Rede von Dirk Becker (SPD) – Plenarprotokoll 16/167
Teil von Protokoll der 167. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages.
Text
Rede von Dirk Becker (SPD) – Plenarprotokoll 16/167
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen! Liebe Kollegen!
Gestatten Sie mir, bevor ich auf die – man kann nicht
sagen: Argumente –
(Franz Obermeier [CDU/CSU]: Argumente
sind das wirklich nicht!)
Dirk Beckerzusammenhanglosen, inhaltsleeren Ausführungen
einiger Oppositionspolitiker
(Widerspruch bei Abgeordneten des BÜND-
NISSES 90/DIE GRÜNEN)
eingehe, eine kurze Rückschau.
(Sylvia Kotting-Uhl [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Kommt jetzt etwas Gehaltvolles?)
– Warten Sie es ab; Sie können sich gleich noch
aufregen.
Die SPD-Bundestagsfraktion hat vor fast genau zwei
Jahren begonnen, die Novellierung des KWKGs
vorzubereiten. Es gab damals ein Fachgespräch, bei dem es
darum ging, warum wir mit dem bisherigen KWKG
unser Ziel – wie wir gehört haben – nicht erreichen werden.
Es wurden im Wesentlichen drei Dinge herausgearbeitet:
zum Ersten, dass neben der Modernisierung zukünftig
auch der Neubau in die Regelung einbezogen werden
muss; zum Zweiten, dass der gesamte erzeugte KWK-
Strom, auch der der industriellen KWK, einbezogen
werden muss; zum Dritten, dass wir uns parallel darum
kümmern müssen, die Wärme zu den Verbrauchern zu
leiten, also auch hinsichtlich der Wärmenetze
Regelungen zu treffen.
Daraus ist in zwei Jahren ein Gesetzentwurf
entstanden, den wir im letzten Jahr mit dem klaren Ziel
vorgelegt haben, den Anteil des KWK-Stroms in Deutschland
bis 2020 zu verdoppeln.
Wir alle haben gewusst, dass das nicht einfach wird, aber
ich glaube, wir haben in sehr intensiven und langen
Verhandlungen mit der Union gute Überzeugungsarbeit
geleistet.
(Katherina Reiche [Potsdam] [CDU/CSU]:
Na! Na!)
– Doch, Frau Reiche. Ich sage Ihnen nur eines: Ich habe
eben die Rede des Parlamentarischen Staatssekretärs,
Herrn Schauerte, mit Interesse gehört und zu Rolf
Hempelmann gesagt: Diese Rede hätte er vor zwei
Jahren noch nicht gehalten. Das zeigt die gute Entwicklung
in Ihrer Fraktion.
(Beifall bei der SPD – Ulrich Kelber [SPD]:
Das stimmt schon! Herr Schauerte, geben Sie
es zu! Lernprozess!)
Liebe Kollegen der Großen Koalition, entscheidend ist
doch eines: Wir stehen heute gemeinsam für einen
Entwurf gerade, der sich in der Tat sehen lassen kann.
Herr Fell, mit Verlaub: Das, was Sie eben gesagt
haben, entbehrt jeglicher Grundlage.
(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU –
Hans-Josef Fell [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Das stimmt nicht!)
Sie haben mittlerweile eine Standardrede, die Sie in
jeder Debatte über Energiepolitik vortragen: Die Große
Koalition scheitert.(Hans-Josef Fell [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Der Standard der Großen Koalition ist
ja auch das Scheitern! – Ulrich Kelber [SPD]:
Recycling!)
Ich sage Ihnen einmal Folgendes: Das Problem ist, dass
Sie in Ihrer Kammer bzw. Ihrem Turm sitzen und
zuallererst stinksauer darüber sind, dass Sie bei der
Erarbeitung dieser erfolgreichen Gesetze nicht mitgemacht
haben. Der Stachel sitzt tief.
(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU –
Hans-Josef Fell [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Sie haben uns ja nicht mitmachen
lassen!)
Die Branche ist in der Lage, diese Gesetze objektiv zu
bewerten. Sowohl hinsichtlich des Erneuerbare-
Energien-Gesetzes als auch hinsichtlich des KWKG sagen
uns eben nicht nur die Großen, sondern vor allen Dingen
auch der VKU und die Kleineren: Das ist ein guter
Entwurf. Damit können wir jetzt etwas machen. Nehmen
Sie das einmal zur Kenntnis.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU)
Ich will noch etwas sagen: Es scheint für manche
nicht begreifbar zu sein, was es mit dem Deckel bei der
Förderung der KWK auf sich hat. Ich weiß nicht, ob
ich noch einmal versuchen soll, das zu erklären. Rolf
Hempelmann hat gesagt, dass die SPD zunächst die
Forderung des Bundesrates aufgegriffen hat, den Deckel
sozusagen auf 950 Millionen Euro zu erhöhen. Wir
standen vor der Überlegung, was das bedeutet hätte. Das
hätte dazu geführt, dass diese 950 Millionen Euro zwar
zur Verfügung gestanden hätten, in den ersten Jahren
aber nicht abgeflossen wären, weil die Investitionen ja
erst einmal getätigt werden müssen. Es müssen Aufträge
erteilt werden etc.
Die Branche hat uns gesagt: Uns ist es lieber, den
Deckel bei 750 Millionen Euro zu belassen, die Förderung
bei Erreichen dieser Summe aber nicht zu beenden,
sondern die Möglichkeit zu haben, die Förderansprüche in
die Folgejahre zu übertragen. Das heißt, jeder, der hier
investiert, bekommt sein Geld. Diese Botschaft sollten
wir auch nach draußen senden und nicht, wie Sie,
verkürzt darstellen. Durch diese Regelung tragen wir dazu
bei, den Anteil von 25 Prozent zu erreichen. Jeder erhält
seine Förderung.
(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU –
Hans-Josef Fell [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Die 25 Prozent reichen doch nicht!)
– Sie können hier noch 30-mal dazwischenrufen. Das
ändert nichts an der Falscheinschätzung.
Frau Höhn ist nicht mehr da; sie muss sich jetzt
wahrscheinlich auf die nächste Runde vorbereiten. Die
Darstellung, wir würden auch mit dem KWKG wieder nur
Geld hinter großen Konzernen herschmeißen, ist falsch.
Wenn man das Gesetz liest und auch versteht – das ist ja
ein Unterschied –, dann erkennt man zwei
Voraussetzungen: Zum einen wird nur hocheffiziente KWK im Sinne
der EU-Richtlinie gefördert. Wenn man sich das durch-
Dirk Beckerliest, dann erkennt man, dass sich die Argumentation
von Frau Höhn erübrigt.
(Ulrich Kelber [SPD]: Hocheffizient, Frau
Kopp!)
Zum anderen wird nur der durch KWK erzeugte Anteil
gefördert. Es ist wichtig, das zu verstehen, um dem
Vorwurf, das sei wieder nur ein Gesetz für die Großen, zu
widersprechen.
(Franz Obermeier [CDU/CSU]: Wider
besseres Wissen!)
Ich will die ganzen inhaltlichen Punkte hier nicht
mehr aufgreifen. Herr Dr. Pfeiffer, Herr Hempelmann
und andere haben dargestellt, welche Regelungen wir
getroffen haben.
Wir haben das Ziel festgeschrieben, die gesamte
KWK zu fördern. Das gilt auch für die der kleinen
Unternehmen. Das ist wichtig; denn eines ist für die Leute
draußen interessant, die wahrscheinlich immer noch
nicht wissen, über was wir bei der KWK reden: Mit der
Förderung der KWK erreichen wir auch die Großen.
Diese wollen wir auch erreichen, weil wir sie brauchen.
Wir wollen große Kraftwerke, bei denen Kraft-Wärme-
Kopplung betrieben wird. Mit der KWK kann aber auch
jeder Häuslebesitzer zum Kraftwerksbetreiber werden.
Jeder in seinem Keller, jedes Krankenhaus, jede
Universität, wirklich jeder hat die Möglichkeit, mit einer auf
ihn passend zugeschnittenen Anlage sein eigener
Kraftwerksbetreiber zu werden und auf diesem Weg einen
großen Beitrag zum Klimaschutz und zur
Unabhängigkeit zu leisten, weil der Energieverbrauch dadurch
deutlich reduziert wird. Ich denke, das ist eine gute Botschaft
für alle Menschen in diesem Land.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU)
Wichtig ist mir auch, zu betonen, dass die vier
Gesetze, die wir heute beraten, deutlich zeigen – die
Bundeskanzlerin ist jetzt leider nicht mehr da; aber das
mache ich mit einem gewissen Stolz mit Blick auf die
eigene Fraktion –: Die SPD steht nicht nur, wenn es
darum geht, Ziele zu vereinbaren und tolle Zahlen zu
beschließen, sondern sie steht auch dann, wenn es darum
geht, diese Ziele in Gesetze umzusetzen. Darauf kann
diese Fraktion besonders stolz sein.
Zum Schluss ein Wort zu der unsäglichen Debatte
gerade von Leuten, Frau Kopp,
die sich immer eines besonders großen
wirtschaftspolitischen Verstandes rühmen.
– Sie beweisen hier aber ständig das Gegenteil.
(Gudrun Kopp [FDP]: Darüber entscheiden
Sie nicht!)
Zu argumentieren, das alles führe zu mehr Belastungen
der Verbraucher,(Gudrun Kopp [FDP]: Ja, ist doch so!)
ist eine derart kurzsichtige Betrachtung, dass sie
eigentlich nicht einmal für eine Wahlperiode reicht.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU)
Völlig klar ist, dass wir – das sollte hier mittlerweile
eigentlich zum Abc gehören – eine Umsteuerung in der
Energiepolitik wollen und brauchen: hin zu erneuerbaren
Energien, zu mehr Einsparung von Energie, aber auch zu
Effizienz. Effizienz ist ein wesentliches Kriterium.
(Gudrun Kopp [FDP]: Aber nicht zu jedem
Preis!)
– Ja, nicht zu jedem Preis. Diese Argumentation hätte
ich gerne beim Thema Kernenergie von Ihnen gehört.
(Beifall bei der SPD – Ulrich Kelber [SPD]:
Da kann nichts zu teuer sein!)
Der Umbau der Energiepolitik in diesem Land kostet
Geld. Das muss man den Menschen sagen. Wir werden
heute mit moderaten Umlagen den Menschen eine
Erhöhung der Stromrechnung um 3, 4, 5 Prozent
abverlangen.
Wenn Sie das nicht wollen, sind Sie diejenigen, die dafür
sorgen, dass die bisher bestehenden
Energieversorgungsstrukturen beibehalten werden. Sie wollen das Geld
weiter nach Saudi-Arabien und Russland schaffen.
(Jan Mücke [FDP]: Dummes Zeug! Das
glauben Sie doch selber nicht!)
Wir wollen eine Energieversorgung, mit der im eigenen
Land durch Effizienzmaßnahmen, durch den Ausbau
erneuerbarer Energien die Wertschöpfung ausgebaut und
stärker im Land belassen wird. Davon haben alle etwas,
die Handwerker und alle Menschen in diesem Land. Wir
werden unabhängiger von Energieimporten und schaffen
neue wirtschaftliche Strukturen.
(Gudrun Kopp [FDP]: Sie schaffen
Mitnahmeeffekte!)
Frau Kopp, wir sind nicht nur Weltmarktführer im
Bereich klassischer Kraftwerkstechnologien, sondern
auch in den meisten Branchen der erneuerbaren
Energien.
(Gudrun Kopp [FDP]: Das merkt man bei der
Solarenergie!)
Wir wollen mit unserer Politik die
Versorgungssicherheit, die wirtschaftspolitischen Aspekte, den gesamten
volkswirtschaftlichen Nutzen und den Klimaschutz unter
einen Hut bringen. Genau das geschieht heute mit den
vier Gesetzen, die wir vorgelegt haben. Ich gebe Herrn
Dr. Pfeiffer ausdrücklich recht: Es ist ein guter Tag für
die Energiepolitik in diesem Land.
Danke.