Auslaufen der vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung geförderten Hochschulkooperationsprogramme des Deutschen Akademischen Austauschdienstes und Folgen für die deutsche Außenwissenschafts- und Entwicklungspolitik
Text
Auslaufen der vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung geförderten Hochschulkooperationsprogramme des Deutschen Akademischen Austauschdienstes und Folgen für die deutsche Außenwissenschafts- und Entwicklungspolitik
Deutscher Bundestag Drucksache 21/7584
21. Wahlperiode 14.08.2026
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Claudia Roth, Ayse Asar, Schahina Gambir, Dr. Jan-Niclas
Gesenhues, Ulle Schauws, Julian Joswig, Dr. Andrea Lübcke, Karoline Otte,
Prof. Dr. Anja Reinalter und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Auslaufen der vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit
und Entwicklung geförderten Hochschulkooperationsprogramme des
Deutschen Akademischen Austauschdienstes und Folgen für die deutsche
Außenwissenschafts- und Entwicklungspolitik
Hochschulkooperationen mit Ländern des Globalen Südens sind ein zentrales
Instrument deutscher Außen-, Wissenschafts- und Entwicklungspolitik. Über
die Programme des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) sind
über Jahrzehnte langfristige Partnerschaften mit Hochschulen in Afrika, Asien,
Lateinamerika und dem Nahen Osten entstanden, die nicht nur einzelne
Studierende fördern, sondern ganze Institutionen durch neue Studiengänge,
gemeinsame Forschung, stärkeres Hochschulmanagement und belastbare Netzwerke
stärken. Dieser Ansatz ist nachweislich wirksam: Mit vergleichsweise geringen
Mitteln bauen diese Programme langfristig wirkende Strukturen auf, die aus
dem regulären Hochschulhaushalt nicht gegenfinanziert werden können
(Evaluation der DAAD-Hochschulpartnerschaften 2009 bis 2019, abrufbar unter:
https://static.daad.de/media/daad_de/der-daad/kommunikation-publikationen/d
aadevaluationpartnerschaftsprogrammesummaryde.pdf). Die strategische
Bedeutung dieser Programme zeigt sich auch darin, dass insbesondere China,
Russland und die Türkei den akademischen Austausch mit Ländern des
Globalen Südens gezielt intensivieren und als Instrument ihrer Außenpolitik
einsetzen, um geostrategisch ihren Einfluss auszubauen (vgl. DAAD-Policy Brief
„Akademischer Austausch als Instrument geostrategischer Einflussnahme“,
Juni 2026).
Nach aktuellen Plänen des Bundesministeriums für wirtschaftliche
Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) sollen bis 2031 alle DAAD-Programme zur
Hochschulkooperation mit Ausnahme eines Alumni-Programms eingestellt
werden. Gleichzeitig laufen Programme aus, die bislang aus Sonderinitiativen
des BMZ gefördert wurden. Im Jahr 2025 wurden die betroffenen Programme
noch mit rund 25 Mio. Euro jährlich gefördert. In den vergangenen fünf Jahren
erreichten sie rund 120 000 Menschen in über 70 Ländern, an denen rund 450
Partnerhochschulen und Partnerinstitutionen beteiligt waren. Thematisch
arbeiteten die Programme an Zukunftsfragen wie Energieversorgung,
Wassermanagement, Gesundheit und Digitalisierung (vgl. DAAD-Pressemitteilung
vom 20. Mai 2026; Entschließung der DAAD-Mitgliederversammlung vom
23. Juni 2026). Renommierte deutsche Hochschulen – darunter die Technische
Universität Berlin, die Universität Bielefeld, die Universität Potsdam und viele
weitere – haben in Stellungnahmen beschrieben, was die Beendigung für sie
konkret bedeutet: den Verlust jahrelang aufgebauter Partnerschaften, die
Unterbrechung laufender Projekte und den Wegfall wissenschaftlicher Netzwerke,
die nicht kurzfristig wiederhergestellt werden können. Das BMZ hat erklärt,
seine künftige DAAD-Förderung auf Stipendienprogramme konzentrieren zu
wollen (Antwort der Bundesregierung auf die Schriftliche Frage 151 der
Abgeordneten Claudia Roth auf Bundestagsdrucksache 21/6244). Stipendien fördern
jedoch individuelle Bildungswege, während Hochschulkooperationsprogramme
darüber hinaus institutionelle Kapazitäten in den Partnerländern aufbauen –
durch Curricula-Entwicklung, Qualitätssicherung, Forschungsinfrastrukturen
und dauerhafte Vernetzung. Dieser strukturelle Wirkungskanal lässt sich durch
Individualförderung nicht ersetzen.
Aus Sicht der Fragestellenden wirft die Entscheidung grundlegende
prozedurale Fragen auf. Es ist nach Kenntnis der Fragestellenden nicht erkennbar, dass
das BMZ vor seiner Entscheidung eine Folgenabschätzung oder
Wirtschaftlichkeitsbetrachtung unter Einbeziehung langfristiger Effekte vorgenommen hat
oder andere Bundesressorts einbezogen wurden. Darüber hinaus sehen die
Fragestellenden die Entscheidung im Widerspruch zur im Koalitionsvertrag
zwischen CDU, CSU und SPD festgeschriebenen ressortübergreifenden Stärkung
des DAAD und zur neuen BMZ-Strategie, die den DAAD als zentralen Partner
für Hochschulbildung und Forschung benennt. Paradox erscheint zudem, dass
die vom BMZ einberufene entwicklungspolitische Nord-Süd-Kommission
stabile Partnerschaften mit Ländern des Globalen Südens zum Ziel erklärt,
während ebendiese Partnerschaften gleichzeitig eingestellt werden.
Geopolitisch kommt aus Sicht der Fragestellenden erschwerend hinzu, dass
autoritäre Staaten wie Russland oder China Lücken füllen, die durch das
außenwissenschaftspolitische Vakuum entstehen, das die Bundesregierung
hinterlässt. Zum Vergleich: Im Jahr 2025 bewarben sich über 40 000 Studierende aus
Afrika um die rund 5 000 staatlich finanzierten russischen Stipendienplätze.
China hat sich vorgenommen, allein zwischen 2025 und 2027 im Rahmen
seines Beijing Action Plan 60 000 afrikanische Studierende und 1 000 Forschende
ins Land zu holen sowie 30 gemeinsame Forschungslabore zu gründen. Beide
Länder setzen akademische Kooperationen gezielt ein, um Einfluss, Netzwerke
und politische Loyalitäten in Regionen aufzubauen, in denen Deutschland
durch die Einstellung der DAAD-Programme an Präsenz verliert (vgl. DAAD-
Policy Brief „Akademischer Austausch als Instrument geostrategischer
Einflussnahme“, Juni 2026). Der Academic Freedom Index belegt zudem, dass nur
noch knapp 20 Prozent der Weltbevölkerung in Ländern mit geschützter
Wissenschaftsfreiheit leben. Ausgerechnet in diesem schrumpfenden globalen
Freiraum werden mit den DAAD-Kürzungen Instrumente geschwächt, die
institutionelle Offenheit und demokratische Wissenschaftsstrukturen im Globalen
Süden stärken.
Parallel dazu liegt die institutionelle Förderung des DAAD im Haushalt des
Auswärtigen Amts im Regierungsentwurf für 2027 mit 204,95 Mio. Euro
deutlich unter dem Niveau von 2023 (222,0 Mio. Euro) (Regierungsentwurf
Bundeshaushalt 2027).
Vor diesem Hintergrund stellen sich für die Fragestellenden grundlegende
Fragen zur Entscheidungsgrundlage, zu den inhaltlichen Folgen und zur
strategischen Kohärenz der deutschen Außenwissenschafts- und
Entwicklungspolitik.
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Welche konkreten DAAD-Programme im Zuständigkeitsbereich des BMZ
sind von den Kürzungen betroffen (bitte einzeln nach Programmname,
gefördertem Finanzvolumen und geplanter Auslaufzeit aufschlüsseln), und
wie viele Kooperationen mit Hochschulen in Ländern mit niedrigem und
mittlerem Einkommen werden dadurch vorzeitig beendet oder nicht
verlängert?
2. Hat die Bundesregierung vor der Entscheidung, die DAAD-
Hochschulkooperationsprogramme auslaufen zu lassen, eine
Folgenabschätzung vorgenommen, in der kurzfristige Einspareffekte den
langfristigen Folgen für Deutschlands außenwissenschaftliche und
entwicklungspolitische Beziehungen gegenübergestellt wurden, wenn ja, mit welchem
Ergebnis, und wenn nein, warum nicht?
3. Hat die Bundesregierung eine Wirtschaftlichkeitsbetrachtung
durchgeführt, die über kurzfristige Einsparungen hinaus auch langfristige Effekte
für Wissensaufbau, Fachkräfteentwicklung und internationale
Partnerschaften einbezieht, und wenn ja, mit welchem Ergebnis?
4. Wurden der DAAD, die Hochschulrektorenkonferenz sowie betroffene
Hochschulen vor der Entscheidung über das Auslaufen der Programme
konsultiert oder informiert, und wenn ja, in welcher Form, und mit
welchem zeitlichen Vorlauf, und welche anderen Bundesressorts –
insbesondere das Auswärtige Amt, das Bundesministerium für Forschung,
Technologie und Raumfahrt sowie das Bundeskanzleramt – wurden in den
Entscheidungsprozess einbezogen?
5. In welchen konkreten thematischen Bereichen und Zielregionen werden
durch das Auslaufen der BMZ-Programme Hochschulkooperationen
beendet (bitte nach Programm und Region, insbesondere für die Bereiche
Energieversorgung, Wassermanagement, Gesundheit und Digitalisierung,
aufschlüsseln)?
6. Wie bewertet die Bundesregierung die Ergebnisse bisheriger
Evaluierungen der DAAD-Hochschulkooperationsprogramme, insbesondere der
Portfolioanalyse und Evaluation der DAAD-Hochschulpartnerschaften
2009 bis 2019 (abrufbar unter: https://static.daad.de/media/daad_de/der-da
ad/kommunikation-publikationen/daadevaluationpartnerschaftsprogramm
esummaryde.pdf), im Hinblick auf die Entscheidung, diese Programme
auslaufen zu lassen?
7. Wie verträgt sich die Entscheidung zum Auslaufen der DAAD-
Hochschulkooperationsprogramme mit der im Koalitionsvertrag zwischen
CDU, CSU und SPD festgeschriebenen ressortübergreifenden Stärkung
des DAAD sowie mit der neuen BMZ-Strategie, die den DAAD als
zentralen Partner für Hochschulbildung und Forschung benennt?
8. Sieht die Bundesregierung einen Widerspruch zwischen der Einstellung
der DAAD-Hochschulkooperationsprogramme und dem Auftrag der vom
BMZ einberufenen entwicklungspolitischen Nord-Süd-Kommission,
stabile Partnerschaften mit Ländern des Globalen Südens aufzubauen und zu
erhalten, und wie erklärt sie diesen Widerspruch gegebenenfalls?
9. Wie bewertet die Bundesregierung die Auswirkungen der Kürzungen bei
den DAAD-Hochschulkooperationsprogrammen auf den Forschungs- und
Innovationsstandort Deutschland, insbesondere mit Blick auf den Zugang
deutscher Hochschulen zu internationalen Forschungsnetzwerken, zu
wissenschaftlichen Talenten sowie zu Forschungsdaten und
Forschungsexpertise aus dem Globalen Süden?
10. Welche Staaten – insbesondere China, Russland, die Türkei und die
Golfstaaten – bauen nach Kenntnis der Bundesregierung ihr wissenschaftliches
und akademisches Engagement in denselben Regionen und
Themenfeldern aus, aus denen sich Deutschland durch die Einstellung der DAAD-
Programme zurückzieht, und wie bewertet die Bundesregierung das
Risiko, dass Deutschland dadurch dauerhaft an wissenschaftlichem und
außenpolitischem Einfluss in diesen Regionen verliert?
11. Wie bewertet die Bundesregierung die strategische Bedeutung der
Deutsch-Mongolischen Hochschule für Rohstoffe und Technologie
(DMHT) vor dem Hintergrund der deutschen Rohstoffstrategie und des
Ziels, Abhängigkeiten von China bei kritischen Rohstoffen zu verringern,
und welche Auswirkungen hätte eine Beendigung der Förderung auf
Deutschlands Zugang zu mongolischen Rohstoffvorkommen sowie auf
die Ausbildung dortiger Fachkräfte?
12. Sieht die Bundesregierung die Gefahr, dass bei einem deutschen
Förderrückzug aus der akademischen Ausbildung mongolischer Fach- und
Führungskräfte im Rohstoffsektor andere Akteure – insbesondere China oder
Russland – die entstehende Lücke füllen, und welche Konsequenzen hätte
dies für Deutschlands Position im Wettbewerb um
Rohstoffpartnerschaften in der Mongolei?
13. Wie bewertet die Bundesregierung die Bedeutung von Projekten wie
SOLID (Strengthening Social Work for Addiction & Health in Central
Asia and China), koordiniert durch die Technische Hochschule Nürnberg
mit Partnerhochschulen in Kasachstan, Kirgisistan, Usbekistan und China,
für die Umsetzung der Zentralasienstrategie der Bundesregierung im
Rahmen des C5+1‑Formats, und sieht sie die Gefahr, dass durch die BMZ-
Kürzungen die Nachhaltigkeit solcher Projekte und der von ihnen
aufgebauten akademischen Strukturen in den Partnerländern gefährdet wird?
Berlin, den 13. August 2026
Katharina Dröge, Britta Haßelmann und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333
Relationen
- asked ← Andrea Lübcke (Kleine Anfrage)
- asked ← Anja Reinalter (Kleine Anfrage)
- asked ← Ayse Asar (Kleine Anfrage)
- asked ← Claudia Roth (Kleine Anfrage)
- asked ← Jan-Niclas Gesenhues (Kleine Anfrage)
- asked ← Julian Joswig (Kleine Anfrage)
- asked ← Karoline Otte (Kleine Anfrage)
- asked ← Schahina Gambir (Kleine Anfrage)
- asked ← Ulle Schauws (Kleine Anfrage)
- authored ← Ayse Asar
- authored ← Claudia Roth
- authored ← Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
- part_of_vorgang → Auslaufen der vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung geförderten Hochschulkooperationsprogramme des Deutsc (Kleine Anfrage)