Vorhaben der Bundesregierung zur Stärkung des Europäischen Forschungsraums
Text
Vorhaben der Bundesregierung zur Stärkung des Europäischen Forschungsraums
[Deutscher Bundestag Drucksache 21/2016
21. Wahlperiode 15.10.2025
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Ayse Asar, Dr. Andrea Lübcke, Claudia Müller, Dr. Anja
Reinalter, Misbah Khan, Dr. Sandra Detzer, Julian Joswig, Chantal Kopf und der
Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Vorhaben der Bundesregierung zur Stärkung des Europäischen
Forschungsraums
Der Europäische Forschungsraum (ERA) wurde im Jahr 2000 durch die
Europäische Kommission mit dem Ziel geschaffen, einen Binnenmarkt für
Forschung, Technologie und Innovation in Europa zu schaffen, Mobilität und
Kooperation von Forschenden zu erleichtern sowie nationale und europäische
Forschungs- und Innovationspolitiken enger zu verzahnen. Seine
Weiterentwicklung erfolgt durch mehrjährige ERA Policy Agendas, zuletzt für den
Zeitraum von 2025 bis 2027 mit insgesamt 19 Maßnahmen (https://eur-lex.europ
a.eu/legal-content/DE/TXT/PDF/?uri=OJ:C_202503593). Acht dieser
Maßnahmen sind als kurzfristige „ERA Actions“ auf die Laufzeit von drei Jahren
angelegt, während die übrigen längerfristigen „Structural Policies“ zentrale
Reformfelder der europäischen Forschungs- und Innovationspolitik adressieren. Die
Umsetzung erfolgt auf Grundlage freiwilliger Beteiligung der Mitgliedstaaten
(„variable Geometrie“). Eine zentrale Herausforderung besteht darin, dass die
Agenda zwar Leitlinien und Meilensteine vorgibt, die Bundesregierung aber
bisher keinen verbindlichen Zeitplan und keine konkreten Zusagen vorgelegt
hat. Ein rechtlich verbindlicher Rahmen soll erst mit dem geplanten ERA Act
geschaffen werden, dessen Verabschiedung für die zweite Jahreshälfte 2026
vorgesehen ist. Für Deutschland bildet der 2023 verabschiedete Nationale
Aktionsplan für den Europäischen Forschungsraum die Grundlage der Mitwirkung
an der ERA Policy Agenda (www.bmftr.bund.de/SharedDocs/Downloads/DE/2
023/231114-nationaler-aktionsplan-erf.pdf?__blob=publicationFile&v=4). Er
formuliert drei Leitlinien – „innovativ“, „exzellent“ und „frei“ – sowie sechs
Handlungsfelder, die unter anderem technologische Souveränität, Mobilität,
Exzellenzförderung und internationale Kooperation umfassen. Der Aktionsplan
ist bis 2027 angelegt, sieht jedoch regelmäßige Überprüfung und
Weiterentwicklung durch das Forum.EU und andere Monitoring-Instrumente vor.
Darüber hinaus weist der Europäische Rechnungshof auf strukturelle
Koordinationsprobleme hin: Kohäsionsmittel (Europäischer Fonds für regionale Entwicklung
– EFRE), die sich an regionalen Strategien für intelligente Spezialisierung (S3)
orientieren, verlaufen bislang weitgehend unabhängig von den EU-weiten
Prioritäten von Horizon Europe, die stark auf Schlüsseltechnologien fokussieren
(www.eca.europa.eu/ECAPublications/RV-2025-05/RV-2025-05_DE.pdf).
Auch die deutsche Hightech-Agenda ist aus Sicht der Fragestellerinnen und
Fragesteller bislang nicht kohärent in europäische Gesamtstrategien eingebettet.
Diese mangelnde Kohärenz könnte das Risiko ineffizienter Mittelverwendung
bergen und die angestrebte technologische Souveränität Europas schwächen.
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Wie bewertet die Bundesregierung den Beschluss der ERA Policy Agenda
2025 – 2027 durch den Rat der Europäischen Union, insbesondere mit
Blick auf deren Schwerpunktsetzung auf die 19 Maßnahmen, und
inwiefern finden sich diese in den strategischen Zielen der deutschen
Forschungspolitik wieder?
2. Wie gestaltet die Bundesregierung die freiwillige Zusammenarbeit
(„variable Geometrie“) in Bezug auf die ERA Policy Agenda 2025 – 2027
praktisch aus?
3. Wie schätzt die Bundesregierung das Potenzial einer Steigerung bezüglich
der deutschen und europäischen Wettbewerbsfähigkeit und strategischen
Autonomie durch die Stärkung des ERA ein, und mithilfe welcher
Maßnahmen wird diese konkret forciert?
4. Plant die Bundesregierung, den Nationalen Aktionsplan für den
Europäischen Forschungsraum aus dem Jahr 2023 im Lichte der ERA Policy
Agenda 2025 – 2027 zu überarbeiten oder zu ergänzen, und wenn ja,
wann?
5. Wie bewertet die Bundesregierung den Nationalen Aktionsplan für den
Europäischen Forschungsraum aus der vergangenen Legislaturperiode mit
Blick auf Reichweite, Zielerreichung und Umsetzungsergebnisse, hat eine
Evaluation stattgefunden, und wenn ja, mit welchem Ergebnis?
6. Welche konkrete Rolle nimmt das Forum.EU im Hinblick auf das
Monitoring, die Steuerung und die Weiterentwicklung des Nationalen
Aktionsplans ein?
7. Auf welche bestehenden nationalen Steuerungsstrukturen und Gremien
stützt sich das Forum.EU organisatorisch und inhaltlich?
8. Welche Akteure (z. B. Bundesressorts, Bundesländer,
Forschungsorganisationen, Sozialpartner, Vertreterinnen und Vertreter aus Wirtschaft und
Zivilgesellschaft) werden durch das Forum.EU in die Stärkung des
Europäischen Forschungsraums eingebunden (bitte vollständig auflisten)?
9. Wie bewertet die Bundesregierung die Reichweite und Angemessenheit
dieser Akteursbeteiligung im Hinblick auf die Einbindung relevanter
Stakeholder aus Forschung, Innovation und Gesellschaft?
10. Welche Beschlüsse oder Empfehlungen hat das Forum.EU seit seiner
Einrichtung gefasst, und welche Ergebnisse sind daraus für die
Weiterentwicklung des Nationalen Aktionsplans hervorgegangen?
11. Wie bewertet die Bundesregierung die vom Europäischen Rechnungshof
festgestellte fehlende formale Koordination zwischen regionalen S3-
Strategien (EFRE) und den EU-Prioritäten von Horizon Europe?
12. Welche konkreten Maßnahmen plant die Bundesregierung, um
sicherzustellen, dass deutsche S3-Prioritäten die strategischen EU-Ziele
unterstützen?
13. Sieht die Bundesregierung einen Zielkonflikt darin, dass regionale
Bottom-up-Ansätze (EFRE) und Top-down-Prioritäten (Horizont Europa)
unkoordiniert nebeneinanderlaufen?
14. Welche rechtlichen oder administrativen Hindernisse bestehen in
Deutschland für eine bessere Synergie zwischen EFRE und Horizon Europe?
15. Wird Deutschland im Rat der Europäischen Union Reformen vorschlagen,
um die Koordination zwischen Kohäsions- und Forschungspolitik zu
verbessern, und wenn ja, welche?
16. Welche Rolle misst die Bundesregierung dem Europäischen
Wettbewerbsfähigkeitsfonds (ECF) im Hinblick auf die Weiterentwicklung und
Stärkung des Europäischen Forschungsraums bei?
17. Wie bewertet die Bundesregierung die Diskussion um eine mögliche
Nutzung von Mitteln aus dem ECF für die europäische Grundlagenforschung?
18. Welche Position vertritt die Bundesregierung in den europäischen
Verhandlungen dazu, ob die Grundlagenforschung neben Horizon Europe
auch über den ECF finanziert werden sollte?
19. Welche der acht ERA-Actions sind für die Bundesregierung prioritär, und
wie sollen diese bis 2027 umgesetzt werden?
20. Wie stellt die Bundesregierung sicher, dass die in der ERA Policy Agenda
2025 – 2027 vorgesehene Koordination von Forschungs- und
Innovationsanstrengungen mit dem industriellen Wandel tatsächlich zur Förderung
von Synergien mit anderen politischen Strategien beiträgt und die
Entwicklung einer kreislauforientierteren sowie resilienteren Wirtschaft in
Deutschland unterstützt?
21. Wie wird sichergestellt, dass Deutschland bei den längerfristigen
„Structural Policies“ nicht hinter anderen Mitgliedstaaten zurückfällt?
22. Welche Verfahren und Kriterien nutzt die Bundesregierung zur Auswahl
deutscher Forschungsinfrastrukturprojekte für die ESFRI-Roadmap (ESF-
RI = European Strategy Forum on Research Infrastructures)?
23. Plant die Bundesregierung, Erfahrungen aus dem ESFRI-Prozess und der
ERA Policy Agenda in die Verhandlungen zum geplanten ERA Act 2026
einzubringen?
24. Welche konkreten Beiträge sieht die Bundesregierung vor, um durch den
ERA Act 2026 die Wettbewerbsfähigkeit und technologische Souveränität
Deutschlands und Europas zu stärken?
Berlin, den 15. Oktober 2025
Katharina Dröge, Britta Haßelmann und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333]
Relationen
- asked ← Andrea Lübcke (Kleine Anfrage)
- asked ← Anja Reinalter (Kleine Anfrage)
- asked ← Ayse Asar (Kleine Anfrage)
- asked ← Chantal Kopf (Kleine Anfrage)
- asked ← Claudia Müller (Kleine Anfrage)
- asked ← Julian Joswig (Kleine Anfrage)
- asked ← Misbah Khan (Kleine Anfrage)
- asked ← Sandra Detzer (Kleine Anfrage)
- authored ← Andrea Lübcke
- authored ← Ayse Asar
- authored ← Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
- part_of_vorgang → Vorhaben der Bundesregierung zur Stärkung des Europäischen Forschungsraums (Kleine Anfrage)