Rede von Rainer Brüderle (FDP) – Drucksache 16/12887
Teil von Protokoll der 222. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP ZP 2: Drucksache 16/12887 –.
Text
Rede von Rainer Brüderle (FDP) – Drucksache 16/12887
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! In diesen
Stunden wird das Ergebnis der Steuerschätzung
vorgetragen. Das ist eine Bankrotterklärung für die
Bundesregierung und auch eine persönliche Niederlage für Herrn
Steinbrück. Minister Steinbrück wird von der Financial
Times Deutschland als „diplomatische
Neutronenbombe“ bezeichnet; auf jeden Fall ist er der größte
Schuldenmacher in der Geschichte der Bundesrepublik
Deutschland. Die kleinste Recheneinheit bei den
Schuldenlöchern ist mittlerweile die Milliarde; man könnte
auch sagen: ein Peer. Das Ergebnis der Steuerschätzung
beweist: Mit Steuererhöhungen bringt man öffentliche
Haushalte nicht in Ordnung. Man braucht Wachstum und
Ausgabendisziplin, um sie in Ordnung zu bringen.
Drei Jahre lang hat die FDP-Fraktion gefordert: Sorgt
für die mageren Jahre vor! Drei Jahre lang haben Sie uns
verhöhnt und unsere liberalen Sparbücher ins
Lächerliche gezogen. Sie haben den Bundeshaushalt von
260 Milliarden Euro auf 300 Milliarden Euro
aufgebläht. Jetzt müssen die Bürger Ihre Rundum-sorglos-
Politik teuer bezahlen. Deutschland braucht nach
Auskunft der Konjunkturforscher bis 2013, um wieder das
Wohlstandsniveau von 2008 zu erreichen. Das ist das
Ergebnis Ihrer Politik. Schwarz-Rot hat den Aufschwung
nicht genutzt, um Deutschland besser aufzustellen und
auf erkennbar schwierige Zeiten vorzubereiten. Ihr
Regierungsmotto war: Investieren, Sanieren und
Reformieren. Das Erbe, das Sie hinterlassen, ist: Blamieren,
Dilettieren und Ruinieren.
Das klassische Konjunkturmuster in Deutschland
war: Getrieben vom Export springt die Wirtschaft an;
lässt die Exportnachfrage nach, springen die
Investitionen an und dann der private Konsum. Dieser
Mechanismus funktioniert in Deutschland schon länger nicht
mehr. Die strukturelle Schwäche ist die
Binnenkonjunktur. Der Sachverständigenrat hat immer wieder darauf
hingewiesen. Für die schwache Binnenkonjunktur tragen
die letzten Bundesregierungen – Grün-Rot und Schwarz-
Rot – die Verantwortung. Das geht von den kleinen
Gemeinheiten wie der Praxisgebühr bis zu den großen
Hammerschlägen wie der Mehrwertsteuererhöhung.
Die Konsequenz ist: Die Unternehmen haben sich im
letzten Jahrzehnt noch stärker den Auslandsmärkten
zugewandt. Die Exportquote betrug ein Drittel; heute
liegt sie bei rund 50 Prozent. Das hat mit unserer
Produktionspalette zu tun, aber vor allen Dingen mit der
Schwäche des Binnenmarktes. Die Exportquote ist aber
Rainer Brüderleunnatürlich hoch. Daran trägt die Bundesregierung, Rot-
Grün wie Schwarz-Rot, eine entscheidende Mitschuld.
Stellen Sie sich einen Moment vor, die 75 Milliarden
Euro, die Sie mit der Mehrwertsteuererhöhung bei den
Bürgern abkassiert haben, wären heute noch in den
Händen der Bürger! Der Abschwung wäre dann halb so
schlimm. Dies wären Kräfte, um die Binnenkonjunktur
zu aktivieren.
Ich möchte mit einer Mär aufräumen, die
insbesondere die Sozialdemokraten verbreiten: Die USA werden
von der Rezession viel härter getroffen als Deutschland. –
Das ist falsch. Deutschland hat ein Minus von 6 Prozent,
die Vereinigten Staaten haben ein Minus von 3 Prozent.
Uns trifft es doppelt so hart wie die Vereinigten Staaten.
Das hat seine Ursache in der Schwäche dessen, was in
Deutschland entwickelt wurde.
Wir haben schon im November letzten Jahres ein
Antirezessionsprogramm vorgeschlagen; wir haben es
heute wieder auf der Tagesordnung. Das haben Sie nicht
zur Kenntnis genommen; Sie haben es ignoriert.
Stattdessen haben Sie im Hinblick auf die Wahl in Hessen ein
schuldenfinanziertes Ausgabenprogramm auf den Weg
gebracht. Herausgekommen ist Murks: Abwrackprämie
mit einem Volumen von 6 Milliarden Euro,
Strohfeuereffekt, Vorzieheffekt, Mitnahmeeffekte.
Aber das Vorziehen der Steuerentlastungen bei den
Kassenbeiträgen war angeblich nicht möglich. Wir
haben vorgeschlagen, sie auf den 1. Januar 2009
vorzuziehen. Das wäre eine Entlastung in Höhe von 9 Milliarden
Euro gewesen. Von den Mitteln der Konjunkturpakete
werden Fußbodenheizungen für Eisbärengehege und
Radargeräte zum Abschröpfen der Autofahrer angeschafft.
Das sind Sickerverluste und prozyklische Elemente.
(Ute Berg [SPD]: In welchem Land leben Sie
eigentlich?)
Besonders dreist finde ich es, dass Herr Steinbrück
jetzt vor der Inflation warnt. Seine Schuldenpolitik ist
der größte Inflationstreiber in Deutschland.
Da legt einer selbst den Brand, um anschließend
Feuerwehr zu spielen. Absurder geht es nicht mehr.
(Irmingard Schewe-Gerigk [BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN]: Haben Sie außer den
Sprüchen etwas Inhaltliches?)
Der Finanzminister profitiert von den inflationären
Entwicklungen. Die Zeche zahlen andere: Rentner,
Geringverdiener und Sparer. Sie werden kalt enteignet.
Die Vorboten der inflationären Entwicklung sind
unübersehbar. Das ist ein Ritt auf der Rasierklinge.
(Lachen des Abg. Dr. Wolfgang Strengmann-
Kuhn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])
Wir wissen: Wenn das Geld schlecht wird, dann kann
alles ins Rutschen kommen. Das beste Konjunkturpro-gramm, das Deutschland passieren könnte, wäre eine
andere, eine bessere Regierung.
Vielen Dank.