Rede von Klaus Uwe Benneter (SPD) – Drucksachen 16/6647, 16/10977
Teil von Protokoll der 193. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 24: Drucksachen 16/6647, 16/10977 –.
Text
Rede von Klaus Uwe Benneter (SPD) – Drucksachen 16/6647, 16/10977
Wir diskutieren heute über ein Vorhaben, das schon
seit Jahren auf der politischen Agenda steht, anscheinend
aber nichts von seiner Aktualität verloren hat: die
Absenkung des aktiven Wahlalters für Bundestagswahlen auf
16 Jahre.
Zunächst: Ich hege große Sympathie für die Motive der
Antragsteller, die mit ihrem Vorschlag zu mehr politischer
Partizipation von Jugendlichen beitragen wollen.
Förderung von politischer Teilhabe und Politikverständnis –
das sind zentrale Anliegen von uns Sozialdemokraten.
Ich sage aber heute ganz deutlich: Die Absenkung des
Wahlalters auf 16 Jahre ist der falsche Weg. So ehrenwert
das Anliegen auch ist – Symbolpolitik hilft uns hier nicht
weiter.
Im Zuge der mutigen Reformen Willy Brandts wurde
1970 das aktive Wahlrecht erstmals durch eine
Grundgesetzänderung von der Volljährigkeit abgekoppelt. Wählenkonnte man nach dieser Änderung ab 18 Jahren, obwohl
man erst mit 21 Jahren volljährig war. Wenige Jahre
später wurde die Volljährigkeit auf 18 Jahre abgesenkt,
sodass Volljährigkeit und Wahlrecht wieder zur gleichen
Zeit begannen. Ein junger Mann sollte zum Dienst in den
Streitkräften verpflichtet werden können, reif genug sein,
sein Leben für Deutschland einzusetzen, aber nicht
wählen dürfen? Dies war damals ein unhaltbarer Zustand.
Schon vor Monaten habe ich in meiner Rede anlässlich
der ersten Lesung hier gesagt: Mein Eindruck ist, dass
die heutige Regelung für das Wahlalter bei
Bundestagswahlen von der ganz überwiegenden Mehrheit in der
Bevölkerung und auch von der ganz überwiegenden
Mehrheit in der betroffenen Altersgruppe als angemessen und
richtig betrachtet wird. An mich ist jedenfalls noch kein
16-Jähriger herangetreten, der das Wahlrecht bei
Bundestagswahlen für sich gewünscht hätte. Die Logik, dass
mit Volljährigkeit und Wehrpflicht auch das Wahlrecht
beginnt, überzeugt offenbar die Menschen. Jede
Absenkung hätte deshalb nach meiner Meinung den Charakter
von Beliebigkeit und Willkür. Ich bleibe dabei: Mit 16 zu
wählen, aber keine Verträge allein verbindlich
unterschreiben zu können: Das ist paradox.
Auch mit Generationengerechtigkeit hat dies alles
nichts zu tun. Warum ermöglicht man einen fairen
Interessenausgleich zwischen Jung und Alt dadurch, dass ein
16-Jähriger statt eines 18-Jährigen wählen kann? Bei
allem Wohlwollen: Das leuchtet mir nicht ein.
Die Fakten sind uns allen bekannt: Deutschlands
Bevölkerung schrumpft. In gleichem Maße, wie immer
weniger Menschen in unserem Land leben, nimmt auch der
Anteil der Jugendlichen in Deutschland ab.
Konrad Adenauer hat sich schwer geirrt, als er sagte:
„Kinder bekommen die Leute doch von alleine.“ Wir
wissen heute: Jede Generation ist immer wieder aufs Neue
gefragt, Antworten auf die Herausforderungen einer sich
wandelnden Arbeits- und Lebenswelt zu finden, damit das
Kinderkriegen kein Armutsrisiko ist und Kindsein keine
Zeit verlorener Chancen.
Willy Brandt hat unter gänzlich anderen
Voraussetzungen mit seinem Slogan „Mehr Demokratie wagen“ der
noch jungen Bundesrepublik und seiner
Regierungspolitik eine kraftvolle Idee vorangestellt. Auch die Große
Koalition hat neue Antworten gefunden: mit der Einführung
des Elterngeldes, dem Ausbau der
Kinderbetreuungseinrichtungen und der Ganztagsschulen oder dem erhöhten
Kinderfreibetrag, um nur einige wichtige Stichworte zu
nennen. Schon unter der sozialdemokratisch geführten
rot-grünen Bundesregierung spielte zudem der Kampf
gegen den Rechtsextremismus eine zentrale Rolle: Es ist
und bleibt Aufgabe der gesamten demokratischen
Gesellschaft und all ihrer Institutionen, dafür zu sorgen, dass
vor allem junge Menschen auch in für sie schwierigen
wirtschaftlichen Zeiten und in persönlich gefühlter
sozialer Unsicherheit nicht von verfassungsfeindlichen,
menschenverachtenden und rassistischen Parolen beeinflusst
werden.
Lassen Sie uns also weiter an einer kinder-, jugend-
und familienfreundlicheren Gesellschaft arbeiten, mit In-Zu Protokoll gegebene Reden
vestitionen in Schulen und Kindertagestätten, mit einer
besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Frauen,
für mehr Ausbildungsplätze für Jugendliche, durch
politische Bildung und einem durchlässigeren Schulsystem,
das mit dem Anspruch antritt, keinen jungen Menschen
auf der Strecke zu lassen.
Dies sind die Diskussionen, die wir gemeinsam führen
müssen. Dies sind die Antworten auf die
Herausforderungen unserer Zeit. Eine Absenkung des Wahlalters würde
den Blick auf diese wesentlichen Dinge nur verstellen.