Gemeinsames Weißbuch zur europäischen Verteidigung - Bereitschaft 2030 JOIN(2025) 120 endg.
Text
Gemeinsames Weißbuch zur europäischen Verteidigung - Bereitschaft 2030 JOIN(2025) 120 endg.
[Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln
Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0720-2946
Bundesrat Drucksache 156/25
03.04.25
EU - Fz - In - V - Vk - Wi
Unterrichtung
durch die Europäische Kommission
Gemeinsames Weißbuch zur europäischen Verteidigung - Bereitschaft 2030
JOIN(2025) 120 final
Der Bundesrat wird über die Vorlage gemäß § 2 EUZBLG auch durch die Bundesregierung
unterrichtet.
Hinweis: Drucksache 113/25 = AE-Nr. 250232;
Drucksache 147/25 = AE-Nr. 250286;
AE-Nrn. 240391; AE-Nr. 250242; AE-Nr. 250296
DE DE
EUROPÄISCHE
KOMMISSION
HOHER VERTRETER
DER UNION FÜR
AUẞEN- UND
SICHERHEITSPOLITIK
Brüssel, den 19.3.2025
JOIN(2025) 120 final
GEMEINSAMES WEIẞBUCH
zur europäischen Verteidigung – Bereitschaft 2030
1
1. EINLEITUNG
Europa steht einer akuten, wachsenden Bedrohung gegenüber. Unsere einzige Möglichkeit zur
Sicherung des Friedens besteht in der Abschreckung derjenigen, die uns Schaden zufügen
würden – und unserer Bereitschaft dazu. Wir verfügen über zahlreiche solide Grundlagen, wie
unser Potenzial zur Freisetzung enormer Ressourcen sowie latente technologische und
industrielle Macht. Wir starten jedoch von einer Position aus, in der unsere
Verteidigungsbereitschaft durch Jahrzehnte zu geringer Investitionen geschwächt wurde.
Unser Kontinent ist derzeit Krieg, Aggression und anderen feindseligen Handlungen
ausgesetzt. Die Europäische Union verfügt über großen Reichtum und enorme produktive Kraft
sowie ein tiefes Vertrauen in die Bedeutung demokratischer Werte, die allen Mitgliedstaaten
gemeinsam sind. Jetzt jedoch wird sie von externen Akteuren unter Druck gesetzt, Akteuren,
die zur Erreichung ihrer Ziele ihre Ressourcen mobilisieren und Technologien mit immer
höherer Wirksamkeit einsetzen. Sie stellen eine unmittelbare Bedrohung unserer Lebensweise
und unserer Fähigkeit, durch demokratische Prozesse unsere Zukunft selbst zu bestimmen, dar.
Diese Akteure meinen, dass wir politisch nicht in der Lage sind, eine sinnvolle und strategisch
nachhaltige Antwort zustande zu bringen.
Die internationale Ordnung verändert sich gerade in einer Größenordnung, die seit 1945 nicht
mehr zu beobachten war. Aufgrund der zentralen Rolle, die Europa bei den großen
geopolitischen Herausforderungen des vergangenen Jahrhunderts spielte, sind diese
Veränderungen in Europa besonders tiefgreifend. Das politische Gleichgewicht, das sich ab
dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dann nach der Beendigung des Kalten Krieges
herausbildete, ist massiv gestört. Wie wehmütig wir auch auf diese vergangene Ära
zurückblicken mögen, so müssen wir doch die Realität akzeptieren, dass diese Zeit nicht
wiederkommt. Die Wahrung der regelbasierten internationalen Ordnung wird sowohl in
unserem Interesse als auch als Ausdruck unserer Werte von größter Bedeutung bleiben. Aber
in der zweiten Hälfte dieses Jahrzehnts und danach wird eine neue internationale Ordnung
entstehen. Wenn wir diese Ordnung – sowohl in unserer Region als auch darüber hinaus – nicht
gestalten, werden wir das Ergebnis dieser Zeit des Wettbewerbs zwischen Staaten passiv
hinnehmen müssen, mit allen negativen Folgen, die sich daraus ergeben könnten, einschließlich
der realen Aussicht auf einen großflächigen Krieg. Die Geschichte wird uns Untätigkeit nicht
verzeihen.
Angesichts dessen steht Europa vor einer grundlegenden Entscheidung über seine Zukunft.
Will sich Europa durch die kommenden Jahre hindurchlavieren und dabei versuchen, sich
schrittweise und vorsichtig an neue Herausforderungen anzupassen? Oder will es frei von
Zwang und Aggression selbst über seine Zukunft entscheiden und dafür sorgen, dass die
Menschen in Europa in Sicherheit, Frieden, Demokratie und Wohlstand leben können? Wenn
wir mit Entschlossenheit, kollektivem Handeln und einer klaren Strategie auf diesen Moment
reagieren, werden wir unseren Platz in der Welt stärken und unsere internationalen Bündnisse
auf einem nachhaltigeren Fundament erneuern. Wir werden eine Erneuerung des europäischen
Projekts ermöglichen und die Sicherheit, den Wohlstand und das Wohlergehen unserer
Bürgerinnen und Bürger erhöhen. Wenn wir jedoch weitermachen wie bisher, werden wir am
Ende geschwächt, gespalten und verwundbar sein.
Sowohl die NATO als auch die Europäische Union haben für unsere Sicherheit immense
Vorteile gebracht. In den letzten Jahren haben wir bei der Reaktion auf die Bedrohungen, denen
wir ausgesetzt sind, sogar noch enger zusammengearbeitet. Aber dies wird für die kommenden
Jahre nicht ausreichen. Europa muss sehr viel mehr tun, wenn es die glaubwürdige
2
Abschreckung wiederherstellen und die Sicherheit schaffen will, von der unser Wohlstand
abhängt. Dies setzt voraus, dass alle Mitgliedstaaten solidarisch handeln und in unsere
kollektive Verteidigung investieren.
Die Zukunft der Ukraine ist für die Zukunft Europas insgesamt von grundlegender Bedeutung.
Seit 2022 beobachten wir einen groß angelegten Krieg hoher Intensität an den Grenzen der
Europäischen Union mit Hunderttausenden von Todesopfern, massiven Vertreibungen,
enormen wirtschaftlichen Kosten und der vorsätzlichen Zerstörung lebenswichtiger
Energiesysteme und des kulturellen Erbes. Der Ausgang dieses Krieges wird jahrzehntelang
ein entscheidender Faktor für unsere gemeinsame Zukunft sein.
Europa steht in seiner Region und darüber hinaus weiteren wachsenden Bedrohungen und
sicherheitspolitischen Herausforderungen gegenüber. In unserer weiteren Nachbarschaft von
der Arktis über die Ostsee bis hin zum Nahen Osten und Nordafrika verschärft sich der
strategische Wettbewerb. Länderübergreifende Herausforderungen wie der rasche
technologische Wandel, Migration und Klimawandel könnten unser politisches und
wirtschaftliches System immens belasten. Autoritäre Staaten wie China versuchen zunehmend,
ihre Autorität und Kontrolle in unserer Wirtschaft und Gesellschaft auszuüben. Traditionelle
Verbündete und Partner wie die Vereinigten Staaten verlagern ebenfalls ihr Hauptaugenmerk
von Europa auf andere Weltregionen. Dies ist etwas, vor dem wir oft gewarnt worden sind, das
aber jetzt schneller eintritt, als viele erwartet haben.
Es ist an der Zeit, dass Europa wieder aufrüstet. Für den Aufbau der erforderlichen Fähigkeiten
und militärischen Bereitschaft zur glaubwürdigen Abschreckung bewaffneter Aggressionen
und zur Sicherung unserer eigenen Zukunft ist eine massive Aufstockung der europäischen
Verteidigungsausgaben erforderlich. Dies bedarf einer effektiveren Koordinierung und
Lenkung zwischen den Mitgliedstaaten als jemals zuvor, durch die unsere gemeinsamen
Stärken zur Geltung kommen und die aus unkoordinierten Maßnahmen entstehenden
Schwächen behoben werden.
Wir brauchen eine stärkere, widerstandsfähigere industrielle Basis der Verteidigung. Wir
brauchen ein Ökosystem der technologischen Innovation für unsere Verteidigungsindustrien,
damit wir mit den Veränderungen in der Beschaffenheit von Kriegen Schritt halten können.
Daraus müssen wir Lehren ziehen und diese auf einen möglichen Konflikt großen Ausmaßes
in naher Zukunft extrapolieren. Wir brauchen eine schnellere und effizientere Beschaffung. Wir
müssen neue Formen der Zusammenarbeit mit Verbündeten und Partnern finden, die dieselben
Ziele verfolgen wie wir.
Der Wiederaufbau der europäischen Verteidigung erfordert zunächst einmal massive
Investitionen über einen längeren Zeitraum. Gemeinsam müssen wir die Arbeit in allen
Schwerpunktbereichen beschleunigen, damit die Verteidigungsbereitschaft Europas
schnellstens erhöht und sichergestellt werden kann, dass Europa bis spätestens 2030 über ein
starkes und ausreichendes europäisches Verteidigungsdispositiv verfügt; auf diese Weise
erhöhen wir außerdem unseren Beitrag zur transatlantischen Sicherheit.
Mit diesem Weißbuch wird ein Rahmen für den Plan „ReArm Europe“ geschaffen und für eine
starke Erhöhung der europäischen Verteidigungsinvestitionen plädiert, wie sie einmal pro
Generation vorkommt. Es werden die Schritte dargelegt, die zur Wiederherstellung der
europäischen Verteidigung, zur Unterstützung der Ukraine, zur Beseitigung von Lücken bei
kritischer Fähigkeiten und zur Schaffung einer starken, wettbewerbsfähigen industriellen Basis
der Verteidigung erforderlich sind.
3
Auf kurze Sicht werden in diesem Weißbuch konkrete Optionen für die Zusammenarbeit
zwischen den Mitgliedstaaten dargelegt, damit ihre Bestände an Munition, Waffen und
militärischer Ausrüstung schnellstmöglich aufgefüllt werden können. Dies ist auch von
entscheidender Bedeutung für die Aufrechterhaltung und Verstärkung der militärischen
Unterstützung für die Ukraine. Wie im Weißbuch umrissen wird, ist die Unterstützung für die
Ukraine die unmittelbar anstehende, dringlichste Aufgabe der europäischen Verteidigung. Die
Ukraine steht derzeit an vorderster Front der europäischen Verteidigung und leistet Widerstand
in einem Angriffskrieg, der von der größten Einzelbedrohung unserer gemeinsamen Sicherheit
ausgeht.
Was mittel- bis langfristige Perspektiven angeht, so wird auf mehrere kritische Bereiche
hingewiesen, in denen die Mitgliedstaaten im Rahmen der Initiativen der EU und der NATO
zu Prioritäten bei den Verteidigungsfähigkeiten bereits Lücken festgestellt haben. Es wird
vorgeschlagen, dass die Mitgliedstaaten ihre Anstrengungen schnellstens bündeln, um diese
Lücken zu schließen, unter anderem durch eine Reihe von Verteidigungsvorhaben von
gemeinsamem europäischem Interesse, die von den Mitgliedstaaten festzulegen sind und von
Anreizen auf EU-Ebene profitieren würden. Die Unterstützung der EU für die
gemeinschaftliche Fähigkeitenentwicklung wird es somit den EU-Mitgliedstaaten in der NATO
erleichtern, ihre Ziele in diesem Bereich schneller und wirtschaftlicher und mit einer von
Beginn an verbesserten Interoperabilität zu erreichen. Und schließlich werden im Weißbuch
Wege zur Stärkung der technologischen und industriellen Basis der europäischen Verteidigung,
zur Förderung der Forschung und zur Schaffung eines EU-weiten Marktes für
Verteidigungsgüter vorgeschlagen.
2. EIN SICH RASCH VERSCHLECHTERNDER STRATEGISCHER KONTEXT
Bedrohungen für die europäische Sicherheit breiten sich in einer Weise aus, die eine akute
Bedrohung für unsere Lebensweise darstellt. Schon vor dem russischen Einmarsch in die
Ukraine im Jahr 2022 gab es ein zunehmendes Bewusstsein dafür, in welch einem gefährlichen
Sicherheitsumfeld wir uns bewegen. Dies wiederum wirkte sich auf unser politisches System
aus und hatte nachteilige Folgen für das Wirtschaftswachstum, da die Menschen die Folgen
eines durch das Verhalten feindseliger Akteure verursachten Zerbrechens der internationalen
Ordnung fürchten.
Erstens ist die Europäische Union aufgrund ihrer Geografie und auch ihrer Geschichte anfällig
für bestimmte Arten von Herausforderungen in der weiteren europäischen Nachbarschaft. Die
Nähe zu Nordafrika und dem Nahen Osten macht Europa zu einem Sammelbecken für
Überlaufeffekte der Kriege, der Migration und der Auswirkungen des Klimawandels, die diese
Regionen getroffen haben. Im Norden entwickelt sich die Arktis zu einer neuen Arena des
geopolitischen Wettbewerbs. Auf der anderen Seite des Atlantiks lassen die USA, traditionell
ein starker Verbündeter, keinen Zweifel daran, dass sie sich ihrer Meinung nach in Europa zu
stark engagiert haben und ein neues Gleichgewicht herstellen müssen, indem sie ihre
historische Rolle als vorrangiger Sicherheitsgarant reduzieren.
Zweitens besteht ein breites Spektrum verschiedener Arten von Bedrohungen unserer
Sicherheit, die zunehmend miteinander verflochten sind und sich immer stärker ausbreiten.
Dies schließt Fälle von Terrorismus und gewalttätigem Extremismus, hybride Angriffe, die
Handlungen internationaler Gruppen des organisierten Verbrechens und Netze von
Cyberkriminellen ein. Es gibt zunehmend Belege für Verbindungen zwischen diesen Gruppen
4
und feindseligen staatlichen Akteuren, ermöglicht durch neue Technologien, mit denen sich
Ländergrenzen einfach überschreiten lassen.
Drittens ist ein charakteristischer Faktor dieser neuen Ära das Ausmaß, in dem diese
sicherheitspolitischen Herausforderungen strategischer Natur sind und daher eine strategische
Reaktion erfordern. Beispielsweise stellt Russland eine große strategische Bedrohung auf dem
Schlachtfeld dar. Es hat Europa und unsere Partner gezwungen, sich der Realität eines großen
mechanisierten Krieges hoher Intensität auf dem europäischen Kontinent zu stellen, und zwar
in einer Größenordnung, die seit 1945 nicht mehr zu beobachten war. Russland – bereits der
mit großem Abstand am stärksten bewaffnete europäische Staat – betreibt nun eine
Kriegswirtschaft, deren Schwerpunkt vor allem auf der Verfolgung seiner Kriegsziele auf der
Grundlage einer Mobilisierung der Industrie und technologischer Innovationen liegt.
Unterdessen sind die Auswirkungen des Aufstiegs Chinas auf die Sicherheit von ähnlich
strategischer Natur. China stellt eine systemische Herausforderung dar, da es auf einem völlig
anderen – autoritären und nichtdemokratischen – Regierungssystem als die EU beruht. Diese
Herausforderung ist auch insofern systemisch, als sie mit Chinas Ansatz in den Bereichen
Handel, Investitionen und Technologie verknüpft ist, mit dem es eine Vorrangstellung und in
einigen Fällen eine Vormachtstellung erlangen will.
In einer Zeit, in der sich Bedrohungen ausbreiten und der systemische Wettbewerb zunimmt,
muss Europa strategisch reagieren. Dies erfordert, dass wir die Stärken der Europäischen Union
nutzen, aber auch Bereiche angehen, in denen wir vergleichsweise schwach sind,
beispielsweise bei der Fähigkeit, eine klare, zentrale Marschrichtung festzulegen. Andernfalls
werden wir in Europa nicht mehr so gut in der Lage sein, über unsere eigene Zukunft zu
entscheiden; stattdessen werden wir zunehmend zum Spielball großer wirtschaftlicher,
technologischer und militärischer Blöcke, die sich uns gegenüber Vorteile verschaffen wollen.
Kurzfristig wird die Zukunft Europas durch den Kampf in der Ukraine bestimmt. Mittel- bis
langfristig werden einige der Herausforderungen, vor denen wir aktuell stehen, nur noch akuter
werden. Die übrige Welt befindet sich in einem Wettlauf um militärische Modernisierung und
technologische und wirtschaftliche Vorteile. Dieser Wettlauf verschärft sich, und Europa muss
noch eine vollständig kohärente Antwort finden, um dem Ernst der Lage gerecht zu werden.
Russland wird seine Kriegswirtschaft mit Unterstützung von Belarus, der Demokratischen
Volksrepublik Korea und Irans weiter ausbauen. Russland hat seine militärisch-industrielle
Produktionskapazität mit geschätzten Ausgaben von 40 % des russischen Staatshaushalts im
Jahr 2024 und bis zu 9 % seines BIP (gegenüber 6 % im Jahr 2023) für Verteidigung massiv
ausgebaut. Im Jahr 2025 dürfte Russland die Verteidigungsausgaben der Mitgliedstaaten in
Kaufkraftparitäten überholen. Darüber hinaus hat Russland deutlich gemacht, dass es sich nach
seinem Verständnis weiterhin im Krieg mit dem Westen befindet. Wenn Russland gestattet
wird, seine Ziele in der Ukraine zu erreichen, werden sich seine territorialen Ambitionen
darüber hinaus erstrecken. Russland wird in absehbarer Zukunft eine grundlegende Bedrohung
für die Sicherheit Europas bleiben, einschließlich seines aggressiveren Nukleardispositivs und
der Stationierung von Kernwaffen in Belarus. Russland nutzt ein Netz systemischer Instabilität,
unter anderem durch eine enge Zusammenarbeit mit anderen autoritären Mächten. Es schürt
beharrlich Spannungen und Instabilität in der Nachbarschaft Europas, sei es im westlichen
Balkan, in Georgien, in Moldau oder in Armenien, und in Afrika übt es zunehmend einen
destabilisierenden Einfluss aus.
5
China ist zwar ein wichtiger Handelspartner für die EU, erhöht aber seine
Verteidigungsausgaben, wobei es hinsichtlich seines militärischen Aufbaus an Transparenz
mangelt. Das Land verzeichnet nun die zweithöchsten Militärausgaben der Welt und übertrifft
damit die Gesamtheit aller anderen ostasiatischen Länder. Es baut seine militärischen
Fähigkeiten, einschließlich der Nuklear-, Weltraum- und Cyberfähigkeiten, mit hohem Tempo
aus. Dieser Wandel verändert das strategische Gleichgewicht im indopazifischen Raum
erheblich. Chinas Modernisierung des Militärs und der Verteidigungsindustrie hat sowohl
quantitativen als auch qualitativen Charakter. China verstärkt seine politischen,
wirtschaftlichen, militärischen, Cyber- und Erkennungsmaßnahmen, um Taiwan unter Druck
zu setzen, bleibt dabei aber unterhalb der Schwelle einer direkten Konfrontation. Der sich
verändernde Status quo Taiwans birgt die Gefahr einer erheblichen Störung, die tiefgreifende
wirtschaftliche und strategische Folgen für Europa hätte. Darüber hinaus destabilisieren die
Maßnahmen Chinas im Ost- und Südchinesischen Meer die Region, während sein
zunehmender militärischer Vorsprung im Südpazifik und im Indischen Ozean bei den
europäischen Partnern Besorgnis hervorruft.
Geopolitische Rivalitäten verstärken die Instabilität in mehreren Teilen der Welt. Dies
beeinträchtigt nicht nur die europäische Sicherheit, sondern gefährdet auch unsere Wirtschaft.
Im Nahen Osten bieten sowohl der Waffenstillstand im Gazastreifen als auch der Sturz des
Assad-Regimes in Syrien Möglichkeiten, regionale Spannungen abzubauen und menschliches
Leid zu beenden. Dadurch könnten auch die wirtschaftliche Unsicherheit verringert und
Abstrahleffekte, unter anderem in den Staaten rund um das Rote Meer, verhindert werden. Die
direkte Verbindung Irans zu Russland, seine militärischen Ambitionen, seine Unterstützung
von Stellvertreterstreitkräften und seine Rolle bei der Destabilisierung der Region geben nach
wie vor Anlass zu ernster Sorge für die Sicherheit Europas. Die fragile Lage in Israel/Palästina,
Syrien und dem Libanon bedarf genauer Beobachtung, damit erneute Spannungen vermieden
werden können.
Konflikte, Instabilität und wachsender gewaltbereiter Extremismus in ganz Afrika, auch in der
Sahelzone, in Libyen und im Sudan, haben unmittelbare Auswirkungen auf die Sicherheit und
die Wirtschaft in Europa und werden weiterhin Instabilität schaffen.
Zu den zunehmenden hybriden Bedrohungen zählen Cyberattacken, Sabotage, elektronische
Eingriffe in globale Navigations- und Satellitensysteme, Desinformationskampagnen,
politische und industrielle Spionage sowie der Einsatz von Migration als Waffe. Die
Sabotageaktionen in der Ostsee und im Schwarzen Meer nehmen zu. Seefahrt und maritime
Tätigkeiten, der damit verbundene Verkehr sowie kritische Unterseeinfrastrukturen sind
bedroht. Auch die Handlungsfreiheit Europas in der Luft und im Weltraum wird zunehmend
bedroht.
Geopolitische Rivalitäten haben nicht nur zu einem neuen Wettrüsten geführt, sondern auch zu
einem globalen Technologiewettlauf. Technologie wird das Hauptmerkmal des Wettbewerbs
im neuen geopolitischen Umfeld sein. Eine Handvoll kritischer, grundlegender Technologien
wie KI, Quantentechnologie, Biotechnologie, Robotik und Hyperschall sind sowohl für das
langfristige Wirtschaftswachstum als auch für die militärische Überlegenheit von
entscheidender Bedeutung. Die Förderung von Innovationen ist hierfür von zentraler
Bedeutung. Daher muss die Technologieverbreitung zu kommerziellen Zwecken mit rigideren
Technologieökosystemen in Einklang gebracht werden, damit nationale Sicherheitsziele
vorangebracht werden können. Die strategischen Wettbewerber der EU investieren massiv in
diesen Bereich.
6
Gleiches gilt für die Versorgungssicherheit mit kritischen Rohstoffen, die für unsere
wirtschaftliche und industrielle Produktion, unsere Verteidigungsfähigkeiten und unsere
Wettbewerbsfähigkeit von grundlegender Bedeutung sind. Rohstoffe sind in zunehmendem
Maße eine Ursache für Wettbewerb und Konflikte und bilden einen Bestandteil der
Machtpolitik, da übermäßige Abhängigkeiten ausgenutzt werden können. Beispielsweise
könnte eine Eskalation der Spannungen in der Taiwanstraße den Zugang der EU zu wichtigen
Werkstoffen, kritischen Technologien und Komponenten unterbrechen.
In einer rauer gewordenen Welt einer übermäßig wettbewerbs- und transaktionsorientierten
Geopolitik, die sich über verschiedene Schauplätze erstreckt, muss die EU zur wirksamen
Bewältigung sämtlicher Herausforderungen fähig und auf alles vorbereitet sein, selbst auf die
extremsten militärischen Unwägbarkeiten wie bewaffnete Aggressionen.
3. EUROPÄISCHE BEREITSCHAFT 2030
Angesichts der Veränderungen im strategischen Umfeld ist es für Europa von großer
Bedeutung, ausreichende Abschreckungskapazitäten aufzubauen, um einen potenziellen
Angriffskrieg zu verhindern.
Die Mitgliedstaaten werden stets die Verantwortung für ihre eigenen Truppen – von der Doktrin
bis zur Entsendung – und für die Festlegung der Bedürfnisse ihrer Streitkräfte behalten.
Darüber hinaus wird die EU stets in einer Weise handeln, die den besonderen Charakter der
Sicherheits- und Verteidigungspolitik bestimmter Mitgliedstaaten unberührt lässt und die
Sicherheits- und Verteidigungsinteressen aller Mitgliedstaaten berücksichtigt.
Die EU kann jedoch viel tun, um die Anstrengungen der Mitgliedstaaten zur Stärkung der
industriellen Basis der Verteidigung und der allgemeinen Verteidigungsbereitschaft der EU,
einschließlich der europäischen Beiträge zur Abschreckung und kollektiven Verteidigung im
Rahmen der NATO, zu unterstützen und zu koordinieren. Durch die Schaffung der
erforderlichen Voraussetzungen für massive vorgezogene Investitionen in den
Verteidigungssektor, der erforderlichen Vorhersehbarkeit für die Industrie und den
Bürokratieabbau wird die EU die Mitgliedstaaten dabei unterstützen, bis 2030 die volle
Verteidigungsbereitschaft zu erreichen.
Die EU ergänzt und vervielfacht die individuellen Anstrengungen der Mitgliedstaaten.
Unabhängig von dem von den Mitgliedstaaten gewählten Format wird die Durchführung von
Kooperationsprojekten die Koordinierung verbessern, wodurch Größenvorteile erzielt und die
Zeitpläne für die Umsetzung gestrafft werden können. Dies wiederum wird die
Produktionskapazität der europäischen Verteidigungsindustrie steigern.
Die EU bringt einen Mehrwert durch
die Erleichterung einer stärkeren Zusammenarbeit und einer effizienten Skalierung für
die europäische Verteidigungsindustrie bei der Entwicklung, Herstellung und
Vermarktung von Waffensystemen,
die Erleichterung von Effizienzgewinnen, Austauschbarkeit und Interoperabilität,
Kostensenkungen durch die Vermeidung konkurrierender Beschaffung und Erhöhung
der Kaufkraft der Mitgliedstaaten bei gleichzeitiger Förderung von Stabilität und
Berechenbarkeit durch eine mehrjährige industrielle Nachfrage,
7
die Unterstützung von Infrastrukturen mit doppeltem Verwendungszweck für Mobilität
und weltraumgestützte Kommunikation, Navigation und Beobachtung,
die Ermöglichung von Partnerschaften.
Auf dieses Weißbuch werden die Strategie für eine krisenfeste Union, in der ein integrierter
All-Gefahren-Ansatz zur Vorsorge für Konflikte und Krisen dargelegt wird, und die EU-
Strategie der inneren Sicherheit, die einen umfassenden, einheitlichen Rahmen für die
Verhinderung und Erkennung von Sicherheitsbedrohungen und die wirksame Reaktion darauf
bieten wird, folgen.
4. DIE LÜCKEN SCHLIEẞEN
Zur glaubwürdigen Abschreckung bewaffneter Aggressionen aus dem Ausland und
Bewältigung der Folgen von Instabilität und Konflikten müssen die EU-Mitgliedstaaten über
die erforderlichen Fähigkeiten zur Wahrnehmung des gesamten Spektrums militärischer
Aufgaben verfügen. Derzeit leiden die Mitgliedstaaten unter Lücken bei kritischen
Fähigkeiten, die die Durchführung komplexer militärischer Operationen über einen längeren
Zeitraum hinweg beeinträchtigen. Angesichts der rapiden Verschlechterung des geopolitischen
Kontexts und der zunehmenden Spannungen muss Europa die erforderlichen Güter in einem
relativ kurzen Zeitraum erwerben.
Der Wiederaufbau der europäischen Verteidigung erfordert Maßnahmen in mehreren
Dimensionen in enger Abstimmung mit der NATO. Es bedarf dringender Maßnahmen und
Investitionen, um die erschöpften Bestände an militärischer Hardware und Militärausrüstung
in den Mitgliedstaaten aufzufüllen. In Zukunft ist die Entwicklung einer großangelegten
europaweiten Zusammenarbeit zur Schließung von Lücken bei kritischen Fähigkeiten in
vorrangigen Bereichen eine strategische Notwendigkeit, deren Erreichung mehrere Jahre in
Anspruch nehmen wird; daher ist es umso dringlicher, diese Anstrengungen jetzt zu
intensivieren.
Lücken bei kritischen Fähigkeiten
Zur Schließung von Lücken bei kritischen Fähigkeiten ist Folgendes erforderlich: 1) ein
gemeinsames Verständnis der Mitgliedstaaten über die dringendsten Prioritäten für
Investitionen in Verteidigungsfähigkeiten auf der Grundlage der jüngsten Leitlinien des
Europäischen Rates, 2) ein stabiles und langfristiges Engagement, diese Lücken anzugehen, 3)
eine klare Einigung zwischen den Mitgliedstaaten über den Lenkungsrahmen für jede Art von
Fähigkeiten, der jeweils unterschiedlich gestaltet sein kann, und 4) EU-Mittel und Anreize, um
die Mitgliedstaaten dabei zu unterstützen, die erforderlichen Haushaltsmittel zu mobilisieren
und möglichst effizient und zielgerichtet einzusetzen.
Bereits jetzt wird von der EU
für die Mitgliedstaaten Hilfe bei der Ermittlung von Fähigkeitsdefiziten und -prioritäten auf
EU-Ebene geleistet,
den Mitgliedstaaten Unterstützung bei der Einleitung neuer Projekte, angefangen bei der
Harmonisierung der Anforderungen, geboten. Die mehrrollenfähige Tank- und
Transportflotte ist ein erfolgreiches Beispiel,
8
die Bündelung der Nachfrage durch gemeinsame Beschaffung, die den Weg für die
industrielle Phase ebnet, und die gemeinsame Beschaffung im Namen der Mitgliedstaaten
und auf deren Ersuchen (z. B. 155-mm-Munition für die Ukraine) unterstützt,
die Zusammenarbeit im Rahmen der Ständigen Strukturierten Zusammenarbeit (SSZ) bei
der Umsetzung von Projekten im Bereich der Verteidigungsfähigkeit und operativen
Verteidigung verstärkt.
Bereiche der Verteidigungsfähigkeit
Auf der Grundlage der von den Mitgliedstaaten bereits festgestellten Lücken bei der
Verteidigungsfähigkeit werden in diesem Weißbuch sieben vorrangige Bereiche aufgeführt, die
für den Aufbau einer robusten europäischen Verteidigung von entscheidender Bedeutung sind.
Es handelt sich um folgende vorrangige Fähigkeitsbereiche:
Luft- und Raketenabwehr: eine integrierte, vielschichtige Luft- und Raketenabwehr, die gegen
ein ganzes Spektrum an Bedrohungen aus der Luft (Cruise Missiles, ballistische und
Hyperschallraketen, Luftfahrzeuge und unbemannte Luftfahrzeugsysteme (UAS)) schützt.
Artilleriesysteme: fortschrittliche Feuersysteme, einschließlich moderner Artillerie- und
Langstreckenraketensysteme, die für präzise Angriffe über große Distanzen auf Landziele
ausgelegt sind (Deep Precision Strike).
Munition und Flugkörper: aufbauend auf der Initiative des Europäischen Auswärtigen Dienstes
„Ammunition Plan 2.0“, ein strategischer Bestand an Munition, Flugkörpern und Bauteilen
sowie ausreichende Produktionskapazitäten in der Verteidigungsindustrie, um rechtzeitigen
Nachschub sicherzustellen.
Drohnen und Drohnenabwehrsysteme: unbemannte Systeme, einschließlich Luft-, Boden-,
Überwasser- und Unterwasserdrohnen, die aus der Ferne gesteuert werden können oder
autonom unter Verwendung fortgeschrittener Software und Sensoren betrieben werden können
und die Fähigkeiten verbessern, die diese Technologien ermöglichen (z. B. Lageerfassung,
Überwachung usw.).
Militärische Mobilität: ein EU-weites Netz von Landkorridoren, Flughäfen, Seehäfen sowie
Unterstützungselementen und -diensten, die den nahtlosen, schnellen Transport von Truppen
und militärischer Ausrüstung in der gesamten EU und in den Partnerländern erleichtern.
KI, Quanteninformatik, Cyber- und elektronische Kriegsführung: Verteidigungsanwendungen,
die militärische KI und Quanteninformatik nutzen; EU-weite fortgeschrittene elektronische
Systeme für a) den Schutz und die Sicherstellung der ungehinderten Nutzung des
elektromagnetischen Spektrums für Land-, Luft-, Weltraum- und Marinestreitkräfte und deren
Einsätze, b) die Unterdrückung, Störung und Verweigerung der Nutzung des
elektromagnetischen Spektrums durch einen Gegner und c) den Schutz der Freiheit, im
Cyberraum zu operieren, sowie die Gewährleistung eines ungehinderten Zugangs zu
Cyberfähigkeiten. Zur Gewährleistung des Schutzes und der Manöverfreiheit im Cyberraum
sind sowohl defensive als auch offensive Cyberfähigkeiten erforderlich. Gemeinsam mit den
Mitgliedstaaten muss eine Regelung zur freiwilligen Unterstützung offensiver
Cyberfähigkeiten als glaubwürdige Abschreckung entwickelt werden.
Strategische Enabler und Schutz kritischer Infrastruktur: unter anderem Flugzeuge für den
strategischen Lufttransport und die Luftbetankung, Aufklärung und Überwachung, maritime
9
Lageerfassung, Nutzung und Schutz von weltraumgestützten und anderen sicheren
Kommunikationsmitteln sowie militärische Treibstoffinfrastruktur.
Nutzung der „Kooperationsdividende“
Es gibt gute Gründe, diese Fähigkeitslücken mittels Zusammenarbeit zu schließen.
Sowohl im Niinistö- als auch im Draghi-Bericht wird hervorgehoben, dass die mangelnde
Zusammenarbeit zu Ineffizienzen bei der Entwicklung der Verteidigungsfähigkeiten geführt
und alle Mitgliedstaaten mit zusätzlichen Kosten belastet hat. Infolgedessen werden Chancen
vertan, die Stückkosten durch die Nutzung europäischer Größenvorteile zu senken. Geringe
und zudem fragmentierte Ausgaben der Mitgliedstaaten für Innovation im
Verteidigungsbereich wirken sich nachteilig auf neue disruptive Technologien aus, die für
künftige Verteidigungsfähigkeiten von entscheidender Bedeutung sind.
Fähigkeitslücken können durch den Erwerb von Fähigkeiten für eine Kriegsführung hoher
Intensität im Einklang mit den entsprechenden Verfahren der EU und der NATO geschlossen
werden. Umfang, Kosten und Komplexität der meisten Projekte in diesen Bereichen
übersteigen die individuelle Kapazität der einzelnen Mitgliedstaaten. Ein koordiniertes
Vorgehen, dem das gesamte EU-Instrumentarium zugutekommt, würde somit eine
kosteneffiziente Beschaffung erleichtern, den Ausbau der Kapazitäten der europäischen
Verteidigungsindustrie beschleunigen und unsere technologische Basis, einschließlich
Innovationen im Bereich der Verteidigungstechnologie, stärken.
Die gemeinsame Beschaffung ist das effizienteste Mittel zur Beschaffung großer Mengen von
„Verbrauchsmaterial“ wie Munition, Flugkörpern und Drohnen. Die gemeinsame Beschaffung
ist aber auch für komplexere Projekte von entscheidender Bedeutung, da die Bündelung der
Nachfrage die Kosten einschränkt, klarere Nachfragesignale an die Marktteilnehmer aussendet,
die Vorlaufzeiten verkürzt und Interoperabilität und Austauschbarkeit gewährleistet. Seit 2007
haben sich die Mitgliedstaaten im Rahmen der Europäischen Verteidigungsagentur (EDA) auf
das gemeinsame Ziel geeinigt, 35 % der gesamten Beschaffung von Verteidigungsgütern
gemeinsam zu tätigen. Dieses Ziel spiegelt sich in den 2017 im Rahmen der SSZ
eingegangenen Verpflichtungszusagen wider.
Den Mitgliedstaaten stehen verschiedene Formate und Rahmen für die Zusammenarbeit zur
Verfügung. Hierzu zählen unter anderem: multinationale Ad-hoc-Zusammenarbeit, z. B. ein
Rahmen mit Führungsnation (lead nation framework), die Europäische Verteidigungsagentur,
die Unterstützungs- und Beschaffungsagentur der NATO oder die Gemeinsame Organisation
für Rüstungskooperation (OCCAR). Auf Ersuchen der Mitgliedstaaten könnte die Kommission
auch als zentrale Beschaffungsstelle im Namen der Mitgliedstaaten fungieren.
Militärische Mobilität und Infrastruktur
Die militärische Mobilität ist ein wesentlicher Enabler für die europäische Sicherheit und
Verteidigung und unsere Unterstützung der Ukraine. Sie verbessert die Fähigkeit der
Streitkräfte von Mitgliedstaaten und Verbündeten, im Falle eines Konflikts oder einer
verstärkten hybriden Kriegsführung Truppen und Ausrüstung in der gesamten EU rasch zu
verlegen. Dies wird unsere Bereitschaft und unsere Fähigkeit zur Abschreckung unter Beweis
stellen. Die Stärkung der Logistik der Streitkräfte entspricht auch der Notwendigkeit, unsere
Wirtschaft stärker zu vernetzen und wettbewerbsfähiger zu machen – eine perfekte Lösung im
Sinne eines doppelten Verwendungszwecks. Obwohl in den letzten Jahren erhebliche
10
Fortschritte erzielt wurden, bestehen nach wie vor erhebliche Hindernisse für die ungehinderte
Verlegung von Truppen und Ausrüstung in der gesamten EU.
Die militärische Mobilität wird durch Bürokratie behindert, die häufig sowohl eine spezielle
diplomatische Genehmigung für Militärtransporte als auch die Einhaltung regulärer
Verwaltungsvorschriften und -verfahren erfordert. Die derzeitigen nicht harmonisierten
Verfahren, zu denen auch Zollverfahren zählen, führen häufig zu erheblichen Verzögerungen
bei der Erteilung von Genehmigungen für grenzüberschreitende Bewegungen. Um Europas
unabhängige Abschreckung und unsere Unterstützung für die Ukraine zu beschleunigen,
müssen die EU und die Mitgliedstaaten die Vorschriften und Verfahren unverzüglich
vereinfachen und straffen und den Streitkräften einen vorrangigen Zugang zu
Transporteinrichtungen, -netzen und -mitteln, auch im Zusammenhang mit der maritimen
Sicherheit, gewährleisten.
Für ihre Bewegungen benötigen die Streitkräfte Zugang zu kritischer Verkehrsinfrastruktur, die
für einen doppelten Verwendungszweck geeignet ist. Sie benötigen sowohl die Verfügbarkeit
aller Verkehrsträger als auch mehrere Streckenführungen in der gesamten Europäischen Union
sowie Verbindungen zu Partnerländern. Aus diesem Grund hat die EU vier vorrangige
multimodale Korridore (Schiene, Straße, See und Luft) für die militärische Mobilität bei
kurzfristigen und groß angelegten Bewegungen von Truppen und Ausrüstung ermittelt. Diese
Korridore erfordern erhebliche und dringende Investitionen zur Erleichterung der Bewegung
von Truppen und militärischer Ausrüstung. Innerhalb dieser vier vorrangigen Korridore
wurden bereits 500 Hotspot-Projekte für dringende Ertüchtigungen bestimmt (z. B.
Verbreiterung von Eisenbahntunneln, Verstärkung von Straßen- und Eisenbahnbrücken,
Ausbau von Hafen- und Flughafenterminals). Auch die Sicherheit, Wartung und Reparatur
dieser Anlagen müssen gewährleistet werden. Die EU und die Mitgliedstaaten müssen
gemeinsam mit den einschlägigen Partnern, insbesondere der NATO, mögliche unmittelbare
und künftige Engpässe bei der Energieversorgung ermitteln.
Die militärische Mobilität kann bei allen Verkehrsträgern auch durch eine erhöhte
Verfügbarkeit spezieller Transportmittel und solcher mit doppeltem Verwendungszweck weiter
gestärkt werden. Die EU kann einen Mehrwert schaffen, indem sie die gemeinsame
Beschaffung erleichtert, Vorverträge für Rüstungsgüter vergibt und einheitliche
Entwurfsstandards für Fähigkeiten mit doppeltem Verwendungszweck sowie Verteidigungs-
und Sicherheitsfähigkeiten anwendet. Eine verstärkte Zusammenarbeit mit der EU-Industrie
würde es ermöglichen, das Angebot an solchen kritischen Gütern zu erhöhen und die führende
Marktstellung europäischer Unternehmen, die Technologien mit doppeltem
Verwendungszweck anbieten, aufrechtzuerhalten.
Die Kommission wird in Absprache mit der Hohen Vertreterin alle bestehenden EU-
Rechtsvorschriften, die sich auf die militärische Mobilität auswirken, einer Überarbeitung
unterziehen, die auch die Verschärfung von Vorschriften über das Eigentum an solchen
kritischen Verkehrsinfrastrukturen und die Kontrolle darüber umfasst, die erforderlichen
Verkehrsinfrastrukturen mit doppeltem Verwendungszweck und solche mit kritischer
Bedeutung erfassen und ertüchtigen und geeignete Maßnahmen prüfen, damit fortbestehende
Hindernisse beseitigt werden und der Zugang des Militärs zu speziellen Transportmitteln
gesichert ist. Langfristige Infrastrukturprojekte mit doppeltem Verwendungszweck würden
auch von einer größeren finanziellen Berechenbarkeit profitieren.
11
Die EU wird in diesem Jahr eine Gemeinsame Mitteilung zur militärischen Mobilität,
einschließlich der erforderlichen Legislativvorschläge, annehmen.
Grenzschutz
Der Schutz aller Land-, Luft- und Seegrenzen der EU ist wichtig, insbesondere im Hinblick
auf die Ostgrenze der EU. Das Projekt „Schutzschild Ost“ ist ein bemerkenswertes Vorhaben
einer Reihe von Mitgliedstaaten, um den wachsenden Herausforderungen in dieser Region zu
begegnen. Im Rahmen dieses Vorhabens würde ein integriertes System für das Management
der Landgrenzen errichtet, das auf die Stärkung der Landaußengrenze der EU zu Russland und
Belarus gegen militärische und hybride Bedrohungen ausgelegt ist. Dies würde eine
umfassende Kombination aus physischen Barrieren, Infrastrukturentwicklung und modernen
Überwachungssystemen beinhalten.
Omnibus-Verordnung im Verteidigungsbereich
Im Mittelpunkt der Vereinfachung und Harmonisierung der Rechtsvorschriften müssen sowohl
Vorschriften und Verfahren stehen, die für den Verteidigungssektor spezifisch sind, als auch die
für die Verteidigungsindustrie relevanten Auswirkungen der politischen Strategien und
Vorschriften der EU, die nicht verteidigungsspezifisch sind, aber die technologische und
industrielle Basis der europäischen Verteidigung (EDTIB) daran hindern, mit größtmöglicher
Flexibilität auf den derzeit erhöhten Bedarf zu reagieren.
Die Kommission wird unverzüglich einen strategischen Dialog mit der
Verteidigungsindustrie einleiten, um mögliche Maßnahmen in diesen Bereichen zu erörtern,
regulatorische Hürden zu ermitteln und die Herausforderungen für die Verteidigungsindustrie
anzugehen. In diesem Zusammenhang wird die Kommission die EDA und den Militärstab der
EU einladen, gegebenenfalls ihr Fachwissen mit ihr zu teilen. Auf der Grundlage der
Ergebnisse dieses Dialogs wird die Kommission bis Juni 2025 einen Vorschlag für eine
spezielle Omnibus-Verordnung zur Vereinfachung im Verteidigungsbereich vorlegen. Dies
wird insbesondere folgenden Ziele dienen:
- Steigerung der gegenseitigen Zertifizierung von Verteidigungsgütern und gegebenenfalls
Erleichterung der gegenseitigen Anerkennung von Zertifizierungen,
- Ermöglichung der raschen Erteilung von Bau- und Umweltgenehmigungen für
Industrieprojekte im Verteidigungsbereich als vorrangige Angelegenheit von öffentlichem
Interesse,
- Gewährleistung der fristgerechten, rechtmäßigen Verfügbarkeit und Nutzbarkeit aller
erforderlichen Materialien und sonstigen Vorleistungen in der Lieferkette der EDTIB,
insbesondere von Materialien für wesentliche Verwendungszwecke, für die kein geeigneter
Ersatz verfügbar ist,
- Beseitigung von Hindernissen für die Verfügbarkeit von Militärpersonal zu relevanten
Zeiten und an relevanten Standorten,
- Beseitigung von Hindernissen im Zusammenhang mit dem Zugang zu Finanzmitteln,
einschließlich ESG-Investitionen,
- Erleichterung des Austauschs vertraulicher und sensibler Informationen unter Bedingungen,
die sowohl die Einfachheit als auch die Sicherheit der Handhabung gewährleisten,
12
- Straffung der EU-Programme für die Verteidigungsindustrie, um die Lieferzeit zu
verkürzen, die Verwaltung EU-finanzierter Projekte zu erleichtern und die Behandlung der
Kofinanzierung durch die Mitgliedstaaten zu vereinfachen.
In diesem Zusammenhang werden auch die EU-Richtlinien über die Vergabe von sensiblen
Aufträgen in den Bereichen Verteidigung und Sicherheit sowie über die innergemeinschaftliche
Verbringung von Verteidigungsgütern Gegenstand einer regulatorischen Vereinfachung und
Harmonisierung sein. Auf der Grundlage der Halbzeitüberprüfung des Europäischen
Verteidigungsfonds sollte auch angestrebt werden, die Vorschriften und Verfahren zu
vereinfachen und zu beschleunigen.
Strategische Bestände und Pools für die Bereitschaft im Verteidigungsbereich
Die EU kann gemeinsam mit den Mitgliedstaaten die Schaffung strategischer Bestände und
Pools für die industrielle Bereitschaft im Verteidigungsbereich unterstützen. Das Programm für
die europäische Verteidigungsindustrie (EDIP) wird diese Anstrengungen im Rahmen von drei
Handlungsschwerpunkten unterstützen. Erstens durch die Unterstützung von Maßnahmen der
Industrie zur Entwicklung grenzüberschreitender Industriepartnerschaften zur Koordinierung
von Reserven an Verteidigungsgütern, Komponenten und damit zusammenhängenden
Rohstoffen. Zweitens durch die Unterstützung von Beschaffungsmaßnahmen zum Aufbau
strategischer Reserven an relevanten Komponenten und Rohstoffen. Drittens durch die
Unterstützung der Schaffung optimal gelegener strategischer Reserven (oder Pools für die
industrielle Bereitschaft im Verteidigungsbereich) für in der EU hergestellte
Verteidigungsgüter.
5. VERSTÄRKTE MILITÄRISCHE UNTERSTÜTZUNG FÜR DIE UKRAINE
(„Stachelschwein-Strategie“)
Seit Februar 2022 haben die EU und die Mitgliedstaaten etwa 50 Mrd. EUR an militärischer
Unterstützung für die Ukraine bereitgestellt, unter anderem im Rahmen der Europäischen
Friedensfazilität. Diese Unterstützung war von entscheidender Bedeutung für die
Aufrechterhaltung der Kriegsanstrengungen der Ukraine. Der Widerstand der Ukraine
angesichts des Angriffskriegs Russlands war bemerkenswert. Der Verteidigungsbedarf der
Ukraine wird weit über einen kurzfristigen Waffenstillstand oder ein Friedensabkommen
hinaus hoch bleiben. Die Ukraine wird weiterhin an vorderster Front der europäischen
Verteidigung und Sicherheit stehen; sie bildet den entscheidenden Schauplatz für die Definition
der neuen internationalen Ordnung, sodass ihre eigene Sicherheit mit der der Europäischen
Union verknüpft ist. Die EU und ihre Mitgliedstaaten müssen die Fähigkeiten der Ukraine auf
dem Gebiet der Verteidigung und Sicherheit durch eine „Stachelschwein-Strategie“ stärken,
damit sie in der Lage ist, etwaige weitere Angriffe abzuschrecken und einen dauerhaften
Frieden zu gewährleisten. Daher ist es unerlässlich, dass die EU und ihre Mitgliedstaaten ihre
militärische Unterstützung für die Ukraine schnellstens aufstocken.
Der Angriffskrieg hat auch ein Schlaglicht auf die hochinnovative, florierende
Verteidigungsindustrie der Ukraine mit erheblichem Fachwissen in Bereichen wie KI und
Drohnen sowie Kapazitätsreserven in Schlüsselbereichen geworfen. Das Vertrauen junger,
13
dynamischer ukrainischer Unternehmen in ihre eigene Kraft und ihr Unternehmergeist können
wichtige Impulse für die Wettbewerbsfähigkeit Europas und die Entwicklung verbesserter
europäischer Verteidigungsfähigkeiten geben.
Die militärische Unterstützung der Ukraine durch die EU sollte sich auf zwei einander
verstärkende Prioritäten konzentrieren:
a. Verstärkung der Unterstützung der EU für die Ukraine in militärischer und sonstiger Form
Als Bestandteil langfristiger Sicherheitsgarantien und im Einklang mit der Initiative der Hohen
Vertreterin für eine verstärkte militärische Unterstützung der Ukraine sollten die EU und ihre
Mitgliedstaaten Folgendes abdecken:
- Bereitstellung von großkalibriger Artilleriemunition mit einem Mindestziel von 2 Millionen
Schuss pro Jahr. Es besteht das kritische, kurzfristige Erfordernis, Munitionslieferungen an
die Ukraine im gesamten Jahr 2025 vollständig zu finanzieren, unter anderem durch Anreize
für Spenden aus Beständen und Beschaffungen. Für die Gewährleistung stabiler
Lieferungen müssen jetzt finanzielle Verpflichtungen eingegangen werden.
- Die Bereitstellung von Luftabwehrsystemen, Flugkörpern (einschließlich Systemen für
präzise Angriffe über große Distanzen) und Drohnen sind gemeinsame Prioritäten der
Ukraine und der Mitgliedstaaten. Aufbauend auf der Absichtserklärung vom November
2024, in der 18 Mitgliedstaaten ihre Bereitschaft bekräftigten, dringende Fähigkeitslücken
kurzfristig durch die Beschaffung von bodengestützten Luftabwehrsystemen und
Abwehrsystemen für unbemannte Flugsysteme gemeinsam zu schließen, sollte mit der
Ukraine eine zweigleisige „Luftabwehrinitiative“ auf den Weg gebracht werden, die die
gemeinsame Beschaffung von Abfangflugkörpern für Luftabwehrsysteme mit kurzer und
mittlerer Reichweite und die finanzielle Unterstützung der Ukraine für deren beschleunigte
Produktion umfasst.
- Drohnen sind eine unverzichtbare Fähigkeit, um die Asymmetrie der militärischen
Ressourcen auf dem Feld zu beseitigen. Die EU und ihre Mitgliedstaaten sollten die
Beschaffung von Drohnen durch die Ukraine und den Ausbau ihrer eigenen
Produktionskapazitäten weiter unterstützen, unter anderem durch Joint Ventures zwischen
der europäischen und der ukrainischen Industrie.
- Die Anstrengungen der EU und der Mitgliedstaaten, ukrainische Brigaden auszubilden und
auszurüsten und die Regeneration von Bataillonen aktiv zu unterstützen, müssen
konsolidiert und ausgebaut werden und sich zu einem wesentlichen Element des künftigen
Ausbaus der militärischen Kapazitäten der Ukraine nach einem Waffenstillstand entwickeln.
Die EUMAM Ukraine wird über die 75 000 bisher ausgebildeten Soldatinnen und Soldaten
hinaus weiterhin Ausbildungen anbieten. Ferner sollten für die Wartung, Reparatur und
Überholung von im Kampf beschädigter Ausrüstung entsprechende Unterstützung und
Ersatzteile so einsatznah wie möglich bereitgestellt werden, und die in die Ukraine
geschickte Militärausrüstung sollte besser an die Gegebenheiten vor Ort angepasst werden.
Ebenso werden europäische Truppen erheblich von der Fronterfahrung der ukrainischen
Streitkräfte profitieren.
- Die direkte Unterstützung der ukrainischen Verteidigungsindustrie ist der wirksamste und
kosteneffizienteste Weg, um die militärischen Anstrengungen der Ukraine zu unterstützen,
insbesondere, indem Verteidigungsgüter, die der Ukraine gespendet werden sollen, von den
Mitgliedstaaten direkt bei der ukrainischen Verteidigungsindustrie in Auftrag gegeben
werden. Die geschätzte Produktionskapazität der ukrainischen Verteidigungsindustrie wird
14
2025 rund 35 Mrd. EUR erreichen. Hierzu könnte die Ukraine das EU-Darlehen in
Anspruch nehmen, das Teil der von der G7 geleiteten Initiative zur beschleunigten Nutzung
außerordentlicher Einnahmen (ERA) ist. Die Kommission wird alle erforderlichen
Maßnahmen treffen, um die Finanzierung im Rahmen dieses Instruments sowie im Rahmen
der Ukraine-Fazilität vorzuziehen und so den makroökonomischen Handlungsspielraum der
Ukraine zu maximieren. Die vorgezogene Bereitstellung von ERA-Mitteln wird es der
Ukraine ermöglichen, die Ausgaben für den militärischen Bedarf zu erhöhen und der
Beschaffung in der ukrainischen und der europäischen Verteidigungsindustrie Vorrang
einzuräumen. Darüber hinaus würde SAFE, das neue Instrument für Sicherheitsmaßnahmen
für Europa, es der ukrainischen Verteidigungsindustrie ermöglichen, sich unter den gleichen
Bedingungen wie die EU-Industrie an gemeinsamen Beschaffungen zu beteiligen.
- Eine verbesserte militärische Mobilität ist für die Gewährleistung einer reibungsloseren
Bereitstellung militärischer Hilfe erforderlich. Die Korridore für die militärische Mobilität
der EU sollten auf die Ukraine ausgedehnt werden; dies würde die Interoperabilität
verbessern und als zusätzliche Sicherheitsgarantie dienen, um von künftigen Aggressionen
abzuschrecken.
- Ein verbesserter Zugang zu weltraumgestützten Ressourcen und Diensten der EU könnte
ein strategischer Enabler für den Ausbau der Verteidigungsfähigkeiten der Ukraine sein. Die
EU sollte mit dem Antrag der Ukraine auf Teilnahme am EU-Weltraumprogramm,
einschließlich des Zugangs zu weltraumgestützten staatlichen Diensten in den Bereichen
Ortsbestimmung, Navigation und Zeitgebung, Kommunikation und Erdbeobachtung,
voranschreiten. Die EU sollte auch den Zugang der Ukraine zu Dienstleistungen
finanzieren, die von in der EU ansässigen kommerziellen Anbietern, einschließlich
Startup- und Scale-up-Unternehmen, zur Unterstützung der ukrainischen Streitkräfte auf deren
Anfrage erbracht werden können. Dadurch wird die Ukraine dabei unterstützt, mittels
Diversifizierung ihrer Quellen weltraumgestützter Dienste ihre Widerstandsfähigkeit zu
erhöhen. Darüber hinaus sollten die EU und ihre Mitgliedstaaten beim Schutz strategischer
Ressourcen (z. B. auf weltraumgestützte Ressourcen abzielende Cyberbedrohungen) eng
mit der Ukraine zusammenarbeiten und die Ukraine einladen, sich am
Informationsaustausch- und analysezentrum (ISAC) der EU im Bereich Weltraum zu
beteiligen.
Die Clearingstelle des Militärstabs der Europäischen Union trägt bereits in Zusammenarbeit
mit der Kontaktgruppe für die Verteidigung der Ukraine und der NATO-
Sicherheitsunterstützung und -Ausbildung für die Ukraine zur Koordinierung der militärischen
Unterstützung der Mitgliedstaaten für die Ukraine bei. Um diese Arbeit zu verstärken und sie
durch eine intensivere industrielle Zusammenarbeit zwischen der EDTIB und der ukrainischen
Verteidigungsindustrie zu verbessern, wird die EU der Ukraine die Einrichtung einer
bereichsübergreifenden Taskforce vorschlagen.
b. Einbeziehung der Ukraine in EU-Initiativen zur Entwicklung von Verteidigungsfähigkeiten
und zur Integration der jeweiligen Verteidigungsindustrien
Die letzten drei Jahre stellten für die Ukraine einen Ansporn zum raschen Ausbau ihrer
militärischen Kapazitäten dar. Die Ukraine nutzt heute ihre an der Front gesammelten
Erfahrungen zur kontinuierlichen Anpassung und Modernisierung ihrer Ausrüstung und ist
dadurch zum weltweit führenden Innovationslabor für Verteidigung und Technologie
geworden. Eine engere Zusammenarbeit zwischen der ukrainischen und der europäischen
Verteidigungsindustrie wird einen Transfer von Wissen aus erster Hand darüber ermöglichen,
15
wie Innovationen am besten zur Erreichung militärischer Überlegenheit auf dem Schlachtfeld
genutzt werden können, wobei dies auch die rasche Ausweitung der Produktion und die
Aktualisierung bestehender Fähigkeiten einschließt.
Bei der Entwicklung modernster großmaßstäblicher Verteidigungssysteme und -technologien
steht die EDTIB jedoch weiterhin an erster Stelle. Die Integration der ukrainischen
Verteidigungsindustrie in die EDTIB wird sie dabei unterstützen, zu expandieren, sich zu
modernisieren, zu konsolidieren und dem Weltmarkt kosteneffiziente Verteidigungsgüter zur
Verfügung zu stellen.
Die rasche Annahme des Entwurfs für die EDIP-Verordnung hat daher höchste Priorität. Sobald
das Programm vereinbart worden ist, wird es den Weg für die Integration der Ukraine in den
europäischen Markt für Verteidigungsgüter ebnen; dies wird durch ein spezielles
Unterstützungsinstrument für die Ukraine und durch die Öffnung der Programmaktivitäten,
sodass die Ukraine daran teilnehmen kann, erfolgen – im Einklang mit dem, was aktuell für
SAFE unter den verschiedenen Modalitäten dieses Instruments vorgeschlagen wird. In diesem
Zusammenhang könnte das EU-Innovationsbüro für Verteidigung in Kyjiw ausgebaut werden,
um die Zusammenarbeit in der Verteidigungsindustrie auszuweiten, damit die EU die Ukraine
unterstützen, von ihrer Kriegserfahrung profitieren und weitere Anreize für Direktinvestitionen
von EU-Unternehmen in den ukrainischen Markt der Verteidigungsindustrie schaffen kann.
Darüber hinaus empfehlen die Kommission und die Hohe Vertreterin den Mitgliedstaaten, die
EDA zu beauftragen, die Beteiligung der Ukraine an ihren Tätigkeiten, einschließlich des
Innovationszentrums für den Verteidigungsbereich, auszuweiten. Die Beteiligung der Ukraine
an SSZ-Projekten und an Kooperationsmöglichkeiten, die sich aus der Koordinierten
Jährlichen Überprüfung der Verteidigung (Coordinated Annual Review on Defence, CARD)
ergeben, sollte ebenfalls gefördert werden.
Die anschließende personelle Interaktion und Kooperation zwischen der EU, den
Mitgliedstaaten und der Ukraine würde es der Ukraine ermöglichen, einige ihrer Erfahrungen
mit einer Kriegsführung hoher Intensität an die EU weiterzugeben. Die dabei gewonnenen
Erkenntnisse würden wiederum in die Ermittlung des künftigen Verteidigungsbedarfs durch
die Mitgliedstaaten einfließen und diese unterstützen.
6. EINE STARKE UND INNOVATIVE VERTEIDIGUNGSINDUSTRIE IN EUROPA
Die europäische Verteidigungsindustrie ist eine unverzichtbare Voraussetzung für
Verteidigungsbereitschaft und glaubwürdige Abschreckung. Mehrere Unternehmen der
europäischen Verteidigungsindustrie sind zwar weltweit wettbewerbsfähig, doch die
industrielle Basis der Verteidigung der EU weist nach wie vor strukturelle Schwächen auf.
Derzeit ist die europäische Verteidigungsindustrie nicht in der Lage, Systeme und Ausrüstung
für die Verteidigung in der von den Mitgliedstaaten benötigten Menge und Geschwindigkeit
herzustellen. Sie ist nach wie vor zu fragmentiert, da die dominanten nationalen Akteure
hauptsächlich auf die Inlandsmärkte ausgerichtet sind. Darüber hinaus hat diese Industrie auch
unter unzureichenden Investitionen gelitten; daher müssen wir unsere Investitionen in diesen
industriellen Sektor der EU erhöhen und mehr Aufträge an ihn vergeben. Um die
Verteidigungsindustrie bei der Überwindung dieser Schwachstellen zu unterstützen, wird bei
der für 2026 geplanten Überarbeitung der EU-Richtlinie über die Vergabe von Aufträgen in den
Bereichen Verteidigung und Sicherheit die Empfehlung des Kompasses für
Wettbewerbsfähigkeit zur Einführung einer europäischen Präferenz berücksichtigt werden.
16
Investitionen in die Verteidigungsbereitschaft Europas garantieren nicht nur den Frieden von
morgen; sie sind auch Enabler für unsere Ambitionen in Bezug auf die Wettbewerbsfähigkeit
des europäischen verarbeitenden Gewerbes. Bestehende Wertschöpfungsketten oder
Fertigungskapazitäten unserer traditionellen Industrien – Automobil-, Stahl-, Aluminium- oder
chemische Industrie – können neue Möglichkeiten für die Umwidmung und die Bereitstellung
eines wachsenden Wirkungsradius einer industriellen Basis der Verteidigung bieten, während
neue Ökosysteme und Wertschöpfungsketten für Spitzentechnologien – wie KI oder
fortgeschrittene Elektronik – sowohl in zivile als auch in militärische Anwendungen einfließen
können.
Die EU sollte die europäische Verteidigungsindustrie durch gezielte politische Maßnahmen in
sechs strategischen Richtungen unterstützen: a) die Unterstützung, Stärkung und Förderung der
industriellen Kapazitäten in der gesamten EU, b) die Sicherung der Versorgung mit kritischen
Vorleistungen für die Industrie und die Verringerung von Abhängigkeiten, c) die Schaffung
eines echten EU-weiten Marktes für Verteidigungsgüter, d) Vereinfachung bestehender
Vorschriften und Bürokratieabbau, e) die Verstärkung von Forschung und Entwicklung zur
Innovationsförderung und f) die Bindung, Anwerbung und Weiterentwicklung von Talenten
sowie die Verbesserung der Kompetenzen und des Fachwissens im Verteidigungssektor.
Nachfrage zusammenführen, um die Produktionskapazitäten in der Verteidigungsindustrie
auszubauen
Ein massiver Ausbau der Produktionskapazitäten der europäischen Verteidigungsindustrie ist
eine Voraussetzung dafür, dass die Mitgliedstaaten die kritischen Fähigkeiten erwerben
können, die ihnen derzeit fehlen. Neben der Lösung von Lieferkettenproblemen und
logistischen Engpässen hängt der Ausbau der Produktionskapazitäten davon ab, dass
Unternehmen über einen stetigen Strom solider mehrjähriger Aufträge verfügen, damit
Investitionen in zusätzliche Produktionslinien gelenkt werden.
Langfristige Aufträge sind der beste Weg, um für die europäische Verteidigungsindustrie die
Vorhersehbarkeit zu erhöhen und die erforderlichen langfristigen Investitionssignale zu setzen,
wie das Programm für das Instrument zur Stärkung der europäischen Verteidigungsindustrie
durch gemeinsame Beschaffung (EDIRPA) zeigt. Um dies zu unterstützen, kann die EU
einerseits eine systematischere Bündelung der Nachfrage der Mitgliedstaaten im Rahmen der
EDA fördern, um die gemeinsame Beschaffung in großem Maßstab und auf der Grundlage
mehrjähriger, durch EU-Instrumente geförderte Verträge vorzubereiten und zu strukturieren.
Andererseits können die Kommission und die EDA in Zusammenarbeit mit den
Mitgliedstaaten den Dialog mit der Industrie intensivieren, um Vorhersehbarkeit zu
ermöglichen und ihren Gesamtbedarf besser zu antizipieren; dies würde jedem industriellen
Akteur erlauben, sich an einer Produktionsplanung zu beteiligen, die zur Deckung dieses
allgemeinen Bedarfs beitragen würde. Dieser dynamische Austausch von Informationen über
die voraussichtliche Nachfrage und den Ausbau der Produktion würde es der EU wiederum
ermöglichen, Unterstützungsmaßnahmen besser auf den Bedarf zuzuschneiden, um Anreize für
die gemeinsame Beschaffung und den Ausbau der Industrie zu schaffen.
Darüber hinaus ist die Verfügbarkeit europäischer Verteidigungsgüter zur richtigen Zeit und in
den benötigten Mengen eine Voraussetzung für mehr Sicherheit, die Verringerung von
Abhängigkeiten und die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit der industriellen Basis der
europäischen Verteidigung. Im Einklang mit dem EDIP-Vorschlag beabsichtigt die EU, ein
Pilotprojekt zur schrittweisen Einrichtung eines europäischen Mechanismus für militärische
17
Verkäufe in die Wege zu leiten, um die Verfügbarkeit und Lieferzeit für Verteidigungsgüter aus
Europa zu verbessern.
Verringerung von Abhängigkeiten und Gewährleistung der Versorgungssicherheit
Die Stärkung der Widerstandsfähigkeit der Wertschöpfungsketten im Verteidigungsbereich der
EU ist auch für die Verteidigungsbereitschaft von entscheidender Bedeutung. Die Kommission
hat die Beobachtungsstelle für kritische Technologien für den Weltraum- und den
Verteidigungssektor und die mit ihnen verbundenen Wertschöpfungsketten eingerichtet, um
Kenntnisse über die jeweiligen kritischen Aspekte zu erwerben, sie systematisch zu
überwachen und einschlägige Technologiefahrpläne zu entwickeln.
Im Verteidigungsbereich ist der Zugang der Industrie zu kritischen Vorleistungen ein
entscheidender Faktor. Wenn der europäische Markt auf nur einen oder wenige Anbieter
wichtiger Güter, Dienstleistungen oder anderer Vorleistungen angewiesen ist, sollte die
wirtschaftliche Sicherheit Europas durch politische Maßnahmen und Investitionen seitens der
EU gestärkt werden, die die Möglichkeiten zur Nutzung der Abhängigkeiten als Waffe oder für
wirtschaftliche Zwangsmaßnahmen minimieren. Daher wird die Kommission im Rahmen des
strategischen Dialogs mit der europäischen Verteidigungsindustrie mit Unterstützung der EDA
bestrebt sein, die kritischen Rohstoffe und wichtigsten Bauteile (z. B. Chips) sowie die
möglichen Maßnahmen zur Gewährleistung einer Diversifizierung der Bezugsquellen mit
Unterstützung der EU eindeutig zu ermitteln.
Parallel dazu wird die geplante Einrichtung einer Plattform für die gemeinsame Beschaffung
kritischer Rohstoffe zu einer kosteneffizienten, sicheren Versorgung beitragen. Die EU wird
auch die Entwicklung heimischer Alternativen für Technologien, Bauteile und Prozesse
unterstützen, die sie kontrollieren muss (z. B. durch Projekte im Rahmen des Europäischen
Verteidigungsfonds oder rechtliche Rahmen für Güter mit doppeltem Verwendungszweck). Um
von Spitzentechnologien und modernster Forschung zu profitieren, könnte sie gegebenenfalls
Technologietransfers anstreben und fördern, ferner könnte sie langfristige Anstrengungen
einleiten, um das Problem anzugehen, dass für Technologien aus Drittländern Beschränkungen
eingeführt werden.
Schaffung eines echten EU-weiten Marktes für Verteidigungsgüter, Vereinfachung und
Harmonisierung der Vorschriften
Wie aus dem Letta-Bericht hervorgeht, sind die Argumente für einen EU-weiten Markt für
Verteidigungsgüter viel stärker und weitaus dringlicher geworden. Die Mitgliedstaaten kaufen
im Vergleich zu der Zeit vor zehn Jahren bis zu viermal mehr Ausrüstung ein, häufig bei
Lieferanten aus Drittländern. Allerdings verfügt kein nationaler Verteidigungsmarkt in Europa
über die Größe, die für eine ausreichende Expansion der europäischen Verteidigungsindustrie
erforderlich ist.
Die Mitgliedstaaten müssen sich, insbesondere in Zeiten von Krisen und Konflikten, in vollem
Umfang auf die EDTIB und die europäischen Lieferketten im Verteidigungsbereich verlassen
können. Dies bedeutet einen garantierten Zugang zu Verteidigungsgütern sowie Bau- und
Ersatzteilen durch eine umfassende Regelung für die Versorgungssicherheit.
Ein wirklich funktionierender EU-weiter Markt für Verteidigungsgüter wäre einer der weltweit
größten Binnenmärkte für Verteidigungsgüter. Ein solcher Markt würde dazu beitragen,
zentrale Ziele wie globale Wettbewerbsfähigkeit, Bereitschaft und einen größeren industriellen
18
Maßstab zu erreichen. EDTIB-Unternehmen könnten in der gesamten EU einen größeren
industriellen Wirkungsradius im Verteidigungsbereich haben, auch in denjenigen
Mitgliedstaaten, die der größten Sicherheitsbedrohung am nächsten sind. Er würde zudem die
Marktchancen in allen Mitgliedstaaten durch grenzüberschreitende industrielle Kooperationen,
Fusionen und Übernahmen oder Start-up-Unternehmen verbessern und zu mehr in der EU
hergestellten Verteidigungsgütern führen.
Bei der Vereinfachung und Harmonisierung der Rechtsvorschriften muss der Schwerpunkt auf
Vorschriften und Verfahren für die Beschaffung von Verteidigungsgütern, die
innergemeinschaftliche Verbringung von Verteidigungsgütern, die gegenseitige Anerkennung
nationaler Zertifizierungen und die Erteilung von Genehmigungen liegen. Darüber hinaus
müssen die Auswirkungen von nicht verteidigungsspezifischen politischen Strategien und
Vorschriften der EU auf die Verteidigungsindustrie überprüft werden.
Transformation der Verteidigung durch disruptive Innovationen
Das Potenzial einiger Technologien für die Überlegenheit im Verteidigungsbereich ist ein
wichtiger Hebel, der auf europäischer Ebene dringend gestärkt werden muss. Neue
Technologien verändern die Art der Kriegsführung in mehreren Bereichen grundlegend. KI,
Cloud-Computing und Quanteninformatik, fortgeschrittene und sichere Konnektivität,
autonome Systeme und alternative Energiequellen verfügen in der Tat über die Fähigkeit,
traditionelle Ansätze für die Kriegsführung zu sprengen und völlig neu zu gestalten.
Innovationen im Bereich der Drohnentechnologie diktieren bereits die Art und Weise, wie
Kampfhandlungen geführt werden, und die Rolle der Robotik steht vor weiterem Wachstum,
wobei autonome Bodenfahrzeuge in der Frühphase von Kampfeinsätzen die Führung
übernehmen. Diese Geräte, die Aufklärung, direkte Angriffe und logistische Unterstützung
ermöglichen, haben bereits jetzt Auswirkungen auf dem Schlachtfeld. KI-gestützte
Militärroboter befinden sich noch in einem frühen Entwicklungsstadium; zudem bietet Europa
reichlich Gelegenheit für herausragende Leistungen auf dem Gebiet der Militärroboter und der
für ihren Antrieb erforderlichen Software. Das Zeitfenster ist jedoch sehr eng, da strategische
Wettbewerber und Konkurrenten massiv in diese Bereiche sowie in neue technologisch
komplexe Segmente wie Hyperschallraketen, Waffen mit gerichteter Energie sowie
Kriegsführung am Meeresboden und im Weltraum investieren.
Für die Mitgliedstaaten ist es erforderlich, dass die europäische Verteidigungsindustrie in der
Lage ist, diese Produkte und Technologien schneller und in großem Maßstab zu konzipieren,
zu entwickeln, herzustellen und zu liefern. Vor dem Hintergrund erheblich gesteigerter
Verteidigungsausgaben muss ein höherer Anteil in Forschung, Entwicklung und Technologie
im Verteidigungsbereich investiert werden, wobei die Anstrengungen und Ressourcen auf
gemeinsame europäische Projekte zu konzentrieren sind. Die EU sollte die Entwicklung neuer,
innovativer industrieller Prozesse wie dezentrale Konstruktion und Fertigung, additive
Fertigung und den Einsatz von KI unterstützen. Zu diesem Zweck könnten das EU-
Innovationsprogramm im Verteidigungsbereich (EUDIS) und das Innovationszentrum für den
Verteidigungsbereich genutzt werden. So bietet beispielsweise das EUDIS, das im Rahmen des
Europäischen Verteidigungsfonds mit einer Mittelausstattung von 2 Mrd. EUR entwickelt
wurde, Dienstleistungen für den Innovationsbereich für einzelne Einrichtungen an, unter
anderem durch die Vermittlung von Kontakten mit Investoren, Partnern und Endnutzern, und
unterstützt innovative Produkt- und Technologietests sowie Validierungen. Mit einer
Aufstockung der Mittel könnte das Innovationszentrum für den Verteidigungsbereich von der
EDA für parallel stattfindende Versuchskampagnen genutzt werden, um die innovativsten
Lösungen rasch zu fördern und sie durch beschleunigte Entwicklungsschleifen in bestehende
19
oder neue Fähigkeiten zu integrieren. Parallel dazu finanziert die Kommission die
Eigenkapitalfazilität für den Verteidigungsbereich im Rahmen des EIF, mit der Fonds für
Risikokapital und privates Beteiligungskapital unterstützt werden, die in europäische
Unternehmen investieren, die innovative Verteidigungstechnologien mit Potenzial für doppelte
Verwendungszwecke entwickeln.
Im Bereich der Deep Tech verschwimmt der Unterschied zwischen zivilen und militärischen
Zwecken. Infolgedessen können innovative zivile Start-ups und einschlägige Ergebnisse aus
Forschung und Innovation eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung modernster
Lösungskonzepte spielen, die die militärischen Fähigkeiten erheblich erweitern und die
Einsatzbereitschaft verbessern können. Obwohl Europa ein technologisches Kraftzentrum ist,
wirkt sich dies noch nicht in der Form aus, dass das technologische Potenzial voll ausgeschöpft
wird, um militärische Überlegenheit zu erlangen. Die EU muss daher dringend ihre allgemeine
Innovationskapazität mobilisieren und bedeutende Investitionen in die Wiedererlangung einer
Spitzenposition und die Verhinderung technologischer Abhängigkeit lenken.
Die EU wird einen Europäischen Rüstungstechnologiefahrplan vorlegen, mit dem
Investitionen in fortgeschrittene technologische Fähigkeiten mit doppeltem
Verwendungszweck auf EU-Ebene sowie auf nationaler und privater Ebene mobilisiert werden.
In einer Anfangsphase wird sich die EU auf KI und Quantentechnologie konzentrieren. Die
Kommission wird auch dafür sorgen, dass der Europäische Innovationsrat und der geplante
TechEU Scale-up Fund in Technologien mit doppeltem Verwendungszweck investieren.
Den KMU kommt in der Verteidigungsgemeinschaft eine immer wichtigere Rolle als Anbieter
disruptiver Technologien und Innovationen zu. Die Kommission hat daher Maßnahmen
ergriffen, um einen aktiveren Beitrag der KMU zur Forschung und Innovation im
Verteidigungsbereich der EU zu unterstützen, insbesondere durch an KMU gerichtete
Aufforderungen zur Einreichung von Vorschlägen im Rahmen des Europäischen
Verteidigungsfonds und gleichzeitig durch eine Förderung ihrer Beteiligung an allen anderen
Projekten. Die grenzüberschreitende Zusammenarbeit unter Beteiligung von KMU ist eines der
Vergabekriterien des Programms des Europäischen Verteidigungsfonds, und es werden
finanzielle Boni gewährt, die sich nach dem Umfang der Beteiligung von KMU an
Entwicklungsmaßnahmen richten. Bei den Aufforderungen zur Einreichung von Vorschlägen
im Rahmen des Europäischen Verteidigungsfonds entfiel 2023 auf KMU ein Anteil von ca.
50 % an den teilnehmenden Einrichtungen bzw. von 30 % am Gesamtbetrag der beantragten
Finanzhilfen. Für den Zeitraum 2023-2027 dürften KMU bis zu 840 Mio. EUR aus dem
Europäischen Verteidigungsfonds erhalten. Darüber hinaus würde das EDIP die Einrichtung
eines Fonds zur Beschleunigung der Transformation der Lieferketten im Verteidigungsbereich
(FAST) vorsehen. Dieses neue Finanzierungsinstrument könnte ein Vielfaches der Mittel
generieren, die das EDIP in Form von Darlehen oder Kapitalbeteiligungen für die Initiative
bereitstellt.
Die EU muss ihre allgemeinen Innovationskapazitäten mobilisieren und erhebliche
Investitionen tätigen, um ihre Spitzenposition zurückzugewinnen, eine stärkere technologische
Abhängigkeit zu vermeiden und die Vorteile von Abstrahleffekten in anderen
Wirtschaftszweigen zu nutzen. In Europa gibt es bereits einige neue innovative Akteure im
Bereich der Verteidigungstechnologie. Um die Entstehung europäischer Akteure auf diesem
Gebiet zu beschleunigen, muss das Regelungsumfeld risikofreundlicher gestaltet werden. Die
Kommission wird den Dialog mit neuen Akteuren im Verteidigungsbereich und privaten
Investoren intensivieren und Maßnahmen vorschlagen, mit denen die Rechtsvorschriften
20
vereinfacht werden und dafür gesorgt wird, dass mehr Risikokapital und
Geschäftsmöglichkeiten zur Verfügung stehen.
Kompetenzen und Talente für Innovation
Die Schließung der Fähigkeitslücken beinhaltet die Abdeckung des gesamten
Entwicklungszyklus von Verteidigungsfähigkeiten, angefangen bei der Forschung über die
Beschaffung bis hin zum Einsatz und zur Wartung. Der Erfolg dieses Ansatzes hängt von der
Verfügbarkeit technologischer Kompetenzen und innovativer Talente in der
Verteidigungsindustrie ab, wobei dies Lieferkettenakteure von KMU bis hin zu
Hauptvertragspartnern einschließt. Obwohl der europäische Verteidigungssektor über
qualifiziertes und spezialisiertes Personal verfügt, wird es für einen groß angelegten Ausbau
der Verteidigungsindustrie erforderlich sein, dass die Industrie weitaus mehr Talente gewinnt,
ausbildet, beschäftigt und weiterbildet, angefangen bei Technikern bis hin zu Ingenieuren und
spezialisierten Fachleuten. Die Union der Kompetenzen sieht eine Kompetenzgarantie vor,
damit Arbeitnehmer in Sektoren, die umstrukturiert werden oder von Arbeitslosigkeit bedroht
sind, die Möglichkeit haben, ihre Karriere in anderen Sektoren, einschließlich des
Verteidigungssektors, weiterzuentwickeln. Fortgeschrittene MINT-Kompetenzen
(Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) sind, wie auch in der Union der
Kompetenzen hervorgehoben wird, für die Entwicklung der Fähigkeiten der nächsten
Generation von entscheidender Bedeutung, insbesondere im Bereich Sicherheit und
Verteidigung.
Die rasche und komplexe Entwicklung der Technologien schafft Chancen für neue Arten von
Arbeitsplätzen und erfordert eine Erneuerung der Kompetenzen. Arbeitnehmer in der
Verteidigungsindustrie müssen Daten wirksam verarbeiten, nutzen und verbreiten und
neuartige Technologien in neuen Fähigkeitsgebieten wie autonomen Systemen,
Cybersicherheitssystemen, intelligenten Informationssystemen oder
Hochleistungsrechensystemen gewinnbringend einsetzen. Die europäische
Verteidigungsindustrie wird mit anderen Sektoren um ähnliche Kompetenzen konkurrieren
müssen, während ihre Expansion gleichzeitig Umschulungs- und
Weiterqualifizierungsmöglichkeiten für in anderen Industriezweigen freigesetzte Arbeitskräfte
schaffen wird.
7. ERHEBLICHER ANSTIEG DER VERTEIDIGUNGSAUSGABEN
Die Verteidigungsausgaben der Mitgliedstaaten sind seit 2021 um mehr als 31 % gestiegen und
erreichten im Jahr 2024 1,9 % des gesamten BIP der EU bzw. 326 Mrd. EUR. Konkret
erreichten die Verteidigungsinvestitionen 2024 einen beispiellosen Betrag von 102 Mrd. EUR
und waren damit fast doppelt so hoch wie der im Jahr 2021 aufgewendete Betrag. Insgesamt
liegen die europäischen Verteidigungsausgaben jedoch nach wie vor deutlich unter denen der
USA und, was besorgniserregender ist, unter denen Russlands oder Chinas. Der Wiederaufbau
der europäischen Verteidigung erfordert massive öffentliche und private Investitionen über
einen längeren Zeitraum.
Mit dem Plan „ReArm Europe“ hat die Kommission fünf Säulen für die dringende, erhebliche
Erhöhung der europäischen Verteidigungsausgaben benannt.
21
Die fünf Säulen werden dazu beitragen, den dringendsten Bedarf zu decken und die Folgen des
Investitionsdefizits aus der Vergangenheit abzumildern.
1) Ein neues spezielles Finanzinstrument zur Unterstützung der Verteidigungsinvestitionen der
Mitgliedstaaten
Angesichts der Dringlichkeit schlägt die Kommission eine neue EU-Verordnung nach
Artikel 122 des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union vor, um den
Mitgliedstaaten durch den EU-Haushalt abgesicherte Darlehen zu gewähren. Mit bis zu
150 Mrd. EUR wird das Instrument für Sicherheitsmaßnahmen für Europa (Security and
Action for Europe, SAFE) jetzt und im Laufe dieses Jahrzehnts massive Unterstützung für eine
erhebliche Steigerung der Investitionen der Mitgliedstaaten in die Verteidigungsfähigkeiten
Europas leisten.
SAFE wird die europäische Verteidigungsindustrie durch gemeinsame Beschaffungen
unterstützen, an denen mindestens zwei Länder beteiligt sind, von denen eines ein Mitgliedstaat
sein muss, der finanzielle Unterstützung durch SAFE erhält, und das andere ein anderer
Mitgliedstaat, ein dem EWR angehörender EFTA-Staat oder die Ukraine sein kann. Diese
gemeinsamen Beschaffungen würden die auf der außerordentlichen Tagung des Europäischen
Rates vom 6. März 2025 ermittelten vorrangigen Fähigkeiten und Voraussetzungen abdecken.
Für die einfacheren und dringlichsten dieser Fähigkeiten wie Munition oder militärische
Mobilität würden ähnliche Förderfähigkeitsbedingungen gelten wie beim EDIRPA-Programm.
Für komplexere und hochtechnologische Systeme wie KI oder Luftverteidigung würden
strengere Bedingungen gelten, die sich an den legislativen Diskussionen über das EDIP
orientieren, da die Anforderungen an die strategische Autonomie höher sind.
Die Zuweisungen stehen allen Mitgliedstaaten zur Verfügung. Sie werden nachfrageorientiert
sein und durch nationale Pläne für die Verteidigungsindustrie untermauert werden. Sobald die
jeweiligen Pläne genehmigt wurden und der Darlehensvertrag unterzeichnet worden ist, steht
eine Vorfinanzierung zur Verfügung.
Das Instrument enthält Bestimmungen zur weiteren Schaffung von Anreizen und zur
Erleichterung der gemeinsamen Beschaffung, etwa die Möglichkeit, bestehende
Rahmenvereinbarungen und Verträge für neue Partner zu öffnen, und eine Befreiung von der
Mehrwertsteuer für über SAFE finanzierte Einkäufe. Die Anwendung gemeinsamer Normen
wird ebenfalls gefördert.
Einrichtungen und Produkte anderer Partnerländer können vorbehaltlich einer Vereinbarung
mit der Union über die finanziellen Bedingungen und die Versorgungssicherheit für eine
gemeinsame Beschaffung in Betracht kommen.
2) Koordinierte Aktivierung der nationalen Ausweichklausel des Stabilitäts- und
Wachstumspakts
In der Mitteilung der Kommission mit dem Titel „Erhöhung der Verteidigungsausgaben im
Stabilitäts- und Wachstumspakt“ wird die koordinierte Aktivierung der nationalen
Ausweichklausel durch alle Mitgliedstaaten vorgeschlagen, um zusätzliche Flexibilität für
höhere Verteidigungsausgaben zu schaffen.
Die Flexibilität wird eine Abweichung vom vereinbarten Ausgabenpfad ermöglichen, die dem
Anstieg der Verteidigungsausgaben (sowohl Investitionen als auch laufende Ausgaben) seit
22
2021 entspricht. Es wird ein Zeitraum von vier Jahren (verlängerbar) in Betracht gezogen.
Dank dieser Flexibilität könnten die Mitgliedstaaten zusätzliche Verteidigungsausgaben in
Höhe von bis zu 1,5 % des BIP mobilisieren. Ausgehend von Prognosen für eine schrittweise
Inanspruchnahme könnten die Verteidigungsinvestitionen in den nächsten vier Jahren
mindestens 800 Mrd. EUR erreichen, einschließlich der Ausgaben, die durch die
150 Mrd. EUR aus SAFE finanziert werden, welche im Rahmen der nationalen
Ausweichklauseln automatisch förderfähig sind.
3) Flexibilisierung bestehender EU-Instrumente zur Ermöglichung höherer Investitionen im
Verteidigungsbereich
Kurzfristig kann die EU mehr tun, um hinsichtlich des dringenden Erfordernisses einer
Aufstockung der europäischen Verteidigungsinvestitionen Unterstützung aus dem EU-
Haushalt zu leisten.
Die Kohäsionspolitik trägt bereits zu den Verteidigungs- und Sicherheitsfähigkeiten bei. Sie
finanziert sicherheits- und verteidigungsbezogene Investitionen, die zur regionalen
Entwicklung beitragen, da die Verteidigungsindustrie häufig Forschungs- und
Entwicklungssowie industrielle Ökosysteme schafft, die den Regionen und Gemeinden Europas
zugutekommen.
Nationale, regionale und lokale Behörden können die Halbzeitüberprüfung der
Kohäsionspolitik freiwillig dazu nutzen, Mittel im Rahmen ihrer derzeitigen Programme neuen
Prioritäten, unter anderem der Stärkung der Verteidigungs- und Sicherheitsfähigkeiten,
zuzuweisen.
Im Rahmen der Halbzeitüberprüfung der Programme 2021-2027 wird die Kommission nächste
Woche ein Maßnahmenpaket zur Schaffung der notwendigen Flexibilität und entsprechender
Anreize vorschlagen.
Die Entwicklung einer starken und widerstandsfähigen europäischen Verteidigungsindustrie
wird die Wettbewerbsfähigkeit Europas fördern sowie die regionale Entwicklung und das
Wirtschaftswachstum voranbringen.
4) Beiträge der Europäischen Investitionsbank
Der Europäischen Investitionsbank kommt bei der Finanzierung der europäischen Verteidigung
eine klare, entscheidende Rolle zu. Der Aktionsplan der EIB-Gruppe für Sicherheit und
Verteidigung war ein wichtiger erster Schritt und seine Umsetzung sollte beschleunigt werden.
Darüber hinaus beabsichtigt die EIB, Änderungen vorzunehmen, um den Umfang ihrer
verteidigungsbezogenen Finanzierungen weiter auszuweiten. Sie wird ihre jährlichen
Investitionen auf 2 Mrd. EUR verdoppeln, um Projekte wie Drohnen, Weltraumtechnologien,
Cybersicherheit, Quantentechnologien, militärische Einrichtungen und Katastrophenschutz zu
finanzieren. Sie schlägt eine weitere Anpassung der Förderfähigkeitskriterien der Gruppe vor,
um sicherzustellen, dass ausgeschlossene Aktivitäten genauer definiert und in ihrem Umfang
so weit wie möglich eingeschränkt werden, um sie an die neuen politischen Prioritäten der EU
anzupassen. Schließlich wird sie eine Überarbeitung ihres operativen Rahmens vorschlagen
und die ad hoc gestartete Strategische Europäische Sicherheitsinitiative durch ein spezielles
übergreifendes politisches Ziel ersetzen, das mit einer ehrgeizigen Finanz- und
23
Kapitalzuweisung zu Frieden und Sicherheit in Europa beitragen soll. Dies sind weitere
Schritte in die richtige Richtung.
5) Mobilisierung von privatem Kapital
Die Förderung öffentlicher Investitionen in die Verteidigung ist unerlässlich, wird aber nicht
ausreichen. Damit sie ihre Lösungskonzepte in industriellem Maßstab umsetzen und die
industrielle Expansion, die Europa benötigt, vorantreiben können, müssen europäische
Unternehmen, einschließlich kleiner und mittlerer Unternehmen und Mid-Caps, besseren
Zugang zu Kapital haben, wobei dies auch Garantieinstrumente zur Verringerung von
Investitionsrisiken einschließt.
Der Finanzsektor zeigt ein wachsendes Interesse an der Verteidigung. Dennoch bleibt der
Verteidigungssektor aufgrund von Beschränkungen in den Investitionsgrundsätzen öffentlicher
und privater Finanzinstitute ein unterversorgter Markt. Der Zugang zu Finanzmitteln ist für
44 % der KMU im Verteidigungsbereich nach wie vor ein großes Problem, was deutlich mehr
ist als bei zivilen KMU. Sie haben weniger Möglichkeiten als in den USA oder im Vereinigten
Königreich, und 60 % der Gesamtinvestitionen stammen von US-Investoren.
Die Spar- und Investitionsunion sollte dazu beitragen, zusätzliche private Investitionen in die
Prioritäten der EU, einschließlich des Verteidigungssektors, zu lenken. Allein dadurch könnten
jährlich Hunderte Milliarden zusätzlicher Investitionen in die europäische Wirtschaft geleitet
und somit ihre Wettbewerbsfähigkeit gesteigert werden. Zu diesem Zweck legt die
Kommission eine Mitteilung über eine Spar- und Investitionsunion vor.
Die EU-Verordnung über nachhaltigkeitsbezogene Offenlegungspflichten im
Finanzdienstleistungssektor (Sustainable Finance Disclosures Regulation, SFDR) steht der
Finanzierung des Verteidigungssektors nicht entgegen. Allerdings könnten sowohl der
Finanzals auch der Verteidigungssektor von einer zusätzlichen Klarstellung der Anwendung der
SFDR profitieren. Die Kommission wird im Rahmen der Überarbeitung der SFDR die
erforderliche Klarstellung des Verhältnisses der Verteidigung zu den Investitionszielen des
Nachhaltigkeitsrahmens vornehmen.
6) Finanzielle Vorhersehbarkeit
Die Kommission wird ihre Prüfung zusätzlicher Finanzierungsquellen für die Verteidigung auf
EU-Ebene sowie weiterer Elemente und Optionen fortsetzen, um die Finanzierung der
europäischen Verteidigung erheblich zu steigern und die EDTIB zu stärken.
Sollte die Nachfrage der Mitgliedstaaten nach Finanzierungen auf der Grundlage von Darlehen,
die im Rahmen von SAFE durch den EU-Haushalt unterstützt werden, höher ausfallen als das
Angebot, wird die Kommission auch in Zukunft innovative Instrumente erkunden, z. B. in
Bezug auf den Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM).
Angesichts der Dringlichkeit und Priorität, die der auf eine wettbewerbsfähige industrielle
Basis der Verteidigung gestützte Wiederaufbau seiner Verteidigung für Europa hat, sollte der
nächste MFR einen umfassenden, soliden Rahmen zur Unterstützung der EU-Verteidigung
bereitstellen.
Zur Stärkung der technologischen Souveränität Europas sollte der MFR – angefangen bei der
Forschung über die Entwicklung komplexer Systeme bis hin zur Vermarktung und Beschaffung
– mehr und bessere gemeinsame Investitionen fördern.
24
8. VERBESSERTE SICHERHEIT DURCH PARTNERSCHAFTEN
Sicherheitspolitische Herausforderungen haben häufig globale Auswirkungen und erfordern
eine internationale Zusammenarbeit. Der groß angelegte Krieg Russlands gegen die Ukraine
hat weitreichende Auswirkungen über Europa hinaus. Hybride Bedrohungen und
Cyberangriffe machen vor Grenzen nicht Halt. Dasselbe gilt für die Sicherheit im Weltraum
oder auf See. Um diesen Bedrohungen wirksam zu begegnen, muss die EU daher eng mit
internationalen Organisationen und Partnerländern zusammenarbeiten.
Die Zusammenarbeit mit Partnern ist auch für die Bewältigung der Herausforderungen der
europäischen Verteidigung und der europäischen Verteidigungsindustrie von entscheidender
Bedeutung, unter anderem im Hinblick auf die Diversifizierung der Lieferanten und die
Verringerung von Abhängigkeiten. Die breit angelegten Partnerschaften der EU in den
Bereichen Frieden, Sicherheit und Verteidigung sind eine wichtige Quelle für Stärke und
Resilienz. Die EU setzt sich weiterhin uneingeschränkt für die Förderung der internationalen
Zusammenarbeit und die Stärkung eines wirksamen Multilateralismus auf allen Ebenen ein.
Wir werden unsere passgenau zugeschnittenen Partnerschaften mit bilateralen, regionalen und
multilateralen Partnern auf der ganzen Welt in einer für beide Seiten vorteilhaften Weise weiter
ausbauen und verfeinern, um ein breites Spektrum an sicherheitspolitischen
Herausforderungen, unter anderem auch im Bereich der Fähigkeitenentwicklung und
Innovation, zu bewältigen.
Die EU wird eine mit variabler Geometrie kombinierte, offene Architektur fördern, die die
Beteiligung gleich gesinnter Partner an gemeinsamen Verteidigungsprojekten und -initiativen
ermöglicht, wie beispielsweise SSZ-Projekten, die von Fall zu Fall gefördert werden. Dies wird
zum Abbau übermäßiger Abhängigkeiten beitragen, die darauf zurückzuführen sind, dass man
sich nur auf einen oder einige wenige Anbieter wichtiger Güter, Dienstleistungen oder anderer
Vorleistungen verlässt; darüber hinaus wird auf diese Weise die wirtschaftliche Sicherheit in
Europa erhöht, und die europäischen Verteidigungsfähigkeiten und die Wettbewerbsfähigkeit
des EU-Markts für Verteidigungsgüter werden entwickelt und gefördert.
Die NATO bildet nach wie vor den Eckpfeiler der kollektiven Verteidigung ihrer Mitglieder in
Europa. Die Zusammenarbeit zwischen der EU und der NATO ist eine unverzichtbare Säule
für die Entwicklung der Sicherheits- und Verteidigungsdimension der EU. Die einzigartigen
Regelungs- und Finanzinstrumente der EU unterstützen die 23 EU-Mitgliedstaaten in der
NATO dabei, ihre Ziele im Bereich der Verteidigungsfähigkeit zu erreichen.
Eine starke transatlantische Bindung ist für die Verteidigung Europas nach wie vor von
entscheidender Bedeutung. Die Vereinigten Staaten fordern, dass Europa mehr
Verantwortung für seine eigene Verteidigung übernimmt. Diese Anstrengungen werden
fortgesetzt, um auf der vertieften und umfassenden transatlantischen Lieferkette aufzubauen,
wobei diese für beide Seiten vorteilhaft sein sollte. Der bilaterale Dialog über Sicherheit und
Verteidigung kann intensiviert werden, um die Zusammenarbeit in Bereichen wie
Cybersicherheit, maritime Sicherheit und Weltraum weiter zu stärken, Beschaffungsfragen zu
erörtern und andere Fragen von beiderseitigem Interesse anzugehen.
Das Vereinigte Königreich ist ein wichtiger europäischer Verbündeter, mit dem die
Zusammenarbeit im Bereich Sicherheit und Verteidigung im beiderseitigen Interesse verstärkt
werden sollte; dabei sollte eine potenzielle Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft den
25
Anfang bilden. Aufbauend auf den bestehenden soliden Abkommen kann – angefangen bei der
Bewältigung externer Krisen bis hin zur Industriepolitik im Verteidigungsbereich – die
bilaterale Zusammenarbeit bei Sicherheit und Verteidigung ausgeweitet werden.
Norwegen ist durch seinen Beitrag zum EU-Haushalt ein vollwertiger Partner bei den EU-
Verteidigungsprogrammen. Die kürzlich ins Leben gerufene Sicherheits- und
Verteidigungspartnerschaft bietet einen umfassenden und strukturierten politischen Rahmen
für die Stärkung des weiteren Dialogs und der Zusammenarbeit.
Unsere Zusammenarbeit mit Kanada wurde intensiviert und sollte weiter ausgebaut werden,
auch um die transatlantische Sicherheit zu stärken. Der bilaterale Sicherheits- und
Verteidigungsdialog sowie die kommende Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft bilden
die Grundlage für eine verstärkte Zusammenarbeit im Bereich der Sicherheit und Verteidigung,
unter anderen bei entsprechenden Initiativen zur Produktionsförderung in der
Verteidigungsindustrie.
Die EU sollte das für beide Seiten vorteilhafte Engagement und die Zusammenarbeit im
Sicherheits- und Verteidigungsbereich mit allen gleich gesinnten europäischen Ländern,
Erweiterungsländern und Nachbarländern (einschließlich Albanien, Island, Montenegro,
der Republik Moldau, Nordmazedonien und der Schweiz) fortsetzen, um Frieden, Sicherheit
und Stabilität auf unserem Kontinent und darüber hinaus zu fördern.
Die Türkei ist ein Kandidat für den Beitritt zur EU und ein langjähriger Partner im Bereich
der Gemeinsamen Sicherheits- und Verteidigungspolitik. Die EU wird sich weiterhin
konstruktiv für den Aufbau einer für beide Seiten vorteilhaften Partnerschaft in allen Bereichen
von gemeinsamem Interesse einsetzen, die auf einer gleichwertigen Zusage der Türkei beruht,
im Einklang mit den Schlussfolgerungen des Europäischen Rates vom April 2024 auf dem Weg
der Zusammenarbeit in allen für die EU wichtigen Fragen voranzuschreiten.
Die EU sollte auch die Möglichkeiten für eine Zusammenarbeit auf dem Gebiet der
Verteidigungsindustrie mit Partnern im indopazifischen Raum, insbesondere Japan und der
Republik Korea, mit denen im vergangenen November Sicherheits- und
Verteidigungspartnerschaften geschlossen wurden, sowie Australien und Neuseeland prüfen.
Die sicherheits- und verteidigungspolitische Zusammenarbeit mit Indien hat sich in den letzten
Jahren entwickelt, unter anderem durch regelmäßige Konsultationen auf dem Gebiet der
Sicherheit und Verteidigung. Die EU und Indien werden weiterhin eine mögliche Sicherheits-
und Verteidigungspartnerschaft prüfen. Die EU ist nach wie vor entschlossen, Frieden und
Sicherheit in der indopazifischen Region, einschließlich der maritimen Sicherheit, zu wahren,
traditionelle und nichttraditionelle Sicherheitsbedrohungen zu bekämpfen, die
Seeverbindungen zu schützen und die Freiheit der Schifffahrt zu wahren.
9. DER WEG ZUR EUROPÄISCHEN VERTEIDIGUNG
Der geopolitische Kontext und die Bedrohungslage Europas verändern sich dramatisch und in
beispielloser Geschwindigkeit. Seit dem Gipfeltreffen von Versailles im März 2022 haben sich
die Mitgliedstaaten darauf geeinigt, dass sie mehr Verantwortung für die Verteidigung
übernehmen müssen. Es wurde bereits eine Reihe von Schritten hin zu einer intensiveren
Zusammenarbeit im Verteidigungsbereich unternommen. Dennoch erfordert die Verschärfung
26
der sich für Europa abzeichnenden Bedrohungen, dass die EU fest, geeint und entschlossen,
ambitioniert und rasch handelt.
Um diesen Bedrohungen zu begegnen, wird in diesem Weißbuch ein umfassender Plan zur
Wiederaufrüstung Europas und zum Aufbau seiner Verteidigung vorgestellt; dabei werden
insbesondere folgende Sofortmaßnahmen aufgeführt:
Die Mitgliedstaaten werden aufgefordert, bis Ende April die Aktivierung der nationalen
Ausweichklausel zu beantragen.
Der Rat wird aufgefordert, den vorgeschlagenen Entwurf einer Verordnung über
Sicherheitsmaßnahmen für Europa (SAFE) dringend anzunehmen.
Die gesetzgebenden Organe werden aufgefordert, das Programm für die Europäische
Verteidigungsindustrie (EDIP) vor dem Sommer zu verabschieden, einschließlich seines
Unterstützungsinstruments für die Ukraine.
Die gesetzgebenden Organe werden aufgefordert, die Änderungen am Europäischen Fonds
für regionale Entwicklung, die bis Ende März 2025 vorgeschlagen werden, vorrangig zu
prüfen. Nach der Halbzeitüberprüfung der Kohäsionspolitik werden nationale, regionale
und lokale Behörden in der Lage sein, im Rahmen ihrer laufenden Programme freiwillig
Mittel für neue Prioritäten, einschließlich der Stärkung der Verteidigungs- und
Sicherheitsfähigkeiten, bereitzustellen.
Die Mitgliedstaaten werden aufgefordert, die gemeinsame Beschaffung von
Verteidigungsgütern im Einklang mit dem in der Europäischen Industriestrategie für den
Verteidigungsbereich (EDIS) vorgeschlagenen Ziel von mindestens 40 % rasch zu
intensivieren, auch im Rahmen des SAFE-Instruments.
Die Mitgliedstaaten werden aufgefordert, sich rasch auf eine ehrgeizige neue Initiative zur
militärischen Unterstützung der Ukraine zu einigen, die Artilleriemunition, Luftverteidigung
und „Train and Equip“ (Ausbildung und Ausrüstung) umfasst.
Die Kommission wird die Integration der ukrainischen Verteidigungsindustrie in den
Binnenmarkt fördern, die Ausweitung der Korridore für die militärische Mobilität in die
Ukraine unterstützen und den Zugang der Ukraine zu weltraumgestützten staatlichen
Diensten der EU prüfen.
Die Kommission fordert den Rat der Gouverneure der Europäischen Investitionsbank auf,
die Unterstützung für die europäische Verteidigungsindustrie dringend zu verstärken,
insbesondere durch eine weitere Einschränkung der Liste der ausgeschlossenen Tätigkeiten
und eine Aufstockung der verfügbaren Mittel.
Die Kommission wird unverzüglich einen strategischen Dialog mit der
Verteidigungsindustrie einleiten und dabei gegebenenfalls auch auf das Fachwissen der
EDA oder des Militärstabs der EU zurückgreifen.
Die Kommission wird bis Juni 2025 einen Vorschlag für eine Omnibus-Verordnung zur
Vereinfachung im Verteidigungsbereich vorlegen.
Die EU wird 2025 einen Europäischen Rüstungstechnologiefahrplan für Investitionen in
fortgeschrittene technologische Fähigkeiten mit doppeltem Verwendungszweck vorlegen.
Die Kommission und die Hohe Vertreterin werden bis Ende 2025 eine gemeinsame
Mitteilung über die militärische Mobilität, begleitet von den erforderlichen
Legislativvorschlägen, annehmen.
27
Die EU ist und bleibt ein Friedensprojekt. Sie muss in der Lage sein, ihre Bürgerinnen und
Bürger zu schützen sowie ihre Interessen und die Werte, für die sie steht, zu verteidigen. Die
Ukraine verdient weiterhin militärische Unterstützung, um sich gegen die anhaltende
militärische Aggression zu verteidigen und sicherzustellen, dass sie sich in Zukunft verteidigen
kann. Ein starker Anstieg der Verteidigungsinvestitionen hätte positive Abstrahleffekte auf die
gesamte Wirtschaft und würde in vielen Sektoren, angefangen bei der Luftfahrt über den
Schiffbau bis hin zu Stahl, Weltraumtechnologie und KI, zur Wettbewerbsfähigkeit, zur
Schaffung von Arbeitsplätzen und zur Innovation beitragen. Richtig genutzt könnte dies in
einer Welt zunehmender Bedrohungen einen wirklichen Sprung nach vorn für die
Widerstandsfähigkeit Europas bedeuten.
Europa muss mutige Entscheidungen treffen und eine Verteidigungsunion aufbauen, die durch
Einheit und Stärke den Frieden auf unserem Kontinent sicherstellt. Dies ist sie ihren NATO-
Verbündeten, der Ukraine und in erster Linie sich selbst, den europäischen Bürgerinnen und
Bürgern und den Werten, für die sie steht, schuldig. Die EU und ihre Mitgliedstaaten müssen
sich dieser historischen Herausforderung stellen.
***
Drucksache 156/25 - 28 -]
Relationen
- authored ← Europäische Kommission
- part_of_vorgang → Gemeinsames Weißbuch zur europäischen Verteidigung - Bereitschaft 2030 JOIN(2025) 120 endg.; Ratsdok. 7293/25 (Unterrichtung)