Rekrutierung und Instrumentalisierung Minderjähriger im Kontext arbeitsteiliger Organisierter Kriminalität
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Rekrutierung und Instrumentalisierung Minderjähriger im Kontext arbeitsteiliger Organisierter Kriminalität
Deutscher Bundestag Drucksache 21/4179
21. Wahlperiode 18.02.2026
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Tobias Matthias Peterka, Knuth Meyer-Soltau, Sascha Lensing,
Manfred Schiller, Gerold Otten, Gerrit Huy, Jörn König, Mirco Hanker, Joachim
Bloch, Rocco Kever, Achim Köhler, Kay-Uwe Ziegler, Dr. Michael Blos, Jan
Wenzel Schmidt, Dr. Malte Kaufmann, Dr. Christina Baum, Uwe Schulz, Edgar
Naujok, Volker Scheurell, Udo Theodor Hemmelgarn, Jörg Zirwes, Stefan Keuter,
Alexis L. Giersch und der Fraktion der AfD
Rekrutierung und Instrumentalisierung Minderjähriger im Kontext arbeitsteiliger
Organisierter Kriminalität
Aktuelle Lagebilder zur Organisierten Kriminalität (OK) beschreiben eine
fortschreitende Professionalisierung, Internationalisierung sowie eine zunehmende
Arbeitsteilung krimineller Strukturen. Hervorgehoben werden dabei flexible,
dienstleistungsorientierte Geschäftsmodelle, in denen einzelne Tatbeiträge
ausgelagert, spezialisierte Rollen übernommen und Risiken gezielt verlagert
werden. Organisierte Kriminalität tritt damit nicht mehr ausschließlich als klar
abgrenzbare Tätergruppe in Erscheinung, sondern zunehmend als dynamisches
Netzwerk arbeitsteiliger Akteure.
Solche Strukturen eröffnen kriminellen Netzwerken die Möglichkeit, operative
Risiken zu minimieren, Verantwortlichkeiten zu verschleiern und
Strafverfolgungsdruck von den steuernden oder profitierenden Akteuren fernzuhalten.
Internationale Entwicklungen deuten darauf hin, dass in diesem Kontext verstärkt
auch Minderjährige – teils sehr junge oder unterhalb der Strafmündigkeit – zur
Begehung von Straftaten angeworben, gesteuert oder unter Druck gesetzt
werden (www.lto.de/recht/nachrichten/n/bka-lagebild-zum-drogengeschaeft-in-deu
tschland). Diese Praxis kann sowohl eine besondere Herausforderung für die
Strafverfolgung darstellen als auch erhebliche Risiken für den Schutz und die
Entwicklung der betroffenen Kinder und Jugendlichen bergen.
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob und in welchem Umfang die
Rekrutierung und Instrumentalisierung Minderjähriger als Bestandteil
arbeitsteiliger OK-Strukturen auch in Deutschland eine Rolle spielt, welche
Erkenntnisse hierzu vorliegen und welche strategischen Schlussfolgerungen die
Bundesregierung daraus für die Bekämpfung Organisierter Kriminalität zieht.
Gegenstand der vorliegenden Kleinen Anfrage sind ausschließlich aggregierte und
strategische Erkenntnisse, operative Details zu einzelnen Ermittlungsverfahren
werden ausdrücklich nicht verlangt.
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung darüber vor, dass
Minderjährige von organisierten kriminellen Strukturen gezielt zur Begehung
von Straftaten angeworben, eingesetzt oder gesteuert werden, und in
welchen Deliktsfeldern werden solche Phänomene beobachtet?
2. In wie vielen Ermittlungsverfahren mit Bezug zur Organisierten
Kriminalität seit dem Jahr 2020 wurden Minderjährige als Tatverdächtige oder
Tatbeteiligte erfasst (bitte nach Jahren sowie nach den Altersgruppen 0 bis
13 Jahre, 14 bis 15 Jahre und 16 bis 17 Jahre aufschlüsseln)?
3. In wie vielen dieser Verfahren lagen nach Einschätzung der
Strafverfolgungsbehörden Hinweise darauf vor, dass Minderjährige im Auftrag,
unter Anleitung oder unter Kontrolle älterer Tatverdächtiger oder
organisierter krimineller Strukturen handelten?
4. Welche typischen Tatbeiträge übernehmen Minderjährige nach
Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden innerhalb arbeitsteiliger OK-Strukturen,
etwa im Bereich von Kurier- und Botentätigkeiten, Drogenhandel,
Gewalt- oder Einschüchterungshandlungen, logistischen Aufgaben oder
digitalen Tätigkeiten?
5. Welche Rekrutierungswege und Einflussfaktoren werden nach Kenntnis
der Bundesregierung besonders häufig genutzt, um Minderjährige in
kriminelle Aktivitäten einzubinden, beispielsweise über soziale Medien,
digitale Kommunikationsdienste, soziale oder schulische Umfelder,
familiäre Bindungen, finanzielle Abhängigkeiten oder Bedrohungslagen?
6. Inwieweit sieht die Bundesregierung Anhaltspunkte dafür, dass
Minderjährige gezielt eingesetzt werden, um Strafverfolgungsdruck auf steuernde
oder profitierende Akteure zu reduzieren oder Verantwortlichkeiten
innerhalb arbeitsteiliger OK-Strukturen zu verschleiern?
7. Welche besonderen Herausforderungen ergeben sich aus Sicht der
Bundesregierung für die Identifizierung und Verfolgung der verantwortlichen
Hintermänner, wenn Minderjährige – insbesondere strafunmündige
Kinder – als ausführende Tatbeteiligte eingesetzt werden?
8. Welche Ermittlungs- und Analyseansätze werden nach Kenntnis der
Bundesregierung genutzt oder weiterentwickelt, um in solchen
Konstellationen dennoch die steuernden oder profitierenden Personen innerhalb
organisierter krimineller Strukturen zu identifizieren und zu verfolgen?
9. Welche Rolle spielen nach Einschätzung der Bundesregierung digitale
Kommunikations- und Infrastruktursysteme bei der Anwerbung,
Steuerung oder Kontrolle minderjähriger Tatbeteiligter, und seit wann werden
entsprechende Entwicklungen beobachtet?
10. Welche bundeseinheitlichen Erfassungs- oder Analyseansätze bestehen
derzeit, um die Rekrutierung oder den Einsatz Minderjähriger im Kontext
Organisierter Kriminalität systematisch zu erkennen und auszuwerten?
11. Wenn bislang keine bundeseinheitliche Erfassung oder geeignete
Indikatoren bestehen, beabsichtigt die Bundesregierung, im Rahmen ihrer
Zuständigkeiten entsprechende Auswertungen oder Standards anzustoßen, und
wenn ja, mit welchem zeitlichen Horizont?
12. Welche präventiven oder frühinterventiven Ansätze unterstützt oder
koordiniert die Bundesregierung, um Minderjährige vor einer Rekrutierung
oder Instrumentalisierung durch organisierte kriminelle Strukturen zu
schützen?
13. Inwieweit werden minderjährige Tatbeteiligte im Kontext Organisierter
Kriminalität nach Kenntnis der Bundesregierung zugleich als mögliche
Opfer von Ausbeutung, Nötigung oder Abhängigkeitsverhältnissen
betrachtet, und welche Schutz- oder Ausstiegsperspektiven werden hierbei
berücksichtigt?
14. Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung zu vergleichbaren
Entwicklungen in anderen europäischen Staaten vor, und welche
Schlussfolgerungen zieht sie daraus für die strategische Bekämpfung der
Organisierten Kriminalität in Deutschland?
15. Misst die Bundesregierung der Rekrutierung und Instrumentalisierung
Minderjähriger einen eigenständigen Stellenwert als Indikator moderner,
arbeitsteiliger OK-Strukturen bei, und wie spiegelt sich dies in der
strategischen Ausrichtung der OK-Bekämpfung wider?
Berlin, den 17. Februar 2026
Dr. Alice Weidel, Tino Chrupalla und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333
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