Rede von Dr. Heinz Riesenhuber (CDU/CSU) – Drucksachen 16/8905, 16/9471
Teil von Protokoll der 166. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 8: Drucksachen 16/8905, 16/9471 –.
Text
Rede von Dr. Heinz Riesenhuber (CDU/CSU) – Drucksachen 16/8905, 16/9471
Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und
Herren! Liebe Kollegen! Über Steuerhinterziehung
haben wir gerade gesprochen, jetzt reden wir über den
ehrlichen Mittelstand, der vielfältig in Deutschland seine
Arbeit tut und der seine Steuern zahlt.
Der Mittelstand hat in den letzten Jahren den größten
Anteil an neuen Arbeitsplätzen geschaffen. Es waren
Hunderttausende. Der Aufbau von Arbeitsplätzen fand
insbesondere im innovativen Mittelstand statt. Die Welt
besteht aus Hightech, Lowtech und Notech, aber der
Bereich, in dem am schnellsten Neues entsteht, ist der
technisch-innovative Mittelstand. In diesem Bereich gibt es
in Deutschland gut hunderttausend Unternehmen. Man
muss ehrlich einräumen, dass rund die Hälfte von diesen
Unternehmen gar nicht forscht, 30 000 mit großer
Stetigkeit forschen und der Rest gelegentlich. Jeder ist
willkommen. Es gibt viele, die im Wesentlichen von
Imitationen leben. Das ist zulässig, solange sich das in den
Grenzen dessen bewegt, was die Gesetze erlauben. Es
gibt andere, die Ideen zu technologischen
Dienstleistungen zur Marktreife bringen und dabei aus frei
verfügbarem Wissen schöpfen. Auch dies ist gut. Was hier
entsteht, ist eine große Landschaft, die allerdings in den
letzten Jahren nicht ganz die Dynamik hatte, die wir uns
immer gewünscht haben. Wir konstatieren eine
Stagnation der Forschungsaufwendungen in den
mittelständischen Unternehmen bei nur geringen Schwankungen.
Dies ist in Zeiten, die sich immer schneller ändern und in
denen immer mehr auf Forschung basiert, eine
gefährliche Strategie.
Zum Mittelstand gehören auf der anderen Seite die
Gründungen. Die Zahl der Neugründungen von Highte-chunternehmen stieg bis 2000 Jahr für Jahr, dann nahm
die Zahl ab, anschließend gab es eine leichte Erholung,
und 2005 ging die Zahl wieder zurück. Die Situation ist
durchaus schwierig.
Schauen Sie sich die ganze Landschaft an. Von den
300 forschungsstärksten Unternehmen der Welt sind 55
nach 1960 gegründet worden, zwei in Europa, eins
davon in Deutschland, 53 in den USA. Wenn wir die
Dynamik erreichen wollen, die wir mit der Lissabon-Strategie
beschlossen haben, dann müssen wir einen neuen Anlauf
nehmen. Das macht die Bundesregierung. Deshalb hat
sie die Ziele gesetzt. Das 6-Milliarden-Euro-Programm
ist inzwischen durch die Weisheit und Güte des
Finanzministers aufgestockt worden. Wir hoffen, dass es so
weitergeht. Ich nenne weiterhin die Hightech-Strategie
und die Programme, die den Mittelstand in den
einzelnen Bereichen voranbringen. Es gibt die
Fachprogramme des Forschungsministeriums und des
Wirtschaftsministeriums. Eine große Stärke aber liegt in den
technologieoffenen Programmen, die der
Wirtschaftsminister aufgelegt hat.
Hier setzt jetzt ZIM an, der neue Vorschlag, über den
wir jetzt diskutieren. Das ist eine Weiterentwicklung von
Programmen, die wir haben, eine Zusammenführung und
Vereinfachung. ZIM bedeutet Zentrales
Innovationsprogramm Mittelstand, nur damit wir uns nicht mit Kürzeln
erschlagen. Ich habe das jetzt einmal gesagt und darf es
deswegen künftig einsparen. Dieses ZIM fasst mehrere
Programme zusammen, die sich bewährt haben. Nach
1990, nach der deutschen Einheit kam eine Reihe von
Programmen, die sich in den alten Bundesländern
bewährt hatten, in die neuen Länder. Manche wurden
modifiziert. Inzwischen haben sich diese und andere, neue
Programme in den neuen Ländern bewährt.
Mit ZIM soll das, was gut ist, zu einem einzigen
Programm für ganz Deutschland zusammengeführt werden.
Die Scheidung in Ost und West kann nicht der
vernünftige Weg sein. Dabei handelt man in dem klaren
Bewusstsein, dass der Anteil der Mittel, die in die neuen
Bundesländer gehen, weiter steigt und immer
überproportional hoch bleibt. Das ist notwendig für die
Dynamik in diesem Bereich.
Was geschieht im Einzelnen? Ich beschreibe jetzt
nicht die Programme, die uns allen, wie ich vermute,
wohlvertraut sind. Pro Inno betrifft die Zusammenarbeit
zwischen Unternehmen und wissenschaftlichen
Instituten. Das ist mit über 200 Millionen Euro ein starkes
Programm. Damit werden Kooperationen aufgebaut. Inno-
Net fördert Netzwerke zwischen kleinen und mittleren
Unternehmen und Forschungseinrichtungen. Diese
Kooperationen brauchen wir so, dass das selbstverständlich
wird. NEMO steht für: Netzwerkmanagement Ost. Es
war eine gute Idee, einen Förderwettbewerb zum Aufbau
von Netzwerken zwischen mittelständischen
Unternehmen und Forschungseinrichtungen durchzuführen. Aus
dem Programm Inno-Watt soll die einzelbetriebliche
Förderung von Unternehmen in den neuen
Bundesländern in ZIM integriert werden. Damit haben wir das
Konzept.
Dr. Heinz RiesenhuberWas ändert sich? Neu ist, dass die Programme für
ganz Deutschland gelten. Neu ist, dass die
Antragsverfahren einfacher werden. Neu ist, dass man bei all diesen
Programmen den einzelnen Adressaten nicht
hinterherlaufen muss; vielmehr gibt es eine einzige zentrale
Ansprechstelle. Neu ist die Schnelligkeit der Bearbeitung.
Ein Mittelständler muss schnell über die Entscheidung
informiert werden. Neu sind außerdem einige Inhalte.
Bis jetzt galt beispielsweise eine beachtliche
Altersgrenze. Es gibt aber keinen vernünftigen Grund, warum
erfahrene Forscher nicht weiterarbeiten sollen, solange
sie Ideen haben. Bis jetzt war es auch so, dass die
Geschäftsführer nicht mitmachen durften. Bei einem
mittelständischen Unternehmen, das forscht, ist aber der
Geschäftsführer in der Regel das „Frontschwein“, das die
ganze Arbeit zu machen hat. Das heißt, wir versuchen
Barrieren zu beseitigen, sodass die Sache schnell,
dynamisch und erfolgreich ist. Wir sorgen für ein einziges
geschlossenes Programm für ganz Deutschland.
Dazu brauchen wir hier neben der vorzüglichen
Arbeit des Wirtschaftsministers die Unterstützung des
Finanzministers. Ich kann hier nicht voraussagen, was es
kostet. Es heißt, dass wir in diesem Jahr mit den Mitteln
hinkommen, dass wir im nächsten Jahr 80 Millionen
Euro und in den Folgejahren, je nach Entwicklung,
100 Millionen bis 200 Millionen Euro mehr brauchen
könnten. Es sind also sehr beachtliche Beträge. Wir
haben bis jetzt die Erfahrung gemacht, dass uns der
Finanzminister, der heute zufällig nicht da ist, mit
Herzlichkeit durch die Jahre begleitet hat. Wir vertrauen fest
darauf, dass das so bleiben wird.
(Uwe Barth [FDP]: Er hat nicht damit
gerechnet, dass Sie ihn so loben!)
Die Frage des Finanzministers, warum er Forschung
fordern soll, ist ungefähr 150 Jahre alt. Damals fragte
der englische Finanzminister Gladstone, wofür
Elektrizität gut sei. Die klassische Antwort war: Sie können sie
eines Tages besteuern. Nichts ist bezaubernder für einen
Finanzminister, als dass er einmal besteuern kann. Wenn
es mehr neugegründete Unternehmen gibt, dynamische
Unternehmen, die durch Forschung neue Arbeitsplätze
schaffen, dann profitiert davon der Finanzminister. Ihn
glücklich zu machen, ist das größte Ziel. Auf dieser
Grundlage könnten wir dann arbeiten.
Wir werden daran in den nächsten Jahren arbeiten.
Wir brauchen zum Start dieses Programms das grüne
Licht des Finanzministers jetzt; denn am 1. Juli soll die
erste Stufe starten, und am 1. Januar nächsten Jahres soll
der betriebsspezifische Teil von Inno-Watt
dazukommen. Das ist ein wichtiger Schritt, auch wenn es nicht
alles ist.
Wenn die Forschungspolitik gut ist, entstehen immer
neue Forschungsprogramme. Alte Forschungsprogramme
werden eingestellt, neue werden begonnen, und
vorhandene werden umstrukturiert. Das muss ein lebendiger
Prozess sein. Wenn ein Forschungsprogramm
erfolgreich ist, dann muss man sich fragen, ob man es
weiterführen muss. Wenn es erfolglos ist, dann darf man nichtgegen den Markt fördern. Entscheidend ist, eine
Strategie zu finden, durch die Neues angeregt wird, Ideen in
den Markt eingebracht werden, die Menschen begeistert
werden und fröhlicher Unternehmungsgeist unter den
Menschen wächst. Da haben wir noch einen langen Weg
vor uns.
Über vieles diskutieren wir. Noch mehr tut die
Bundesregierung, worüber wir stolz und glücklich sind. Uns
wird ein Vorschlag zur steuerlichen
Forschungsförderung gemacht werden. Über Wagniskapital werden wir
in der nächsten Stufe wieder reden. Wir werden in vielen
Bereichen das Neue angehen. Dann entsteht eine
Landschaft, über die vor allem der Finanzminister glücklich
sein kann, weil er dadurch zusätzliche Steuereinnahmen
erzielt. Herr Staatssekretär, bitte, richten Sie ihm meine
herzlichen und verbundenen Grüße aus.
(Hartmut Schauerte, Parl. Staatssekretär: Das
tue ich sehr gerne!)
Vorher müssen wir dafür sorgen, dass das Neue entsteht
und wächst. Der Staat kann die Zukunft nicht
vorhersehen, aber er kann die Voraussetzungen dafür schaffen,
dass die Menschen, die etwas davon verstehen, die die
Arbeit tun und die Verantwortung tragen, die unsere
Bürgergesellschaft ausmachen – –
Relationen
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