Rede von Dr. Hermann Otto Solms (FDP) – Drucksache 16/12887
Teil von Protokoll der 222. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP ZP 2: Drucksache 16/12887 –.
Text
Rede von Dr. Hermann Otto Solms (FDP) – Drucksache 16/12887
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich
will in aller Kürze nur noch einmal auf den Kern dieses
Antrages hinweisen. Die Situation ist: Wir haben eine
Rekordrezession. Die Bundesregierung ist nicht alleindaran schuld, aber sie ist auch nicht unschuldig. Sie hat
in dieser Legislaturperiode die höchste Steuererhöhung
durchgeführt, die wir je erlebt haben.
Über diese höhere Steuerbelastung wollte sie die
öffentlichen Haushalte sanieren. Das hat sie nicht geschafft.
Sie hat für die schlechten Jahre nicht vorgesorgt, die ja
zu erwarten waren. Deswegen fehlt ihr jetzt das Geld.
Darüber hinaus hat sie mit diesen hohen Belastungen
auch noch eine Binnenrezession herbeigeführt. Das ist ja
die Folge von höheren Belastungen.
(Beifall bei der FDP – Klaus Barthel [SPD]:
Die Binnenwirtschaft ist nicht das Problem,
sondern der Export!)
Sie können doch keinem erzählen – auch der Parteitag
der Grünen kann das keinem weismachen –, dass man
mit höheren Steuern und höheren Belastungen die
Wirtschaft beleben kann. Nein, all dieses dämpft die
wirtschaftliche Entwicklung und schwächt das Einkommen
der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die dann
weniger ausgeben können. Das führt im Endeffekt auch zu
geringeren Sozialabgaben und Steuereinnahmen.
Hinzu kommt, dass die Bundesregierung jetzt zwar
einen Rekordstand bei den Schulden erreicht, aber
zugleich beinahe schon höhnisch behauptet, jetzt bleibe
kein Geld mehr für die Entlastung der Bürger. Es ist
doch grotesk, dass sie für diese blöde Abwrackprämie
plötzlich 6 Milliarden Euro in die Hand nimmt,
aber den Bürgern keine Entlastung gönnt. Wo sind wir
denn hier?
Die Bürger sind der Souverän dieses Staates. Sie stehen
im Mittelpunkt, und nicht die Autos.
(Klaus Barthel [SPD]: Wer kriegt denn die
Abwrackprämie? Doch wohl die Bürger!)
Die Abwrackprämie ist im Übrigen ein Schuss in den
Ofen, weil überwiegend Importautos verkauft worden
sind;
(Klaus Barthel [SPD]: Falsch! – Ute Berg
[SPD]: Dummes Zeug! – Volker Kauder
[CDU/CSU]: Wir sind doch Europäer, Herr
Solms!)
die kleinen Reparaturwerkstätten haben nichts mehr zu
tun, die Gebrauchtwagenhändler gehen pleite, und nach
Auslaufen der Abwrackprämie wird es einen
Nachfrageeinbruch geben. Das wissen Sie genauso gut wie ich.
Das sagen auch die Experten.
(Ute Berg [SPD]: Sie hätten einmal zur
Anhörung kommen sollen, Herr Solms!)
Ich will jetzt einmal die Vergangenheit hinter uns
lassen. Die Frage ist nun: Wie kommen wir aus der
Rezession heraus, und was kann der Staat dazu tun, dass wir
sie überwinden? Man muss sich immer wieder in Erinne-
Dr. Hermann Otto Solmsrung rufen, dass 10 Prozent des Sozialproduktes im
staatlichen Sektor erwirtschaftet werden, 90 Prozent
aber im privaten Sektor. Also muss ich mich doch in
erster Linie darauf konzentrieren, Impulse für
Wachstum, für Investitionen und für Beschäftigung im privaten
Sektor zu geben, damit sich dieser positiv entwickelt.
Die beiden Konjunkturprogramme konzentrieren ihre
Ausgaben aber allein auf den staatlichen Sektor, und
auch hier nur auf einen Teil, nämlich im Wesentlichen
die Bauwirtschaft. Das hilft einigen Baufirmen und
einigen Kommunen – zugegeben –, aber es nutzt der
wirtschaftlichen Entwicklung so gut wie nichts, sondern
führt in erster Linie nur zur Erhöhung der Schuldenlast.
Die Steuerentlastungen, die Sie auf den Weg
gebracht haben, waren richtig. Diese haben wir unterstützt.
Sie kommen nur zu spät. Die Möglichkeit,
Krankenversicherungsbeiträge von der Steuer abzuziehen, besteht
erst ab 2010. Wir hätten diese Regelung aber schon in
diesem Jahr gebraucht. Sie hätten sie zum 1. Januar
dieses Jahres in Kraft setzen sollen. Sie wurden übrigens
dazu genötigt, diese Möglichkeit zu schaffen, weil das
Bundesverfassungsgericht das gefordert hat. Aus
eigenem Antrieb hätten Sie es gar nicht getan.
Es wird jetzt darauf ankommen, zu entlasten, damit mehr
investiert, mehr Arbeitsbereitschaft ausgelöst wird und
damit die Bürger, die Arbeitnehmer mehr Netto vom
Brutto behalten, damit sie sich wieder langlebige
Gebrauchsgüter, etwa ein Auto, aus eigenem Einkommen
leisten können, in ihr Haus investieren können, auch
beispielsweise energiesparende Investitionen in den
Gebäude- bzw. Wohnbestand tätigen können. Das ist doch
die Voraussetzung dafür. Der gute Wille ist ja zu
begrüßen, aber erst einmal müssen Sie den Bürgerinnen und
Bürgern die Möglichkeit dafür schaffen.
Frau Dückert, ich wundere mich wirklich über Ihr
Gedächtnis. Erinnern Sie sich, dass Sie selbst als Grüne
eine Steuerreform mitverantwortet haben. Sie haben
allen Grund, Herrn Brüderle zu danken und ihn nicht zu
beschimpfen;
(Dr. Thea Dückert [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Ich renne doch nicht herum und
verspreche andauernd Steuersenkungen!)
denn er hat damals dafür gesorgt, dass Rheinland-Pfalz
im Bundesrat dieser Steuerreform über die Hürde
geholfen hat.
(Zurufe von der SPD und dem Bündnis 90/Die
Grünen)
– Nein, das lag nicht an uns.
(Klaus Barthel [SPD]: Im Bundesrat waren Sie
dagegen und die Grünen dafür!)
– Das haben wir natürlich gemeinsam miteinander
besprochen, wie wir das immer tun. Die Steuerreform,
Frau Dückert, die Sie zu verantworten haben, hat
selbstverständlich positive Wirkungen erzeugt. (Klaus Barthel [SPD]: Warum waren Sie dann
dagegen? Lesen Sie Ihre Reden nach! –
Weitere Zurufe von der SPD und dem Bündnis 90/
Die Grünen)
Warum hat es hinterher einen Wirtschaftsaufschwung
gegeben? Es ist doch einfach dumm, sich davon zu
distanzieren. Das war doch mit Ihre Leistung. In den 80er-
Jahren war das genauso. 1986, 1988 und 1990 haben wir
eine Steuerreform in drei Etappen durchgeführt, die dazu
beigetragen hat, dass wir 1989 eine erheblich höhere
Beschäftigung und einen beinahe ausgeglichenen Haushalt
gehabt haben. Sonst hätten wir uns die deutsche Einheit
noch weniger leisten können. Wir sind ja froh, dass wir
uns in diesem Zustand befanden.
Genau das brauchen wir auch jetzt. Wenn wir aus der
Rezession heraus wollen, müssen wir die Bürger, die
Wirtschaftssubjekte, die kleinen Unternehmen, die
Selbstständigen und die Arbeitnehmer entlasten, damit
ihnen mehr Geld bleibt, um dies auszugeben, damit der
90-Prozent-Sektor, die private Wirtschaft, wieder Fahrt
aufnimmt und das Wachstum finanziert werden kann.
Das ist übrigens die Basis der Staatseinnahmen. Sie
werden die Staatseinnahmen nur dann nachhaltig
stabilisieren, wenn Sie einen viel höheren Beschäftigungsgrad
erreichen. Dieser Aussage kann eigentlich niemand
widersprechen.
Vielen Dank.
(Beifall bei der FDP – Ute Berg [SPD]: Das stimmt!
Aber nicht durch weniger Steuern!)
Relationen
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