Zwölfter Bericht des Ausschusses für Finanzstabilität zur Finanzstabilität in Deutschland
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Zwölfter Bericht des Ausschusses für Finanzstabilität zur Finanzstabilität in Deutschland
[Deutscher Bundestag Drucksache 21/740
21. Wahlperiode 01.07.2025
Unterrichtung
durch die Bundesregierung
Zwölfter Bericht des Ausschusses für Finanzstabilität zur
Finanzstabilität in Deutschland
Inhal tsverzeichnis
Seite
Vorwort ......................................................................................................... 2
1 Zusammenfassung ............................................................................. 3
2 Risikolage im deutschen Finanzsystem ........................................... 5
2.1 Entwicklung des makrofinanziellen Umfelds ..................................... 5
2.2 Risikolage im deutschen Bankensektor ............................................... 9
2.3 Risikolage im deutschen Versicherungssektor .................................... 15
2.4 Risikolage im deutschen Investmentfondssektor ................................ 17
2.5 Vom Immobilienmarkt ausgehende Risiken ....................................... 18
2.6 Diskussion zu makroprudenziellen Instrumenten ............................... 23
2.7 Weitere Themen .................................................................................. 23
3 Zusammenarbeit mit dem Europäischen Ausschuss für
Systemrisiken ..................................................................................... 26
Anhang .......................................................................................................... 27
A | Mitglieder des Ausschusses für Finanzstabilität ...................................... 27
B | Sitzungstermine im Berichtszeitraum ....................................................... 27
Zugeleitet mit Schreiben des Bundesministeriums der Finanzen vom 1. Juli 2025 gemäß § 2 Absatz 9 des
Finanzstabilitätsgesetzes.
Vorwort
Der Ausschuss für Finanzstabilität (AFS) ist das zentrale Gremium der makroprudenziellen Überwachung in
Deutschland. Er wurde Anfang 2013 durch das Gesetz zur Überwachung der Finanzstabilität eingerichtet. Im AFS
sind das Bundesministerium der Finanzen (BMF), die Deutsche Bundesbank (Bundesbank) und die Bundesanstalt
für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) mit jeweils drei stimmberechtigten Personen vertreten. Hinzu kommt
das für den Geschäftsbereich Abwicklung zuständige Mitglied des Direktoriums der BaFin ohne Stimmrecht. Der
AFS tagt in der Regel einmal pro Quartal.
Der AFS erörtert auf Grundlage von Analysen der Bundesbank Sachverhalte, die bedeutend für die Stabilität des
deutschen Finanzsystems sind. Unter Stabilität des Finanzsystems (Finanzstabilität) versteht der AFS einen
Zustand, in dem das Finanzsystem jederzeit in der Lage ist, seine zentralen volkswirtschaftlichen Funktionen zu
erfüllen – gerade auch im Falle von unvorhersehbaren Ereignissen, in Stressphasen sowie während struktureller
Umbrüche. Diese Funktionen umfassen die Kreditvergabe und das Anlegen von Ersparnissen, eine angemessene
Verteilung von Risiken sowie die Abwicklung von Zahlungen, Wertpapier- und Derivategeschäften.
Die Überwachung der Finanzstabilität durch den AFS dient dazu, zyklische und strukturelle Verwundbarkeiten
im deutschen Finanzsystem zu identifizieren, zu bewerten und zu verringern. Außerdem zielt sie darauf ab, die
Widerstandsfähigkeit des Finanzsystems zu stärken. Der AFS überwacht alle Bereiche des Finanzsystems, von
denen Gefahren für die Finanzstabilität in Deutschland ausgehen können. Er kann Warnungen und Empfehlungen
aussprechen, um diesen Gefahren entgegenzuwirken. Die Evaluierung makroprudenzieller Maßnahmen ist ein
weiterer zentraler Bestandteil des Politikzyklus, da die makroprudenzielle Politik präventiv ausgerichtet ist und
die Maßnahmen unter Unsicherheit ergriffen werden.
Der AFS bildet zudem die Schnittstelle zur makroprudenziellen Überwachung in Europa. Er ist Ansprechpartner
für den Europäischen Ausschuss für Systemrisiken (European Systemic Risk Board, ESRB) und die
makroprudenziellen Behörden der anderen Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU). Er informiert den ESRB über
seine Warnungen und Empfehlungen und berät über Warnungen und Empfehlungen des ESRB, die Deutschland
betreffen.
Der AFS legt dem Deutschen Bundestag hiermit seinen zwölften Bericht über die Lage und die Entwicklung der
Finanzstabilität in Deutschland sowie über seine Tätigkeit vor und kommt so seiner gesetzlichen Verpflichtung
nach. Der Bericht bezieht sich auf den Zeitraum von April 2024 bis März 2025. Entwicklungen nach dem
Berichtszeitraum sind nicht erfasst, wie zum Beispiel die Bekanntgabe der US-Zollanhebung im April 2025.
Im Anhang dieses Berichts sind die Mitglieder und die Sitzungstermine des AFS im Berichtszeitraum aufgeführt.
1 Zusammenfassung
Der Ausschuss diskutierte im Berichtszeitraum vom 1. April 2024 bis 31. März 2025, wie sich das
makrofinanzielle Umfeld und die Risikolage im deutschen Finanzsystem entwickelt haben, sowie die makroprudenzielle
Politik.1 Insgesamt war die konjunkturelle Entwicklung in Deutschland schwach. Verwundbarkeiten nahmen langsam
ab, blieben aber substanziell. Trotzdem erwies sich das Finanzsystem als widerstandsfähig.
Makrofinanzielles Umfeld
Hohe Unsicherheiten, eine global mäßige Wachstumsdynamik und graduell sinkende Zinsen prägten das
makrofinanzielle Umfeld. Das globale Wachstum stabilisierte sich auf mäßigem Niveau. Die Schwächephase der
deutschen Wirtschaft setzte sich fort. Im Gesamtjahr 2024 ging die Wirtschaftsleistung in Deutschland um 0,2 %
zurück, der Wachstumsausblick für das Jahr 2025 hat sich deutlich eingetrübt. Global sanken die Inflationsraten,
gleichzeitig verlangsamte sich ihr Rückgang. Auch in Deutschland ging die Inflationsrate weiter zurück. Ab Mitte
2024 begannen mehrere Zentralbanken, die Leitzinsen zu senken. Hohe Unsicherheiten prägten das
makrofinanzielle Umfeld. Gründe hierfür waren der anhaltende russische Angriffskrieg auf die Ukraine und der Konflikt im
Nahen Osten, aber auch die politischen Entwicklungen in Frankreich. Die überraschende Ankündigung von
Neuwahlen in Frankreich im Juni 2024, der Regierungswechsel sowie die Ratingabsenkung des Landes im Dezember
2024 lösten erhebliche Marktreaktionen aus. Die US-Präsidentschaftswahl im November 2024 und die
Maßnahmen der neuen US-Regierung im Jahr 2025 sorgten ebenfalls für wirtschafts- und geopolitische Unsicherheiten.
Trotz hoher Unsicherheiten stiegen die ohnehin hohen Bewertungen an den Finanzmärkten zunächst weiter an.
Phasen hoher Marktvolatilität hielten nur kurz an. Zum Ende des Berichtszeitraums führten jedoch die
wachsenden Sorgen um die amerikanische Konjunktur und gestiegene Unsicherheiten zu Kursverlusten, insbesondere am
US-Aktienmarkt. Trotz dieser Korrekturen blieb das Rückschlagpotenzial an den Finanzmärkten weiterhin
überdurchschnittlich hoch.
Die öffentlichen Schuldenstandsquoten mehrerer europäischer Staaten sind hoch und in einigen Fällen sogar
gestiegen, Staaten und ihre Finanzpolitik bleiben vielfältig gefordert. Angesichts der zu erwartenden höheren
Verteidigungsausgaben hat der Druck auf die Staatshaushalte in der EU weiter zugenommen. Auch außerhalb
Europas blieben die öffentlichen und privaten Schulden weiterhin hoch. Hohe Schulden und Zweifel an der
Schuldentragfähigkeit können das globale Finanzsystem anfällig für Schocks machen. In Deutschland ist die Verschuldung
verglichen mit anderen großen Volkswirtschaften niedrig. Zweifel an der Schuldentragfähigkeit anderer Staaten
könnten über wirtschaftliche und finanzielle Verflechtungen auch das deutsche Finanzsystem treffen.
Zuletzt hatte sich der Abschwung des Finanzzyklus verlangsamt. Zwei Indikatoren für die Entwicklung des
Finanzzyklus sind die Kreditvergabe und die Entwicklung der Vermögenspreise. Die Kreditvergabe hat sich zuletzt
auf niedrigem Niveau stabilisiert. Auch die Preise bei Wohn- und Gewerbeimmobilien fallen nicht mehr. Bei den
Gewerbeimmobilien muss sich die Erholung am aktuellen Rand jedoch noch als nachhaltig erweisen.
Bankensektor und Unternehmen
Das Kreditwachstum blieb verhalten. Gründe dafür sind die schwache Kreditnachfrage und eine leicht erhöhte
Risikoeinschätzung des Bankensektors. Gleichzeitig sind die Kreditrisiken gestiegen: Mehr Unternehmen gehen
in die Insolvenz und inzwischen sind auch mehr Kredite an private Haushalte von Ausfall bedroht.
Die Widerstandsfähigkeit der deutschen Banken hat sich weiter verbessert, könnte allerdings überschätzt sein.
Die stillen Lasten in den Wertpapierportfolios der Banken verringerten sich deutlich. Die Lasten hatten sich
während der Phase stark steigender Zinsen ab dem Jahr 2022 aufgebaut. Die Refinanzierungskosten der Banken
stiegen weniger als erwartet. Zusammen mit der soliden Gewinnentwicklung unterstützten sie die gute Ertragslage
der Banken. Die Eigenkapitalausstattung könnte allerdings die Widerstandsfähigkeit der Banken überzeichnen.
Dies betrifft insbesondere die großen, systemrelevanten Banken. Deren durchschnittliche Risikogewichte blieben
– wegen der Kalibrierung der Systeme auf langjährige Mittelwerte – trotz der schwachen wirtschaftlichen
Entwicklung relativ gering. Die modellbasierte Ermittlung der Kreditrisiken könnte als Folge am aktuellen Rand
möglicherweise das aktuelle Kreditrisiko unterschätzen.
1 Wenn im Bericht nicht anders vermerkt, beziehen sich die Aussagen auf den Berichtszeitraum 1. April 2024 bis 31. März 2025.
Deutsche Unternehmen haben im Aggregat solide Fundamentaldaten, stehen allerdings vor Herausforderungen.
Nichtfinanzielle Unternehmen sind gut kapitalisiert und verfügen über genügend Liquiditätsreserven. Deshalb
verkrafteten sie die Belastungen durch die höheren Finanzierungskosten mehrheitlich bislang gut. Gleichzeitig
sinken die inflationsbereinigten Gewinne im Aggregat seit dem Jahr 2022 tendenziell. Die
Unternehmensinsolvenzen stiegen seit dem Jahr 2022 stark und kontinuierlich an, sind aber historisch betrachtet weiterhin nicht
ausgesprochen hoch. Auch strukturelle Herausforderungen wie Dekarbonisierung und hohe Energiepreise
belasten die deutschen Unternehmen.
Immobilienmärkte
Am deutschen Wohnimmobilienmarkt gingen die Verwundbarkeiten im Laufe des Jahres 2024 zurück. Die
Überbewertungen haben sich größtenteils abgebaut. Die Preise stabilisierten sich im Jahr 2024. Die Kreditvergabe für
private Wohnimmobilienfinanzierungen erholte sich.
Am Gewerbeimmobilienmarkt blieben die Verwundbarkeiten erhöht. Die Preise stagnierten bei weiterhin sehr
niedrigen Transaktionsvolumina. Analysen der Bundesbank deuten auf ein erhöhtes Risiko für weitere
Preisrückgänge hin. Allerdings sollte das deutsche Bankensystem als Ganzes einen zusätzlichen Anstieg der Kreditausfälle
verkraften können.
Makroprudenzielles Maßnahmenpaket
Der Ausschuss begrüßte die Absicht der BaFin, den sektoralen Systemrisikopuffer auf 1 % zu senken. Seit dem
ersten Quartal 2022 ist in Deutschland ein makroprudenzielles Maßnahmenpaket in Kraft. Das Paket besteht aus
dem antizyklischen Kapitalpuffer (CCyB) und dem sektoralen Systemrisikopuffer (sSyRB) für Kredite, die mit
Wohnimmobilien besichert sind. Die Verwundbarkeiten im Wohnimmobilienbereich gingen geordnet, aber noch
nicht vollständig zurück. Deshalb begrüßte der Ausschuss die Absicht der BaFin, den sSyRB zum 1. Mai 2025
von 2 % auf 1 % zu senken. Angesichts der hohen Unsicherheit und verbleibenden Verwundbarkeiten hielt der
Ausschuss den antizyklischen Kapitalpuffer (CCyB) von 0,75 % weiterhin für angemessen.
Nichtbank-Finanzintermediäre (NBFI)
Der deutsche NBFI-Sektor blieb insgesamt widerstandsfähig. Im deutschen Versicherungssektor lag die
regulatorische Solvenzquote weit über der aufsichtlich geforderten Quote. Der deutsche offene Investmentfondssektor
verzeichnete im Jahr 2024 geringere Nettomittelzuflüsse als in den Vorjahren. Der Ausschuss befasste sich mit
der Risikolage bei Immobilienfonds sowie mit der Vernetzung im NBFI-Sektor und zwischen dem NBFI- und
Bankensektor.
Weitere Themen
Der Ausschuss beschäftigte sich mit Cyberrisiken, dem digitalen Euro und Risiken des Klimawandels für die
Finanzstabilität. Der Ausschuss sah Cyberrisiken weiterhin als erhöhtes Risiko für die Finanzstabilität an und
wird sie weiterhin eng überwachen. Zum digitalen Euro erörterte der Ausschuss verschiedene Analysen. Diese
verdeutlichen, dass die langfristigen Auswirkungen auf Liquidität und Finanzierungskosten im deutschen
Bankensystem bei einer Haltegrenze von 3 000 Euro begrenzt bleiben. Zu Klimarisiken zeigen Bundesbank-
Analysen, dass eine stabile, vorhersehbare Klimapolitik und die Offenlegung klimarelevanter Informationen Risiken
für die Finanzstabilität reduzieren können.
2 Risikolage im deutschen Finanzsystem
2.1 Entwicklung des makrofinanziellen Umfelds
Hohe Unsicherheit, eine schwache globale Wachstumsdynamik und graduell sinkende Zinsen prägten das
makrofinanzielle Umfeld. Das globale Wachstum stabilisierte sich auf moderatem Niveau. Die Schwächephase der
deutschen Wirtschaft setzte sich weiter fort. Die globalen Inflationsraten sanken, gleichzeitig verlangsamte sich
der Rückgang der Inflationsraten. Auch die Inflationsrate in Deutschland ging weiter zurück. Ab Mitte des Jahres
2024 begannen mehrere große Zentralbanken, die Leitzinsen zu senken. Insbesondere die wirtschafts- und
geopolitische Unsicherheit war hoch, nicht zuletzt vor dem Hintergrund des anhaltenden russischen Angriffskriegs
gegen die Ukraine und des Konflikts im Nahen Osten. Die überraschende Ankündigung von Neuwahlen in
Frankreich im Juni 2024, der Regierungswechsel und die Absenkung des Ratings im Dezember 2024 lösten erhebliche
Marktreaktionen aus. Die US-Präsidentschaftswahl im November 2024 und die Maßnahmen der neuen US-
Regierung verstärkten die wirtschafts- und geopolitische Unsicherheit. Trotzdem stiegen die ohnehin hohen
Bewertungen an den Finanzmärkten zunächst weiter an. Phasen hoher Marktvolatilität währten nur kurz.2 Zum Ende des
Berichtszeitraums führten jedoch die wachsenden Sorgen um die amerikanische Konjunktur und gestiegene
Unsicherheit bei der Handelspolitik zu Kursverlusten, insbesondere am US-Aktienmarkt. Trotz dieser Korrekturen
blieb das Rückschlagpotenzial an den Finanzmärkten weiterhin überdurchschnittlich hoch.
Konjunktur und Inflation
Die Schwächephase der deutschen Konjunktur hielt weiter an. Die deutsche Wirtschaft trat seit Beginn des
russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine im Februar 2022 auf der Stelle. Im Jahr 2024 ging die
Wirtschaftsleistung in Deutschland um 0,2 % zurück, der Wachstumsausblick für das Jahr 2025 hat sich deutlich eingetrübt.3
Die Zahl der Insolvenzen stieg weiter an. Auch die Konsumstimmung war anhaltend schlecht. Der Arbeitsmarkt
zeigte sich trotz einiger Anzeichen der Eintrübung insgesamt weitestgehend robust. Allerdings verschlechterten
sich die Aussichten angesichts der Wachstumsschwäche. Die deutsche Wirtschaft hatte nicht nur mit
konjunkturellem Gegenwind zu kämpfen, sondern muss sich auch an veränderte strukturelle Rahmenbedingungen
anpassen.4 Zudem hemmte die hohe politische Unsicherheit die deutsche Wirtschaft. Insbesondere die
protektionistische und ungewisse Handelspolitik der USA birgt erhebliche Abwärtsrisiken. Eine sich zuspitzende Eskalation in
der Handelspolitik könnte das BIP-Wachstum in Deutschland merklich beeinträchtigen.5 Andererseits dürfte der
erheblich expansivere Kurs der deutschen Finanzpolitik der Wirtschaftsleistung in den kommenden Jahren
stärkeren Auftrieb verleihen.
Das globale Wachstum stabilisierte sich auf mäßigem Niveau. Dabei wurden regionale Unterschiede deutlich:
Während die wirtschaftliche Entwicklung in den USA und Südostasien im Jahr 2024 besser als erwartet ausfiel,
blieb das Wachstum in großen europäischen Ländern hinter den Erwartungen zurück. Schwache Exporte und
Investitionen belasteten dort das Wirtschaftswachstum. Für die Jahre 2025 und 2026 prognostiziert die
Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (Organisation for Economic Co-operation and
Development, OECD) ein globales Wachstum von 3,1 % beziehungsweise 3,0 %. Dabei wirken vor allem höhere
Handelsbarrieren in einigen Ländern und die zunehmende politische Unsicherheit dämpfend.6 Insbesondere gibt es
wachsende Bedenken, dass protektionistische Maßnahmen und erhöhte Unsicherheit der amerikanischen
Wirtschaft schaden könnten. Laut den Prognosen der OECD dürfte sich das jährliche reale BIP-Wachstum in den USA
2 Die Zinserhöhung der Bank of Japan im August 2024 führte zu einer Aufwertung des Yen. Dadurch schlossen Investoren ihre Carry
Trades, und die Rentabilität solcher Strategien sank, vgl.: Deutsche Bundesbank (2024c). Im Januar 2025 hat das chinesische KI-Modell
DeepSeek aufgrund seiner niedrigen Entwicklungskosten die globalen Aktienmärkte erschüttert und Zweifel an den hohen Bewertungen
US-amerikanischer Tech-Unternehmen geweckt.
3 Vgl.: Deutsche Bundesbank (2025).
4 Strukturelle Herausforderungen für die deutsche Wirtschaft ergeben sich sowohl aus externen Faktoren als auch aus den notwendigen
strukturellen Anpassungen in Deutschland. Zu den externen Faktoren zählen unter anderem die längerfristigen Auswirkungen des
Energiepreisschocks, den der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine ausgelöst hat. Zudem nehmen protektionistische Tendenzen auf den
Weltmärkten zu. Die Konkurrenz aus aufstrebenden Volkswirtschaften wächst. Dies betrifft Branchen, die für die deutsche Industrie
besonders wichtig sind, wie den Kraftfahrzeugsektor oder den Maschinenbau. Hinzu kommen heimische Herausforderungen, unter
anderem die Erfordernisse der grünen Transition hin zu einer CO₂-neutralen Wirtschaft, die Folgen des demografischen Wandels und ein
hoher regulatorischer Aufwand.
5 Hierauf deuten Szenariorechnungen der Bundesbank zu den Wahlkampfforderungen Trumps hin. Diese sahen unter anderem eine
Erhöhung der US-Einfuhrzölle auf alle Waren um mindestens 10 Prozentpunkte, eine massive Zollanhebung auf chinesische Waren sowie
eine symmetrische Gegenwehr der Handelspartner vor. Den Simulationsergebnissen zufolge könnten Deutschland aufgrund der höheren
Zollschranken bis zum Jahr 2027 BIP-Verluste von insgesamt rund 1,0 % drohen. Vgl. Deutsche Bundesbank (2024d).
6 Vgl.: Organisation for Economic Co-operation and Development (2025).
nach dem sehr starken Wachstum der vergangenen Jahre auf 2,2 % im Jahr 2025 und 1,6 % im Jahr 2026
verlangsamen. Das reale BIP-Wachstum im Euro-Raum wird für 2025 auf 1,0 % und für 2026 auf 1,2 % prognostiziert.
Seit Beginn des Berichtszeitraums schwächte sich die globale Inflation weiter ab. Gleichzeitig zeigten sich
regionale Divergenzen. In entwickelten Volkswirtschaften wie den USA und dem Euro-Raum sank die Inflation
merklich. Auch die Inflationsrate in Deutschland ging weiter zurück. Einige Schwellenländer, insbesondere in
Lateinamerika und Teilen Afrikas, verzeichneten hingegen weiterhin recht hohe Inflationsraten. Die globale
Inflation wird laut Internationalem Währungsfonds (International Monetary Fund, IWF) voraussichtlich auf 4,2 %
im Jahr 2025 und auf 3,5 % im Jahr 2026 zurückgehen.7 Für die USA wird für das Jahr 2025 eine Inflationsrate
nahe, aber über dem 2 %-Ziel prognostiziert. Gleichzeitig hat sich die Unsicherheit über die weitere
Inflationsentwicklung insbesondere vor dem Hintergrund der restriktiven US-Handelspolitik zum Ende des
Berichtszeitraums erhöht. In China gaben die Preise teilweise etwas nach. Im Euro-Raum schritt der Disinflationsprozess
allmählich voran, begleitet von einigen energiepreisbedingten Schwankungen, die die Inflationsrate im Herbst
2024 vorübergehend unter 2 % drückten. Das 2 %-Ziel dürfte gemäß der von der Europäischen Zentralbank (EZB)
im März 2025 veröffentlichten Prognose spätestens Anfang 2026 erreicht werden.
Geldpolitik
Geldpolitisch prägte der Zinssenkungszyklus den Berichtszeitraum. Im Juni 2024 senkte die EZB erstmals seit
dem Jahr 2019 ihren Leitzins. Bis zum Ende des Berichtszeitraums reduzierte die EZB den Leitzins noch weitere
fünf Mal auf 2,5 %. Auch andere Notenbanken wie die Bank of England und die Federal Reserve senkten ihre
Leitzinsen. Die geldpolitische Entwicklung in Japan verlief weiterhin asynchron zu den anderen Industriestaaten.
Im März 2024 hob die Bank of Japan den Negativzins auf, beendete die Yield-Curve-Control und stellte die
Exchange-Traded-Funds-Käufe ein.8 Damit begann sie, ihre Geldpolitik zu normalisieren.
Finanzmarktteilnehmer erwarten, dass der Zinssenkungszyklus im Euro-Raum und in den USA grundsätzlich fortgesetzt wird.
Entwicklungen an den globalen Finanzmärkten
Die Bewertungen von Vermögenswerten wie Aktien und Unternehmensanleihen sind bis Anfang des Jahres 2025
im Trend weiter gestiegen. Angesichts des graduellen Rückgangs der kurzfristigen Zinsen haben sich die
Finanzierungsbedingungen an den Märkten in der Breite sukzessive verbessert. Daneben dürften die robuste
amerikanische Konjunkturentwicklung und hohe Gewinnerwartungen die Bewertungen gestützt haben. Die Kurse von
Aktien sind nach der US-Wahl von einem hohen Niveau aus bis Februar 2025 gestiegen, unter anderem in
Erwartung von Steuersenkungen. Analog dazu haben sich die Risikoaufschläge von in US-Dollar und Euro
denominierten Unternehmensanleihen bis Februar 2025 im Trend eingeengt. Zudem verbesserten die erwarteten
Regulierungsanpassungen im US-Finanzsektor sowie die erwartete langsamere geldpolitische Normalisierung die
Gewinnperspektiven im Bankensektor. Dies trug zu erheblichen Kursgewinnen bei Aktien von Finanzinstituten auf
beiden Seiten des Atlantiks bis Februar 2025 bei. Mittelfristig könnte die angepasste Regulierung im US-
Finanzsektor je nach Ausgestaltung eine erhebliche Erhöhung der Risiken im US-Finanzsystem zur Folge haben.
Aufgrund der globalen Vernetzung der Finanzmärkte und der bedeutenden Rolle der USA wirken sich diese Risiken
auch mittelbar auf deutsche Finanzmarktteilnehmer aus.
Trotz teilweise erheblicher Kurskorrekturen im März 2025 und gestiegener Unsicherheit waren die
Bewertungsniveaus am Ende des Berichtszeitraums weiterhin hoch. Im Februar und März 2025 stieg die Unsicherheit an den
Finanzmärkten deutlich, vor allem aufgrund der Befürchtung einer weiteren Eskalation des Handelskonflikts.
Insbesondere am US-Aktienmarkt kam es zu einer Korrektur. Wachsende Sorgen über eine konjunkturelle
Abschwächung verstärkten dies einerseits. Andererseits erhöhte das Risiko einer anhaltend hohen Inflation infolge
von Handelszöllen und Gegenzöllen die Unsicherheit. Die Korrektur fiel bei US-Technologiewerten insgesamt
stärker aus als am Gesamtmarkt. Zugleich weiteten sich die Risikoaufschläge bei risikoreichen Euro- und
insbesondere US-Dollar-Unternehmensanleihen (High-Yield-Segment) merklich aus. Trotz der Kurskorrekturen waren
die Bewertungsniveaus und damit das Rückschlagpotenzial an den Finanzmärkten zum Ende des
Berichtszeitraums weiterhin hoch. Die Ankündigung erheblich höherer Verteidigungsausgaben in ganz Europa sowie die
Veränderung der finanzverfassungsrechtlichen Rahmenbedingungen in Deutschland stützten den deutschen
Aktienmarkt. Diese Veränderung umfasste das sogenannte Finanzierungspaket, das unter anderem die Einrichtung
7 Vgl.: International Monetary Fund (2025).
8 Die Yield-Curve-Control ist ein geldpolitisches Instrument, bei dem die Zentralbank bestimmte Zinssätze entlang der gesamten
Renditekurve steuert.
eines Sondervermögens für die Infrastruktur in Deutschland von 500 Mrd. Euro außerhalb der regulären
Kreditobergrenze der Schuldenbremse vorsieht. Gleichzeitig sind die Renditen von Bundesanleihen und Staatsanleihen
anderer Länder aus dem Euroraum nach den Ankündigungen des Finanzierungspakets Anfang März 2025
merklich gestiegen.
Verschuldung
Öffentliche Schuldenquoten sind in mehreren europäischen Staaten
hoch und in einigen Fällen sogar gestiegen; Staaten und ihre
Finanzpolitik bleiben vielfältig gefordert (Schaubild 2.1.1). In
Deutschland ist die Staatsverschuldung verglichen mit anderen
großen Volkswirtschaften niedrig. Angesichts der zu erwartenden
höheren Verteidigungsausgaben hat der Druck auf die Staatshaushalte
in der EU weiter zugenommen. In Reaktion auf die geopolitische
Lage und aktuelle Entwicklungen hat die Europäische Kommission
Anfang März 2025 das ReArm-Europe-Paket im Umfang von etwa
800 Mrd. Euro vorgestellt. Dies führte zu einem sprunghaften
Anstieg der Renditen von Staatsanleihen im Euro-Raum. In
Deutschland verstärkte sich dieser Anstieg zusätzlich durch die
Ankündigung eines umfassenden Finanzierungspakets der über die
Regierungsbildung verhandelnden Parteien.
Anhaltend hohe gesamtstaatliche Schuldenstände machen Staaten
verwundbar gegenüber adversen Entwicklungen und schränken
den fiskalpolitischen Spielraum ein. Sie erhöhen das Risiko, dass
Marktteilnehmer die Schuldentragfähigkeit eines Landes plötzlich
anzweifeln und höhere Risikoprämien verlangen. In der Folge
könnten steigende Refinanzierungskosten die Situation in den
betroffenen Staaten weiter verschärfen. Eine Ausweitung der
Risikoprämien für Staatsanleihen kann sich dabei auch zusätzlich
belastend auf die Finanzierungsbedingungen nichtfinanzieller
Unternehmen in dem betroffenen Staat auswirken. So stiegen beispielsweise nach der Auflösung des Parlaments in
Frankreich im Juni 2024 nicht nur die Renditespreads von Staatsanleihen, sondern auch die Risikoaufschläge
heimischer Unternehmen.9
Auch außerhalb Europas blieben die öffentlichen und privaten Schuldenstände hoch, was das globale
Finanzsystem anfällig für adverse Entwicklungen macht. In den USA könnte die prognostizierte Entwicklung der US-
Staatsfinanzen an den Finanzmärkten zu Zweifeln an der Tragfähigkeit der US-Staatsverschuldung führen. Dies
könnte weltweit zu strafferen Finanzierungsbedingungen beitragen und die Finanzstabilitätsrisiken in vielen
Ländern, einschließlich Deutschland, erhöhen. Besonders in Schwellenländern könnte eine unerwartete Straffung der
Finanzierungsbedingungen zu abrupten Kapitalabflüssen und erheblichen Turbulenzen auf den Finanzmärkten
führen.
Zweifel an der Schuldentragfähigkeit anderer Staaten könnten über wirtschaftliche und finanzielle Verflechtungen
auch das deutsche Finanzsystem treffen. Banken, Investmentfonds und Versicherer in Deutschland sind über
Kredite und Anlagen mit ausländischen nichtfinanziellen Schuldnern verflochten. Das deutsche Finanzsystem kann
sich aber nicht nur über diese direkten Verbindungen anstecken. Im Euro-Raum bleiben nationale Banken, in
geringerem Umfang auch Versicherer und Pensionsfonds, bedeutende Abnehmer der Staatsanleihen ihres
Heimatlandes, insbesondere in Italien und Spanien. Sollten Zweifel an der Schuldentragfähigkeit eines Staates
aufkommen, könnte dies über den teilweise ausgeprägten Staaten-Banken-Nexus zunächst das Finanzsystem des
betreffenden Landes erreichen und schließlich über Verflechtungen mit deutschen Intermediären auch das
deutsche Finanzsystem. Ansteckungseffekte können auch von Deutschland ausgehen. So könnte ein deutlicher
Anstieg der staatlichen Refinanzierungskosten in Deutschland auch Auswirkungen auf andere Mitgliedsstaaten des
Euro-Raums haben. Beispielsweise führte die Ankündigung des Finanzierungspakets in Deutschland nicht nur zu
9 Die 10-jährigen Renditespreads französischer Staatsanleihen zu Bundesanleihen stiegen innerhalb weniger Tage von 48 Basispunkten
auf zeitweise über 80 Basispunkte. Gleichzeitig stiegen die Risikoaufschläge französischer nichtfinanzieller Emittenten stärker als die
ihrer deutschen Pendants und auch Aktien französischer Unternehmen verzeichneten signifikante Bewertungsabschläge.
einem abrupten und deutlichen Anstieg der Rendite 10-jähriger deutscher Staatsanleihen. Die Anleiherenditen
anderer Mitgliedsstaaten des Euro-Raums stiegen ebenfalls.
Geopolitische Risiken: Transmissionskanäle geopolitischer Spannungen und Vernetzung des deutschen
Finanzsystems
Ein bedeutendes Thema des Ausschusses waren die erhöhten Finanzstabilitätsrisiken angesichts zunehmender
geopolitischer Spannungen. In einer Zeit fundamentaler geopolitischer Veränderungen waren im
Berichtszeitraum weltweit geopolitische Instabilitäten zu beobachten. Staaten erhöhten ihre Verteidigungsausgaben, und die
Anzahl der bewaffneten Konflikte ist deutlich höher als noch zwei Jahrzehnte zuvor. Geopolitische Spannungen
erzeugen weltweit Instabilitäten. Diese gehen mit regionalen Konflikten, Anschlägen auf Infrastrukturen,
Handelsrouten oder Cyberangriffen einher. Daraus folgende geopolitische Schocks beeinträchtigen das Wirtschafts-
und Finanzsystem. Insbesondere betrifft dies Wertschöpfungs- und Lieferketten, Rohstoffe und Energiepreise
sowie finanzielle Verflechtungen.10
Geopolitische Risiken können über drei Kanäle auf die Finanzstabilität wirken: den realwirtschaftlichen, den
finanziellen und den hybriden Kanal. Der realwirtschaftliche Kanal beschreibt die Auswirkung geopolitischer
Ereignisse auf Produktions- und Wertschöpfungsprozesse. Dazu zählen zum Beispiel Investitionen, Lieferketten
und Rohstoffe. Der finanzielle Kanal umfasst die Auswirkung geopolitischer Entwicklungen auf Risikoprämien,
Vermögenswerte und Kapitalflüsse. Der hybride Kanal beschreibt geopolitische Bedrohungen und Aktionen, die
die Funktionsfähigkeit der kritischen Infrastruktur beeinträchtigen.
Analysen der Bundesbank haben gezeigt, dass steigende geopolitische Risiken das makrofinanzielle Umfeld
substanziell verschlechtern können.11 Empirische Ergebnisse legen nahe, dass geopolitische Schocks die
Unsicherheit und Risikoaversion im internationalen makrofinanziellen Umfeld unmittelbar erhöhen. Die Volatilität an den
Aktienmärkten steigt an und Unternehmenskredit-Spreads weiten sich aus. Die wirtschaftspolitische Unsicherheit
nimmt zu und das Geschäftsvertrauen schwindet. Darüber hinaus können geopolitische Schocks Lieferketten
unterbrechen und kritische Infrastrukturen beeinträchtigen. Das kann zu angebotsseitigen Engpässen führen, die den
internationalen Handel dämpfen. Zusammengenommen belasten diese Entwicklungen den privaten Konsum, die
Unternehmensinvestitionen und Produktionsentwicklung sowie die Kreditvergabe. Zudem erhöhen sich
Liquiditäts- und Kreditrisiken im Bankensystem. Verwundbarkeiten im Finanzsystem können die Auswirkungen
geopolitischer Schocks verstärken und systemische Risiken für die Finanzstabilität auslösen.
Eine globale realwirtschaftliche und finanzielle Fragmentierung kann negative Folgen für die globale
Finanzstabilität haben. Insbesondere von abrupten Veränderungen gehen dabei Risiken für die deutsche Finanzstabilität
aus. Strukturelle Anpassungen im Wirtschafts- und Finanzsystem dürften mittelfristig Abhängigkeiten und
Klumpenrisiken reduzieren. Dadurch verringern sich Verwundbarkeiten gegenüber geopolitischen Schocks.
Quellenverzeichnis
Deutsche Bundesbank (2025), Monatsbericht, Februar 2025.
Deutsche Bundesbank (2024a), Finanzstabilitätsbericht 2024.
Deutsche Bundesbank (2024b), Monatsbericht, August 2024.
Deutsche Bundesbank (2024c), Monatsbericht, Dezember 2024.
International Monetary Fund (2025), World Economic Outlook Update: Global Growth: Divergent and
Uncertain.
Organisation for Economic Co-operation and Development (2025), Economic Outlook March 2025: Interim
Report: Steering through Uncertainty.
SIPRI (2024), Trends in World Military Expenditure, 2023.
Uppsala Universität (2023), Uppsala Conflict Data Program.
10 Vgl.: SIPRI (2024), Uppsala Universität (2023).
11 Vgl.: Deutsche Bundesbank (2024b).
2.2 Risikolage im deutschen Bankensektor
Der deutsche Bankensektor zeigte sich widerstandsfähig. Während der Phase stark steigender Zinsen hatten sich
stille Lasten in den Wertpapierportfolios der Banken aufgebaut. Die stillen Lasten verringerten sich deutlich. Die
Refinanzierungskosten der Banken stiegen weniger als erwartet. Zusammen mit der soliden
Einnahmenentwicklung unterstützten sie die gute Ertragslage der Banken. Allerdings blieben die durchschnittlichen Risikogewichte
für das Kreditportfolio insbesondere bei den großen, systemrelevanten Banken trotz der schwachen
wirtschaftlichen Entwicklung relativ gering. Die modellbasierte Ermittlung der Kreditrisiken könnte damit am aktuellen Rand
möglicherweise zu Unterschätzungen führen. Bei stark steigenden Risikogewichten könnten die Banken
gezwungen sein, ihre Kreditvergabe einzuschränken, um ihre Eigenkapitalquoten stabil zu halten. Angesichts der
Herausforderungen für die Finanzstabilität muss laut AFS die Widerstandsfähigkeit des Bankensektors
aufrechterhalten bleiben.12
Die notleidenden Kredite erhöhten sich infolge der steigenden Zahl der Unternehmensinsolvenzen, ausgehend
von einem historisch betrachtet relativ niedrigen Niveau. Die Risiken im Kreditgeschäft blieben dabei nicht auf
einzelne Sektoren wie Gewerbeimmobilien beschränkt, auch wenn dort der stärkste Anstieg des Anteils der
notleidenden Kredite zu beobachten war. Sie breiteten sich über verschiedene Wirtschaftsbereiche sowie allmählich
auf Kredite an private Haushalte aus. Gründe dafür waren die anhaltend schwache wirtschaftliche Entwicklung,
erhöhte Unsicherheit sowie steigende und möglicherweise unterschätzte Kreditrisiken.
Stille Lasten der Banken bauen sich ab
Die Wertverluste in den Wertpapierportfolios der deutschen Banken nahmen ab. Während der Phase steigender
Zinsen hatten die Banken erhebliche Verluste in ihren Wertpapierportfolios verzeichnet. Die Banken nutzten
Möglichkeiten der jeweiligen Rechnungslegungsstandards, um die Belastungen ihres Eigenkapitals durch
Abschreibungen zu reduzieren. Sie stuften Anleihen in andere Bewertungskategorien ein. Dies trug zum
signifikanten Aufbau stiller Lasten bei.13 Mit tendenziell sinkenden Zinsen erholten sich die Wertpapierportfolios wieder.
Der Pull-to-Par-Effekt verstärkte diese Entwicklung.14 Ende 2024 betrugen die stillen Lasten in den
Wertpapierportfolios der großen, systemrelevanten Banken nur noch 1,5 % des harten Kernkapitals (Common Equity Tier 1,
CET 1). Die Sparkassen und Kreditgenossenschaften wiesen im vierten Quartal 2024 im Aggregat wieder stille
Reserven aus. Diese betrugen 3,6 % des CET 1 bei den Sparkassen sowie 0,9 % des CET 1 bei den
Kreditgenossenschaften.
Gutes Zinsergebnis stützt die Ertragslage der Banken
Ein gutes Zinsergebnis stützte die weiterhin hohen Jahresüberschüsse der Banken. Die Einlagenzinsen und damit
die Refinanzierungskosten der Banken stiegen während der Zinsanstiegsphase nur moderat. Der Anstieg war
deutlich schwächer als erwartet.15 Eine mögliche Ursache hierfür war die hohe Überschussliquidität zusammen
mit den hohen Einlagenbeständen bei Banken aus der langen Niedrigzinsphase.16 Im Berichtszeitraum hoben die
Banken die Einlagenzinsen nur wenig an, was weiterhin maßgeblich zu dem guten Zinsergebnis beitrug.
Allerdings erreichte das Zinsergebnis Ende 2024 nicht mehr das Niveau des Jahres 2023, weil die Leitzinsen
zwischenzeitlich gesenkt wurden. Die auslaufenden niedrig verzinsten Kredite und Anleihen hatten ebenfalls positive
Auswirkungen auf die Ertragslage der Banken. Dies galt insbesondere, wenn die Banken sie durch höher verzinste
Anlagen ersetzten.17 Große, systemrelevante Banken profitierten zudem von einem guten Handelsergebnis. Die
Risikovorsorge stieg bei den meisten Instituten hingegen an.
Profitabilität und damit Solvabilität kleiner und mittelgroßer Banken in Deutschland könnten sich deutlich
verbessern. Zu diesem Ergebnis kam eine Umfrage von Bundesbank und BaFin. Dabei haben 1.200 teilnehmende
Banken und Sparkassen Plan- und Prognosedaten für die Jahre 2024 bis 2028 bereitgestellt. Hierzu verwendeten
sie mehrere von der Aufsicht vorgegebene Zinsszenarien. Im Durchschnitt rechneten die befragten Banken mit
einem Anstieg der Kernkapitalquote von durchschnittlich 18,2 % auf 19,4 % bis zum Jahr 2028.18
12 Vgl.: Ausschuss für Finanzstabilität (2024a).
13 Vgl.: Ausschuss für Finanzstabilität (2024b).
14 Die Wertaufholung einer Anleihe durch Annäherung an ihren Fälligkeitszeitpunkt wird als Pull-to-Par-Effekt bezeichnet. Bei Fälligkeit
entspricht der Kurs der Anleihe ihrem Nennwert.
15 Vgl.: Ausschuss für Finanzstabilität (2024b).
16 Vgl.: Deutsche Bundesbank (2024).
17 Vgl.: Memmel, Seymen und Strobel (2024).
18 Vgl.: Deutsche Bundesbank und Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (2024).
Das deutsche Bankensystem bleibt laut einem Stresstest insgesamt widerstandsfähig. Mit diesem Stresstest wurde
die Widerstandsfähigkeit dieser Banken unter adversen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für die Jahre 2024
bis 2026 untersucht. Das Stressszenario nahm eine massive Eintrübung der Wirtschaft mit daraus folgenden
Zinsänderungs-, Kredit- und Marktrisiken an. Im Ergebnis verringerte sich die durchschnittliche harte
Kernkapitalquote der kleinen und mittelgroßen Banken um 3,7 Prozentpunkte auf 14,5 %. Die große Mehrheit der Banken
war demnach dem simulierten Schock aufgrund der deutlich verbesserten Ertragslage sowie Kapitalausstattung
nach der Zinswende gewachsen. Das deutsche Bankensystem wäre noch ausreichend kapitalisiert. Eine mittlere
zweistellige Anzahl der teilnehmenden Institute würde jedoch die Mindestkapitalanforderungen unterschreiten.
Die Aufsicht begleitet diese Banken intensiv, um mit aufsichtlichen Maßnahmen Fehlentwicklungen frühzeitig
gegensteuern zu können. Da die wirtschaftliche Situation unsicher bleibt, empfahlen die Aufsichtsbehörden den
kleinen und mittelgroßen Banken, ihre solide Kapitalausstattung beizubehalten und diese weiter zu stärken.19
Deutsche Unternehmen fundamental solide, allerdings mit Herausforderungen
Die Fundamentaldaten deutscher nichtfinanzieller Unternehmen
waren im Aggregat solide. Der deutsche Unternehmenssektor war
insgesamt gut kapitalisiert und verfügte über genügend
Liquiditätsreserven. Das galt insbesondere für die großen, börsennotierten
deutschen Unternehmen. Ihre Fundamentaldaten und Ertragslage
waren auf breiter Basis robust. Dank dieser soliden Grundlage
verkraftete die Mehrheit der deutschen Unternehmen die Belastungen
durch die gestiegenen Zinsen bislang gut. Allerdings könnte für
einen Teil der Unternehmen die Gewinnsituation angespannt sein.
Die inflationsbereinigten Gewinne sinken im Aggregat tendenziell
seit dem Jahr 2022.20 Infolge der gesunkenen Leitzinsen gingen die
Zinsen für neu vergebene Unternehmenskredite deutlich zurück.
Die Kreditnachfrage der Unternehmen war wegen der
wirtschaftlichen Schwäche dennoch verhalten. Die Unternehmen konnten sich
am Kapitalmarkt problemlos refinanzieren. Dies lag an einer hohen
Nachfrage nach Unternehmensanleihen und niedrigen
Risikoaufschlägen. Im europäischen Vergleich basiert die
Widerstandsfähigkeit des deutschen Unternehmenssektors vor allem auf geringen
Schuldenlasten und niedrigem Schuldendienst (Schaubild 2.2.1).
19 Vgl.: Deutsche Bundesbank und Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (2024).
20 Vgl.: Deutsche Bundesbank (2024).
Der deutsche Unternehmenssektor steht aufgrund struktureller
Probleme und der anhaltenden wirtschaftlichen Schwäche vor
großen Herausforderungen. Trotz der guten Fundamentaldaten der
Mehrheit der deutschen Unternehmen stiegen die
Unternehmensinsolvenzen seit dem Jahr 2022 stark und kontinuierlich an.21 Die
Insolvenzzahlen sind aber historisch betrachtet weiterhin nicht
ausgesprochen hoch (Schaubild 2.2.2).22 Ursachen für die Zunahme
der Unternehmensinsolvenzen waren unter anderem die schwache
Wirtschaftslage, höhere Finanzierungskosten und Nachhol- und
Normalisierungseffekte bei den Insolvenzen nach der Pandemie.23
Zudem kam es zu strukturellen Anpassungen in der deutschen
Wirtschaft. Diese resultieren in erster Linie aus den gestiegenen
Energiepreisen, dem geänderten internationalen Umfeld und der
Dekarbonisierung. Die Wirtschaftsschwäche dämpfte die
Nachfrage nach Produkten und Dienstleistungen. Gleichzeitig steigerten
höhere Lohnabschlüsse die Kosten der Unternehmen.
Geopolitische Spannungen könnten Verwundbarkeiten bei Unternehmen
erhöhen (siehe Abschnitt „2.1 Entwicklung des makrofinanziellen
Umfelds“). Ein Beispiel dafür ist die Umsetzung der angekündigten
Einfuhrzölle der USA. Simulationen der Bundesbank deuten darauf hin, dass nicht zuletzt die Verschuldung der
Unternehmen in der EU substanziell steigen könnte, falls der Handelskonflikt zwischen der EU und den USA
eskalieren würde. Der AFS wird die Entwicklungen im Unternehmenssektor weiter regelmäßig beobachten.
Kreditqualität der Banken nimmt auf breiterer Basis ab
Das Kreditwachstum blieb aufgrund schwacher Kreditnachfrage und leicht erhöhter Risikoeinschätzung
verhalten. Die Kreditnachfrage von Unternehmen und privaten Haushalten nahm nach dem Ende der restriktiven
Geldpolitik aufgrund sinkender Zinsen wieder zu, blieb jedoch auf niedrigem Niveau (Schaubild 2.2.3). Die Banken
rechnen aufgrund des niedrigen Zinsniveaus mit einer weiter steigenden Kreditnachfrage der Unternehmen.24
21 Vgl.: Ausschuss für Finanzstabilität (2024b).
22 Vgl.: Deutsche Bundesbank (2024).
23 Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen war trotz des massiven Schocks, den die Corona-Pandemie auslöste, bis 2022 kräftig
zurückgegangen. Hierbei hat auch die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht eine Rolle gespielt. Zudem waren in der Krise diverse staatliche
Hilfsmaßnahmen zur Stabilisierung der Finanzierungssituation der Unternehmen eingeführt worden.
24 Vgl.: Deutsche Bundesbank (2025a)..
Auch die Kreditnachfrage privater Haushalte nach
Wohnimmobilienkrediten wird voraussichtlich weiter wachsen. Gründe dafür sind
die rückläufigen Bauzinssätze und gestiegene Realeinkommen. Die
Banken rechnen jedoch mit einem verhalteneren Wachstum als im
vierten Quartal 2024. Auf der Angebotsseite verschärften die
Banken ihre Kreditvergaberichtlinien für Unternehmen und private
Haushalte wegen gestiegener Kreditrisiken und einer
vorsichtigeren Risikoeinschätzung. Die Banken schränkten das Kreditangebot
dadurch aber nicht bedeutsam ein. Die Unternehmen gaben an, dass
der Anteil erfolgreich abgeschlossener Kreditverhandlungen zu
den gewünschten Konditionen im 1. Quartal 2025 leicht gesunken
war.25
Die Kreditrisiken deutscher Banken sind deutlich gestiegen.
Infolge der wirtschaftlichen Entwicklung und aufgrund der
zunehmenden Zahl von Unternehmensinsolvenzen stiegen bei allen
Bankengruppen die notleidenden Kredite deutlich an (Schaubild 2.2.4).
Auch die Risikovorsorge erhöhte sich merklich. Bei den 14 großen
Banken, die nach den internationalen Rechnungslegungsstandards
(International Financial Reporting Standards, IFRS) bilanzieren,
erreichten die
Kredite mit erhöhtem
Ausfallrisiko
(Stufe 2-Kredite)
den höchsten Stand
seit dem Jahr 2018
(Schaubild 2.2.5).26
In der
Vergangenheit waren vor allem
Unternehmenskredite besonders
gefährdet, die mit
Gewerbeimmobilien
besichert sind.
Zunehmend weiten
sich die Risiken im Kreditgeschäft auf einen größeren Kreis von
Wirtschaftsaktivitäten aus. Die Kreditqualität von
Unternehmenskrediten verschlechterte sich vor allem bei Krediten an die Sektoren
Verarbeitendes Gewerbe, das Baugewerbe sowie die
Immobilienwirtschaft. Vermehrt sind auch Kredite an private Haushalte
betroffen. Die notleidenden Kredite stiegen sowohl bei
Konsumentenkrediten als auch bei Wohnimmobilien-Finanzierungen an.27
Der Preisrückgang von Gewerbeimmobilien und ein dadurch
ausgelöster Wertverfall der Kreditsicherheiten der Banken setzte sich
jedoch nicht fort. Auch die Preise von Wohnimmobilien
stabilisierten sich wieder. Im historischen Vergleich waren die Kreditrisiken
trotz des Anstiegs nicht auffällig erhöht. Aufgrund der schwachen
Gesamtwirtschaft und hoher Unsicherheit könnten sich die
Kreditausfälle jedoch zukünftig beschleunigen.
25 Vgl.: Deutsche Bundesbank (2025b).
26 Im Jahr 2018 wurde der IFRS 9 eingeführt, der die Kategorisierung und Bewertung von Finanzinstrumenten regelt.
27 Drei Viertel der Kredite an private Haushalte sind mit Wohnimmobilien besicherte Kredite. Ein Zehntel entfällt auf Konsumfinanzierung
und der Rest auf gewerbliche Kredite aus der Unternehmenstätigkeit natürlicher Personen. Konsumentenkredite sind in der Regel nicht
besichert. Daher fällt die Verlustquote für die Banken strukturell höher aus als bei Wohnimmobilienkrediten. Vgl.: Deutsche
Bundesbank (2023).
Widerstandsfähigkeit des Bankensystems solide, aber möglicherweise überschätzt
Die Eigenkapitalausstattung der Banken ist weiterhin solide; die Widerstandskraft könnte jedoch überschätzt sein.
Die harte Kernkapitalquote der Sparkassen und Genossenschaften verbesserte sich im vierten Quartal 2024
gegenüber dem Vorjahresquartal um 0,9 Prozentpunkte auf 16,7 %, während die Quote bei den anderweitig
systemrelevanten Instituten (A-SRI) um 0,1 Prozentpunkte auf 17,4 % zurückging (Schaubild 2.2.6). Insbesondere die
weiterhin gute Gewinnentwicklung trug dazu bei. Gleichzeitig schätzten die A-SRI die
Ausfallwahrscheinlichkeiten ihrer Kreditnehmer weiterhin als relativ niedrig ein. Die Mehrzahl der A-SRI bestimmen ihre
Ausfallwahrscheinlichkeiten mit eigenen Modellen. In Folge der regulatorischen und aufsichtlichen Bestrebungen (IRB-
Repair-Programm der EBA, Targeted Review of Internal Models der EZB) sind diese Modelle hin zu einer
längerfristigen Kalibrierung auf langjährigen Durchschnitten von beobachteten Ausfallraten ausgerichtet. Diese
modellbasierte Ermittlung der Ausfallwahrscheinlichkeiten kann angesichts der deutlich gestiegenen Kreditrisiken und
der möglichen Auswirkungen der wirtschaftlichen Schwäche zu Unterschätzungen am aktuellen Rand führen. Die
aktuell ausgewiesenen Kernkapitalquoten derjenigen Banken mit entsprechenden Modellen könnten insofern eine
höhere Widerstandskraft nahelegen, als es unter der veränderten Risikolage tatsächlich der Fall ist.28 Auch die
stillen Lasten in den Wertpapierbeständen deutscher Banken belasten nach wie vor deren Widerstandskraft, auch
wenn sie sich deutlich verringerten. Da die Wertverluste der Wertpapiere im Bankbuch nicht ausgewiesen werden
(und deshalb still sind), ist die Kapitalausstattung der betroffenen Banken zumeist überzeichnet. Ein Verkauf der
wertgeminderten Wertpapiere würde direkt zu Verlusten führen.29
Der AFS verwies auf die weiterhin bestehenden Herausforderungen für die Finanzstabilität. Diese resultieren aus
der anhaltend schwachen wirtschaftlichen Entwicklung, erhöhter Unsicherheit sowie steigenden und
möglicherweise unterschätzten Kreditrisiken. Angesichts der erhöhten systemischen Risiken im Finanzsystem betonte der
AFS die Bedeutung der Widerstandsfähigkeit des Finanzsystems.30
28 Die geschätzten Ausfallwahrscheinlichkeiten bestimmen die risikogewichteten Aktiva (Risk Weighted Assets, RWA) im Kreditgeschäft.
Diese gehen in den Nenner der risikogewichteten Kernkapitalquote ein. Niedrigere RWA führen entsprechend zu einer höheren CET 1-
Quote. Vgl.: Deutsche Bundesbank (2024).
29 Vgl.: Deutsche Bundesbank (2024).
30 Vgl.: Ausschuss für Finanzstabilität (2024a).
Jährliche Einstufung der anderweitig systemrelevanten Institute und Überprüfung ihrer Puffer
Der AFS nahm die Liste der als anderweitig systemrelevant eingestuften Institute (A-SRI) zur Kenntnis. BaFin
und Bundesbank überprüfen jährlich die Einstufung als A-SRI. Die Liste umfasst Institute, die aufgrund ihrer
Größe sowie weiterer Merkmale systemrelevant für das deutsche Finanzsystem sind. Für diese Institute gelten
zusätzliche aufsichtliche Anforderungen. Außerdem müssen sie einen Kapitalpuffer (A-SRI-Puffer) aufweisen,
den die BaFin in Abhängigkeit von ihrer Systemrelevanz festlegt. Grundlage ist eine gemeinsam von BaFin und
Bundesbank entwickelte Methode, die im Einklang mit den EBA-Leitlinien zur Bewertung von A-SRI steht.31 Im
Berichtszeitraum wurden 14 Institute als A-SRI eingestuft, eines weniger als im Vorjahr.32
Quellenverzeichnis
Ausschuss für Finanzstabilität (2024a), Verwundbarkeiten im deutschen Finanzsystem bauen sich langsam und
geordnet ab, systemische Risiken bleiben aber erhöht, Pressemitteilung vom 19.12.2024.
Ausschuss für Finanzstabilität (2024b), Elfter Bericht an den Deutschen Bundestag, Juli 2024.
Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (2024), Anderweitig systemrelevante Institute, Dezember 2024.
Deutsche Bundesbank (2025a), April-Ergebnisse der Umfrage zum Kreditgeschäft (Bank Lending Survey) in
Deutschland, Pressemitteilung vom 15.04.2025.
Deutsche Bundesbank (2025b), Studie zu den Erwartungen der Unternehmen in Deutschland: Bundesbank
Online-Panel - Firmen (BOP-F), 1. Quartal 2025.
Deutsche Bundesbank (2024), Finanzstabilitätsbericht.
Deutsche Bundesbank (2023), Finanzstabilitätsbericht.
Deutsche Bundesbank und Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (2024), Ergebnisse des LSI-
Stresstests 2024, Pressemitteilung vom 07.10.2024.
European Banking Authority (2014), EBA Guidelines on the assessment of O-SIIs.
Memmel, C., A. Seymen und L. Strobel (2024), Technische Dokumentation zur Analyse der Änderung des
Zinsergebnisses, Bundesbank Technical Paper No 11/2024.
31 Vgl.: European Banking Authority (2014).
32 Vgl.: Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (2024).
2.3 Risikolage im deutschen Versicherungssektor
Vor allem die höheren Zinsen prägten die Risikolage im deutschen
Versicherungssektor. Die regulatorische Solvenzquote deutscher
Lebensversicherer betrug zum vierten Quartal 2024 im Median
321 %. Sie lag damit weiterhin erheblich über den aufsichtlich
geforderten 100 %. Die Solvenzquote lag rund 250 Prozentpunkte
unter dem Vorjahreswert, da die Übergangsmaßnahmen aufgrund des
Zinsanstiegs an den Kapitalmärkten neu berechnet wurden.33 Diese
Anpassung bildet die langfristige Risikotragfähigkeit von
Lebensversicherern besser ab. Es ist daher sinnvoll, den ohne
Übergangsmaßnahmen berechneten Vorjahreswert zum Vergleich
heranzuziehen. Ende 2023 betrug die Solvenzquote ohne
Übergangsmaßnahmen im Median 330 %. Somit ist die aktuelle
Eigenmittelausstattung solide und stabil (Schaubild 2.3.1).
Lebensversicherer hatten zum Ende des Jahres 2024 stille Lasten in
Höhe von 7 % ihrer handelsrechtlichen Bilanz (Schaubild 2.3.2).
Diese resultierten insbesondere aus den gesunkenen Marktwerten
festverzinslicher Kapitalanlagen seit dem Ende des
Niedrigzinsumfelds im Jahr 2022. Bei unverändertem Zinsumfeld lösen sich diese
stillen Lasten aufgrund der lang laufenden Aktiva erst in langer
Frist auf, da sich die Marktwerte zum Fälligkeitstermin den
Buchwerten annähern (Pull-to-Par-Effekt).
Stille Lasten können ein Liquiditätsrisiko für Lebensversicherer
sein, wenn es zu ungeplanten Liquiditätsabflüssen kommt. Das ist
besonders relevant, wenn der Liquiditätsbedarf die vorhandenen
liquiden Kapitalanlagen überschreitet, die frei von stillen Lasten
sind. Dies wäre im hypothetischen Extremszenario einer
Kündigungswelle von Lebensversicherungsverträgen der Fall. Dann
müssten die Versicherer zahlreichen Kundinnen und Kunden die
Rückkaufswerte ihrer Verträge ausbezahlen. Hierfür müssten sie
Kapitalanlagen verkaufen und gegebenenfalls Verluste aus der
Veräußerung von Kapitalanlagen mit stillen Lasten hinnehmen.
Das Risiko einer Kündigungswelle im deutschen
Lebensversicherungssektor ist nicht eingetreten. Aufgrund der Zinssenkungen der
EZB im vergangenen Jahr hat sich zudem das zinsinduzierte
Liquiditätsrisiko verringert. Die tatsächlichen Stornoquoten deutscher
Lebensversicherer sind unter 5 % gefallen und bleiben damit
lediglich leicht erhöht.
33 Übergangsmaßnahmen begleiteten die Einführung von Solvency II im Jahr 2016. Diese Maßnahmen erhöhten ursprünglich bis zum Jahr
2032 die Solvenzanforderungen linear von Solvency I- auf Solvency II-Niveau. Die regulatorischen Solvenzquoten mit
Übergangsmaßnahmen sind seit dem zweiten Quartal 2024 über die Zeit nicht mehr vergleichbar. Aufgrund des Zinsanstiegs ordnete die BaFin an,
dass die Versicherungsunternehmen eine Übergangsmaßnahme (das Rückstellungstransitional) neu berechnen, vgl.: Wesker (2024).
Durch die Neuberechnung spiegeln die regulatorischen Solvenzquoten nun die langfristige ökonomische Risikotragfähigkeit der
Lebensversicherer besser wider. Sie liegen näher an den Solvenzquoten ohne Übergangsmaßnahmen.
Ferner reduzieren stille Lasten die Anreize von Lebensversicherern für antizyklische Investitionen in zukünftigen
Stressphasen. Seit dem Jahr 2022 kauften und verkauften Lebensversicherer deutlich weniger festverzinsliche
Wertpapiere als in den Vorjahren, insbesondere, um Marktwertverluste nicht erfolgswirksam realisieren zu
müssen. Dadurch könnte ein marktstabilisierendes Verhalten von Lebensversicherern gehemmt sein. Ein
stabilisierendes Verhalten war während der Stressphase zu Beginn der Corona-Pandemie im März 2020 zu beobachten.34
Die hohen Anleiheumsätze fielen in eine Phase niedriger Marktzinsen. In dieser mussten Lebensversicherer die
Zinszusatzreserve aufbauen. Deshalb veräußerten sie Wertpapiere mit Bewertungsreserven.
Die perspektivische Auflösung der Zinszusatzreserve kann neue Spielräume für antizyklische Investitionen
schaffen. Die Berechnung der Zinszusatzreserve beruht auf einem Zehnjahresdurchschnitt der Marktzinsen. Dadurch
entsteht eine Verzögerung beim Auf- und Abbau. Bei einem anhaltend höheren Zinsniveau wird die
Zinszusatzreserve künftig sukzessive abgebaut. Mit Erträgen aus ihrer Auflösung können Lebensversicherer
Veräußerungsverluste kompensieren. Zudem können sie ihre Handelsaktivitäten wieder ausweiten.
Mit der Überarbeitung der europäischen Regulierung von Versicherern, dem Solvency-II-Review, sind neue
Befugnisse für die makroprudenzielle Aufsicht verbunden, um die Resilienz des Versicherungssektors zu stärken.
Die Änderungsrichtlinie ist Anfang 2025 in Kraft getreten. Sie ist bis zum 30. Januar 2027 in nationales Recht
umzusetzen.35 Die Änderungsrichtlinie sieht Maßnahmen vor, die die Solvenz- und Liquiditätsrisiken im
Versicherungssektor begrenzen und dadurch die Resilienz des gesamten Finanzsystems stärken können. So kann die
Aufsicht beispielsweise bei erheblichen Liquiditätsrisiken die Rückzahlungen aus Lebensversicherungsverträgen
befristet aussetzen. Sie kann auch Ausschüttungsbeschränkungen verhängen. Dies kann Liquiditätsrisiken von
Lebensversicherern in Stressphasen begrenzen und dadurch potenziell prozyklischem Handeln entgegenwirken.36
Auch die EU-Richtlinie zur Sanierung und Abwicklung von Versicherungs- und Rückversicherungsunternehmen
(Insurance Recovery and Resolution Directive, IRRD) trägt dazu bei, Finanzstabilitätsrisiken im Finanzsystem in
Stresssituationen zu mindern.37 Die Richtlinie harmonisiert Sanierungs- und Abwicklungsinstrumente. Sie stärkt
die grenzüberschreitende Zusammenarbeit der nationalen Abwicklungsbehörden.38 Die neuen Regeln können
helfen, in Stresssituationen frühzeitig grenzüberschreitend zu reagieren. Sie können negative Folgen einer
drohenden Insolvenz eines Versicherers mildern.39
Quellenverzeichnis
Deutsche Bundesbank (2024), Finanzstabilitätsbericht.
Deutsche Bundesbank (2020), Finanzstabilitätsbericht.
European Parliament (2024), Festlegung eines Rahmens für die Sanierung und Abwicklung von Versicherungs-
und Rückversicherungsunternehmen.
Wesker, H. (2024), Neu rechnen, bitte!, BaFin Journal Juli 2024, Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht.
34 Im ersten Quartal 2020 haben Lebensversicherer Wertpapiere mit gesunkenen Preisen überwiegend gekauft, während sie Wertpapiere
mit gestiegenen Preisen verkauft haben, vgl.: Deutsche Bundesbank (2020).
35 Siehe: Richtlinie (EU) 2025/2 des Europäischen Parlamentes und des Rates.
36 Vgl.: Deutsche Bundesbank (2024a).
37 Vgl.: European Parliament (2024). Für Banken ist eine EU-Richtlinie zur Sanierung und Abwicklung bereits seit dem Jahr 2015 in Kraft.
38 Die Versicherungsunternehmen müssen künftig präventive Sanierungspläne erstellen, sodass insgesamt mindestens 60 % des nationalen
Marktes abgedeckt sind. Bei verpflichtenden Abwicklungsplänen liegt die Abdeckung bei mindestens 40 %.
39 Eine drohende Insolvenz eines großen Versicherers hat insbesondere dann negative Folgen für die Realwirtschaft und das Finanzsystem,
wenn kritische Funktionen nicht mehr erfüllt werden, beispielsweise in der Risikoallokation und -teilung.
2.4 Risikolage im deutschen Investmentfondssektor
Der deutsche offene Investmentfondssektor verzeichnete im Jahr
2024 geringere Nettomittelzuflüsse als in den Vorjahren. Im
Spezialfondssektor flossen Nettomittel in allen Fondskategorien zu,
mit Ausnahme der Aktienfonds (Schaubild 2.4.1).40 Dagegen gab
es im Publikumsfondssektor leichte Nettomittelabflüsse.
Ausschlaggebend dafür waren vor allem Nettomittelabflüsse bei
Immobilienfonds, die auch 2025 weiter anhalten. Bei offenen
Investmentfonds können Liquiditätsrisiken entstehen. Anleger können
ihre Fondsanteile häufig innerhalb eines Tages zurückgeben.
In Deutschland begrenzen Kündigungs- und Mindesthaltefristen
die Liquiditätsrisiken bei offenen Publikums-Immobilienfonds.
Aufgrund der anhaltenden Nettomittelabflüsse im Publikums-
Immobilienfondssektor beschäftigte sich der Ausschuss mit den
Liquiditätsrisiken bei offenen Immobilienfonds. Er stellte fest, dass
diese Risiken weiterhin fortlaufend beobachtet werden müssen.
Seit dem Jahr 2013 müssen Anleger in Publikums-
Immobilienfonds Rückgaben von Anteilsscheinen zwölf Monate im Voraus
ankündigen. Außerdem gilt eine Mindesthaltedauer von 24
Monaten.41 Die Liquiditätspuffer, die über die regulatorischen
Anforderungen hinausgehen, mindern zusätzlich Liquiditätsrisiken bei Publikums-Immobilienfonds. Um anhaltende
Rückgaben von Anteilsscheinen auch weiterhin langfristig bedienen zu können, könnten Fonds jedoch gezwungen
sein, weitere Objekte im gesamten Marktsegment zu verkaufen. Dies könnte Preisrückgänge am
Gewerbeimmobilienmarkt verstärken (siehe Abschnitt 2.5 „Vom Immobilienmarkt ausgehende Risiken“).
Die starke Vernetzung von Investmentfonds und weiteren Nichtbank-Finanzintermediären (NBFI) im in- und
ausländischen Finanzsystem kann zu Ansteckungseffekten führen. Der Ausschuss befasste sich mit der
Vernetzung innerhalb des NBFI-Sektors und zwischen NBFI- und Bankensektor. Er stellte fest, dass direkte und
indirekte Vernetzung Schocks verstärken, aber auch dämpfen kann.
40 Institutionelle Investoren wie Banken, Versicherer, Altersvorsorgeeinrichtungen und andere Investmentfonds halten überwiegend
Spezialfonds. In Publikumsfonds hingegen investieren fast ausschließlich private Haushalte.
41 Anleger haben bei der Rückgabe von Anteilen eines Publikums-Immobilienfonds, die sie vor dem 22. Juli 2013 erworben haben,
Freibeträge ohne Kündigungsfrist.
2.5 Vom Immobilienmarkt ausgehende Risiken
Die Verwundbarkeiten am deutschen Wohnimmobilienmarkt
gingen im Berichtszeitraum zurück. Die Überbewertungen am
Wohnimmobilienmarkt bauten sich größtenteils ab.42 Dadurch ist
das Rückschlagpotenzial bei den Wohnimmobilienpreisen
gesunken.43 Die Wohnimmobilienpreise stabilisierten sich im Jahr 2024.
Sie stiegen ab dem zweiten Quartal 2024 leicht an. Zuvor waren sie
knapp zwei Jahre gesunken (Schaubild 2.5.1), was insbesondere die
Sicherheitenwerte in der Wohnimmobilienfinanzierung belastete.44
Gleichzeitig erholte sich die Kreditvergabe für private
Wohnimmobilienfinanzierungen. Etwas niedrigere Finanzierungskosten,
gestiegene Haushaltseinkommen sowie eine geringere Inflation
stützten diese Entwicklung. Die Nachfrage nach Wohnraum bleibt hoch.
Die schwächere Neubautätigkeit dürfte die Preisentwicklung
zusätzlich gestützt haben. Allerdings bestehen Verwundbarkeiten
fort, wenn auch in geringerem Ausmaß. So trübten sich zum Ende
des Berichtszeitraums die Aussichten am Arbeitsmarkt ein. Die
Ausfallwahrscheinlichkeiten für private
Wohnimmobilienfinanzierungen könnten im Falle einer schwachen Wirtschaftsentwicklung
steigen.
Die Verwundbarkeiten am Gewerbeimmobilienmarkt blieben im
Berichtszeitraum erhöht. Die Preise stagnierten bei weiterhin sehr
niedrigen Transaktionsvolumina. Analysen deuten auf ein erhöhtes
Risiko für weitere Preisrückgänge hin. Zusätzliche
Nettomittelabflüsse bei Immobilienfonds könnten Preisrückgänge verstärken,
sollten sie zu Verkäufen führen. Der Anteil notleidender Kredite ist
weiter gestiegen. Besonders betroffen sind dabei einige stark im
US-Markt engagierte signifikante Institute (SI). Szenarioanalysen
der Bundesbank zufolge sollte das deutsche Bankensystem in der
Lage sein, einen zusätzlichen begrenzten Anstieg der
Kreditausfälle aus dem Gewerbeimmobiliensektor zu verkraften. Verluste
wären in einem solchen Fall stark bei wenigen kleineren und
mittleren Instituten konzentriert.
Risiken aus der Finanzierung von Wohnimmobilien
Die Wohnimmobilienpreise stiegen ab dem zweiten Quartal 2024 wieder leicht an. Zuvor waren die Preise für
Wohnimmobilien knapp zwei Jahre lang um insgesamt rund 13 % gesunken. Dies geht aus den Angaben des
Statistischen Bundesamtes hervor. Der Preisrückgang belastete die Sicherheitenwerte der
Wohnimmobilienfinanzierungen. In der Folge überstieg bei manchen Krediten das ausstehende Darlehensvolumen den aktuellen
Immobilienwert.45 Bei einer Fortsetzung der aktuellen positiven Preisentwicklung würde der Anteil solcher Kredite
jedoch abnehmen.46 Zudem ist das Potenzial für starke Preisrückgänge bei Wohnimmobilien in adversen
Szenarien zurückgegangen.47 Diese Entwicklungen dürften für sich genommen das Verlustpotenzial aus der privaten
Wohnimmobilienfinanzierung perspektivisch reduzieren.
42 Vgl.: Deutsche Bundesbank (2025).
43 Die geringere Wahrscheinlichkeit starker Wohnimmobilienpreisrückschläge wird vom Price-at-risk-Modell bestätigt.
44 Insbesondere betraf dies Wohnimmobilienfinanzierungen, die Banken während des vorübergehenden Preishochs bei Wohnimmobilien
ausgereicht haben.
45 Vgl.: Deutsche Bundesbank (2024).
46 Schon bei gleichbleibenden Wohnimmobilienpreisen würde dieser Anteil aufgrund zwischenzeitlicher Tilgungen zurückgehen.
47 Auf Basis eines House-Price-at-Risk-Ansatzes für Deutschland, vgl.: Hafemann (2023).
Das Kreditwachstum für private Wohnimmobilienfinanzierungen erholte sich. Die Neukreditvergabe lag jedoch
noch deutlich unter dem Niveau von Mitte 2022, dem Ende der Niedrigzinsphase. Die Verschuldung der privaten
Haushalte im Verhältnis zu ihren verfügbaren Einkommen nahm in aggregierter Betrachtung weiter ab
(Schaubild 2.5.2). Der Rückgang ist auf die schwächere Neukreditentwicklung und auf weiter gestiegene Einkommen
zurückzuführen.
Die notleidenden Kredite in der privaten Wohnimmobilienfinanzierung nahmen leicht zu. Der Anstieg erfolgte
jedoch von einem niedrigen Ausgangsniveau (Schaubild 2.5.2). In Deutschland sind die Kreditausfälle privater
Haushalte eng mit der Entwicklung der Arbeitslosigkeit verbunden.48 Trotz der gesamtwirtschaftlichen Schwäche
war der Arbeitsmarkt überwiegend robust. Aufgrund konjunktureller und struktureller Herausforderungen nahm
die Unsicherheit über die weitere Entwicklung am Arbeitsmarkt jedoch zu. Auch die Arbeitslosigkeit ist leicht
gestiegen. Sollte sich dieser Trend verstärkt fortsetzen, könnten die Ausfallwahrscheinlichkeiten in der privaten
Wohnimmobilienfinanzierung in negativen Szenarien ansteigen.
48 Vgl.: Deutsche Bundesbank (2023).
Der Ausschuss diskutierte auch Risiken, die sich aus der spezifischen regionalen Wirtschaftsstruktur ergeben
können. Beispielsweise könnten zunehmende Unsicherheiten, strukturelle Herausforderungen und geopolitische
Spannungen das Verarbeitende Gewerbe stärker als andere Wirtschaftsbereiche treffen.49 Dies gilt insbesondere
für den Fall eines eskalierenden Handelskonflikts. Beschäftigte im
Verarbeitenden Gewerbe haben überdurchschnittlich oft eine
ausstehende Wohnimmobilienfinanzierung. Bislang weisen stark
industrialisierte Regionen im Bundesvergleich zumeist eine
unterdurchschnittliche Arbeitslosigkeit auf. Ein negativer Schock, der
besonders das Verarbeitende Gewerbe trifft, hätte Folgen für den
Arbeitsmarkt in diesen Regionen. Er könnte dort zu höheren
Preisrückgängen und zunehmenden Kreditausfällen führen.
Die Banken strafften ihre Kreditvergaberichtlinien für private
Wohnimmobilienfinanzierungen nur leicht. In der vorherigen
Berichtsperiode hatten sie die Vergaberichtlinien laut Angaben des
Bank Lending Surveys (BLS) hingegen noch deutlich gestrafft.50
Allerdings zeigen Verteilungen der Kreditvergabestandards
aufgrund von Angaben der Kreditvergabeplattform Interhyp
Auffälligkeiten. Betroffen ist der Anteil der als riskant anzusehenden
Kredite (Schaubild 2.5.3). Es gibt einen substanziellen Anteil von
Neukrediten, bei denen das Darlehensvolumen mindestens 90 %
des Immobilienwerts (Loan-to-Value-Ratio, LTV) ausmacht. Im
zweiten Halbjahr 2024 lag der Anteil bei 30 %. Auch der Anteil
von Neukrediten, bei dem der Schuldendienst 40 % des
verfügbaren Einkommens übersteigt, ist eher hoch (Debt-Service-to-
Income-Ratio, DSTI). Er lag zuletzt bei 18 %. Die durchschnittliche
LTV in der Neukreditvergabe betrug im zweiten Halbjahr 2024
rund 76 %. Die DSTI erreichte durchschnittlich 31 %.
Künftig soll die neue Datenerhebung zu
Wohnimmobilienfinanzierungen (WIFSta) als Grundlage der makroprudenziellen
Überwachung sowie potenzieller Politikmaßnahmen in diesem Bereich
dienen. Zu Beginn der Anfang 2023 eingeführten Datenerhebung
wandten die meldepflichtigen Institute die vorgegebenen
Definitionen allerdings nicht einheitlich an. Die Bundesbank vereinbarte
daraufhin mit den Instituten Maßnahmen, um die Datenqualität zu
verbessern. Somit stehen ab Mitte 2025 für den Berichtszeitraum
des ersten Quartals 2025 harmonisierte Daten zu Vergabestandards
in der Neukreditvergabe zur Verfügung.
Risiken aus der Finanzierung von Gewerbeimmobilien
Die systemischen Risiken aus Entwicklungen an den Gewerbeimmobilienmärkten blieben weiterhin erhöht. Nach
kräftigen Preisrückgängen im Jahr 2023 stagnierten die Preise im Jahr 2024 (Schaubild 2.5.1). Diese Preise
basieren jedoch auf wenigen Transaktionen, was das Bild verzerren könnte. Zusätzliche Abwärtsrisiken bestehen
weiterhin. Eine Price-at-Risk-Analyse für deutsche Gewerbeimmobilienpreise deutet auf das Risiko weiterer
Preisrückgänge hin.51 Die geschätzte Verteilung der Preiswachstumsrate für das vierte Quartal 2024 verschob sich
im Vergleich zum Vorjahresquartal. Sie verlagerte sich weiter in den negativen Bereich. Strukturelle
Veränderungen belasten weiterhin die Entwicklung am Gewerbeimmobilienmarkt, insbesondere für Büro- und
Einzelhandelsimmobilien. Wesentlich sind die gestiegene Bedeutung des Online-Handels, die vermehrte Nutzung von
Homeoffice sowie die höheren energetischen Anforderungen.
49 Etwa 20 % der Beschäftigten in Deutschland arbeiten im Verarbeitenden Gewerbe.
50 Vgl.: Ausschuss für Finanzstabilität (2024).
51 Vgl.: Herbst, Plaasch und Stammwitz (2024).
Offene Immobilienfonds könnten Preisrückgänge am Gewerbeimmobilienmarkt verstärken. Immobilienfonds
waren in den vergangenen Jahren einer der wichtigsten Nettokäufer deutscher Gewerbeimmobilien. Eine
Erhöhung der derzeit noch moderaten Netto-Mittelabflüsse bei Publikums-Immobilienfonds könnte jedoch dazu
führen, dass mehr Fonds Immobilien verkaufen müssen. In Kombination mit einer weiterhin geringen Nachfrage am
Gewerbeimmobilienmarkt hat dies das Potenzial, dass Preise weiter sinken. Kündigungs- und Mindesthaltefristen
begrenzen bei Publikums-Fonds das Risiko abrupter Mittelabflüsse.
Im Berichtszeitraum verschlechterte sich die Kreditqualität weiter.
Im vierten Quartal 2024 stieg der Anteil notleidender Kredite am
gesamten, mit Gewerbeimmobilien besicherten Kreditbestand
deutscher Banken auf 5,0 % (Schaubild 2.5.4). Im Vorjahresquartal
hatte er noch bei 3,9 % gelegen. Überdurchschnittlich hoch fiel die
Quote notleidender Kredite bei signifikanten Instituten (SI) mit
5,8 % im vierten Quartal 2024 aus. Denn einige dieser Banken sind
am besonders betroffenen US-amerikanischen
Gewerbeimmobilienmarkt engagiert. Infolge des Abschwungs mussten sie teilweise
hohe Wertberichtigungen bilden.
Ein begrenzter weiterer Anstieg der Kreditausfälle im
Gewerbeimmobilienbereich dürfte für das Bankensystem verkraftbar sein. In
einer
Szenariorechnung hat die
Bundesbank
Risiken aus
Gewerbeimmobilien für
das deutsche
Bankensystem analysiert und den Ausschuss darüber informiert.52
Bei einem weiteren starken Anstieg der Kreditausfälle, der nur
Gewerbeimmobilien-Projektentwickler betrifft, würde sich die
aggregierte harte Kernkapitalquote der deutschen Banken um
0,8 Prozentpunkte reduzieren. Der Effekt würde sich auf wenige
kleinere bis mittelgroße Institute konzentrieren (Schaubild
2.5.5). Diese würden vergleichsweise hohe Verluste erleiden.
Ein Abschwung, der den gesamten Gewerbeimmobilienmarkt
betrifft, hätte hingegen flächendeckende Auswirkungen auf das
Bankensystem. Die harte Kernkapitalquote würde im Aggregat
um 1,6 Prozentpunkte sinken. Etwa ein Drittel der Banken würde
Verluste von mehr als 2,4 % der risikogewichteten Aktiva
verzeichnen (Schaubild 2.5.5). Die Ansteckung weiterer Banken
könnte die Risiken verstärken. Nach den Schätzungen der
Bundesbank könnte eine Reihe kleiner und mittelgroßer Banken ihre
Pufferanforderungen nicht mehr erfüllen. Es besteht das Risiko,
dass diese Institute als Konsequenz ihre Kreditvergabe
reduzieren. Auch in diesem verschärften Szenario könnte das
Bankensystem im Aggregat aber weiterhin ausreichend Kredite
bereitstellen. Der Ausschuss beschloss, Risiken bei
Gewerbeimmobilien weiter eng zu beobachten.
52 Vgl.: Herbst und Roling (2024).
Quellenverzeichnis
Ausschuss für Finanzstabilität (2024), Elfter Bericht an den Deutschen Bundestag, Juli 2024.
Deutsche Bundesbank (2025), Monatsbericht, Februar 2025.
Deutsche Bundesbank (2024), Finanzstabilitätsbericht.
Deutsche Bundesbank (2023), Finanzstabilitätsbericht.
Hafemann, L. (2023), A house prices at risk approach for the German residential real estate market, Bundesbank
Technical Paper No 07/2023.
Herbst, T., J. Plaasch und F. Stammwitz (2024), A price at risk approach for the German commerical real estate
market, Bundesbank Technical Paper No 08/2024.
Herbst, T. und C. Roling (2024), A top-down loan-level stress test for banks’ corporate credit risk: Application
to risks from commercial real estate markets, Bundesbank Technical Paper No 09/2024.
2.6 Diskussion zu makroprudenziellen Instrumenten
Der Ausschuss begrüßte die Absicht der BaFin, den sektoralen Systemrisikopuffer angesichts gesunkener
Verwundbarkeiten am Wohnimmobilienmarkt von 2 % auf 1 % zu senken und hielt den antizyklischen Kapitalpuffer
(CCyB) von 0,75 % weiterhin für angemessen. Die Verwundbarkeiten im deutschen Finanzsektor gingen im
Berichtsjahr geordnet zurück. Der Abbau verlief langsam und die Verwundbarkeiten blieben insgesamt substanziell.
Angesichts der weiterhin bestehenden Verwundbarkeiten und der hohen Unsicherheit erachtete der Ausschuss
den CCyB von 0,75 % weiterhin für angemessen. So kann die Aufsicht den antizyklischen Kapitalpuffer
freigeben, falls bei einem Schock eine Einschränkung des Kreditangebots droht. Der Ausschuss begrüßte angesichts
der zurückgegangenen Verwundbarkeiten am Wohnimmobilienmarkt die Absicht der BaFin, den sektoralen
Systemrisikopuffer (sSyRB) von bisher 2 % auf 1 % zu senken. Die Absenkung ist angemessen, weil mögliche
Risiken aufgrund der größtenteils abgebauten Überbewertungen und des niedrigeren Rückschlagpotenzials bei den
Wohnimmobilienpreisen im Vergleich zur sSyRB-Überprüfung im Jahr 2024 zurückgegangen sind. Gleichzeitig
haben sich die Verwundbarkeiten am Wohnimmobilienmarkt noch nicht vollständig abgebaut (siehe Abschnitt
2.5 „Vom Immobilienmarkt ausgehende Risiken“).
Wegen einer Regulierungsänderung müssen Banken für den sSyRB weniger Kapital vorhalten. Neben der
Herabsetzung des sSyRB auf 1 % führt eine Änderung der Kapitaladäquanzverordnung (Capital Requirements
Regulation, CRR), die Anfang 2025 in Kraft getreten ist, dazu, dass die Banken für den sSyRB weniger Kapital
vorhalten müssen. Der Grund ist, dass sich die für die Berechnung des sSyRB maßgeblichen risikogewichteten
Aktiva (RWA) reduzierten.
Der Ausschuss hat den Auftrag aus dem Koalitionsvertrag 2021 bis 2025 zwischen SPD, BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN und FDP erfüllt, das makroprudenzielle Instrumentarium in Deutschland auf Lücken hin zu
untersuchen. Über die Schaffung der Rechtsgrundlage für einkommensbezogene Instrumente für
Wohnimmobilienkredite hinaus sah der AFS keine Notwendigkeit für nationale Initiativen, das makroprudenzielle Instrumentarium in
Deutschland weiter zu ergänzen. Gesetzlicher Anpassungsbedarf könnte sich jedoch ergeben, falls der
europäische makroprudenzielle Rahmen geändert werden würde.
2.7 Weitere Themen
Digitaler Euro: Strukturelle Anpassungsprozesse im deutschen Bankensektor
Mit seinen Arbeiten unterstützt das Eurosystem die Ziele des europäischen Gesetzgebers, potenzielle
Auswirkungen des digitalen Euro (D€) auf die Finanzstabilität zu begrenzen. Der Verordnungsvorschlag der EU-
Kommission zum D€ sieht vor, dass die EZB Instrumente entwickeln soll, um die Nutzung des digitalen Euro als
Wertaufbewahrungsmittel zu beschränken, insbesondere mit dem Ziel, die Finanzstabilität zu wahren.53 Das
Eurosystem hat bereits im Oktober 2021 eine Untersuchungsphase zum D€ gestartet. In dieser Phase hat es unter anderem
Design-Optionen untersucht, die Risiken für die Finanzstabilität begrenzen.54 Zu den Design-Optionen, auf die
im Legislativvorschlag ausdrücklich verwiesen wird, gehören Haltegrenzen, das heißt, die Festlegung eines
maximalen Betrags an D€, den eine Person halten darf. Eine Haltegrenze begrenzt eine übermäßige Nutzung des D€
als Wertaufbewahrungsmittel, indem sie Umschichtungen von Geschäftsbankeinlagen in den D€ einschränkt.
Nach Abschluss der Untersuchungsphase leitete das Eurosystem im Oktober 2023 eine zweijährige
Vorbereitungsphase ein, in der die technische Umsetzung der Design-Optionen ausgearbeitet werden soll.55
Die Bundesbank präsentierte dem Ausschuss Analysen zu langfristigen Anpassungsprozessen im Bankensektor.
Sie erläuterte Implikationen für die Finanzstabilität bei Einführung eines D€. Langfristig haben Banken
verschiedene Optionen, auf die Einführung eines D€ und die daraus resultierenden möglichen Einlagenabflüsse zu
reagieren. Um die Finanzierungskosten zu senken, wählen Banken einen optimalen Liquiditätspuffer (welcher die
Refinanzierungskosten am Markt beeinflusst) in Kombination mit einer optimalen Finanzierungsstruktur. Dazu zählt
auch die Möglichkeit, die Einlagenzinsen zu erhöhen. Ein von der Bundesbank neu entwickeltes
Gleichgewichtsmodell bildet bankinterne Entscheidungsprozesse ab. Das Modell berücksichtigt die Handlungsoptionen der
Banken und simuliert die Veränderung der Refinanzierungsstruktur nach Einführung des D€.56 Banken können durch
angemessene Liquiditätspuffer und einen ausgewogenen Refinanzierungsmix den Anstieg ihrer
Refinanzierungskosten merklich verringern.
53 Vgl.: European Commission (2023).
54 Vgl.: European Central Bank (2021).
55 Vgl.: European Central Bank (2023).
56 Vgl.: Deutsche Bundesbank (2024).
Die Analysen der Bundesbank zeigen, dass die Auswirkungen auf Liquidität und Finanzierungskosten im
deutschen Bankensystem bei einer Haltegrenze von 3 000 Euro begrenzt blieben. Die Modellsimulation basiert auf
Bankdaten aus dem zweiten Quartal 2024. Demnach würden Profitabilität und Liquidität durch eine
Finanzierungsanpassung moderat sinken. Bei einer Haltegrenze von 3 000 Euro reduzierte sich im deutschen
Bankensystem die Eigenkapitalrendite (Return on Equity, ROE) um durchschnittlich rund 0,3 Prozentpunkte. Die
Liquiditätsdeckungsquote (Liquidity Coverage Ratio, LCR) sänke um etwa 3 Prozentpunkte. Selbst bei höheren
Haltegrenzen bis 5 000 Euro blieben die Auswirkungen auf die Finanzstabilität wirksam begrenzt. Im Vergleich zu den
Ergebnissen aus den Analysen zu den Kurzfristeffekten aus dem Jahr 2023 fielen die negativen Effekte im
langfristigen Szenario erheblich geringer aus.57 Der Grund hierfür ist, dass im Jahr 2023 keine Verhaltensanpassungen
der Banken, beispielsweise zur Anpassung ihrer Refinanzierung, berücksichtigt wurden. Insgesamt deuten die
Ergebnisse nicht auf erhöhte Verwundbarkeiten oder eine signifikant geringere Widerstandsfähigkeit des
deutschen Bankensystems gegenüber unerwarteten systemischen Liquiditätsschocks bei Einführung eines D€ hin.
Cyberrisiken: Auswirkungen auf die Finanzstabilität
Der Ausschuss sah Cyberrisiken weiterhin als erhöhtes Risiko für die Finanzstabilität an. Der weiterhin
ungebrochene Trend zu Auslagerungen von IT-Dienstleistungen vergrößerte die Abhängigkeit des Finanzsektors von
Drittanbietern. Dazu zählen zum Beispiel Cloud-Service-Anbieter. Zudem führten Auslagerungen an einige
wenige IT-Dienstleister zu Konzentrationsrisiken für das Finanzsystem bei Drittanbietern. Fehlentwicklungen und
Ausfälle bei diesen Drittanbietern können damit erhebliche Auswirkungen auf die Stabilität des gesamten
Finanzsystems haben.
Obwohl es damals nicht zu einer Krise im Finanzsystem gekommen war, ist das fehlerhaft aufgespielte Software-
Update der IT-Sicherheitsfirma CrowdStrike am 19. Juli 2024 ein Beispiel für diese Zusammenhänge. Der Vorfall
wurde schnell behoben, hatte aber dennoch globale wirtschaftliche Auswirkungen. Der Ausschuss diskutierte,
dass angesichts zunehmender geopolitischer Risiken auch das Finanzsystem in das Visier insbesondere von
staatlichen Hackergruppen geraten könnte. Diese könnten die oben skizzierten Verwundbarkeiten des Finanzsystems
ausnutzen und so erheblichen Schaden anrichten. Deshalb beschloss der AFS, Cyberrisiken weiterhin eng zu
überwachen. Der Ausschuss begrüßt die bereits laufenden Initiativen, die Cyberrisiken adressieren.
Klimarisiken: Stresstestergebnisse und Bedeutung für die Finanzstabilität
Der Ausschuss beschäftigte sich erneut mit den Risiken des Klimawandels für die Finanzstabilität. Die größten
Risiken für die Finanzstabilität liegen in direkten Schäden des Klimawandels (physische Klimarisiken), zum
Beispiel durch Überschwemmungen, sowie in Dekarbonisierungskosten (transitorische Klimarisiken). Ein
Schwerpunkt der Diskussionen im AFS lag auf den klimabezogenen Stresstests der Bundesbank. Erstmals untersuchte
die Bundesbank die kurzfristigen Auswirkungen eines plötzlichen Anstiegs der CO₂-Preise.58 Kurzfristige
Auswirkungen, wie höhere Kapitalanpassungskosten, können die in längerfristigen Szenarien berechneten
Klimarisiken für die Finanzstabilität leicht erhöhen.59 Die Risiken für das deutsche Finanzsystem bleiben beherrschbar.
Umfragen der Bundesbank zeigen jedoch, dass die bislang von Unternehmen und Haushalten geplanten
Investitionen deutlich zu gering sind, um die Pariser Klimaschutzziele zu erreichen. Langfristig können aufgeschobene
Investitionen die Risiken für die Finanzstabilität erhöhen. Wenn diese Investitionen in kürzerer Zeit nachgeholt
werden müssen, steigen die Dekarbonisierungskosten deutlich. Eine stabile, vorhersehbare Klimapolitik, die auf
abrupte CO₂-Preiserhöhungen verzichtet, reduziert die Risiken für die Finanzstabilität.
Die Offenlegung klimarelevanter Informationen durch Unternehmen kann die Risiken des Übergangs zu einer
grüneren Wirtschaft für die Finanzstabilität mindern. Durch verbesserte Informationen können Marktteilnehmer
effektiver auf klimapolitische Schocks reagieren. So können beispielsweise Rückgänge des Bruttoinlandsprodukts
(BIP) und von Unternehmensbewertungen als mögliche Folgen klimapolitischer Schocks verringert werden. Eine
verpflichtende Offenlegung wesentlicher Emissionskennzahlen durch Unternehmen kann außerdem dazu
beitragen, Klimarisiken im Finanzsektor zu erkennen und zu bewältigen.
57 Vgl.: Ausschuss für Finanzstabilität (2024).
58 Vgl.: Deutsche Bundesbank (2024).
59 Vgl.: Deutsche Bundesbank (2021, 2023).
Physische Klimarisiken und Risiken des Übergangs zu einer grüneren Wirtschaft werden für Deutschland vor
allem langfristig bedeutsamer. Neuere wissenschaftliche Forschung legt nahe, dass mögliche physische
Klimarisiken höher einzuschätzen sind als bisher vermutet. Dennoch sind die Auswirkungen auf die deutsche
Finanzstabilität aktuell nur gering. Physische Risiken nehmen jedoch insbesondere in globaler Perspektive weiter zu. Die
makroprudenzielle Aufsicht sollte daher ebenfalls die möglichen Auswirkungen physischer Risiken auf die
deutsche Wirtschaft und Finanzstabilität beobachten. Dies betrifft Übertragungen über realwirtschaftliche und
finanzielle Verflechtungen.
Quellenverzeichnis
Ausschuss für Finanzstabilität (2024), Elfter Bericht an den Deutschen Bundestag, Juli 2024.
Deutsche Bundesbank (2024), Finanzstabilitätsbericht.
Deutsche Bundesbank (2023), Finanzstabilitätsbericht.
Deutsche Bundesbank (2021), Finanzstabilitätsbericht.
European Central Bank (2023), Eurosystem startet nächste Phase des Projekts zum digitalen Euro,
Pressemitteilung vom 18.10.2023, Frankfurt.
European Central Bank (2021), Das Eurosystem startet Projekt zum digitalen Euro, Pressemitteilung vom
14.07.2021, Frankfurt.
European Commission (2023), Vorschlag für eine Verordnung des Europäischen Parlaments und des Rates zur
Einführung des digitalen Euro, Juni 2023.
3 Zusammenarbeit mit dem Europäischen Ausschuss für Systemrisiken
Die Aufgaben des AFS erfordern die Zusammenarbeit mit weiteren Behörden und Institutionen, die sich mit
Finanzstabilitätsthemen befassen. Besonders eng ist der Austausch mit dem Europäischen Ausschuss für
Systemrisiken (ESRB). Dessen Mandat beinhaltet die makroprudenzielle Überwachung des gesamten Finanzsystems der
EU. Der ESRB trägt dazu bei, systemische Risiken in der EU abzuwenden und einzudämmen.60
Der ESRB hat im Berichtszeitraum keine neuen Warnungen oder Empfehlungen ausgesprochen. Im November
2024 veröffentlichte der ESRB jedoch einen Bericht.61 Darin zeigt er makroprudenzielle Handlungsfelder auf, in
denen Unterstützung durch gesetzliche Maßnahmen der Europäischen Kommission erforderlich sei. Der Bericht
basiert auf dem vorgelagerten Konsultationsverfahren der Europäischen Kommission zur Angemessenheit
verfügbarer makroprudenzieller Instrumente für den NBFI-Sektor. Im ESRB-Bericht wird ein konzeptioneller
Rahmen für einen ganzheitlicheren makroprudenziellen Politikansatz vorgestellt. So sollte aus Sicht des ESRB die
vorherrschende institutsspezifische Sichtweise um eine aktivitätenbasierte Perspektive ergänzt werden
(Entityand-Activity-Focus). Der ESRB empfiehlt der Kommission einen systemweiten Blick, wenn neue Gesetze auf
den Weg gebracht oder Rechtsverordnungen überprüft werden. Zudem fordert der ESRB die Kommission auf,
bestehende Regulierungslücken zu schließen und den Datenaustausch zwischen Aufsichtsbehörden zu erleichtern.
Weitere Forderungen an die Kommission betreffen die Regulierung von Kryptovermögenswerten, Reziprozität
bei der Regulierung von Investmentfonds sowie die Schaffung von Anreizen für das zentrale Clearing von
Staatsanleihe- und Repogeschäften.
Der AFS erhält von der Bundesbank regelmäßig Informationen über relevante Entwicklungen und die im ESRB
diskutierten Themen. Zu den Schwerpunkten gehörten die steigenden Verflechtungen des Bankensektors mit dem
NBFI-Sektor. Zudem thematisierte der ESRB die Verwundbarkeiten im Zusammenhang mit der Zunahme der
geopolitischen Fragmentierung. Außerdem standen die Risiken durch Cyberangriffe und die rasante Entwicklung
der Künstlichen Intelligenz im Fokus.
Quellenverzeichnis
European Systemic Risk Board (2024), A system-wide approach to macroprudential policy, November 2024
60 Siehe: Verordnung (EU) Nr. 1092/2010, Artikel 3 Abs. 1.
61 Vgl.: European Systemic Risk Board (2024).
Anhang
A | Mitglieder des Ausschusses für Finanzstabilität
Bundesministerium der Finanzen:
Heiko Thoms, Staatssekretär, Vorsitzender des Ausschusses
Dr. Eva Wimmer, Leiterin der Abteilung Finanzmarktpolitik
Dr. Wolf Heinrich Reuter, Staatssekretär (bis 14.4.2024)
Dr. Nicolaus Heinen, Leiter der Abteilung finanzpolitische und volkswirtschaftliche Grundsatzfragen
(ab 15.4.2024)
Deutsche Bundesbank:
Dr. Sabine Mauderer, Vizepräsidentin (bis 31.10.2024)
Burkhard Balz, Mitglied des Vorstands (bis 31.8.2024)
Michael Theurer, Mitglied des Vorstands (ab 1.9.2024)
Dr. Fritzi Köhler-Geib, Mitglied des Vorstands (ab 1.11.2024)
Dr. Benjamin Weigert, Zentralbereichsleiter Finanzstabilität
Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht:
Mark Branson, Präsident
Raimund Röseler, Exekutivdirektor Bankenaufsicht
Rupert Schaefer, Exekutivdirektor Strategie, Policy und Steuerung
Birgit Rodolphe, Exekutivdirektorin Abwicklung und Geldwäscheprävention
(ohne Stimmrecht)
B | Sitzungstermine im Berichtszeitraum
⎯ 04. Juli 2024
⎯ 16. September 2024
⎯ 13. Dezember 2024
⎯ 31. März 2025
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333]
Relationen
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