nach Kenntnis der Bundesregierung zurückzuführen
auf
a) Energiekosten,
b) Rohstoffkosten,
c) Lohnkosten,
d) Unternehmensgewinne?
12. Welche Zahlen liegen der Bundesregierung zu prognostizierten
Ernteausfällen und Ertragseinbußen im Herbst 2026 und für das Frühjahr 2027 auf
nationaler und globaler Ebene vor?
a) Rechnet die Bundesregierung damit, dass es in Deutschland infolge
des Krieges der USA und Israels gegen den Iran und dem
prognostizierten globalen El-Niño-Phänomen in Deutschland in der zweiten
Jahreshälfte 2026 oder im Frühjahr 2027 zu Versorgungsengpässen
mit Lebensmitteln kommen wird, wenn ja, mit welcher Begründung,
und wenn nein, warum nicht?
b) Rechnet die Bundesregierung damit, dass es in Ländern außerhalb
Europas, insbesondere im Nahen Osten und Nordafrika infolge des
Krieges der USA und Israels gegen den Iran und dem prognostizierten
globalen El-Niño-Phänomen in der ersten oder zweiten Jahreshälfte 2026
oder im Frühjahr 2027 zu Versorgungsengpässen mit Lebensmitteln
oder Hungerkrisen kommen wird, wenn ja, mit welcher Begründung,
und wenn nein, warum nicht?
c) Wenn ja, welche Maßnahmen unternimmt die Bundesregierung, um
globalen Versorgungsengpässen bei Nahrungsmitteln präventiv zu
begegnen?
Berlin, den 5. Mai 2026
Heidi Reichinnek, Sören Pellmann und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333
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