Niedrigwasser und Gütertransporte auf der Elbe
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Niedrigwasser und Gütertransporte auf der Elbe
[Deutscher Bundestag Drucksache 21/1986
21. Wahlperiode 06.10.2025
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Steffi Lemke, Tarek Al-Wazir, Linda Heitmann, Dr. Jan-Niclas
Gesenhues, Julia Schneider, Harald Ebner, Lisa Badum, Dr. Andrea Lübcke und
der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Niedrigwasser und Gütertransporte auf der Elbe
Die Elbe ist als einer der letzten weitgehend naturnahen Ströme Mitteleuropas
von enormer Bedeutung für den Wasserhaushalt und die Artenvielfalt. Sie
beherbergt den größten Teil der noch in Deutschland vorkommenden
Hartholzauen.
Die Elbe gehört zu den ökologisch wertvollsten, zu den artenreichsten und
zugleich am stärksten gefährdeten Biotopen unserer Landschaft. Fast die gesamte
Länge der Elbe und ihrer begleitenden Auen sind als Natura-2000-Gebiete
ausgewiesen.
Zugleich ist die Elbe Bundeswasserstraße und die Binnenschifffahrt im
Verkehrsträgervergleich eines der klimafreundlichsten Transportmittel. Jedoch hat
die Elbe in den vergangenen Jahren zunehmend an Bedeutung für den
Gütertransport verloren. Häufige Niedrigwasserperioden führen dazu, dass eine
planbare und verlässliche Schifffahrt auf der Elbe, insbesondere hinter Hamburg,
nur noch schwer möglich ist. Berichten zufolge hat im Februar 2025 die wohl
letzte verbliebene Binnenschifffahrtsreederei auf tschechischer Seite, die ČSPL
(Rhenus Partners hip-ČSPL, sro), Insolvenz angemeldet (vgl. www.cspl.cz/).
Damit stellt sich die Frage, ob und in welchem Ausmaß künftig überhaupt noch
eine nennenswerte Güter- und auch generell gewerbliche Schifffahrt auf der
Elbe wird betrieben werden können.
Bis 2021 wurden die Gütertransporte auf der Elbe an der Zählstelle Magdeburg
statistisch erfasst, sowohl nach Anzahl der Schiffe als auch nach transportierten
Gütern. Diese Erhebungen wurden nach Kenntnis der Fragestellenden
eingestellt, sodass eine kontinuierliche statistische Erfassung von Gütertransporten
über die letzten Jahrzehnte unterbrochen wurde. Aktuelle, transparent
nachvollziehbare und verlässliche Daten über die Binnenschifffahrt auf der Elbe aus
einer Hand fehlen derzeit.
Parallel wird seit Jahren über den Ausbau einzelner Hafenstandorte, etwa des
Containerhafens Riesa, diskutiert. Trotz geplanter Investitionen legen dort laut
dem BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland) Sachsen und
dem örtlichen Bürgerverein Riesa 2018 e. V. seit geraumer Zeit keine
Containerschiffe mehr an. Nach Kenntnis der Fragestellenden werden auch Planungen
zur Vertiefung einzelner Abschnitte der Elbe weitergeführt, obwohl belastbare
Bedarfs- und Kosten-Nutzen-Analysen fehlen und mit dem Elbe-Seitenkanal
(ESK) bereits eine leistungsfähige Alternative besteht.
Zudem werden seit November 2024 direkt an der Kernzone eines Natura-2000-
Gebiets in der Elbaue bei Steckby Baumaßnahmen durchgeführt, die nach
bisherigem Informationsstand der Fragestellenden eine bessere Schiffbarkeit
ermöglichen sollen. Dies wirft jedoch die Frage auf, wie solche Eingriffe in den
natürlichen Flusslauf mit europäischem und nationalem Naturschutzrecht
vereinbar sind und inwieweit dadurch geschützte Lebensräume und Arten
gefährdet werden.
Vor diesem Hintergrund ergeben sich Fragen zur aktuellen und künftigen Rolle
der Elbe für die Binnenschifffahrt, insbesondere auch in Hinblick auf
Großraum- und Schwerguttransporte.
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Ist der Bundesregierung bekannt, dass die Binnenschifffahrtsreederei
ČSPL im Februar Insolvenz angemeldet und zum 30. April 2025 den
Geschäftsbetrieb aufgelöst hat, die Belegschaft entlassen wurde und die
verbliebenen Schiffe verschrottet oder verkauft worden sind?
2. Sind der Bundesregierung die Ursachen für die Insolvenz dieser Reederei
bekannt?
3. Welche Reedereien wollen nach Kenntnis der Bundesregierung künftig
Binnenschifffahrt auf der Elbe betreiben, mit welchen Schiffen,
Gütermengen (Tonnen), Güterart, Ziel- und Ausgangsorten ist nach Ansicht der
Bundesregierung zu rechnen?
4. Welche Unternehmen sind nach Kenntnis der Bundesregierung auf die
Elbe als Transportweg angewiesen, in welchem Umfang bzw. mit welcher
Häufigkeit fanden Transporte in den Jahren von 2020 bis gegenwärtig
statt (bitte nach Jahren und Unternehmen aufschlüsseln), welche Größe,
welches Gewicht und welche Ausmaße haben bzw. hatten die Güter, und
welche Fahrrinnentiefen werden bzw. wurden benötigt?
5. Welche jährlichen Frachten wurden von 1990 bis 2005 und von 2010 bis
gegenwärtig getrennt nach den Elbeabschnitten a) Lauenburg bis
Magdeburg und b) Magdeburg bis Schmilka auf der Elbe transportiert?
6. Wie verteilen sich nach Kenntnis der Bundesregierung die Umschläge der
klassischen Massenguttransporte in den Elbehäfen hierbei auf Bahn, Lkw
und Elbelastschifffahrt?
7. Welche alternativen Transportwege werden nach Kenntnis der
Bundesregierung in Zeiten von Niedrigwasser genutzt?
8. Welche Frachten wurden von 2010 bis gegenwärtig jährlich auf dem Elbe-
Seitenkanal transportiert?
9. Aus welchen Gründen wurde – nach Kenntnis der Fragestellenden – die
Erhebung des Gütertransports an der Zählstelle Magdeburg ausgesetzt,
wann wird die Erhebung des Gütertransports wieder aufgenommen, und
wenn dies nicht geplant ist, mit welcher Begründung?
10. Wie soll nach Ansicht der Bundesregierung künftig erfasst werden, ob und
in welchem Umfang noch Binnenschifffahrt auf der Elbe stattfindet, und
wie plant die Bundesregierung diese Daten der Öffentlichkeit
nachvollziehbar zugänglich zu machen?
11. Ist der Bundesregierung bekannt, dass die Wasserstandsdaten und
Abflüsse des gültigen Bezugswasserstands (Gleichwertiger Wasserstand (GlW)
2010), auf deren Grundlage aktuelle Planungs- und Baumaßnahmen
durchgeführt werden, aus dem Zeitraum von 1991 bis 2010 stammen und
dass sich seither die Niedrigwasserextreme hinsichtlich Dauer und
Intensität für die Schiffbarkeit der Elbe weiter ungünstig entwickelt haben?
12. An wie vielen Tagen wurde der GlW 2010 in der Periode 2011 bis
gegenwärtig in jedem Jahr unterschritten (bitte nach Elbstrecken und Jahren
aufschlüsseln)?
13. An wie vielen Tagen wurde in denselben Jahren die angestrebte
Fahrrinnentiefe von 1,40 Meter unterschritten (bitte nach Elbstrecken und Jahren
aufschlüsseln)?
14. Ist der GlW 2010, der laut deutsch-tschechischem Regierungsabkommen
regelmäßig alle zehn Jahre aktualisiert werden soll, im Jahr 2020
aktualisiert worden?
a) Wenn nein, mit welcher Begründung?
b) Für welchen Zeitpunkt ist die nächste Aktualisierung vorgesehen?
15. Welche Kenntnisse hat die Bundesregierung über Prognosen, wie sich die
Unterhaltskosten zur Erreichung des GlW für den Zeitraum von 2025 bis
2050 unter den aktualisierten Abflussbedingungen entwickeln wird?
16. Ist der Bundesregierung bekannt, dass laut dem BUND Sachsen und dem
örtlichen Bürgerverein Riesa 2018 e. V. seit über vier Jahren keine
Container mehr im Hafen Riesa von Binnenschiffen und auf Binnenschiffe
umgeschlagen worden sind?
17. Sind der Bundesregierung Hafenstandorte ohne Kanalanbindung an der
Mittel- und Oberelbe bekannt, wo noch regelmäßiger Containerumschlag
von und auf Schiffe stattfindet (bitte Angaben zur Anzahl der
umgeschlagenen Container in TEU machen und nach Häfen und Jahren (2020 bis
2024) aufschlüsseln)?
18. Wie hoch sind die Kosten für den geplanten Ausbau des Containerhafens
in Riesa, und wie hoch ist die Förderung durch den Bund?
a) Gibt es eine aktuelle Bedarfsanalyse, die berücksichtigt, dass laut dem
BUND Sachsen und dem örtlichen Bürgerverein Riesa 2018 e. V. kein
Containerumschlag mehr von dem und auf das Schiff stattfindet?
b) Was ist das Ergebnis der Kosten-Nutzen-Analyse, und wie bewertet
die Bundesregierung die Wirtschaftlichkeit des geplanten Ausbaus des
Containerhafens Riesa?
19. Beabsichtigt die Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung (WSV) bzw.
die Generaldirektion Wasserstraßen und Schifffahrt (GDWS),
Fördermittel zu bewilligen, auch wenn kein trimodaler Umschlag bzw. kein
Umschlag über die Wasserstraße stattfindet?
20. Wie soll nach Auffassung der Bundesregierung grundsätzlich
Binnenschifffahrt auf der Elbe angesichts der gravierenden und zunehmenden
Niedrigwasserperioden gewährleistet werden?
21. Welche konkreten Baumaßnahmen werden seit November 2024 im
Bereich des Naturschutzgebietes (NSG) Steckby-Lödderitzer Forst am
Elbkilometer 280 durchgeführt, und welchem Zweck dienen sie?
22. Wenn Frage 21 mit Ja beantwortet wird, welche Kosten verursachen diese
Baumaßnahmen insgesamt?
23. Wenn Frage 21 mit Ja beantwortet wird, wie bewertet die
Bundesregierung ggf. diese Maßnahmen in Hinblick auf die Verpflichtungen nach der
Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie und den Schutzstatus des Natura-2000-
Gebiets?
24. Wenn Frage 21 mit Ja beantwortet wird, welche Auswirkungen erwartet
die Bundesregierung auf die dort vorkommenden Lebensraumtypen und
Arten?
25. a) Wie schätzt die Bundesregierung die Auswirkungen der
kontinuierlichen Ausbaggerungen zur Erreichung der Fahrrinnentiefe zwischen
Hamburg und der Elbmündung auf Naturschutz und Artenvielfalt ein?
b) Gibt es laufende oder geplante Maßnahmen der Bundesregierung, um
insbesondere dem Sauerstoffmangel, der vor allem in den
Trockenmonaten zu Fischsterben in der Elbe führen kann, entgegenzuwirken,
wenn ja, welche, und wenn nein, warum nicht?
26. Wenn Frage 21 mit Ja beantwortet wird, welche Auswirkungen auf die
Gütertransporte auf der Elbe erwartet die Bundesregierung in den
nächsten zehn Jahren durch die Baumaßnahmen im Bereich des
Naturschutzgebietes Steckby-Lödderitzer Forst?
27. Wenn Frage 21 mit Ja beantwortet wird, wurden für die Maßnahmen
Umweltverträglichkeitsprüfungen bzw. Verträglichkeitsprüfungen nach
Artikel 6 Fauna-Flora-Habitat (FFH)-Richtlinie durchgeführt?
a) Wenn ja, mit welchen Ergebnissen, und wenn nein, warum nicht?
b) Wurde eine Genehmigung durch die zuständige Naturschutzbehörde
eingeholt?
c) Wurde die zuständige Naturschutzbehörde über die Baumaßnahmen
informiert?
d) Warum wurden die Baumaßnahmen während der Brutzeit
durchgeführt?
28. Welche ggf. weiteren wasserbaulichen Maßnahmen (zur Verbesserung der
Schiffbarkeit) sind nach Kenntnis der Bundesregierung in Natura-2000-
Gebieten entlang der Elbe geplant?
29. Wie hat sich die Tiefenerosion, die zur weiteren Austrocknung der
Landschaft führt und das größte ökologische Problem der Flusslandschaft Elbe
darstellt, in den letzten zehn Jahren entwickelt im Vergleich zum Jahr
1888 (Fortführung der Wasserspiegellagenentwicklung über den
Vergleichszeitraum 1888/2024)?
30. Plant die Bundesregierung Maßnahmen, um die Tiefenerosion der Elbe zu
stoppen und um die Austrocknung natürlicher und landwirtschaftlich
genutzter Flächen zu stoppen, wenn ja, welche, und wenn nein, warum
nicht?
31. Welche Unterhaltskosten fielen in den Jahren 2010 bis gegenwärtig für die
Elbe an, und wie verteilen sich diese auf die Elbabschnitte Lauenburg–
Magdeburg und Magdeburg–Schmilka?
32. Wie begründet die Bundesregierung a) die Unterhaltung und b) erhaltende
Baumaßnahmen der Strecke zwischen Lauenburg (Einmündung des Elbe-
Seitenkanals) und Magdeburg, vor dem Hintergrund, dass eine sichere
ganzjährig befahrbare Schifffahrtsstrecke durch den Elbe-Seitenkanal zur
Verfügung steht?
Berlin, den 23. September 2025
Katharina Dröge, Britta Haßelmann und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333]
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