Rede von Lea Reisner (DIE LINKE) – Dr. Gottfried Curio, Dr. Bernd Baumann,
Teil von Protokoll der 100. Sitzung des 21. Deutschen Bundestages · TOP 36: Dr. Gottfried Curio, Dr. Bernd Baumann,.
Text
Rede von Lea Reisner (DIE LINKE) – Dr. Gottfried Curio, Dr. Bernd Baumann,
Herr Präsident! Abgeordnete! Man muss diesen Antrag
genau lesen, nicht wegen der Zahlen – die kennen wir; die
bringen Sie jede Woche –, sondern wegen dem, was nicht
drinsteht. Den Wohnungsmarkt erwähnen Sie. Und ganz
ehrlich: Das ist ein wichtiges Thema; darüber reden wir
tatsächlich auch sehr gerne. Der ist Ihnen ein paar
Halbsätze wert, und Ihre Erkenntnis ist: Die Geflüchteten sind
an der Mietenkrise schuld.
(Dr. Gottfried Curio [AfD]: Ja! „Wir haben
Platz!“!)
Bravo! Kein Wort darüber, dass in Städten wie in meiner
Heimat Köln die Angebotsmieten in den letzten 14 Jahren
um 72 Prozent gestiegen sind! Kein Wort über die
Konzerne, die systematisch Mietenden das Geld aus der
Tasche ziehen und dieses Jahr über 1 Milliarde Euro an
Aktionäre ausschütten!
(Dr. Gottfried Curio [AfD]: Wer bestreitet denn
die Nachfrage durch Millionen illegaler
Migranten?)
Kein Wort über Löhne, von denen man heute die Miete
gar nicht mehr zahlen kann! Stattdessen sprechen Sie
über Syrer, Afghanen und Familiennachzug, Seite für
Seite. Und das ist kein Zufall; das ist perfider Rassismus.
Das ist keine Dummheit oder mangelnde Bildung,
sondern ein politisches Werkzeug, das dafür sorgt, dass die
Kassiererin auf den syrischen Paketboten wütend ist und
nicht auf denjenigen, der 300 Wohnungen geerbt hat und
beiden jedes Jahr die Miete erhöht, ein Werkzeug, das
nicht nur die AfD, sondern auch die Regierungskoalition
zunehmend für ihre Politik nutzt. Solange wir uns um die
Krümel streiten, fragt niemand: Wer hat eigentlich den
Kuchen? – Und dieselbe Partei, die hier über zu hohe
Kosten für Geflüchtete jammert, will die Erbschaftsteuer
für Leute abschaffen, die für ihr Vermögen nicht einen
Tag gearbeitet haben.
Sie spalten, und das ist kein neuer Trick. 1973 streikten
bei Ford in Köln vor allem türkische Kollegen gegen
Hetze und Entlassung. Die „Bild“-Zeitung titelte damals
„Türkenterror“. Deutsche Kollegen wurden gegen
türkische aufgehetzt, so lange, bis der Streik
zusammengeprügelt war. Und danach schrieb die „Bild“-Zeitung:
„Deutsche Arbeiter kämpfen Ford frei“. Gewonnen hat dabei
aber nur einer, und das war Ford.
„Teile und herrsche!“ ist das älteste Rezept, und die
AfD kocht es neu auf. Und es funktioniert immer noch
genau so. Wenn migrantische Arbeiterinnen und Arbeiter
sich heute organisieren, in Gewerkschaften, in
Mieterinitiativen oder in meiner Partei, dann heißt es heute nicht
mehr „Türkenstreik“, sondern Sie sprechen von
„Islamosozialisten“ und stellen uns alle pauschal als Gefahr dar.
Nach der Berlin-Wahl haben rechte Portale die Menschen
in Neukölln pauschal als „Stimmvieh“ bezeichnet. Das
sind Menschen, die hier geboren wurden, die hier
arbeiten, die hier Miete zahlen, und die haben gewählt, was sie
für richtig halten.
(Beifall bei der Linken sowie der Abg. Filiz
Polat [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])
Das eigentliche Problem für Sie ist doch nicht, dass
migrantische Menschen sich nicht integrieren. Ihr
Problem ist, dass sie es tun, dass sie sich organisieren, und
zwar gegen ihre Vermieter und nicht gegen ihre
Nachbarn. Die Trennlinie verläuft hier nicht zwischen
Deutschen und Syrern, sondern sie verläuft zwischen oben
und unten. Der Busfahrer aus Chorweiler hat mit der
Pflegerin aus Aleppo so viel mehr gemeinsam als mit
jedem Millionenerben, den Sie vor der Steuer schützen.
(Beifall bei der Linken sowie bei
Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Und an die Union: Die AfD treibt Sie vor sich her, und
Sie lassen sich treiben. Zurückweisung, ausgesetzter
Familiennachzug: Jedes Mal machen Sie die Erzählung der
AfD ein Stück normaler. Sie bekämpfen die AfD nicht,
Sie liefern das Drehbuch.
Vielen Dank.
(Beifall bei der Linken sowie der Abg. Filiz
Polat [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])
Relationen
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- part_of_vorgang → Maßnahmen für eine wirkliche Migrationswende
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