Rede von Markus Kurth (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Drucksachen 16/4373, 16/4419
Teil von Protokoll der 88. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 6: Drucksachen 16/4373, 16/4419 –.
Text
Rede von Markus Kurth (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Drucksachen 16/4373, 16/4419
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Sehr verehrte Damen und Herren! Die Rednerin der SPD
hat im Hinblick auf diesen Gesetzentwurf von einem
großen Wurf gesprochen.
(Beifall des Abg. Jörg Tauss [SPD] – Zuruf
von der SPD: Da hat sie recht! – Dr. Heinrich
L. Kolb [FDP]: Gemessen an dem
Regierungshandeln schon!)
Ich muss Ihnen sagen: Ein großer Wurf sähe anders aus.
Natürlich ist es – deswegen stimmen wir auch zu –
ganz sinnvoll und vernünftig, Abgabenpflichten und
Verwerterpflichten stärker zu überprüfen. Aber ein großer
Wurf – der in der Tat auch notwendig wäre – würde sich
dem von Frau Connemann angesprochenen Wandel viel
intensiver zuwenden. Er würde einmal analysieren, wie
sich die Produktionsstrukturen und -bedingungen
eigentlich verändert haben. Wenn ich Ihnen das jetzt
darlege, Herr Kolb, dann werden Sie auch sehen, warum
unser Entschließungsantrag nicht obsolet ist.
(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Da bin ich aber
gespannt!)
Ich habe mir einen Satz aus Ihrer Rede, Frau
Connemann, direkt aufgeschrieben. Sie sagen, die Zahl
der selbstständigen Künstler steigt, warum auch
immer. Ich sage Ihnen einmal warum: Hauptursache sind
Outsourcing-Strategien der verschiedenen Unternehmen
in der Kulturwirtschaft, um Personalkosten zu senken.
(Jörg Tauss [SPD]: Und in der
Zeitungswirtschaft!)
Wir haben weiterhin einen Kostensenkungsdruck
durch sinkende öffentliche Kulturausgaben; von 2001
auf 2004 sind das minus 6,2 Prozent. Auch da wird
verstärkt auf Auslagerungen zurückgegriffen. Zum Beispiel
die festen Ensembles in den Theatern schrumpfen auf
ein Minimum, da diese verstärkt auf Gastspiele
zurückgreifen, die dann wiederum mit freien Schauspielern
arbeiten.
Im Entschließungsantrag ist auch noch einmal die
besondere Entwicklung im Verlagswesen erwähnt, wo
Leute ausgegliedert werden, die als unabhängige
Produktions- und Produzentenleiter weitere Produzenten
beschäftigen, sich also in dieser Doppelrolle als
Subunternehmer und Auftraggeber und Auftragnehmer befinden.
(Jörg Tauss [SPD]: Unbestritten!)Das ist auf jeden Fall – Sie streiten das nicht ab, Herr
Tauss – die Ursache dafür, warum sich die
Versichertenzahlen in den letzten Jahren verdreifacht haben und
warum die Verwerterzahlen sich nur in etwa verdoppelt
haben.
(Jörg Tauss [SPD]: Eine Ursache! Es gibt auch
andere!)
An dieser Stelle geht die Schere auseinander. Auf diese
Entwicklung geben Sie absehbar keine Antwort.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN –
Zuruf vom Bündnis 90/Die Grünen: Genau so
ist das!)
Wir versuchen mit unserem Entschließungsantrag,
wenigstens eine dieser Fehlentwicklungen
anzusprechen.
(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Sie wollen doch
nur die Probleme zeigen! Lösungen haben Sie
auch keine!)
Wir verlangen nicht mehr und nicht weniger, als dass
diese Regierung ihre Kapazitäten und Möglichkeiten
nutzt,
(Silke Stokar von Neuforn [BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN]: Welche? Die hat doch keine!)
um das Problem einmal zu erheben und für diese
Entwicklung eine Lösung vorzuschlagen.
Wir sind schon sehr bescheiden. Da hat nun die
Regierung bei diesem Gesetzesvorhaben – es ist ja ein relativ
kleines Gesetz – schon allein zu dem Entwurf ein
Büchlein – recht stabil, Hardcover – mit 250 Seiten
herausgebracht.
(Der Redner hält den „Bericht der
Bundesregierung über die soziale Lage der
Künstlerinnen und Künstler in Deutschland“ hoch)
Wenn man dann nach Daten sucht in diesem Buch, die
die von mir beschriebenen Veränderungen in den
Produktionsstrukturen beschreiben könnten, findet man
nichts. Der Teil zum Arbeitsmarkt umfasst circa sechs
Seiten, ist sehr allgemein, und es fehlt jegliche
Datenbasis. Das trifft auch genau das, was das WZB in der
Anhörung im Jahr 2004 vor der Enquete-Kommission
„Kultur in Deutschland“ gesagt hat. Frau Connemann,
Sie sind da ja die Vorsitzende. Da hat das WZB schon
beklagt, dass es eine mangelhafte Datenlage gibt und
dass man die Funktionsweisen und Mechanismen auf
den Arbeitsmärkten nicht so analysieren kann, wie es für
die selbstständigen Künstlerinnen und Künstler
erforderlich wäre.
Unser Entschließungsantrag ist mithin überhaupt
nicht überholt, sondern deutet an dieser Stelle auf eine
Lücke im Regierungshandeln hin, die in der letzten
Legislaturperiode, aber auch jetzt mit der breiten Mehrheit
der Großen Koalition bei weitem nicht geschlossen wird.
Deswegen kann man von einem großen Wurf wahrlich
Markus Kurthnicht sprechen, wohl aber von einem vernünftigen
Gesetz.
(Jörg Tauss [SPD]: Na gut! Okay! – Gitta
Connemann [CDU/CSU]: Warten Sie doch auf
die Ergebnisse der Enquete-Kommission!)
– Und jetzt, Frau Connemann, rufen Sie mir hier zu, ich
solle auf die Ergebnisse der Enquete-Kommission
warten.
(Gitta Connemann [CDU/CSU]: Da sind Sie
aktiv mit dabei!)
Ja, die Veränderungen im Künstlergewerbe vollziehen
sich schneller, als die Enquete-Kommission mit ihren
Beratungen nachkommen kann. Darauf kann man nicht
warten. Handeln sollte, Herr Thönnes, die Regierung.
Sie sollte relativ schnell auf diese drängenden Probleme
eine Antwort geben.
Vielen Dank.
Relationen
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