Rede von Lutz Heilmann (DIE LINKE) – Drucksachen 16/4900, 16/7367
Teil von Protokoll der 133. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 21: Drucksachen 16/4900, 16/7367 –.
Text
Rede von Lutz Heilmann (DIE LINKE) – Drucksachen 16/4900, 16/7367
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Herr Scheuer, ein kritischer Seitenhieb muss heute sein.
(Dr. Andreas Scheuer [CDU/CSU]: Das habe
ich von Ihnen erwartet!)
Die Kanzlerin vergisst bei der Nachhaltigkeitsdebatte
leider immer die soziale Dimension der nachhaltigen
Entwicklung. Sonst würde sie nicht so um den
Mindestlohn und andere soziale Themen feilschen und keine
Umverteilungspolitik betreiben, die wenig nachhaltig ist.
(Dr. Andreas Scheuer [CDU/CSU]: Jetzt berichtet
er wieder vom XII. Parteitag der SED!)
Ich finde es richtig, dass es heute die zweite Debatte
über den Bericht gibt und dass damit das zuständige
Ministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung noch
einmal die Möglichkeit erhält, den vorgelegten Bericht
intensiv zu prüfen und bei seiner Arbeit zu
berücksichtigen. Diese Bereitschaft war bislang nicht so deutlich
erkennbar. Deswegen haben wir uns im Beirat auf den
gemeinsamen Entschließungsantrag geeinigt. Wir haben
uns zusammengerauft. Ich finde es beeindruckend, dass
sich alle Fraktionen geeinigt haben. Das ist keine
Selbstverständlichkeit. Ich möchte mich bei den Kollegen der
Koalitionsfraktionen für die gute Zusammenarbeit
ausdrücklich bedanken.
(Beifall bei der LINKEN und dem BÜND-
NIS 90/DIE GRÜNEN)
Was bedeutet der demografische Wandel? Erstens
altert die Bevölkerung. Dass die Menschen immer älter
werden, ist natürlich kein Problem. Im Gegenteil: Ich
freue mich, dass meine Großmutter 86 Jahre alt ist und
sich bester Gesundheit erfreut.
Zweitens geht die Bevölkerungszahl zurück, weil
immer weniger Kinder geboren werden. Das ist ein
Problem, wobei ich vor allem an die vielen Menschen
denke, die keinen Job haben und sich nur mühsam über
Wasser halten können. Andere wursteln sich mit
Praktika und prekären Beschäftigungen durch. Wenn diese
Menschen über Familienplanung nachdenken, dann
überlegen sie sich genau, ob sie Kinder bekommen.
Drittens gibt es eine Bevölkerungswanderung. Was
das heißt, können Sie in Ostdeutschland sehen. 20, 30
oder sogar noch mehr Prozent der Bevölkerung sind seit
der Wende aus vielen Regionen dort abgewandert.
Besonders problematisch ist, dass vor allem junge
Menschen, insbesondere junge Frauen, abwandern. Warum?
Sie sehen dort keine Perspektive für sich. Das ist das
große Versäumnis der Nachwendepolitik. Darauf werden
wir, Die Linke, Sie immer wieder hinweisen, auch wenn
Sie es nicht mehr hören wollen. Wir werden erst dann
damit aufhören, wenn sich die Perspektiven in
Ostdeutschland deutlich verbessert haben.
Lutz HeilmannWas bedeutet ein Rückgang der Bevölkerung für die
Infrastrukturen? Lassen Sie mich dazu die
Bundesverkehrswege als Beispiel herausgreifen. Der Beirat
schreibt:
Infrastrukturvorhaben, die absehbar nicht
ausgelastet sein werden und nicht Teil eines regional
abgestimmten demographiewirksamen Entwicklungsplans
sind, müssen in ihrer Planung dem tatsächlichen
Bedarf angepasst werden, …
Für nicht ausgelastete Straßen gibt es genügend
Beispiele. Ich lade Sie einmal herzlich ein, die A 20 östlich
von Rostock zu befahren. Dort sieht man zwar blühende
Landschaften, insbesondere Wildwiesen auf
erschlossenen Gewerbegebieten, aber wenig Fahrzeuge auf der
Autobahn. Natürlich kann die Konsequenz nicht sein,
den Bau und Ausbau von Verkehrswegen im Osten
einzustellen. Wir können aber auch nicht einfach die
Landschaft weiter mit Autobahnen zupflastern. Wo wenige
Menschen wohnen, reichen gut ausgebaute
Bundesstraßen völlig aus. Auch angesichts der Geldknappheit ist es
sinnvoller, das Netz der Bundesstraßen auszubauen. Das
verbessert die Mobilität von wesentlich mehr Menschen,
als wenn nur Autobahnen gebaut werden. Dass
Autobahnen die Wirtschaft ankurbeln, ist nichts als ein Märchen.
Andererseits geht es nicht nur um den Straßenverkehr.
Es geht vielmehr darum, endlich eine
verkehrsträgerübergreifende Planung hinzubekommen. Allen
Beteuerungen der Regierung zum Trotz ist die sogenannte
Bundesverkehrswegeplanung dieses eben nicht. Sie prüft
einfach die Meldungen für Straßen, Schienen und
Wasserstraßen, und diese bekommen dann den Stempel, der
besagt, ob sie notwendig oder nicht notwendig sind. Das
führte dazu, dass bisher alle Bundesverkehrswegepläne
unterfinanziert waren und sind und dass nebeneinander
Straßen, Schienen und Wasserstraßen gebaut werden.
Das hat auch dazu geführt, dass der aktuelle
Bundesverkehrswegeplan offiziell angibt, dass die
Kohlendioxidemissionen, die durch den Verkehr entstehen, um 11
Prozent ansteigen.
Das alles geschieht in Zeiten des Klimawandels.
Zurzeit finden auf Bali Klimaverhandlungen statt.
Deutschland muss sich dort dazu verpflichten, seine
Kohlendioxidemissionen erheblich zu reduzieren. Dazu passt kein
Bundesverkehrswegeplan, der bis 2015 11 Prozent mehr
CO2-Emissionen zulässt. So weit müssten auch die
Rechenkünste im Verkehrsministerium reichen.