Rede von Ute Berg (SPD) – Drucksache 16/12887
Teil von Protokoll der 222. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP ZP 2: Drucksache 16/12887 –.
Text
Rede von Ute Berg (SPD) – Drucksache 16/12887
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Zu
Ihrer Frage, Frau Lötzsch: Wir werden die FDP positiv
beeinflussen. Das fällt uns sicherlich nicht schwer, Herr
Brüderle.
Nachdem uns gerade Frau Lötzsch das Einmaleins
der Marktwirtschaft erklärt hat, komme ich auf Ihren
Antrag zurück, Herr Brüderle. Die FDP hat, wie ich
finde, einen glasklaren Schaufensterantrag vorgelegt.
Damit meine ich, dass Ihre Absichten leicht zu
durchschauen sind: Sie brauchen noch Munition für den
Wahlkampf. Bisher haben Sie nichts zur Bewältigung der
Krise beigetragen. Außerdem haben Sie ein
Sammelsurium von Einzelpunkten vorgelegt, das den Anspruch
jeglicher Seriosität vermissen lässt.
(Heinz-Peter Haustein [FDP]: Das sehen wir
anders!)
Ganz oben auf dem Forderungskatalog steht wieder
die altbekannte Forderung nach niedrigeren Steuern.
Ich kann es nicht mehr hören. Dabei müsste es sich
inzwischen auch bis zu Ihnen herumgesprochen haben,
dass jetzt aus einer großen Steuerreform nichts wird,
weil es dafür absolut keinen Spielraum gibt. Die
aktuellen Zahlen der amtlichen Steuerschätzung liegen noch
nicht vor; aber Peer Steinbrück hat bereits festgestellt,
dass sich die Steuerausfälle für die nächsten vier Jahreauf ungefähr 350 Milliarden Euro belaufen werden. Wer
in dieser Lage Steuersenkungen fordert, hat offenbar
den Schuss noch nicht gehört.
(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/
DIE GRÜNEN)
Hinzu kommen – das ist bereits absehbar – die
steigenden Ausgaben bei den Sozialversicherungen und die
Ausfälle durch den Bankenrettungsfonds. Klaus
Zimmermann, der Präsident des Deutschen Instituts für
Wirtschaftsforschung, hat mit seiner Einschätzung
unsere Position bestätigt:
Der Ruf nach Steuersenkungen ist auf absehbare
Zukunft unverantwortlicher Populismus.
Wir haben daher andere Konzepte zur
Krisenbewältigung entwickelt. Wie Sie wissen, steuern wir mit drei
Maßnahmenpaketen aktiv gegen die Krise an. Erstens
haben wir einen Rettungsschirm über die Banken
gespannt, um die Geldversorgung aufrechtzuerhalten. Ich
weiß, dass es dabei noch ein wenig hakt. Wir sind gerade
dabei, nachzujustieren. Des Weiteren haben wir die
Spareinlagen der Bürgerinnen und Bürger gerettet.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU)
Frau Lötzsch sollte auch zur Kenntnis nehmen, dass wir
nicht nur die Höherverdienenden, sondern auch die
normalen Bürgerinnen und Bürger im Blick haben.
Zweitens haben wir bereits im November 2008 das
erste Konjunkturpaket in Höhe von 30 Milliarden Euro
und drittens zu Beginn dieses Jahres das zweite Paket
beschlossen. Damit unterstützen wir Unternehmen wie
auch die Beschäftigten in einem Umfang von
50 Milliarden Euro. Das ist mit 80 Milliarden Euro
insgesamt das größte Konjunkturpaket in der Geschichte
der Bundesrepublik. Damit – das wiederhole ich
ausdrücklich – sichern wir Arbeitsplätze. Die FDP hat uns
die ganze Zeit bei allen Maßnahmen beschimpft und
dagegengestimmt, aber nichts Eigenes entwickelt.
Wir setzen bewusst auf einen Maßnahmenmix. Ich
konzentriere mich auf vier Punkte: Wir setzen Impulse
für Investitionen und stärken gleichzeitig die
Binnennachfrage durch Entlastungen der Bürgerinnen und
Bürger von Steuern und Abgaben. Wie gesagt, mehr geht
nicht. Wir helfen mit dem Wirtschaftsfonds kleinen und
großen Unternehmen und sichern damit die
Arbeitsplätze vieler Beschäftigter. Wir stützen mit der
Abwrackprämie die von der Krise besonders betroffene
Automobilbranche. In der gestrigen Anhörung ist noch
einmal deutlich geworden, dass wir hier offensichtlich
sehr erfolgreich sind. Wir treiben zudem den
Breitbandausbau in Deutschland massiv voran.
Damit nenne ich nur einige Maßnahmen, die wir
beschlossen haben. Insgesamt handelt es sich um einen
ausgewogenen Mix aus kurzfristig und mittelfristig
wirkenden Maßnahmen, die bereits ihre Wirkung entfalten.
Das zeigt nach wie vor die, wie ich finde, erstaunlich
stabile Binnennachfrage in Deutschland.
Ute BergZum Glück – dank der Politik aus der rot-grünen
Regierungszeit – sind wir in die jetzige Krise relativ stark
hineingegangen. Hinter uns liegt eine Zeit des Abbaus
der Arbeitslosigkeit um etwa 2 Millionen Menschen. Es
wurde damit mehr Beschäftigung aufgebaut, als nun
bedroht ist. Das befriedigt nicht, ist aber ein Trost. Wenn
wir nicht so gut regiert hätten, hätte es noch viel
bedrohlicher ausgesehen.
Auf zwei Punkte unserer Konjunkturmaßnahmen
möchte ich noch detaillierter eingehen, da Sie diese zwar
in Ihrem Antrag erwähnen, dabei aber vergessen, was
wir bereits beschlossen haben. Ich meine erstens
Investitionen in Bildung und Infrastruktur und zweitens
Entlastungen der Bürgerinnen und Bürger von Steuern und
Abgaben. Sie scheinen wirklich vergessen zu haben, was
wir hier getan haben. Beides sind wichtige und richtige
Stellschrauben, um in einer Situation, in der die
Exportmärkte wegbrechen, die Binnenkonjunktur zu stützen.
Punkt 1, Impulse für mehr Investitionen. Mit
unserem kommunalen Investitionsprogramm finanzieren wir
zu zwei Dritteln Investitionen in den Bildungsbereich
und zu einem Drittel Investitionen in die Modernisierung
der Infrastruktur. Wir haben zusätzlich Mittel für den
Ausbau und die Erneuerung der Bundesverkehrswege,
aber auch im Bereich der IuK-Technik bereitgestellt. Wir
haben zudem die Mittel für die Förderprogramme der
Kreditanstalt für Wiederaufbau aufgestockt, um weitere
Investitionen anzustoßen, insbesondere für die
energetische Gebäudesanierung. Alles in allem summieren sich
die Ausgaben für Investitionen auf 25 Milliarden Euro in
den kommenden zwei Jahren. Mit einer deutlichen
Vereinfachung des Vergaberechts haben wir außerdem
sichergestellt, dass öffentliche Aufträge schnell und
unbürokratisch – auch und gerade kleinen und mittleren
Unternehmen – erteilt werden können. Im Moment
denken wir darüber nach, in diesem Bereich ein wenig
nachzujustieren und weitere Erleichterungen für KMUs
voranzubringen.
Punkt 2, Entlastung von Steuern und Abgaben.
Durch unsere bereits beschlossenen Maßnahmen
entlasten wir die Bürgerinnen und Bürger. Dabei haben wir
besonders einkommensschwächere Haushalte im Blick, da
hier das zusätzliche Geld direkt in den Konsum geht.
Das beginnt mit der Absenkung des
Eingangssteuersatzes auf 14 Prozent und der Anhebung des
Grundfreibetrags auf 8 004 Euro. Das geht weiter mit dem
Kinderbonus in Höhe von 100 Euro, den die Familienkassen
bereits ausgezahlt haben, sowie der Erhöhung des
Kinderregelsatzes beim Arbeitslosengeld II und der
Sozialhilfe ab dem 1. Juli 2009. Nicht zuletzt haben wir bereits
die Sozialabgaben gesenkt.
Alles in allem entlasten wir die privaten Haushalte
mit Augenmaß um insgesamt rund 30 Milliarden Euro.
Herr Fuchs, das heißt, eine Familie mit zwei Kindern hat
in diesem Jahr netto 679 Euro und im Jahr 2010
614 Euro mehr in der Tasche. Hinzu kommen die
bessere Absetzbarkeit von Handwerkerrechnungen und
verbesserte Abschreibungsmöglichkeiten für
Unternehmen. Das alles sind Maßnahmen, die auch den Konsum
und die Investitionstätigkeit anregen. Es geht aktuell aber auch darum, die Grundlage für
den nächsten Aufschwung zu legen. Von zentraler
Bedeutung sind dabei erstens gut qualifizierte Fachkräfte
und zweitens die Bereitschaft und die Fähigkeit zu
Innovationen. Wie Sie alle wissen, haben wir die
Bezugsdauer des Kurzarbeitergeldes von 12 auf 18 Monate
verlängert und die Bedingungen unter anderem durch
Qualifizierungsangebote attraktiver gestaltet. Wir sehen
an der starken Annahme dieses Angebots, dass
Unternehmen offensichtlich ihre Arbeitnehmerinnen und
Arbeitnehmer wirklich halten und sie nicht in die
Arbeitslosigkeit entlassen wollen.
In einem zweiten Schritt werden wir – das hat Olaf
Scholz schon mit BDA und DGB vereinbart – die
Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes auf 24 Monate
verlängern und die Arbeitgeber ab dem siebten Monat
Kurzarbeit vollständig von den Sozialabgaben entlasten. Wir
wollen die Unternehmen dabei unterstützen, gemeinsam
mit ihren Beschäftigten durch die Krise zu gehen, damit
sie dann, wenn diese Krise vorbei ist, mit qualifizierten
Fachkräften wieder durchstarten können.
Damit tun wir wirklich etwas, um Arbeitsplätze zu
sichern, und handeln nicht wie Sie, meine Herren von der
FDP – ich sehe, im Moment sind nur noch Herren da –,
(Horst Friedrich [Bayreuth] [FDP]: Nur keine
Diskriminierung!)
die Sie mit Ihrer Forderung nach einem flexibleren
Arbeitsrecht verschleiern, was Sie wirklich wollen. Was
das nämlich im Klartext heißt, sehen wir in Ihrem
Wahlprogramm: Kündigungsschutz nur für Betriebe mit mehr
als 20 Beschäftigten und erst nach zwei Jahren
Beschäftigungsdauer. Gleichzeitig wollen Sie die betriebliche
Mitbestimmung deutlich einschränken und am liebsten
ganz abschaffen. Das ist eine Politik gegen Beschäftigte
und auch gegen Unternehmen. Gerade in der
Wirtschaftskrise zeigt sich nämlich, dass Unternehmen und
Beschäftigte eine Schicksalsgemeinschaft bilden, die
gemeinsam an einem Strang zieht. Ich gehe davon aus,
dass auch Sie in Ihren Wahlkreisen unterwegs sind und
hören, dass sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer in diesen
Zeiten sehr einig sind und gemeinsam Konzepte
umsetzen, die wir entwickelt haben, um die Unternehmen zu
stärken und die Beschäftigten in den Unternehmen zu
halten.
Genauso wichtig für die Zukunft unserer Wirtschaft
sind Investitionen in Forschung und Entwicklung. In
diesem Bereich wird in Krisenzeiten leider häufig
gespart, und zwar auf Kosten der Innovationsfähigkeit der
Betriebe und des Standortes Deutschland insgesamt. Ich
habe mir in der vorletzten Woche ein positives
Gegenbeispiel angeschaut. Die Firma Phoenix Contact, ein
mittelständischer Betrieb aus meiner Region, steuert
bewusst in der Krise dagegen und verstärkt trotz
Kurzarbeit in der Produktion ihre Anstrengungen im Bereich
Forschung deutlich; denn, so einer der Geschäftsführer,
die Firma möchte nach der Krise in der Poleposition
sein. Um generell Firmen Anreize zu geben, ähnlich wie
Phoenix Contact zu agieren, haben wir die Mittel für das
Zentrale Innovationsprogramm Mittelstand um
insgesamt 900 Millionen Euro erhöht und damit den Etat für
Ute BergForschungsförderung im innovativen Mittelstand fast
verdoppelt.
Die Regierungsfraktionen haben in der aktuellen
Krise zügig und entschlossen gehandelt und
Verantwortung für unser Land übernommen. Das wird auch in den
kommenden Wochen das Prinzip unseres Handelns sein,
wenn es nämlich darum geht, die nach wie vor
bestehenden Probleme unseres Bankensystems durch die
Einrichtung von Bad Banks in den Griff zu bekommen und die
Kreditversorgung der Wirtschaft zu sichern.
In diesem Punkt möchte ich allerdings Herrn Meyer
ausdrücklich widersprechen. Es ist mitnichten so, dass
der Staat zu großen Teilen der Versager war. Natürlich
haben auch staatliche Banken ihren Teil dazu
beigetragen,
(Laurenz Meyer [Hamm] [CDU/CSU]: Zwei
Drittel ist mehr als die Hälfte!)
dass das Bankensystem in Misskredit geraden ist.
(Horst Friedrich [Bayreuth] [FDP]: Wer hat
denn den ganzen Mist beschlossen? Das waren
Sie doch! Wer hat denn in den letzten elf
Jahren den Finanzminister gestellt?)
Aber dass die Krise von lupenreinen Privatbanken in den
USA ausging, das können Sie, Herr Meyer, wirklich
nicht unter den Tisch kehren.
(Laurenz Meyer [Hamm] [CDU/CSU]: Und
von staatlichen Wohnungsbaufinanzierern in
den USA!)
Insofern halte ich die Diskussion, die Sie hier führen, für
falsch. Ich glaube, dass der Staat verstärkt regulierend
eingreifen muss,
(Laurenz Meyer [Hamm] [CDU/CSU]:
Regulierend ja!)
wobei man natürlich auch nicht auf dem „Staatsauge“
blind sein darf. Es hat hier aber in allererster Linie ein
Marktversagen und kein Staatsversagen gegeben.
Die Politik ist in diesen Wochen gefordert,
pragmatische Lösungen für außerordentlich schwierige Probleme
zu finden. Anträge wie der Ihre sind im Moment alles
andere als hilfreich.
Danke schön.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU)