Rede von Gitta Connemann (CDU/CSU) – Drucksachen 16/4373, 16/4419
Teil von Protokoll der 88. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 6: Drucksachen 16/4373, 16/4419 –.
Text
Rede von Gitta Connemann (CDU/CSU) – Drucksachen 16/4373, 16/4419
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Am
Ende der Dreigroschenoper heißt es: „Was ist die
Ermordung eines Mannes gegen die Anstellung eines
Mannes?“
Wie die Zeiten sich ändern: Heute ist eine Festanstellung
Wunsch und nicht mehr Schreckgespenst und im
Kulturbereich manchmal eher die Ausnahme.
Mit diesen Worten von Brecht beginnt übrigens auch
das Buch „Wir nennen es Arbeit“. In diesem Buch wird
die digitale Boheme ausgerufen und werden die Freiheit
und Zukunftsaussichten selbstständiger
Kulturschaffender gefeiert.
(Jörg Tauss [SPD]: Aber lassen Sie uns
trotzdem leben!)
Kritiker dagegen sehen darin Opfer von prekären
Arbeitsverhältnissen und eine Arbeitsplatzmisere. Die„FAZ“ hat es so zusammengefasst: Früher gab es die
analoge Boheme,
(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Heute die
digitale!)
das heißt Menschen in Cafés ohne Festanstellung und
ohne Internetzugang; heute gibt es die digitale Boheme,
das heißt Menschen in Cafés ohne Festanstellung, aber
mit Internetzugang.
Alles vielleicht nur ein launiges, neues Etikett; aber
die Beobachtungen zum Wandel in der Kulturszene
stimmen in jedem Fall. Denn Tatsache ist: Der Wandel
im Kultur- und Kunstbereich ist greifbar. Er ist in
rasanter Bewegung. Es gibt immer mehr Selbstständige in
dieser Kreativbranche, aus welchem Grund auch immer.
Diese Entwicklung spiegelt sich auch in der
Künstlersozialversicherung wider durch eine steigende Zahl von
Versicherten auf der einen Seite und den Streit um die
Anerkennung neuer Berufsgruppen auf der anderen
Seite. Während früher in manchen Bereichen der Kunst
die Frage nach Geld verpönt war und die Frage nach der
Rente häufig gar nicht gestellt wurde, lesen wir bei der
digitalen Boheme – ich zitiere –:
… die Frage nach der eigenen Altersvorsorge, nach
etwaiger Arbeitsunfähigkeit und
Pflegebedürftigkeit wird ohne staatlich-strukturelle Hilfe und
Institutionen nicht zu lösen sein. Mit 35 lässt sich sehr
gut von der Hand in den Mund leben, mit 75 wird
das zum Problem …
(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Die Hand zittert
dann so!)
Die Autoren, beide selbst Kreative und Anfang 30,
würdigen den Wert der sozialen Sicherung von Kultur-
und Medienschaffenden durch die
Künstlersozialversicherung. Auch aus diesem Vertrauen junger Kreativer
begründet sich aus meiner Sicht unser politischer
Auftrag, nämlich Bestand und Funktionsfähigkeit der
Künstlersozialversicherung zu stärken.
Die erste Lesung hat gezeigt, dass sich die Fraktionen
im Grundsatz einig sind: Die Künstlersozialversicherung
ist unverzichtbar.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP sowie
der Abg. Katja Kipping [DIE LINKE] – Hans-
Joachim Otto [Frankfurt] [FDP]: Herr Tauss,
Sie müssen klatschen!)
Sie ist auch Baustein dafür, dass sich künstlerische
Freiheiten entfalten können. Denn vor ihrer Einführung
hatten selbstständige Künstler und Publizisten häufig keine
soziale Absicherung; heute sind sie gegen die Risiken
von Krankheit, Pflegebedürftigkeit und Alter geschützt.
Das Instrument hat sich bewährt. Aber auch eine
erfolgreiche Sicherung braucht eine rechtzeitige Erneuerung,
um leistungsfähig zu bleiben. Wir sehen es bei der
alljährlichen Haushaltsdebatte um den Bundeszuschuss;
denn die Versichertenzahlen steigen und damit der
Finanzbedarf.
Gitta ConnemannDie von der Künstlersozialkasse erfassten Honorare
können diesen Bedarf bislang kaum ausgleichen. So ist
der Abgabesatz für die Verwerter gestiegen. Leider
erfüllt nicht jeder Unternehmer diese Abgabepflicht,
mancher aus Unkenntnis nicht. Wir brauchen deshalb eine
bessere Überprüfung der Abgabepflicht. Die
Künstlersozialkasse kann dies nur eingeschränkt leisten.
Deshalb wird die Aufgabe zukünftig von der Deutschen
Rentenversicherung wahrgenommen werden.
Dabei ist unstrittig auch die Aufklärung über die
Abgabepflicht wichtig. Diese Information, Herr Kollege
Kurth, wird von der KSK heute schon gegeben. Ich
empfehle Ihnen insoweit den geneigten Blick auf die
Internetseite der Künstlersozialkasse.
(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Der ist noch
analog, der Kollege Kurth!)
Dort finden Sie auf sehr viele Fragen eine Antwort und
Hinweise auf eine mögliche Abgabepflicht.
Die KSK will dieses Angebot übrigens noch
ausbauen und befindet sich insoweit bereits im Gespräch
mit der Rentenversicherung. Ihr Entschließungsantrag
ist also bereits heute überholt.
Auch die Angaben der Versicherten zum
Arbeitseinkommen müssen systematisch überprüft werden. Das ist
Aufgabe der KSK, ebenso die Abklärung von
Abgrenzungsfragen bei den Begrifflichkeiten des Künstlers und
des Publizisten.
Stichprobenartig werden zukünftig Versicherte
ausgewählt, die ihre tatsächlichen Arbeitseinkommen der
letzten vier Jahre offenlegen müssen. Das ist richtig so.
Denn anders, als es der Antrag der Linken vermuten
lässt, ist nicht Ziel dieser Prüfung, die Berechtigten
auszuschließen. Es geht vielmehr darum, nur den wirklich
Berechtigten den Zugang zu diesem Sondersystem zu
ermöglichen. Darum handelt es sich. Denn selbstständige
Künstler und Publizisten sind privilegiert.
Für eine dauerhafte Akzeptanz eines solchen
Sondersystems ist es deshalb zwingend erforderlich, dass nicht
der Hauch des Eindrucks entsteht, Künstler und
Publizisten würden sich nicht derselben Überprüfung stellen
müssen wie alle anderen Versicherten in allen anderen
Sozialversicherungssystemen. Deshalb ist Ihr Antrag,
meine Damen und Herren von der Linken, vollkommen
absurd.
Es war auch ein Wunsch der Künstler und
Publizisten. Sie waren wie die Verwerter Partner des bereits
erwähnten runden Tisches. Sie haben diesen
Gesetzentwurf beraten und befürwortet. Das Ziel muss sein, dass
die Künstlersozialversicherung weiter handlungsfähig ist
und günstige Versicherungsbeiträge bieten kann.
Das heißt nicht, dass mittelfristig nicht weiterer
Diskussionsbedarf gegeben wäre. Damit meine ich – wie
auch der Kollege Kolb – übrigens auch nicht die vom
Bündnis 90/Die Grünen angesprochenen
Doppelzahlungen. Es gibt im Kultur- und Medienbereich – sicherlich
unstrittig – hybride Strukturen. Aber dem von Ihnen ge-nannte Fall lässt sich heute bereits mit einem klugen
Vertragsmanagement begegnen, bei dem übrigens auch die
KSK beratend zur Seite steht.
Handlungsbedarf gibt es auch nicht in dem von den
Linken aufgeworfenen Sinne. Die Forderung, dass
zukünftig vermutet werden soll, Künstler und Publizisten
seien selbstständig, ist, wie ich finde, hanebüchen. Dies
verstößt nicht nur gegen alle Regelungen des geltenden
Sozialversicherungsrechts, sondern auch gegen das
Schutzbedürfnis der Künstler und Publizisten.
Deshalb hat sich die Enquete-Kommission „Kultur in
Deutschland“ bereits in der letzten Legislaturperiode
einstimmig dagegen ausgesprochen, ein solches
Wahlrecht einzuführen. Diese Empfehlung, verehrte Kollegen
der Linken, ist mit den Stimmen Ihrer Fraktion in dieser
Legislaturperiode bestätigt worden.
(Hans-Joachim Otto [Frankfurt] [FDP]: Das
haben sie vergessen! – Weitere Zurufe von der
FDP: Hört! Hört! – Erstaunlich!)
Das haben Sie bei der Formulierung Ihres Antrages
vielleicht übersehen.
Die Enquete-Kommission prüft aber zurzeit weiteren
Handlungsbedarf. Denn dazu ist sie mit den Stimmen
aller Fraktionen des Hauses eingesetzt worden. Der
Bericht wird im Herbst dieses Jahres vorliegen und
Handlungsempfehlungen an den Gesetzgeber enthalten. Da
sind wir uns sicherlich einig, Herr Kollege Otto. Diese
Empfehlungen können dann Grundlage einer
Nachjustierung sein.
Es gibt offene Fragen, so im Zusammenhang mit der
Beendigung von Versicherungsverhältnissen oder mit
der Höhe der Mindesteinkommensgrenze. Der Kreis der
Versicherten wirft immer neue Probleme auf, da der
Gesetzgeber bewusst eine offene Definition von Künstlern
und Publizisten gewählt und keine abschließende Liste
an Berufen erstellt hat. Damit ist weiter Raum für die
Sozialgerichte geschaffen worden. Die Kollegen Kurth
und Kolb haben in der letzten Debatte vollkommen
zutreffend auf das Trauerrednerurteil hingewiesen.
Am Anfang dieser Rede stand die Boheme. Balzac
hat einmal über sie gesagt:
(Jörg Tauss [SPD]: Nichts zu den Männern
jetzt!)
Alle diese jungen Menschen sind größer als ihr
Unglück, sie befinden sich unterhalb des Reichtums,
aber stehen immer über ihrem Geschick.
(Hans-Joachim Otto [Frankfurt] [FDP]: Jetzt
wird es philosophisch!)
Für den Reichtum bleiben auch heute die Künstler
selbst verantwortlich. In einer Welt aber, in der die
Kreativität die Zukunftsreserve dieses Landes darstellt, ist es
mehr als eine gesellschaftliche Frage, ja es ist unser
politischer Auftrag, die Entfaltung künstlerischer Kreativität
Gitta Connemannmit geeigneten sozialen Rahmenbedingungen
abzusichern. Fangen wir heute damit an!
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei
Abgeordneten der SPD – Beifall bei der FDP)
Relationen
- part_of → Protokoll der 88. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages
- spoke_in ← Gitta Connemann (Rede)