Protokoll der 71. Sitzung des 10. Deutschen Bundestages
Text
Protokoll der 71. Sitzung des 10. Deutschen Bundestages
[Plenarprotokoll 10/71
Deutscher Bundestag
Stenographischer Bericht
71. Sitzung
Bonn, Donnerstag, den 24. Mai 1984
Inhalt:
Glückwünsche zu den Geburtstagen der
Abg. Frau Huber und des Abg. Buckpesch 4995 A
Wahl des Abg. Baum als stellvertretendes
Mitglied in den Verwaltungsrat der
Filmförderungsanstalt 4995 A
Erweiterung der Tagesordnung 4995 B
Beratung des Antrags der Fraktion der
SPD zum gescheiterten
Strafbefreiungsvorhaben
— Drucksache 10/1449 —
in Verbindung mit
Beratung des Antrags der Fraktion DIE
GRÜNEN zum gescheiterten
Strafbefreiungsvorhaben
— Drucksache 10/1494 —
in Verbindung mit
Beratung des Antrags der Fraktionen der
CDU/CSU und FDP
Steuerstrafrechtliche Zweifelsfragen im
Zusammenhang mit Parteispenden
— Drucksache 10/1496 —
Dr. Vogel SPD 4996 A
Dr. Dregger CDU/CSU 4999 C
Schily GRÜNE 5005 C
Genscher FDP 5007 D
Dr. Emmerlich SPD 5012 A
Dr. Stoltenberg, Bundesminister BMF . 5015A
Dr. Apel SPD 5019 D
Baum FDP 5022 C
Hoss GRÜNE 5024 D
Dr. Waigel CDU/CSU 5026 B
Dr. Glotz SPD 5030 D
Dr. Kohl, Bundeskanzler 5033 C
Dr. Schmude SPD 5038 A
Mischnick FDP 5042 D
Handlos fraktionslos 5044 C
Voigt (Sonthofen) fraktionslos 5045 B
Engelhard, Bundesminister BMJ . . . 5046 B
Jahn (Marburg) SPD (zur GO) . . 5047C, 5048 A
Frau Dr. Hamm-Brücher FDP (Erklärung
nach § 31 GO) 5047 D
Jahn (Marburg) SPD (Erklärung nach § 31
GO) 5051 D
Präsident Dr. Barzel 5014 D
Namentliche Abstimmungen . 5048 B, 5050A, 5057 B
Erste Beratung des von der
Bundesregierung eingebrachten Entwurfs eines
Gesetzes zur Errichtung einer Stiftung „Mutter
und Kind — Schutz des ungeborenen
Lebens"
— Drucksache 10/1369 —
Kroll-Schlüter CDU/CSU 5054 C
Frau Schmidt (Nürnberg) SPD 5059A
Eimer (Fürth) FDP 5061 D
Frau Schoppe GRÜNE 5062D, 5072 A
Dr. Geißler, Bundesminister BMJFG . . 5066 A
Jaunich SPD 5071 B
Vizepräsident Westphal . . 5063 B, 5063 C, 5065 C
Fortsetzung der ersten Beratung
(Ausschußüberweisung) des von den
Abgeordneten Werner, Dr. Althammer, Dr.
Czaja, Dr. Jobst, Jäger (Wangen), Sauter
(Epfendorf), Petersen, Dr. Friedmann, Dr.
Kunz (Weiden), Sauer (Stuttgart), Kroll-
Schlüter, Graf Huyn, Brunner, Jagoda, Dr.
Todenhöfer, Milz, Dr. Schwörer, Keller,
Biehle, Graf von Waldburg-Zeil, Jung
(Lörrach), Hornung, Tillmann, Rossmanith,
Seehofer, Bühler (Bruchsal), Ruf,
Höpfinger, Schneider (Idar-Oberstein), Dr.
Kronenberg, Schlottmann, Weiß, Lemmrich,
Dr. Unland, Dr. Möller, Hedrich, Müller
(Wesseling), Gerlach (Obernau), Dr. Müller,
Magin, Dr. Marx, Dr. Bötsch und Genossen
eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes
zur Änderung
krankenversicherungsrechtlicher Vorschriften über sonstige Hilfen
(Sonstige Hilfen — Änderungsgesetz)
— Drucksache 10/941 — 5072 C
Zweite und dritte Beratung des vom
Bundesrat eingebrachten Entwurfs eines
Gesetzes zur Änderung dienstrechtlicher
Vorschriften
— Drucksache 10/311 —
Beschlußempfehlung und Bericht des
Innenausschusses
— Drucksache 10/1230 — 5073 A
Zweite und dritte Beratung des vom
Bundesrat eingebrachten Entwurfs eines
Gesetzes zur Änderung des
Arbeitsplatzschutzgesetzes
— Drucksache 10/489 —
Beschlußempfehlung und Bericht des
Verteidigungsausschusses
— Drucksache 10/1358 —
Berger CDU/CSU 5073 C
Heistermann SPD 5074 A
Dr. Feldmann FDP 5074 C
Frau Schoppe GRÜNE 5075 B
Zweite Beratung und Schlußabstimmung
des von der Bundesregierung
eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zu dem
Abkommen vom 31. Januar 1983 zwischen der
Bundesrepublik Deutschland und dem
Großherzogtum Luxemburg über den Bau
und die Unterhaltung einer Grenzbrücke
über die Sauer zwischen den Gemeinden
Langsur und Mertert
— Drucksache 10/1081 —
Beschlußempfehlung und Bericht des
Ausschusses für Verkehr
— Drucksache 10/1302 —
Bericht des Haushaltsausschusses gemäß
§ 96 der Geschäftsordnung
— Drucksache 10/1490 — 5076 B
Zweite Beratung und Schlußabstimmung
des von der Bundesregierung
eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zu dem
Abkommen vom 22. Juli 1983 zwischen der
Bundesrepublik Deutschland und der
Republik der Philippinen zur Vermeidung
der Doppelbesteuerung auf dem Gebiet
der Steuern vom Einkommen und vom
Vermögen
— Drucksache 10/1163 —
Beschlußempfehlung und Bericht des
Finanzausschusses
— Drucksache 10/1343 — 5076 C
Zweite Beratung und Schlußabstimmung
des von der Bundesregierung
eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zu dem
Vertrag vom 27. April 1983 zur Änderung des
Vertrags vom 31. Mai 1967 zwischen der
Bundesrepublik Deutschland und der
Republik Österreich über zoll- und
paßrechtliche Fragen, die sich an der
deutschösterreichischen Grenze bei Staustufen
und Grenzbrücken ergeben
— Drucksache 10/1067 —
Beschlußempfehlung und Bericht des
Finanzausschusses
— Drucksache 10/1363 — 5076 D
Erste Beratung des von der
Bundesregierung eingebrachten Entwurfs eines Ersten
Gesetzes zur Bereinigung des
Verwaltungsverfahrensrechts
— Drucksache 10/1232 — 5077A
Erste Beratung des vom Bundesrat
eingebrachten Entwurfs eines ... Gesetzes zur
Änderung des Bundesbesoldungsgesetzes
— Drucksache 10/1362 — 5077 A
Erste Beratung des von der
Bundesregierung eingbrachten Entwurfs eines Ersten
Gesetzes zur Änderung des Lebensmittel-
und Bedarfsgegenständegesetzes
— Drucksache 10/1361 — 5077 B
Erste Beratung des vom Bundesrat
eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur
Anderung des Zweiten Gesetzes zur
Änderung beamtenrechtlicher Vorschriften
— Drucksache 10/1375 — 5077 B
Erste Beratung des von der
Bundesregierung eingebrachten Entwurfs eines
Gesetzes zur Änderung des
Einkommensteuergesetzes und des
Körperschaftsteuergesetzes
— Drucksachen 10/1314, 10/1370 — . . . 5077 C
Erste Beratung des von der
Bundesregierung eingebrachten Entwurfs eines Ersten
Gesetzes zur Änderung des
Umsatzsteuergesetzes
— Drucksache 10/1483 — 5077 C
Erste Beratung des von der
Bundesregierung eingebrachten Entwurfs eines
Gesetzes zu dem Europäischen Übereinkommen
vom 17. Oktober 1980 über die Gewährung
ärztlicher Betreuung an Personen bei
vorübergehendem Aufenthalt
— Drucksache 10/1484 — 5077 C
Beratung der Sammelübersicht 31 des
Petitionsausschusses über Anträge zu
Petitionen
— Drucksache 10/1397 —
in Verbindung mit
Beratung der Sammelübersicht 32 des
Petitionsausschusses über Anträge zu
Petitionen
— Drucksache 10/1418 — 5077 D
Beratung des Antrags des Präsidenten des
Bundesrechnungshofes
Rechnung des Bundesrechnungshofes für
das Haushaltsjahr 1983 — Einzelplan 20 —
— Drucksache 10/1355 — 5077 D
Beratung der Beschlußempfehlung und des
Berichts des Ausschusses für Verkehr zu
der Unterrichtung durch die
Bundesregierung
Vorschlag für eine Richtlinie des Rates
vom 5. April 1983 zur Angleichung der
Rechtsvorschriften der Mitgliedstaaten
über typenmäßig durch die Verwendung
von hinten angebrachten Überrollbügeln,
Überrollrahmen oder Schutzkabinen
gekennzeichnete
Umsturzschutzvorrichtungen für land- oder forstwirtschaftliche
Schmalspurzugmaschinen auf Rädern
— Drucksachen 10/92 Nr. 75, 10/1301 — . 5078A
Beratung der Beschlußempfehlung und des
Berichts des Ausschusses für Verkehr zu
der Unterrichtung durch die
Bundesregierung
Vorschlag für eine Richtlinie des Rates
über den Zugang zum Beruf des
Unternehmers im innerstaatlichen und
grenzüberschreitenden Binnenschiffsgüterverkehr
und über die gegenseitige Anerkennung
der Diplome, Prüfungszeugnisse und
sonstiger Befähigungsnachweise für diesen
Beruf
— Drucksachen 10/873 Nr. 34, 10/1325 — . 5078 A
Beratung der Beschlußempfehlung und des
Berichts des Ausschusses für Ernährung,
Landwirtschaft und Forsten zu der
Unterrichtung durch die Bundesregierung
Vorschlag für eine Verordnung (EWG) des
Rates zur fünften Änderung der
Verordnung (EWG) Nr. 355/79 zur Aufstellung
allgemeiner Regeln für die Bezeichnung und
Aufmachung der Weine und der
Traubenmoste
Vorschlag für eine Verordnung (EWG) des
Rates mit Regeln für die Bezeichnung der
Spezialweine
— Drucksachen 10/546 Nr. 9, 10/1258 — . 5078 B
Beratung der Beschlußempfehlung und des
Berichts des Ausschusses für Ernährung,
Landwirtschaft und Forsten zu der
Unterrichtung durch die Bundesregierung
Vorschlag einer Verordnung (EWG) des
Rates über eine gemeinschaftliche Aktion
zum verstärkten Schutz des Waldes in der
Gemeinschaft gegen Brände und saure
Niederschläge
— Drucksachen 10/376 Nr. 66, 10/1260 — . 5078 C
Beratung der Beschlußempfehlung und des
Berichts des Ausschusses für Wirtschaft zu
der zustimmungsbedürftigen Verordnung
der Bundesregierung zur Änderung des
Deutschen Teil-Zolltarifs (Nr. 3/84 —
Zollpräferenzen 1984 gegenüber
Entwicklungsländern — EGKS)
— Drucksachen 10/1156, 10/1303 — . . 5078 D
Nächste Sitzung 5078 D
Anlage 1
Liste der entschuldigten Abgeordneten . 5081*A
Anlage 2
Erklärung nach § 31 GO der Abgeordneten
Dr. Lammert, Clemens, Eylmann, Dr.
Göhner, Dr. Olderog, Dr. Blank, Dr. Blens,
Borchert, Lattmann, Rode (Wietzen),
Schreiber, Seesing, Carstensen (Nordstrand) zur
Abstimmung über den Antrag der Fraktion
der SPD zum gescheiterten
Strafbefreiungsvorhaben (Drucksache 10/1449) . . 5081* B
Anlage 3
Amtliche Mitteilungen 5081* C
71. Sitzung
Bonn, den 24. Mai 1984
Beginn: 14.01 Uhr
Präsident Dr. Barzel: Die Sitzung ist eröffnet.
Meine Damen und Herren, am 22. Mai 1984 hatte
der Abgeordnete Buckpesch seinen 60. Geburtstag.
Ich wünsche ihm von Herzen Glück und Segen.
(Beifall)
Des 60. Geburtstages der Frau Abgeordneten
Antje Huber haben wir gestern gedacht; aber ich
wünsche, daß das auch hier im Protokoll steht.
(Beifall)
Meine Damen und Herren, wenige Mitteilungen:
Für den als stellvertretendes Mitglied aus dem
Verwaltungsrat der Filmförderungsanstalt
ausgeschiedenen Herrn Horst Dahlmeyer hat die Fraktion der
FDP für den Rest der Amtszeit den Abgeordneten
Baum als Nachfolger vorgeschlagen. Ich frage, ob
Sie damit einverstanden sind. — Ich sehe keinen
Widerspruch. Damit ist der Abgeordnete Baum als
stellvertretendes Mitglied in den Verwaltungsrat
der Filmförderungsanstalt gewählt.
Nach einer Vereinbarung im Ältestenrat soll die
verbundene Tagesordnung um folgende
Zusatzpunkte erweitert werden:
Erste Beratung des von der Bundesregierung
eingebrachten Entwurfs eines Ersten Geset
-
zes zur Änderung des Umsatzsteuergesetzes
— Drucksache 10/1483 —
Erste Beratung des von der Bundesregierung
eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zu
dem Europäischen Übereinkommen vom
17. Oktober 1980 über die Gewährung
ärztlicher Betreuung an Personen bei
vorübergehendem Aufenthalt
— Drucksache 10/1484 —
Beratung des Antrags der Fraktionen der
CDU/CSU, SPD und FDP
Freilassung von Andrej Sacharow und Jelena
Bonner
— Drucksache 10/1473 —
Beratung des Antrags der Fraktion DIE
GRÜNEN
Freilassung von Andrej Sacharow und Jelena
Bonner
— Drucksache 10/1495 —
Erste Beratung des von den Fraktionen der
CDU/CSU und FDP eingebrachten Entwurfs
eines Elften Gesetzes zur Änderung des
Wehrsoldgesetzes
— Drucksache 10/1475 —
Zweite Beratung des von der Fraktion der
SPD eingebrachten Entwurfs eines Elften
Gesetzes zur Änderung des
Wehrsoldgesetzes
— Drucksachen 10/773, 10/1485 —
Erste Beratung des von den Fraktionen der
CDU/CSU und FDP eingebrachten Entwurfs
eines Gesetzes über die Gewährung einer
Vergütung für die Aufgabe der
Milcherzeugung
— Drucksache 10/1474 —
Beratung des Antrags der Fraktion der SPD,
Sicherung umweltfreundlicher
Energieversorgung
— Drucksache 10/1476 —
Zugleich soll mit der Aufsetzung der Zusatzpunkte,
soweit erforderlich, von der Frist für den Beginn
der Beratungen abgewichen werden. Gibt es
dagegen Widerspruch? — Das ist nicht der Fall. Dann ist
so beschlossen.
Die verbundene Tagesordnung dieser Woche wird
weiterhin erweitert um eine von den Fraktionen der
SPD und der CDU/CSU verlangte Aktuelle Stunde.
Ihr Thema lautet: Lage im Arbeitskampf. Einer
Vereinbarung im Ältestenrat entsprechend wird dieser
Zusatzpunkt am Freitag um 9 Uhr aufgerufen.
Soweit die Mitteilungen.
Ich rufe den Tagesordnungspunkt 2 auf:
Beratung des Antrags der Fraktion der SPD
zum gescheiterten Strafbefreiungsvorhaben
— Drucksache 10/1449 —
Zu diesem Tagesordnungspunkt liegen Ihnen
weitere Anträge der Fraktion DIE GRÜNEN auf
Drucksache 10/1494 und der Fraktionen der CDU/
CSU und der FDP auf Drucksache 10/1496 vor. Im
Ältestenrat bestand Einvernehmen, diese Anträge
ebenfalls auf die Tagesordnung zu setzen und in
verbundener Beratung zu behandeln. Sind Sie
damit einverstanden? — Ich sehe keinen Widerspruch.
Dann ist es so beschlossen.
Dann rufe ich auch auf:
Beratung des Antrags der Fraktion DIE
GRÜNEN zum gescheiterten
Strafbefreiungsvorhaben
— Drucksache 10/1494 —
Beratung des Antrags der Fraktionen der
CDU/CSU und FDP Steuerstrafrechtliche
Zweifelsfragen im Zusammenhang mit
Parteispenden
— Drucksache 10/1496 —
Meine Damen und Herren, nach einer
Vereinbarung im Ältestenrat sind für die Aussprache vier
Stunden vorgesehen. — Ich sehe auch dazu keinen
Widerspruch. Dann ist so beschlossen.
Wird das Wort zur Begründung der Anträge
gewünscht? — Das Wort zur Begründung hat der
Abgeordnete Dr. Vogel.
Dr. Vogel (SPD): Herr Präsident! Meine sehr
verehrten Damen und Herren! Ich bedanke mich, Herr
Präsident, daß Sie mir zur Begründung der von
meiner Fraktion vorgelegten Entschließung das Wort
erteilt haben. Mein Recht, aus diesem Anlaß und zu
diesem Zweck das Wort zu nehmen, ist gestern und
heute in diesem Hause von der Unionsfraktion in
Zweifel gezogen worden.
(Dr. Schäuble (CDU/CSU): Von Ihnen sel
-
ber, nur von Ihnen selber!)
Die Sache hat wohl inzwischen durch die
Beratungen im Geschäftsordnungsausschuß und im
Ältestenrat eine Erledigung gefunden.
Lassen Sie mich dazu nur eine Bemerkung
machen: Es wird Ihr Geheimnis bleiben, meine Damen
und Herren von der Union, warum jemand, den Sie
zu Unrecht einer Handlung verdächtigen, die Sie
amnestieren wollen, nicht gegen diese Amnestie
soll das Wort ergreifen und sprechen dürfen.
(Beifall bei der SPD — Zurufe von der
CDU/CSU)
Herr Präsident, meine sehr verehrten Damen
und Herren, unser Grundgesetz sagt im ersten
Absatz seines dritten Artikels: Alle Menschen sind vor
dem Gesetz gleich. Dieser Satz ist einer der
fundamentalsten unserer Rechts- und
Verfassungsordnung, er ist das Fundament unseres liberalen
Rechtsstaates. Die von meiner Fraktion vorgelegte
Entschließung und die heutige Debatte sind
notwendig geworden, weil Sie, Herr Bundeskanzler,
diesen Satz zumindest teilweise außer Kraft setzen
wollen, weil Sie einen kleinen Personenkreis vor
den Verfahren und sonstigen strafrechtlichen
Konsequenzen bewahren wollen, die jeder andere
Bürger und jede andere Bürgerin selbstverständlich zu
tragen und hinzunehmen haben, wenn sie in den
Verdacht geraten, gegen Steuergesetze verstoßen
zu haben.
Herr Bundeskanzler, das ist schlimm genug.
Schlimmer ist, daß Sie Ihr Vorhaben unter anderem
damit begründet haben, Sie wollten denen, die
Ihnen und Ihrer Partei mit Geldspenden geholfen
haben, mehr sagen als nur ein — ich darf Sie zitieren
— Dankeschön zwischen Tag und Zwielicht.
Noch schlimmer ist, daß ein Staatsminister Ihrer
Bundesregierung sich sogar zu der Äußerung
verstieg, die Amnestie müsse durchgesetzt werden,
weil seine Partei sonst keine finanziellen
Zuwendungen mehr zu erwarten habe.
(Hört! Hört! bei der SPD)
Das heißt doch im Klartext: Das Recht soll zur Ware
gemacht werden, das Recht soll käuflich sein.
(Beifall bei der SPD — Kittelmann [CDU/
CSU]: Unerhörte Unterstellung!)
Das, meine Damen und Herren, ist der Kern der
Sache. Das ein für allemal zu verhindern ist das
Anliegen unserer Entschließung.
Ihre Freunde und Sie versuchen jetzt, von diesem
zentralen Punkt abzulenken. Sie sagen, nicht nur
die Regierungsparteien, sondern alle schon länger
im Bundestag vertretenen Parteien, auch die meine,
hätten Spenden entgegengenommen, und zwar im
Einzelfall auch unter Verletzung geltender Gesetze.
Aber das, meine Damen und Herren, bestreitet
niemand. Wir sagen es vielmehr ausdrücklich im
ersten Satz unserer Entschließung. Das ist ein Gebot
der Ehrlichkeit und der Fairneß.
(Beifall bei der SPD — Zurufe von der
CDU/CSU)
Meine Damen und Herren, Sie sagen weiter,
Amnestiepläne seien schon früher erörtert worden, so
in der Zeit der sozialliberalen Koalition. Auch das
ist richtig; auch das sagen wir in unserer
Entschließung. Nur, Herr Bundeskanzler, Sie sagen in
diesem Zusammenhang zwei wesentliche Dinge nicht:
Sie sagen nicht, daß die Erörterungen auf
Verlangen unseres damaligen und Ihres heutigen
Koalitionspartners stattgefunden haben, und Sie sagen
nicht, daß die damaligen Erörterungen mit dem
Nein der Sozialdemokraten endeten,
(Beifall bei der SPD)
mit einem Nein, das Sie, Herr Kollege Genscher, am
19. Dezember 1981 übrigens mit dem Satz „Das
nehmen wir nicht hin!" quittierten, mit einem Nein zu
jeder Art von rückwirkender Strafbefreiung, einem
Nein, das wir seitdem bei jeder Gelegenheit
bekräftigt haben.
Herr Bundeskanzler, diese Ablenkungsmanöver
verfangen nicht. Hier und heute geht es nicht um
Enthüllungen und Verdächtigungen. Die
aufzuklären ist Sache der Staatsanwaltschaften und
Gerichte oder auch von Untersuchungsausschüssen.
(Beifall bei der SPD)
Wenn Sie, Herr Bundeskanzler, und Ihre Freunde
in Ihrer Partei oder der Koalition dazu etwas vorzu
bringen haben, dann gehen Sie dorthin, zu
Staatsanwaltschaft und Gericht, und erklären Sie, warum
Sie Ihr vermeintliches Wissen so lange
zurückgehalten haben.
(Beifall bei der SPD)
Aber, meine Damen und Herren, studieren Sie
vorher bitte auch die Strafbestimmungen gegen
Verleumdung, üble Nachrede oder falsche
Anschuldigung !
(Beifall bei der SPD — Zurufe von der
CDU/CSU: Sie haben es nötig! —
Verleumder Nummer eins!)
Hier und heute geht es darum, meine Damen und
Herren, daß Sie die Staatsanwaltschaften und
Gerichte nicht unterstützen, sondern ihnen in den
Arm fallen wollen,
(Beifall bei der SPD)
daß Sie Grundprinzipien unseres Rechtsstaates in
Frage stellen und daß Sie dies in einem Verfahren
versucht haben, das jeder Beschreibung spottet.
(Zustimmung bei der SPD)
Der von Ihnen, Herrn Genscher und Ihren
Koalitionsfraktionen eingebrachte Gesetzentwurf ist von
keinem Geringeren als dem langjährigen
Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts, unserem
ehemaligen Kollegen und Innenminister, Herrn Benda,
öffentlich schlichtweg als unzulässig bezeichnet
worden;
(Beifall bei der SPD)
dies deshalb, weil er — ich zitiere ihn sinngemäß —
nur diejenigen von Strafe freistellt, die große
Beträge gespendet oder entgegengenommen und
dabei schuldhaft gegen das Steuerrecht verstoßen
haben. Kleine Spender und die Spender, die ihr Tun in
gutem Glauben für erlaubt hielten, haben ohnehin
nichts zu befürchten, haben den Freispruch oder die
Einstellung des Verfahrens zu erwarten.
(Beifall bei der SPD)
Nein, meine Damen und Herren, es geht nicht um
die Kleinen, um die Ahnungslosen, es geht um die,
die wußten, was sie taten, die wußten, warum sie
wertlose Gutachten hoch bezahlten oder warum sie
Gelder auf kunstvollen Umwegen ins Ausland
schickten. Haben Sie sich, Herr Bundeskanzler,
meine Damen und Herren, eigentlich einmal
überlegt, wie die Finanzämter, die Staatsanwaltschaften
und die Gerichte eigentlich noch die
durchschnittlichen Steuersünder hätten verfolgen sollen, wenn
dieser Entwurf Gesetz geworden wäre?
(Beifall bei der SPD)
Beispielsweise den Handwerker oder den Arbeiter,
der seine Einkünfte aus Schwarzarbeit nicht
versteuert hat, oder den Gewerbetreibenden, dessen
Belege oder dessen Buchführung einmal nicht in
Ordnung gewesen sind.
(Zuruf von der CDU/CSU: Zum eigenen
Vorteil!)
Spätestens bei dieser Überlegung hätten doch die
Warnlampen aufleuchten müssen, sogar bei dem
Kollegen, der kraft Amtes in besonderer Weise zur
Wahrung der Verfassung und der Rechtsordnung
verpflichtet ist. Ich meine, beim Bundesminister
der Justiz.
(Beifall bei der SPD)
Der Bundesminister der Justiz hat zunächst
geschwiegen. Dann hat er die Sache halbherzig
verteidigt, dann ist er endgültig verstummt. Ist Ihnen,
Herr Kollege Engelhard, nie der Gedanke
gekommen, wie sich ein Thomas Dehler an Ihrer Stelle
verhalten hätte, nein, im Jahre 1953 verhalten hat?
(Beifall bei der SPD)
Oder daran, daß Ihre Parteifreunde Bucher und
Stammberger aus weit geringerem Anlaß
zurückgetreten sind? Ich fürchte, der Kommentator einer
angesehenen Zeitung hat recht, der kürzlich schrieb:
Wenn Thomas Dehler könnte, würde er Ihnen das
FDP-Parteibuch aus dem Grabe nachwerfen, und
wohl nicht nur Ihnen.
(Beifall bei der SPD)
Unsere Entschließung kritisiert den Inhalt Ihres
Vorhabens, Sie bedauert aber auch das Verfahren,
in dem es verwirklicht werden sollte.
(Dr. Bötsch [CDU/CSU]: Herr, ich danke
Dir, daß ich nicht so bin wie die anderen!)
Allein schon die Initiative verstieß gegen Treu und
Glauben. Sie wissen doch genau, daß die Gutachter
-
kommission des Bundespräsidenten 1982 mit Ihrer
Zustimmung nur unter der Voraussetzung tätig
geworden ist, daß es keine Amnestie gibt.
(Widerspruch bei der CDU/CSU — Dr.
Dregger [CDU/CSU]: Das ist doch nicht
wahr!)
Der Generalsekretär der Union, Herr Geißler, hat
unmittelbar vor der Wahl vom 6. März 1983 auf die
Frage, ob im Falle eines Wahlsiegs der Koalition
eine Parteispendenamnestie für möglich gehalten
werde, wörtlich erklärt: „Also, das ist völlig
ausgeschlossen, und das ist eine reine Erfindung. So
etwas kommt überhaupt nicht in Frage." Nach der
Wahl hat er das im April 1983 noch einmal mit den
Worten bekräftigt — ich zitiere wiederum den
Generalsekretär der Union —: „Die CDU hat keinen
Amnestiebedarf. Die vorgesehenen Neuregelungen
dienen für uns nicht dazu, um strafrechtliche
Vergehen oder um steuerrechtliche Vergehen der
Vergangenheit zu vertuschen."
(Hört! Hört! bei der SPD)
Der Herr Generalsekretär ist mit dem Vorwurf der
Lüge und des Betrugs gegen andere schnell bei der
Hand. Ich meine, er sollte besser vor der eigenen
Türe kehren.
(Anhaltender Beifall bei der SPD — Abg.
Dr. Geißler [CDU/CSU] meldet sich zu ei
ner Zwischenfrage)
Präsident Dr. Barzel: Herr Kollege Geißler, bei der
Begründung ist eine Zwischenfrage nicht erlaubt.
(Zurufe von der CDU/CSU)
Dr. Vogel (SPD): Sie, Herr Bundeskanzler, und Ihr
Generalsekretär hatten doch die feste
Strafbefreiungsabsicht, wie Sie inzwischen mitgeteilt haben,
schon seit langem und auch schon zur damaligen
Zeit — Sie bestreiten das j a auch gar nicht —; dann
die fast konspirative Geheimhaltung Ihres
Vorhabens, mit der sich die Beteiligten zunächst sogar
auch noch öffentlich gebrüstet haben; der
Vertrauensbruch gegenüber unserer Fraktion, die ihre
Zustimmung zum Parteienfinanzierungsgesetz
ausdrücklich an die Bedingung geknüpft hat, daß jede
Amnestie für die zurückliegende Zeit abgelehnt
wird.
(Dr. Schäuble [CDU/CSU]: Das ist doch
nicht wahr! Bleiben Sie doch bei der Wahr
-
heit!)
dann der trickreiche Versuch — Herr Schäuble, das
ist wohl Ihre Erfindung gewesen —, die Sache unter
Umgehung des Plenums sogleich im Ausschuß mit
einem interfraktionell eingebrachten Entwurf zu
überwinden, der genau das Gegenteil bezweckte,
nämlich eine strengere Ahndung von
Steuerstraftaten. Selbst die „FAZ" sprach in diesem
Zusammenhang von einem Schelmenstück — ich zitiere aus
der „FAZ".
(Beifall bei der SPD — Dr. Schäuble [CDU/
CSU]: Haben Sie sie auch heute gelesen?)
Schließlich: Ist Ihnen nicht wenigstens im
nachhinein bewußt geworden, in welch peinliche
Situation Sie mit Ihrer Überrumpelungstaktik Ihre
eigenen Fraktionskolleginnen und Fraktionskollegen
gebracht haben oder die, denen Sie beispielsweise
in Stuttgart das Ja mit Ihrer Amtsautorität
abverlangten und von denen es Ihnen viele, so hoffe ich,
mehr aus Loyalität als aus innerer Überzeugung
gegeben haben?
(Beifall bei der SPD — Klein [München]
[CDU/CSU]: Autorität muß man eben ha
ben!)
Und, Herr Bundeskanzler, war es Ihnen nicht ein
Wort des Bedauerns wert, daß Ihr Pressesprecher,
der Pressesprecher der CDU-Zentrale, sogar noch
den designierten Bundespräsidenten
wahrheitswidrig als Befürworter Ihres Vorhabens der
Öffentlichkeit gegenüber in Anspruch genommen hat?
(Beifall bei der SPD)
Gewiß, Ihr Vorhaben ist — zunächst jedenfalls —
gescheitert. Sie haben Ihren Entwurf
zurückgezogen, nicht aus besserer Einsicht, auch nicht auf
Grund unseres vehementen Widerspruchs,
(Zurufe von der CDU/CSU: So ist es! —
Sehr richtig!)
sondern weil Ihnen der öffentliche Widerspruch,
weil Ihnen die allgemeine Empörung keine andere
Wahl ließ. Unsere Entschließung sieht in dieser
breiten Front der Ablehnung, die nahezu alle
Gruppen unserer Gesellschaft umfaßt und quer durch
unser ganzes Volk geht, ein ermutigendes Zeichen
für das intakte Rechtsbewußtsein und das
demokratische Selbstbewußtsein in unserer
Gemeinschaft.
(Beifall bei der SPD und bei Abgeordneten
der GRÜNEN)
Herr Bundeskanzler, Sie sprechen oft von dem
Optimismus, der Sie in allen möglichen
Zusammenhängen beseelt. Ich sage für meine Freunde: Nichts
hat uns in letzter Zeit so optimistisch gestimmt wie
die Tatsache, daß die breite Empörung unseres
Volkes dieses Vorhaben zunächst zum Stehen gebracht
hat. Das stimmt uns optimistisch.
(Beifall bei der SPD)
Ich meine, wir haben alle miteinander in diesem
Haus Anlaß, allen Gruppen und Einzelpersonen, die
zu diesem Widerspruch aufgerufen und ihn durch
ihre Argumente getragen und verstärkt haben, zu
danken. Wir haben auch den Medien zu danken, die
ihr Wächteramt im Geiste der rechtsstaatlichen
Demokratie wahrgenommen haben.
(Beifall bei der SPD und den GRÜNEN)
Unsere Entschließung lädt Sie ein, fordert Sie auf,
diesen Dank zum Ausdruck zu bringen. Ich meine,
wenigstens den Mitgliedern der
Regierungsfraktionen — zwei oder drei in der Union, einige in der
FDP —, die dem Vorhaben von Anfang an nicht
zugestimmt, sondern öffentlich widersprochen
haben oder ihm später entgegengetreten sind, sollte es
möglich sein, sich diesem Dank an die deutsche
Öffentlichkeit anzuschließen.
(Beifall bei der SPD und bei Abgeordneten
der GRÜNEN)
Sie, Herr Bundeskanzler, und, ich fürchte, auch Sie,
Herr Kollege Genscher, werden diesem Dank kaum
zustimmen können. Sie halten ja Ihr Vorhaben nach
wie vor für richtig und notwendig. Sie wollen es, wie
Sie sagten, weiter durchkämpfen; zunächst einmal
heute hier. Ihnen fehlt offenbar nicht die Absicht, es
erneut zu versuchen, sondern gegenwärtig die
Mehrheit. Weil das so ist, will unsere Entschließung mit
ihrem vierten Absatz endgültig Klarheit schaffen.
Dieser Absatz enthält die Aufforderung, alle Pläne
für eine Parteispendenamnestie ein für allemal
aufzugeben, in Zukunft auch in veränderter Form nicht
mehr aufzugreifen und dahin zielenden Bestrebungen
künftig von Anfang an entgegenzutreten. Wer diesem
Absatz unserer Entschließung — es wird Gelegenheit
zur gesonderten Abstimmung gegeben sein — seine
Stimme verweigert, der läßt den Eiterherd weiter
schwären, statt die Gelegenheit zu nützen, ihn jetzt
endgültig und ein für allemal auszutrocknen. Wer hier
nein sagt, braucht künftig keine Jugendenqueten
mehr zu veranstalten.
(Beifall bei der SPD)
Auch seine Bemühungen zur Überwindung der
Parteiverdrossenheit kann er sich gänzlich sparen.
Weil Sie soviel von Heucheln reden: Wer hier
ablehnt, der muß sich fragen, ob er nicht heuchelt,
wenn er sich weiter mit biedermännischer Miene
über Hausbesetzer oder Sitzblockaden erregt und
hier den Rechtsstaat gefährdet sieht.
(Beifall bei der SPD — Austermann [CDU/
CSU]: Da haben Sie ja besondere Erfah
rungen aus Berlin! 116 Hausbesetzungen in
einem Jahr! — Weitere Zurufe von der
CDU/CSU)
Herr Bundeskanzler, meine Damen und Herren,
es bleibt eine Frage. Es bleibt die Frage, warum Sie,
Herr Bundeskanzler, unserem Staat, unserem Volk,
auch diesem Parlament das alles zugemutet haben.
Eine Zeitung, die Ihnen überaus wohl will, die
„Neue Zürcher Zeitung",
(Dr.-Ing. Kansy [CDU/CSU]: Darf die
erscheinen?)
antwortet auf diese Frage mit folgender
Feststellung — ich zitiere —:
Kohls größter Fehler bleibt seine mangelnde
Einsicht, daß ein derart zweifelhaftes
Unternehmen, das bestimmte Steuerdelikte völlig
einseitig begünstigen und außerdem eine Reihe
von Politikern, die in entsprechende Verfahren
verwickelt sind,
(Austermann [CDU/CSU]: Vogel zum
Beispiel!)
zu Richtern in eigener Sache machen würde,
weder in der FDP noch in der breiten
Öffentlichkeit das nötige Vertrauen finden konnte.
Hat ihn hier sein mit Recht gerühmter
politischer Instinkt getäuscht, oder
— so fährt die „Neue Zürcher Zeitung" fort —
war der Druck, die leidigen Spendenverfahren
gewissermaßen mit einem Federstrich aus der
Welt zu schaffen, so stark, daß man sich trotz
aller Risiken entschloß, den bedenklichen
Rettungsversuch zu wagen? Diese Frage
— so schließt das Zitat —
läßt sich vorläufig nicht klar beantworten.
Herr Bundeskanzler, Sie haben es in der Hand,
diese Anwort heute zu geben. Es wäre eine
befreiende Antwort, wenn Sie Ihren Irrtum eingestünden,
wenn Sie dadurch einen Teil des Schadens, der
angerichtet wurde, wiedergutmachen, wenn Sie mit
uns zusammen das Rechtsvertrauen von Millionen
von Bürgerinnen und Bürgern wiederherstellen,
wenn Sie sich nicht weiter in einen Irrweg
verrennen und an diesem Irrweg festhalten würden. Wenn
Ihnen dazu die Kraft fehlt, dann muß das
Parlament an Ihrer Stelle mit seinem Votum
handeln.
(Beifall bei der SPD)
Die Annahme unserer Entschließung, die sich in
nüchterner Sprache auf die Sache konzentriert,
schüfe dann die Klarheit, auf die unser Volk
Anspruch hat, auf die Klarheit, daß gleiches Recht für
alle gilt, daß unser Recht stärker ist als Macht und
Einfluß.
Herr Bundeskanzler! Meine sehr verehrten
Damen und Herren! Wir haben gestern vor noch nicht
24 Stunden mit großer Mehrheit quer durch die
Parteien einen Bundespräsidenten gewählt und damit
bewiesen, daß wir ungeachtet harter
Konfrontationen in einer zentralen Frage auch der
Übereinstimmung fähig sind. Die Gleichheit vor dem Gesetz ist
eine ebenso zentrale Frage. Wir sollten auch hier
der breiten Übereinstimmung fähig sein.
(Beifall bei der SPD)
Deshalb, meine Damen und Herren, bitte ich,
unserer Entschließung in der heutigen Sitzung, die der
Frage der Amnestie — ja oder nein — gewidmet ist,
Ihre Zustimmung zu geben, zumindest in den
Absätzen 3 und 4.
Ich danke für die Aufmerksamkeit.
(Anhaltender Beifall bei der SPD —
Austermann [CDU/CSU]: Wie ist das mit
Herrn Klasen?)
Präsident Dr. Barzel: Ich eröffne die Aussprache.
Das Wort hat der Abgeordnete Dr. Dregger.
Dr. Dregger (CDU/CSU): Herr Präsident! Meine
Damen und Herren! Der Amnestiegedanke in
diesem Zusammenhang ist viele Jahre hindurch, Herr
Wischnewski, von Politikern der CDU/CSU, der
SPD und der FDP erwogen worden.
(Fischer [Frankfurt) [GRÜNE]: Kein Wun
-
der! Die sind ja auch betroffen!)
Hinter diesem Amnestiegedanken stand und steht
die Einsicht, daß die Parteienfinanzierung in
Deutschland bis zum Ende des vergangenen Jahres
nicht eindeutig, nicht klar und nicht angemessen
geregelt gewesen ist.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Fischer [Frankfurt] [GRÜNE]: Das glauben
Sie doch selber nicht, Herr Dregger!)
Die vom Herrn Bundespräsidenten berufene
Sachverständigenkommission spricht in ihrem
Bericht vom 18. April 1983
(Zuruf von der SPD: Ins Gesetzbuch guk
ken!)
gerade im Hinblick auf die steuerliche
Absetzbarkeit von Spenden zugunsten politischer Parteien
von einem Zustand rechtlicher und tatsächlicher
Unklarheit —
(Fischer [Frankfurt] [GRÜNE]: Vor allen
Dingen das zweite: Tatsächlicher Unklar
heit!)
so die Feststellung dieser
Sachverständigenkommission. Herr Präsident, meine Damen und Herren,
Rechtsklarheit ist eines der wesentlichsten
Elemente des Rechtsstaates. Nur wenn voraussehbar
ist, wie heutiges Verhalten in späteren Jahren
strafrechtlich gewürdigt wird, ist es möglich, in Freiheit
und Sicherheit zu leben.
Es ist daher ein schlimmes Versagen des
Gesetzgebers, daß er erst mit dem Gesetz, das dieser
Bundestag am 22. Dezember 1983 beschlossen hat,
erstmals eindeutig und umfassend für
Rechtsklarheit in der Parteienfinanzierung in Deutschland
gesorgt hat.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Wir von den Unionsparteien sind an der
Gesetzgebung beteiligt, aber wir können für uns in
Anspruch nehmen, daß niemand so entschieden für
klare Rechtsverhältnisse eingetreten ist wie wir, die
Union.
(Beifall bei der CDU/CSU — Lachen bei
der SPD und den GRÜNEN)
Ich erinnere an das Niedersachsen-Urteil des
Bundesverfassungsgerichts, das für die Klärung der
rechtlichen Tatbestände nicht so ergiebig war, wie
wir es erhofft hatten. Es ist von Ernst Albrecht, dem
Unions-Freund, dem niedersächsischen
Ministerpräsidenten, auf den Weg gebracht worden. Ich
erinnere vor allem an das, was jahrelang der
Parteivorsitzende der CDU versucht hat, um in dieser
Frage mit allen demokratischen Parteien zu einem
Konsens zu kommen und dadurch zu einer
eindeutigen rechtlichen Regelung. Meine Damen und
Herren, das ist nicht an Willy Brandt gescheitert und
auch nicht an Herbert Wehner, die dazu durchaus
bereit gewesen sind, es ist vielleicht an Herrn
Schmude und anderen Teilen der SPD gescheitert,
jedenfalls an der völligen Zerstrittenheit und
Handlungsunfähigkeit der SPD.
(Beifall bei der CDU/CSU — Lachen bei
der SPD und den GRÜNEN — Fischer
[Frankfurt] [GRÜNE]: Gott sei Dank! Das
war einmal etwas Positives an Handlungs
-
unfähigkeit!)
Herr Präsident, meine Damen und Herren, der
von den Fraktionen der CDU/CSU und der FDP
vorgelegte Straffreiheitsgesetzentwurf
(Fischer [Frankfurt] [GRÜNE]: Gefange
nenbefreiung!)
wollte einen Schlußstrich ziehen unter dieses für
die deutsche Demokratie traurige Kapitel.
(Fischer [Frankfurt] [GRÜNE]: Sehr rich
tig: traurig!)
Wir wollten verhindern, daß das frühere Versagen
des Gesetzgebers auf dem Buckel von Bürgern
ausgetragen wird, die nichts anderes getan haben, als
sich ohne eigenen Vorteil für demokratische
Parteien in Deutschland zu engagieren.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Herr Kollege Vogel hat unseren Gesetzentwurf
vor einiger Zeit — ich zitiere — „einen Anschlag auf
den demokratischen Rechtsstaat" genannt;
(Demonstrativer Beifall bei der SPD)
für einen Juristen, Herr Professor Ehmke, und für
einen verantwortlichen Politiker eine erstaunliche
Aussage. Ich habe in der Rechtslehre und in der
Rechtsprechung niemanden entdecken können, der
den Standpunkt des Kollegen Vogel bestätigt hätte.
Niemand zweifelt daran, daß das Instrument der
Amnestie ein Instrument des Rechtsstaates ist. Das
Bundesverfassungsgericht hat das in mehreren
Entscheidungen bestätigt.
(Dr. Ehmke [Bonn] [SPD]: Lesen Sie ein
mal nach, was der Richterbund gesagt
hat!)
— Im übrigen, Herr Kollege Ehmke, hat der
Deutsche Bundestag auf Betreiben der SPD schon
einmal ein Amnestiegesetz beschlossen:
(Austermann [CDU/CSU]: Genau! 1972!)
am 18. März 1970, zugunsten von
Demonstrationsstraftätern.
(Fischer [Frankfurt] [GRÜNE]: Das war
keine selektive Amnestie!)
Ich wäre Herrn Kollegen Vogel dankbar, wenn er
erklären könnte, warum die eine Amnestie ein
Anschlag auf den demokratischen Rechtsstaat sein
soll und die andere Amnestie nicht.
(Beifall bei der CDU/CSU und bei Abgeord
neten der FDP — Dr. Schäuble [CDU/
CSU]: Das versteht nur ein Einser-Jurist!)
Ich sehe in der von uns vorgeschlagenen Amnestie
nichts anderes als ein Gebot der Gerechtigkeit.
(Abg. Burgmann [GRÜNE] meldet sich zu
einer Zwischenfrage)
Der Brief des früheren Bundesbankpräsidenten
Klasen, eines alten Sozialdemokraten, eines mit
Recht hochangesehenen Mannes, an den Kollegen
Vogel — er hat ihn heute nicht zitiert, deswegen
will ich das tun — macht vielleicht deutlich, was ich
meine.
Präsident Dr. Barzel: Herr Kollege Dregger,
erlauben Sie eine Zwischenfrage?
Dr. Dregger (CDU/CSU): Nein, ich erlaube keine
Zwischenfragen.
(Fischer [Frankfurt] [GRÜNE]: Das würde
ich an Ihrer Stelle auch nicht!)
Ich jedenfalls zweifle nicht daran, daß Herr
Klasen bei seiner Werbung für Spenden für die SPD
von der Rechtmäßigkeit dessen überzeugt war, was
er selbst tat und was er den Spendern geraten hat,
meine Damen und Herren.
(Beifall bei der CDU/CSU und bei Abgeord
neten der FDP)
— Ich bekomme keinen Beifall von seinen
Parteifreunden. — Meine Damen und Herren, Karl
Klasen ist kein Gauner.
(Fischer [Frankfurt] [GRÜNE]: Im Gegen
satz zu manch anderen! Ist Herr Lambs
dorff ein Gauner?)
Die anderen Spender und Spendensammler sind es
in ihrer größten Mehrheit auch nicht. Ich frage: Hat
die Führungsriege der SPD die Spendenpraxis, die
in der Vergangenheit von allen demokratischen
Parteien im Kern dieselbe war,
(Fischer [Frankfurt] [GRÜNE]: Das
macht's nicht besser!)
anders beurteilt als Karl Klasen?
Ich richte diese Frage an die früheren Kanzler
Willy Brandt und Helmut Schmidt. Ich richte diese
Frage an die früheren Finanzminister — eine große
Zahl — Alex Möller, Karl Schiller, Helmut Schmidt,
Hans Matthöfer, Hans Apel und Manfred
Lahnstein. Ich richte sie an die früheren Justizminister,
insbesondere an die Herren Schmude und Vogel,
(Hört! Hört! bei der CDU/CSU)
die sich ja in der Verurteilung der früheren
Spendenpraxis und in der Verurteilung des
Amestiegesetzes in der Vergangenheit in so besonderer Weise
hervorgetan haben. Es gibt doch nur zwei
Möglichkeiten, meine Herren.
(Dr. Waigel [CDU/CSU]: Entweder
dumm — —!)
Entweder haben Sie diese Praxis damals als
rechtmäßig angesehen — so wie Karl Klasen und auch
ich —; dann sollten Sie jetzt nicht schweigen,
sondern reden und sollten sich an die Seite von Karl
Klasen und aller derer stellen, die in
demokratischer Weise die Finanzierung der demokratischen
Parteien ermöglicht haben.
(Beifall bei der CDU/CSU und bei
Abgeordneten der FDP — Dr. Ehmke [Bonn] [SPD]:
Aber Herr Dregger!)
Es gibt noch eine zweite Möglichkeit. Sie haben
schon damals diese Spendenpraxis als
unrechtmäßig angesehen. Dann stellen Sie sich bitte an dieses
Pult und erklären Sie der deutschen Öffentlichkeit,
was Sie als Kanzler und Minister getan haben, um
diesen Rechtsverstößen Einhalt zu bieten.
(Anhaltender lebhafter Beifall bei der
CDU/CSU und der FDP)
Einem Kanzler und einem Minister — und das noch
bei diesem Thema! — standen und stehen alle
Medien zur Verfügung. Hätte nur einer von Ihnen
diese Spendenpraxis vor der deutschen
Öffentlichkeit eindeutig als Rechtsverstoß bezeichnet, dann
wäre kein Spender bereit gewesen, Ihrer Partei
oder einer anderen demokratischen Partei auf dem
Wege über Stiftungen, Ebert-Stiftung,
Staatsbürgerliche Vereinigungen,
(Fischer [Frankfurt] [GRÜNE]: Jetzt läßt
er die Katze aus dem Sack!)
Berufsverbände, Gewerkschaften und ähnliches
Geld zur Verfügung zu stellen, keiner!
(Anhaltender lebhafter Beifall bei der
CDU/CSU)
Meine Herren, ich bitte Sie: Sagen Sie die
Wahrheit!
(Beifall bei der CDU/CSU — Demonstrati
-
ver Beifall bei der SPD)
Sie alle, die Sie im politischen Leben standen,
haben von dieser Spendenpraxis gewußt.
(Zuruf von der CDU/CSU: Profitiert! —
Hört! Hört! bei den GRÜNEN)
Sie alle haben davon selbst oder durch Ihre Helfer
für Ihre politische Arbeit Gebrauch gemacht. Jetzt
aber schweigen Sie.
(Dr. Waigel [CDU/CSU]: So ist es!)
Sie distanzieren sich damit von denen, die Ihnen,
den damals höchsten Würdenträgern der Republik,
vertraut haben und Anlaß hatten, Ihnen zu
vertrauen, meine Damen und Herren.
(Beifall bei der CDU/CSU und bei Abgeord
neten der FDP — Zurufe von den GRÜ
NEN)
Wenn Sie jetzt schweigen und Ihre Hände in
Unschuld waschen, dann erinnern Sie mich an Pilatus,
meine Damen und Herren.
(Fischer [Frankfurt] [GRÜNE]: Das ist Ga
novenlogik, Herr Dregger!)
Diese Pilatus-Moral ist miserabel!
(Lebhafter Beifall bei der CDU/CSU und
Beifall bei Abgeordneten der FDP)
Mit meinen Vorstellungen von Ehre und Anstand
ist das jedenfalls nicht vereinbar. Vielleicht haben
Sie andere Maßstäbe.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Demonstrativer Beifall bei der SPD)
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Auch
das Verhalten der Staatsanwaltschaft wirft Fragen
auf.
(Fischer [Frankfurt] [GRÜNE]: Jetzt
kommt Beamtenbeschimpfung!)
Ich will sie — von einer Ausnahme abgesehen —
nicht aufgreifen. Staatsanwälte folgen einem
gesetzlichen Auftrag. Sie ermitteln, weil es ihre
Pflicht ist. Das Vertrauen in die Justiz,
insbesondere in die Gerichte, aber auch in die
Staatsanwaltschaft ist ein wesentliches Element des
Rechtsfriedens.
(Frau Dr. Vollmer [GRÜNE]: Aber bei Ih
nen unterentwickelt!)
Das Ansehen der Justiz ist daher schutzwürdig.
Aber ich sage das jetzt als deutscher Demokrat
(Zurufe von der SPD)
und als Vorsitzender der stärksten
Parlamentsfraktion: Auch das Ansehen dieses Parlaments und
seiner Mitglieder ist schutzwürdig!
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Demonstrativer Beifall bei der SPD)
Der Deutsche Bundestag ist das einzige vom
deutschen Volk gewählte und damit das höchste Organ
der Republik.
(Fischer [Frankfurt] [GRÜNE]: Welche
Schande, um so mehr!)
Warum ich diese Frage in diesem Zusammen
hang anschneide, möchte ich an einem Beispiel
deutlich machen. Der jetzige Parlamentarische
Staatssekretär Dr. Horst Waffenschmidt erhielt vor
drei Jahren von der Staatsanwaltschaft die
Mitteilung, daß gegen ihn wegen des Verdachts der
Beteiligung an Steuerhinterziehungen im
Zusammenhang mit Parteispenden ermittelt werde. Das wurde
von der Staatsanwaltschaft der Presse mitgeteilt,
und zwar mehrere Male. Angehört wurde Herr
Kollege Waffenschmidt in diesen drei Jahren nicht ein
einziges Mal.
(Zurufe von der CDU/CSU: Unglaublich! —
Unerhört! — Das kann doch nicht wahr
sein!)
Unter dem Eindruck der Amnestiedebatte der
letzten Wochen, die sich ja nicht gerade durch
Besonnenheit und Ehrlichkeit ausgezeichnet hat — die
Rede von Herrn Vogel war dafür ein Beispiel —,
(Lebhafter Beifall bei der CDU/CSU und
der FDP — Zurufe von den GRÜNEN)
hat sich der Meinungsdruck auf Horst
Waffenschmidt weiter verstärkt. Am Gebäude der CDU
-
Kreisgeschäftsstelle in seinem Wahlkreis war in
den letzten Tagen folgende Wandschmiererei zu
lesen: „JVA" — d. h. Justizvollzugsanstalt —
„Waffenschmidt rein, Bock" — einer der Terroristen —
„raus!"
(Dr. Schäuble [CDU/CSU]: So weit sind wir
schon! — Zuruf des Abg. Fischer [Frank
furt] [GRÜNE])
Ich frage die Herren der Staatsanwaltschaft: Waren
diese mittelbaren Folgen ihres Verhaltens —
(Beifall bei der CDU/CSU — Pfui-Rufe von
der SPD — Frau Dr. Vollmer [GRÜNE]:
Aber Waffenschmidt ist kein politisch Ver
folgter!)
drei Jahre Pressemitteilungen, aber keine
Anhörung des Betroffenen — nicht voraussehbar?
Mir geht es nicht nur um die menschliche Seite
dieser Angelegenheit für unseren Mitbürger Horst
Waffenschmidt — obwohl sie mich natürlich auch
berührt —, mir geht es auch um die Frage, ob das
Parlament — unter dem Eindruck solcher
Kampagnen, ausgelöst durch Pressemitteilungen der
Staatsanwaltschaft ohne Anhörung der
Betroffenen —, seine Aufgaben unbeeinflußt wahrnehmen
kann.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Dr. Ehmke [Bonn] [SPD]: Grotesk! — Fi
scher [Frankfurt] [GRÜNE]: Da ist der
Rechtsstaat in Gefahr! Fragt sich nur,
durch wen!)
Herr Kollege Vogel scheint weder die
menschliche Seite des Problems zu berühren noch die von
mir aufgeworfene Frage der Souveränität und der
Handlungsfähigkeit des Deutschen Bundestages.
Ihm ging es darum, den seit drei Jahren
angeschuldigten, aber noch nicht ein einziges Mal
angehörten
(Frau Dr. Vollmer [GRÜNE]: Jetzt kommen
mir bald die Tränen!)
Kollegen Waffenschmidt und andere Kollegen des
Bundestages, die in gleicher Weise behandelt
worden sind,
(Fischer [Frankfurt] [GRÜNE]: Solidari
tät!)
von der Abstimmung über ein Amnestiegesetz
auszuschließen.
(Fischer [Frankfurt] [GRÜNE]: Hände weg
von Waffenschmidt!)
In einem Brief an den — ich zitiere jetzt wörtlich —
„Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland"
vom 10. Mai 1984 meinte Herr Vogel, dieser — der
Herr Bundeskanzler also — habe — ich zitiere
wörtlich — „keinerlei Legitimation, solches" —
gemeint ist die Mitwirkung an der Abstimmung —
„zuzulassen".
(Zuruf von der CDU/CSU: Nicht zu fas
sen!)
Präsident Dr. Barzel: Herr Kollege Dregger,
erlauben Sie eine Zwischenfrage des Abgeordneten
Lutz?
Dr. Dregger (CDU/CSU): Nein.
Herr Vogel, ich bin bestürzt. Ist es wirklich Ihre
Meinung, der Regierungschef habe darüber zu
entscheiden, ob wir, die frei gewählten Abgeordneten
des deutschen Volkes, uns an einer Abstimmung
beteiligen oder nicht?
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Zurufe von der SPD — Fischer [Frankfurt]
[GRÜNE]: Hände weg vom Bundestag!)
Ich kann nur hoffen, daß Sie diese Aussage
korrigieren. Denn sonst müßte ich sagen, daß ich mit
Ihrem Parlamentsverständnis in keiner Weise
übereinstimmen kann.
(Zurufe von der SPD und den GRÜNEN —
Weiterer Zuruf von den GRÜNEN: Gott sei
Dank!)
Meine Damen und Herren, ich erinnere in diesem
Zusammenhang an den Rechtsgedanken der
Immunität des Abgeordneten. Diese dient nicht dem
Schutz des Abgeordneten. Häufig schadet sie ihm.
Denn wenn die Aufhebung der Immunität
beantragt wird, kommt das in der Regel einer
Vorausverurteilung gleich. Die Immunität dient allein der
Handlungsfähigkeit des Parlaments.
(Dr. Ehmke [Bonn] [SPD]: Ist sie denn be
antragt worden?)
Das Parlament soll gegen Eingriffe der
Exekutive — —
(Dr. Ehmke [Bonn] [SPD]: Herr Kollege
Dregger, ist sie in diesem Fall überhaupt
beantragt worden?)
— Hören Sie doch mal zu, Herr Ehmke! Sie müssen
doch auch erst mal nachdenken, dann können Sie
reden, vorher nicht.
(Beifall bei der CDU/CSU — Dr. Ehmke
[Bonn] [SPD]: Sie ist nicht beantragt wor
den!)
Die Immunität der Abgeordneten soll das
Parlament vor Eingriffen der Exekutive und Judikative
schützen, damit das Parlament seinen Auftrag
erfüllen kann. Es kann doch nicht sein, daß die
Nennung von Abgeordnetennamen — wie im Falle des
Kollegen Waffenschmidt — durch die
Staatsanwaltschaft ein Weg dazu ist, die Parlamentsmehrheiten
zu verändern. Das ist doch unvorstellbar.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Fischer [Frankfurt] [GRÜNE]: Nein, das
geht nur mit Bargeld! — Dr. Schäuble
[CDU/CSU]: Das war die Begründung von
Herrn Vogel!)
— Das war seine Begründung. Im Grunde dürfte er
heute in der Tat nach seiner eigenen
Rechtsauffassung gar nicht geredet haben, denn er ist ja bef
angen, weil sein Name auch genannt worden ist. Aber
wir haben eine andere Rechtsauffassung,
(Lebhafte Zustimmung bei der SPD und
den GRÜNEN)
und die erläutere ich gerade. Von Extremfällen
abgesehen, würde ich es als eine parlamentarische
Pflichtverletzung ansehen, wenn ein Abgeordneter
an einer wichtigen Abstimmung nur deshalb nicht
teilnehmen würde, weil er von der
Staatsanwaltschaft oder von anderer Seite beschuldigt wird.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Frau Dr. Vollmer [GRÜNE]: In eigener
Sache?)
Anders als ein Richter kann ein Abgeordneter sich
nicht vertreten lassen. Das ist ein entscheidender
Unterschied.
(Frau Dr. Vollmer [GRÜNE]: Dann kann er
sich auch nicht selber freisprechen ...!)
Im übrigen: Ein Angeschuldigter und auch ein
Angeklagter sind unschuldig, solange sie nicht
verurteilt sind.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Die in Deutschland leider weit verbreitete
Vorausverurteilung ist unzulässig. Wir können sie doch
nicht mittelbar noch zum Parlamentsprinzip
erheben, meine Damen und Herren!
(Zuruf der Abg. Frau Dr. Vollmer [GRÜ-
NE])
Zur Vorausverurteilung haben wir uns in Ziffer 4
unseres Entschließungsantrags geäußert. In
Großbritannien würden Vorausverurteilungen, wie sie
bei uns stattfinden, bestraft.
(Zuruf des Abg. Fischer [Frankfurt] [GRÜ-
NE])
Und wenn sie trotzdem stattfänden, würden die
Verfahren niedergeschlagen, weil mit einem fairen
Prozeß nicht mehr gerechnet werden kann.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Wir haben einen großen Nachholbedarf an
rechtsstaatlicher Gesinnung
(Lebhafter Beifall bei der SPD und den
GRÜNEN — Beifall bei der CDU/CSU)
— ja, ja! — und an rechtsstaatlicher Praxis.
(Vereinzelter Beifall und Lachen bei der
SPD und den GRÜNEN)
— Sie sollten nicht so lachen, sondern darüber
nachdenken!
(Zurufe von der SPD und den GRÜNEN)
Sie haben in dieser Debatte wenig getan, um das zu
verwirklichen, meine Damen und Herren.
(Beifall bei der CDU/CSU und bei Abgeord
-
neten der FDP)
Wir brauchen mehr Fairneß und weniger
Heuchelei.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Zuruf des Abg. Fischer [Frankfurt] [GRÜ
NE])
Wir brauchen mehr Anstand und weniger
Unredlichkeit, die ja Triumphe gefeiert hat.
(Lebhafter Beifall bei der CDU/CSU und
der FDP sowie Beifall bei der SPD und den
GRÜNEN — Zurufe von der SPD und den
GRÜNEN)
Herr Präsident, meine Damen und Herren, bei
dem Fairneßgebot und in der Amnestiefrage geht
es uns nicht nur um Politiker wie Horst
Waffenschmidt. Es geht uns um alle unsere Mitbürger, die
in Freiheit und Rechtssicherheit leben wollen. Es
geht auch um diejenigen, die guten Glaubens die
Arbeit einer der demokratischen Parteien oder aller
demokratischer Parteien unterstützt haben.
Der frühere Bundesbankpräsident und SPD
Spendensammler bei der Industrie, Herr Klasen,
hat dazu an Herrn Vogel folgendes geschrieben —
ich zitiere wörtlich —:
Nun wird immer das Wort Steuerhinterziehung
gebracht. Wenn man davon spricht, dann denkt
man daran, daß der Betreffende für sich oder
sein Unternehmen geldliche Vorteile damit
erzielt hat. Aber auch steuermäßig abzugsfähige
Parteispenden bedeuteten ein finanzielles
Opfer. Wenn ein Unternehmen der SPD 100 000
DM gab — und ich kenne mehrere solcher
Fälle —,
(Hört! Hört! bei der CDU/CSU)
dann sparte er zwar 60 000 DM Steuern.
(Dr. Schäuble [CDU/CSU]: Wo denn?)
Aber hätte es nichts gespendet, hätte es 40 000
DM mehr in der Kasse gehabt.
(Lachen bei den GRÜNEN — Zuruf des
Abg. Fischer [Frankfurt] [GRÜNE])
Davon wird nie gesprochen.
So Karl Klasen. Ich kann nur sagen: Leider.
Auch die Tatsache, daß nicht darüber gesprochen
worden ist, hat zu einer erheblichen
Fehleinschätzung der Situation und des Problems bei vielen
unserer Mitbürger, auf die Sie sich heute zu Unrecht
berufen haben, beigetragen.
Was bedeutet ein Ermittlungsverfahren der
Staatsanwaltschaft gegen einen Mitbürger, der
nicht in der Politik tätig ist, z. B. gegen einen
mittelständischen Unternehmer, wegen — —
(Fischer [Frankfurt] [GRÜNE]: Jetzt
kommt der Handwerksmeister! — Weitere
Zurufe von den GRÜNEN und der SPD)
— Wir brauchen auch Unternehmer, meine
verehrten Damen und Herren.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Wenn es keine gäbe, dann würden Sie nicht so ein
bequemes Leben führen können, wie Sie es bisher
geführt haben. —
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Lebhafter Widerspruch bei den GRÜNEN
und der SPD)
Was bedeutet ein staatsanwaltschaftliches
Ermittlungsverfahren gegen einen mittelständischen
Unternehmer
(Fischer [Frankfurt] [GRÜNE]: Wie Flick!)
wegen angeblicher Steuerhinterziehung bei der
Parteienfinanzierung?
(Zurufe von der SPD und den GRÜNEN)
Er kommt ins öffentliche Gerede, er muß einen
nicht geringen Teil seiner Zeit und Arbeitskraft
diesem Thema zuwenden.
(Dr. Vogel [SPD]: Das muß jeder Bürger! —
Weitere Zurufe von der SPD)
Warum soll er sich diesem Risiko in Zukunft noch
unterziehen, warum?
(Horacek [GRÜNE]: Er hat Steuerberater!
— Weitere Zurufe von den GRÜNEN und
der SPD)
Er selbst hat ja nichts davon, wie Karl Klasen mit
Recht vorgerechnet hat. Ist nicht das, was hier
wegen des Versagens des früheren Gesetzgebers
geschieht, eine Abschreckung für das, was wir alle
fordern, nämlich tätige Anteilnahme am
demokratischen Leben?
(Frau Dr. Vollmer [GRÜNE]: So verstehen
Sie also tätig! — Weitere Zurufe von den
GRÜNEN)
Werden sich nicht viele unserer Mitbürger in ihrer
historisch begründeten Einschätzung bestätigt
fühlen, man solle sich von Politik möglichst fernhalten,
man habe nur Last und Ärger damit und man
müsse damit rechnen, daß man nachher auch noch
mit Strafverfahren überzogen werde, vielleicht
sogar bestraft werde?
(Fischer [Frankfurt] [GRÜNE]: Ei, ei, ei! —
Reents [GRÜNE]: Was für eine Republik!
— Weitere Zurufe von den GRÜNEN)
— Daß Ihnen von den GRÜNEN das gleichgültig ist,
wundert mich nicht.
(Fischer [Frankfurt] [GRÜNE]: Nein, nein,
Herr Dregger, wir sorgen uns um die
Republik! — Dr. Waigel [CDU/CSU]: Sie leben
doch nur vom Staatssäckel!)
Aber daß die SPD nur teilweise nachdenklich, im
übrigen nur selbstgerecht ist, das wundert mich.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Nun zum Amnestie-Gesetzentwurf selbst, den
CDU/CSU und FDP vorgelegt hatten. Das Gesetz
sollte sicherstellen, daß die früheren Spender aus
der Zeit vor der Verabschiedung des
Parteienfinanzierungsgesetzes von 1983 in strafrechtlicher
Hinsicht — nur in strafrechtlicher Hinsicht — nicht
schlechter behandelt werden als diejenigen, die die
Arbeit der politischen Parteien künftig
unterstützen.
Dabei waren folgende wesentliche
Einschränkungen vorgesehen: Erstens. Die Frage der
Steuerpflichtigkeit sollte nach früherem Recht beurteilt
werden; Steuern sollten also nachgezahlt werden,
soweit der Steuerfiskus das mit Recht
beanspruchen kann.
Zweite Einschränkung: Für andere
Straftatbestände, etwa für Vorteilsannahme, Bestechung,
Untreue, Urkundenfälschung und Betrug, sollte es
keine Amnestie geben. Nach den
Amnestieerwägungen des Jahres 1981, wie sie uns von
maßgebenden Sozialdemokraten vorgeschlagen worden sind,
war das noch anders; da sollte das alles miterledigt
werden, meine Damen und Herren.
(Hört! Hört! bei der CDU/CSU — Zurufe
von der CDU/CSU: Unerhört! Kittelmann
[CDU/CSU]: Pharisäer!)
Wir wollten durch unseren Entwurf nur die
Strafbarkeit wegen angeblicher Steuerhinterziehung
ausschließen. Ich sage: wegen angeblicher
Steuerhinterziehung, weil die jetzige Rechtsauffassung
der Staatsanwaltschaft nach meinen Informationen
noch von keinem Gericht bestätigt worden ist.
(Frau Dr. Vollmer [GRÜNE]: Schon wieder
Beschimpfung der Staatsanwaltschaft!)
Wenn heute von Rechtsirrtum die Rede ist, dann
möge bedacht werden, daß noch nicht feststeht, wer
sich geirrt hat: die Staatsanwaltschaft oder die
Beschuldigten.
(Fischer [Frankfurt] [GRÜNE]: Geben Sie
doch eine Chance für Freispruch! — Zurufe
von der SPD)
In meinem ersten Statement habe ich erklärt, ich
sähe in einem solchen Amnestie-Gesetz das
geringere Übel. Ich habe mehrfach meinen Respekt vor
denen bekundet, die bei ihrer Güterabwägung zu
einem entgegengesetzten Ergebnis gekommen sind.
Auf dem Bundesparteitag der CDU gab es geteilte
Auffassungen. Wie alle Presseberichte bestätigt
haben, wurden diese unterschiedlichen Auffassungen
fair und auf hohem Niveau ausgetragen.
(Frau Dr. Vollmer [GRÜNE]: Aber die
Mehrheiten waren unseren Vorstellungen
genau entgegengesetzt!)
In Stuttgart hat keiner dem anderen den guten Wil
len, die rechtsstaatliche Gesinnung oder das
Bemühen um eine moralisch saubere Lösung
abgesprochen — keiner dem anderen!
(Fischer [Frankfurt] [GRÜNE]: Wen
wundert's? Das war ja auch Ihr Parteitag! —
Weitere Zurufe von den GRÜNEN und der
SPD)
Der Parteitag hat sich dann nach eingehender
Diskussion mehrheitlich, mit großer Mehrheit für den
Amnestie-Gedanken entschieden. Meine Damen
und Herren, ich meine, es würde unserem jungen
demokratischen Gemeinwesen in Deutschland
guttun, wenn dieses Beispiel von Stuttgart hier im
Deutschen Bundestag und in der ganzen deutschen
Öffentlichkeit Schule machen würde.
(Beifall bei der CDU/CSU und bei
Abgeordneten der FDP — Widerspruch bei den
GRÜNEN)
Die Kampagne, wie sie in den letzten Wochen unter
der Überschrift „Die Rechtsbeuger" geführt worden
ist, hat Gefühle aufgeputscht, aber zur Klärung der
Tatbestände und zur Festigung des demokratischen
Bewußtseins wahrlich nichts beigetragen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Wir werden lange Zeit brauchen, um den Schaden
zu begrenzen,
(Demonstrativer Beifall bei der SPD und
den GRÜNEN)
der durch Ihre Selbstgerechtigkeit und
Unehrlichkeit entstanden ist, meine Damen und Herren von
der SPD.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Dabei sollen Fehler im eigenen Bereich gar nicht
abgestritten werden, z. B. die zu späte und nicht
wirksam genug gegebene Information über die
Motive und den Inhalt unseres Gesetzentwurfs.
(Zurufe von den GRÜNEN)
Wenn ich diese Amnestiedebatte in eine
allgemeine politische Wertung einmünden lassen darf,
dann möchte ich sagen: Ich habe den Eindruck, daß
das derzeitige Verhalten der SPD und unter ihrem
Einfluß auch das derzeitige Verhalten einiger —
nur einiger! — Gewerkschaften des DGB tragische
Züge annimmt. Es kann nur zu Ergebnissen führen,
die sowohl dem Gemeinwesen wie auch den
Initiatoren selbst schaden. Die 35-Stunden-Kampagne
des DGB und einiger seiner Gewerkschaften wird,
wenn sie Erfolg haben sollte, neue Arbeitsplätze
schaffen, aber nicht bei uns, sondern im Ausland.
(Zurufe von der SPD und den GRÜNEN)
Die Kampagne der SPD in der Frage der
Parteispenden und der Amnestie wird möglicherweise
Wählerströme verändern, aber nicht zugunsten der
SPD, sondern zugunsten der GRÜNEN.
(Zurufe von der SPD und den GRÜNEN)
Meine Damen und Herren, wir müssen unser
eigenes Verhalten verantworten. Auch uns weht in
dieser Frage, weil viele uns noch nicht verstehen,
der Wind ins Gesicht, aber wir stehen,
(Beifall bei der CDU/CSU — Lachen bei
der SPD und den GRÜNEN)
und wir haben gute Gründe dafür.
(Dr. Ehmke [Bonn] [SPD]: Immer diese
Kritik an der FDP!)
Auch diejenigen, die uns heute noch nicht
verstehen, werden das erkennen, wenn sie bereit sind, die
Tatsachen zur Kenntnis zu nehmen und sich mit
unseren Argumenten zu beschäftigen.
(Frau Dr. Vollmer [GRÜNE]: Dann muß es
ja noch schlimm kommen!)
Wir Abgeordneten können irren, aber wir dürfen
nicht feige sein. Wir können Fehler machen, aber
wir müssen zu dem stehen, was wir nach
gewissenhafter Prüfung als richtig erkannt haben. Wir, die
Abgeordneten der CDU/CSU, werden auch in
Zukunft — darauf kann sich jeder verlassen — so
denken und so handeln — in Freiheit und Festigkeit.
(Anhaltender Beifall bei der CDU/CSU und
bei Abgeordneten der FDP — Frau Nickels
[GRÜNE]: Wo bleibt das Recht?)
Präsident Dr. Barzel: Das Wort hat der Herr
Abgeordnete Schily.
Schily (GRÜNE): Herr Präsident! Meine Damen
und Herren! Ich gebe zu, es fällt mir schwer, nach
der dröhnenden Selbstgefälligkeit des Herrn Dr.
Dregger hier das Wort zu ergreifen.
(Beifall bei den GRÜNEN — Dr. Schäuble
[CDU/CSU]: Dann laß es doch bleiben!)
Ende März dieses Jahres befand sich der
Jugendliche Hans-Dieter M. in Untersuchungshaft. Weil er
es dort nicht mehr aushielt, zündete er kurz vor
seiner Gerichtsverhandlung das Mobiliar seiner
Einzelzelle an. Er starb wenige Tage später im Alter
von 16 Jahren an den Folgen seiner schweren
Brandverletzungen. Über seinen kurzen Lebensweg
berichtete das „Deutsche Allgemeine
Sonntagsblatt" am 29. April 1984:
Hans-Dieter M. war vor seinem 16. Lebensjahr
nie straffällig gewesen. Er ist nicht Täter,
sondern Opfer. Kurz nach seiner Geburt starb sein
Vater, seiner mit sieben anderen Kindern
überlasteten Mutter wurde das Sorgerecht
entzogen. Seit seinem vierten Lebensjahr war Hans-
Dieter M. in sieben verschiedenen Heimen
untergebracht, schließlich in dem Hannoverschen
Erziehungsheim Stephansstift. In der Zeit
passierte es: Hans-Dieter M. entriß in einem
Kaufhaus zwei Handtaschen, nach dem Gesetz kein
Diebstahl, sondern Raub. Seine Beute: 400 DM.
Die Aufenthalte in den verschiedenen Heimen
reichten dem Haftrichter aus, wegen
angeblicher Fluchtgefahr Untersuchungshaft zu
verhängen.
Soweit der Bericht im „Deutschen Allgemeinen
Sonntagsblatt".
Schicksale wie das dieses armen Jugendlichen,
den sein ohnmächtiger Protest sein Leben kostete,
sind in unserer Gesellschaft keine Seltenheit. Ihnen
begegnet der Staat in unerbittlicher Härte und
gnadenloser Strenge.
(Frau Dr. Vollmer [GRÜNE]: Genau!)
Wenn sich ein Jugendlicher in seinem verlassenen
Leben 400 DM unrechtmäßig aneignet, kennt die
Justiz, die Gesellschaft kein Erbarmen.
(Frau Nickels [GRÜNE]: Da ist auch Herr
Dregger für Ordnung und Sicherheit!)
Wenn aber Millionenbeträge an• Steuern
hinterzogen,
(Zuruf von der CDU/CSU: Jetzt kommt der
Vorverurteiler? Verteidiger als Vorverur
-
teiler!)
kriminelle Organisationen zur fortgesetzten
Steuerhinterziehung gegründet, wenn mit großer
Raffinesse und erheblicher krimineller Intensität über
Jahrzehnte die Staatskasse ausgeplündert wird,
(Austermann [CDU/CSU]: Ist das rechts
kräftig?)
dann sollen offenbar andere Gesetze gelten, die
Gesetze der ehrenwerten Gesellschaft mit ihren Paten
in Politik und Großindustrie.
(Beifall bei den GRÜNEN)
Es hat in der Vergangenheit nicht an Versuchen
gefehlt, die Ermittlungen der Steuerfahnder und
Staatsanwaltschaften in den Spendenverfahren zu
behindern oder zu unterlaufen. Spuren wurden
verwischt, es wurde versucht, Zeugen zu beeinflussen
oder unter Druck zu setzen, Urkunden wurden
vernichtet und vieles andere mehr.
(Dr. Althammer [CDU/CSU]: Rechtsan
wälte wurden beschäftigt!)
Die geltende Strafprozeßordnung nennt das
Verdunkelungsmaßnahmen, die bei einem gewöhnlich
Sterblichen dazu führen, daß er in
Untersuchungshaft genommen wird.
(Frau Nickels [GRÜNE]: Die Kleinen hängt
man, die Großen läßt man laufen!)
Nichts anderes als ein groß angelegtes, nun aber
kläglich gescheitertes Manöver zur Verdunkelung
und Strafvereitelung in den Spendenverfahren war
das Vorhaben der Regierungskoalition, das
ursprünglich den harmlosen Titel trug: „Regelung
steuerlicher Zweifelsfragen bei der
Parteienfinanzierung".
(Beifall bei den GRÜNEN)
Was Sie hier wollen — das wollen Sie nicht erst
seit vorgestern; es gab schon 1978 einen Versuch,
auch unter Beteiligung des amtierenden
Bundeskanzlers, zur Amnestierung, es gab den Versuch
einer großen Koalition, einer Allparteienkoalition
1981 —, ist immer der hartnäckige, beharrliche und
fortgesetzte Versuch, das Unrecht zu vertuschen. In
einer Demokratie ist das Gegenteil notwendig,
nämlich Aufklärung, und deshalb fordern wir die
Bundesregierung mit der von uns vorgelegten
Entschließung auf, statt Vertuschung in der
Öffentlichkeit Aufklärung zu schaffen.
Ich hoffe, daß wir von Ihnen, Herr
Bundeskanzler, wenn Sie heute in der Debatte das Wort
ergreifen sollten, präzise Antworten auf präzise Fragen
erhalten:
Erstens. Sind Sie bereit, Herr Bundeskanzler,
einzugestehen, daß Sie als Bundesvorsitzender der
CDU in den vergangenen Jahren in massiver Weise
vorsätzlich gegen die Verpflichtung Ihrer Partei zur
öffentlichen Rechenschaftslegung der ihr
zugewandten Spenden, wie sie in Art. 21 Abs. 1 Satz 4
des Grundgesetzes und in den Vorschriften der
§§ 23 und 25 des Parteiengesetzes vorgeschrieben
ist, verstoßen haben, oder wollen Sie sich insoweit
auch auf Rechtsunsicherheit berufen?
Was sollen wir denn von einer Bundesregierung
halten, deren Bundeskanzler womöglich über diese
elementaren Vorschriften im Grundgesetz und im
Parteiengesetz nicht Bescheid weiß, zumal Sie
immerhin — das habe ich Ihrer
staatsanwaltschaftlichen Vernehmung entnommen — eine Vorschrift
des Parteiengesetzes sehr gut im Kopf haben,
(Austermann [CDU/CSU]: Daraus darf
man zitieren, j a?)
nämlich die, nach Ablauf welcher Frist Unterlagen
über Parteispenden vernichtet werden dürfen?
(Austermann [CDU/CSU]: Und daraus darf
man zitieren?)
Zweitens. Herr Bundeskanzler, sind Sie bereit,
der Öffentlichkeit endlich rückhaltlos und
umfassend Aufklärung über die lukrativen Verbindungen
Ihrer Partei zu finanzkräftigen Gönnern zu geben?
Die Verpflichtung zur Rechenschaftslegung nach
Art. 21 verjährt nicht. Wenigstens nachträglich,
sozusagen in einem Akt tätiger Reue, sollten Sie sich
— wie alle anderen betroffenen Parteien; das ist
auch an die SPD und die FDP gerichtet — dazu
bequemen, Ihren Verpflichtungen nachzukommen.
(Frau Dr. Vollmer [GRÜNE]: Das kann er
nicht! Sowas bringt er nicht!)
Drittens. In welcher Form und in welcher Weise
waren Sie, Herr Bundeskanzler, persönlich an
Spendenakquisitionen beteiligt? Bisher haben Sie
nur auf Befragen der Staatsanwaltschaft im Fall
Flick eingeräumt, von dort Kuverts mit mehreren
zehntausend DM in Bargeld erhalten zu haben.
(Zuruf von der CDU/CSU: Er zitiert wieder
aus den Akten!)
Nach anderen Mäzenen hat die Staatsanwaltschaft
Sie nicht gefragt. Wie wäre es, wenn Sie von sich
aus einmal der Öffentlichkeit Mitteilung darüber
machten, was sonst an Bargeld in Ihre Taschen
gewandert ist?
(Beifall bei den GRÜNEN — Frau Dr. Voll
mer [GRÜNE]: Das wäre sehr interessant!
— Lebhafte Zurufe von der CDU/CSU: Un
glaublich! — Weitere Zurufe und Unruhe
bei der CDU/CSU)
Deutscher Bundestag — l0. Wahlperiode — 71. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 24. Mai 1984 5007
Schily
— Der Herr Bundeskanzler kann j a sagen, daß es
sonst kein Bargeld gab. Auch diese Erklärung
werde ich gern zur Kenntnis nehmen, aber er soll
uns darüber informieren!
(Zuruf von der CDU/CSU: Demagoge!)
Viertens. Über welche Kenntnisse verfügt die
Bundesregierung hinsichtlich der
Steuermanipulationen und Steuerhinterziehungen, mit denen die
Kassen der Parteien in den vergangenen Jahren
reichlich gefüllt wurden?
(Dr. Friedmann [CDU/CSU]: Was haben
Sie von Ghaddafi bekommen?)
Haben Sie die Staatsanwaltschaft darüber
informiert, haben Sie die Staatsanwaltschaft bei ihrer
Ermittlungstätigkeit eigentlich unterstützt oder
eher behindert?
(Zuruf von der CDU/CSU: Chaotenanwalt!
— Weitere Zurufe!)
Fünftens. Wir fragen Sie: Ist seitens der
Großindustrie auf die Bundesregierung eigentlich Druck
ausgeübt worden? Wie sieht es mit Ihren
Parteikassen aus? Stimmt es, daß Sie, wie Herr Möllemann
gesagt hat, pleite gehen, wenn aus dem
Spendenhahn nichts mehr fließt, und daß aus diesem
Grunde eine solche Amnestie notwendig sei'? In
welchen Verlegenheiten befinden Sie sich,
(Zuruf von der SPD: In vielen!)
Herr Bundeskanzler?
(Frau Dr. Vollmer [GRÜNE]: Er ist immer
verlegen!)
Ich finde, bei Ihren Erklärungen haben Sie ein
Maß an Willfährigkeit, Liebedienerei, Beflissenheit
und Dienstfertigkeit, gegenüber bestimmten
Kreisen der Großindustrie erkennen lassen, daß diese
Frage mehr als berechtigt ist.
(Zurufe von der CDU/CSU)
Eine Frage möchte ich hinzufügen. Sie haben bei
Ihren Ausführungen vor dem Bundesverband der
Deutschen Industrie erklärt: Vertrauen gegen
Vertrauen in Fragen der Spendenzuwendungen. Aber,
nun möchte ich eine Äußerung an den einfachen
Bürger Kohl, der j a auch vor kurzem auf dem
Bundesparteitag der CDU gesprochen hat, richten. Ist
denn eigentlich der einfache Bürger Kohl
berechtigt, weil er das Amt des Bundeskanzlers innehat,
seinen Spezis in der Großindustrie im Do-it-
yourself-Verfahren Strafbefreiung zu verschaffen? Das
kann doch wohl nicht das Rechtsbewußtsein sein,
was hier in unserer Bundesrepublik Geltung
gewinnen soll!
(Beifall bei den GRÜNEN)
Sie mögen den hochmögenden Gönnern der
Industrie und Bankenwelt einiges zu verdanken haben,
Herr Bundeskanzler. Das verleiht ihnen aber nicht
das Recht, diese Herrschaften zu begnadigen.
Eine weitere Frage, Herr Bundeskanzler. Wir
haben in beredter Form seitens des Herrn
Bundeswirtschaftsministers gehört, daß er mit
Entschiedenheit die gegen ihn gerichteten Vorwürfe wegen
des Verdachts der Bestechlichkeit zurückweist.
Aber ich habe noch von keinem der Minister Graf
Lambsdorff, Zimmermann und Schneider eine
Äußerung zu den gegen sie gerichteten
Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Beihilfe zur
Steuerhinterziehung gehört. Haben Sie denn eine
Erklärung dieser Herren zu diesen Vorwürfen
herbeigeführt, und welchen Inhalt haben diese
Erklärungen?
(Austermann [CDU/CSU]: Sie müssen mal
die Strafprozeßordnung lesen!)
Haben die Herren die Vorwürfe eingestanden oder
bestritten? Haben sie sich eventuell auf ein
fehlendes Unrechtsbewußtsein, Rechtsunsicherheit oder
womöglich zeitweise psychische
Ausfallerscheinungen berufen?
(Beifall bei den GRÜNEN)
Ich glaube, die Öffentlichkeit hat Anspruch darauf,
zu erfahren, wie sich die Herren in ihrer
Eigenschaft als Minister — wie sie sich im
Strafverfahren einlassen müssen und mögen, Herr Kollege, das
mag dann immer noch auf einem anderen Blatt
stehen — einlassen. In der Frage ihrer
Ministereigenschaft, meine ich, sollten wir wissen, wie Sie sich zu
diesen Vorwürfen gestellt haben.
(Zuruf von der CDU/CSU: Die kennen sie
doch gar nicht im einzelnen!)
Die Regierungskoalition, aber auch Vertreter der
Regierung haben mit dem Amnestievorhaben ein
erbärmliches, ein klägliches Rechtsverständnis, ein
bis ins innerste Mark verfaultes Rechtsbewußtsein
erkennen lassen.
(Beifall bei den GRÜNEN — Austermann
[CDU/CSU]: Das müssen Sie gerade sa
-
gen!)
Sie haben mit dem Amnestievorhaben der
Unverbrüchlichkeit des Rechts und damit dem Ansehen
der Bundesrepublik schweren Schaden zugefügt.
(Zuruf von der CDU/CSU: Wer hier tief ver
fault ist, muß man noch feststellen!)
Es ist ein dermaßen verludertes Rechtsbewußtsein,
daß die Konsequenz nur heißen kann,
(Zuruf des Abg. Dr. Bötsch [CDU/CSU])
daß sich die Regierung nicht nur von diesem üblen
Amnestieplan, sondern sich eiligst selbst von der
politischen Bühne verabschiedet.
(Beifall bei den GRÜNEN und Abgeordne
ten der SPD)
Präsident Dr. Barzel: Das Wort hat der
Abgeordnete Genscher.
(Oh-Rufe von der SPD — Reents [GRÜNE]:
Abschiedsrede?)
Genscher (FDP): Herr Präsident! Meine sehr
verehrten Damen und Herren! Die Bundestagsfraktion
der FDP begrüßt, daß eine Debatte, die seit einigen
Wochen in unserem Lande leidenschaftlich geführt
wird, hier im Deutschen Bundestag fortgesetzt
werden kann. Hier ist der Ort der politischen
Auseinandersetzung. Die Art, wie alle Seiten des Hauses
diese Auseinandersetzung führen, wird auch
darüber entscheiden, wer glaubwürdig Liberalität und
Rechtsstaatlichkeit in Anspruch nehmen kann.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU —
Lachen bei der SPD und den GRÜNEN)
Was wir eben an Vorverurteilungen und Angriff
auf die Würde von Personen gehört haben, die eine
andere Auffassung haben, hat eine schlimme
Gesinnung und eine starke Verleugnung der für eine
Demokratie unentbehrlichen Toleranz gezeigt.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Mit einem gemeinsamen Schreiben vom 22.
Januar 1982 haben die Vorsitzenden der SPD, der
CDU, der CSU und der FDP den Bundespräsidenten
gebeten, eine unabhängige Kommission zum
Thema Parteienfinanzierung einzuberufen.
(Zuruf von der SPD: Das ist überhaupt
nicht das Thema!)
Diese Kommission sollte Vorschläge unterbreiten
— ich zitiere jetzt wörtlich —, „wie die Parteien
finanziell in die Lage versetzt werden können, ihren
grundgesetzlichen Auftrag zu erfüllen, um
zukünftige Unklarheiten und die sich daraus ergebenden
Probleme zu vermeiden".
(Zuruf von der SPD: Zukünftige!)
— Ich wiederhole: „um zukünftige Unklarheiten
und sich daraus ergebende Probleme zu
vermeiden".
Damals sind vier Parteien davon ausgegangen,
daß Unklarheiten bestehen
(Zuruf von der SPD: Zukünftig!)
und sich daraus Probleme ergeben. Was mit diesen
Problemen gemeint war, ist klar: der Verdacht
strafbarer Handlungen im Zusammenhang mit der
Parteienfinanzierung. In der Aussprache des
heutigen Tages kann niemand an dieser Tatsache
vorbeigehen.
Genauso unverzichtbar ist es, daß die Führungen
der Parteien die politische Verantwortung dafür
übernehmen, daß es so spät zu einer Korrektur des
Parteienrechts gekommen ist und daß es
Fehlentwicklungen in diesem Bereich bei allen Parteien
gegeben hat.
(Frau Dr. Vollmer [GRÜNE]: Fehlentwick
-
lungen?)
Der Gesetzgeber, also der Deutsche Bundestag, hat
es daher für notwendig gehalten, mit Wirkung vom
1. Januar dieses Jahres neue Bestimmungen über
die Finanzierung der Parteien in Kraft zu setzen.
(Fischer [Frankfurt] [GRÜNE]: Ja, ja, ja!)
Er hat das unter Berücksichtigung dieses
Gutachtens getan.
Die Kommission hat sich mit den
Rechtsunklarheiten eingehend befaßt. Sie hat dabei festgestellt,
daß der Gesetzgebungsauftrag des Art. 21 des
Grundgesetzes zu lange unerfüllt geblieben sei, so
daß es fast zu einer Umkehr des normalen Ablaufs
von Normsetzung und Normenkontrolle gekommen
sei.
Der Bericht der Kommission führt weiter aus,
daß auch die Rechtsprechung des
Bundesverfassungsgerichts zur Parteienfinanzierung
geschwankt habe. Es war in der Tat ein weiter Weg
vom 19. Juli 1966, dem Datum des ersten
grundlegenden Urteils des Verfassungsgerichts, bis zu
diesem Gesetz, das am 1. Januar dieses Jahres in Kraft
getreten ist. In dieser Zeit sind mehrere Versuche
unternommen worden, das Recht der Parteien zu
regeln, um in Übereinstimmung mit der Verfassung
die Grundlage für eine klare, die Unabhängigkeit
der Parteien sichernde Finanzierung zu schaffen.
Ermittlungsverfahren, die vor allem seit dem
Jahre 1980 eingeleitet worden sind, haben bei aller
Unterschiedlichkeit der Einzelfälle gemeinsam, daß
sie aus der Unsicherheit und Unklarheit des
damaligen Rechts entstanden sind. Die FDP hat sich in
den 70er Jahren und danach wiederholt bemüht,
eine klare gesetzliche Regelung für die
Parteienfinanzierung zu schaffen. Das Gesetz, das jetzt
Gültigkeit hat, wäre viel früher erforderlich gewesen.
(Sehr richtig! bei der CDU/CSU)
Daß es so spät gekommen ist, lag in erster Linie an
der fehlenden Bereitschaft der SPD, an einer
solchen Gesetzgebung schon zu einem früheren
Zeitpunkt mitzuwirken.
(Demonstrative Zustimmung bei der SPD)
— Daß Sie jetzt klatschen, erstaunt mich; denn im
letzten Jahr haben Sie ja daran mitgewirkt und das
Gesetz mit beschlossen.
Das jetzt geschaffene neue Recht stellt für die
politischen Parteien der Bundesrepublik
Deutschland einen deutlichen Einschnitt in die
Gesetzgebung dar. Es schafft eine qualitative Veränderung
der Finanzierungsregelung für die politischen
Parteien. Diese Veränderung besteht vor allem in den
Regeln für die Chancengleichheit, für die
steuerliche Berücksichtigung von Spenden sowie in einer
strikten Regelung für die Rechenschaftslegung.
Das neue Parteiengesetz bedeutet damit nicht
nur eine Rechtskorrektur, sondern auch eine
Rechtsbereinigung. Schon jetzt zeigen maßgebliche
Stimmen — ich erinnere nur an die Erklärungen
des früheren Präsidenten des Bundesfinanzhofs —,
daß es mehr ist als nur das Vorbringen von
Schutzbehauptungen, wenn viele von den durch
Ermittlungsverfahren Betroffenen erklären, sie hätten
ohne Unrechtsbewußtsein im Vertrauen auf eine
gefestigte Verwaltungspraxis gehandelt.
Es gibt bisher zu diesen Fragen weder in der
Finanzgerichtsbarkeit noch in der
Strafgerichtsbarkeit höchstrichterliche Urteile. Ich fürchte, dieser
Zustand wird für die Betroffenen noch mehrere
Jahre fortbestehen.
Meine Damen und Herren, erst rechtskräftige
Urteile werden über Schuld und Unschuld zu
entscheiden haben.
(Zurufe von der SPD)
Ich habe mich wirklich gefragt, wie Sie, Herr Kol
lege Schily, als Rechtsanwalt hier mit solcher
Leichtigkeit das Wort „kriminell" gebrauchen
können, obwohl Sie wissen, daß rechtskräftige Urteile
nicht vorhanden sind.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Bei dem Amnestievorschlag, meine Damen und
Herren, ging es ausschließlich um mögliche
strafrechtliche Folgen aus einem abgeschlossenen
Rechtszustand, so daß die Wiederholung
gleichartiger Straftaten ausgeschlossen erscheint. An den
Erlaß möglicher Steuerschulden war zu keiner Zeit
gedacht. Ich sage mit Betonung: mögliche
strafrechtliche Folgen; denn auch für diese Verfahren
gilt der Grundsatz der Unschuldsvermutung.
(Dr. Dregger [CDU/CSU]: Sehr richtig!)
Was es in diesem Bereich an Vorverurteilungen
gegeben hat, noch gibt und, wie ich fürchte, noch
weiter geben wird, ist auch eine Frage der
Rechtsstaatlichkeit, zu der Sie, Herr Kollege Vogel, auch ein
Wort von diesem Pult aus hätten sagen sollen.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU —
Zurufe von der SPD)
Strafrechtliche Konsequenzen aus der
Rechtskorrektur zu ziehen und Befriedung für einen
abgeschlossenen Tatbestand zu schaffen waren für mich
das Motiv für die Unterstützung des
Amnestiegesetzentwurfs.
(Zuruf von der SPD: Möllemann!)
Seine Zulässigkeit und seine Notwendigkeit stehen
auch für mich heute noch außer Frage. Niemand,
der sich wie ich zu dieser Entscheidung
durchgerungen hat, hat sich die Sache leichtgemacht. Es
wird kaum jemanden gegeben haben, der frei von
Bedenken war. Trotzdem nehme ich für mich in
Anspruch, daß ich von Anfang an eine eingehende
und sorgfältige Güterabwägung vorgenommen
habe.
Ausschlaggebend war schließlich die Absicht,
eine jahrelange Unklarheit nicht auf dem Rücken
von Staatsbürgern auszutragen, die sich selbst
nicht bereichern wollten, sondern ihren Beitrag für
die Arbeitsfähigkeit demokratischer Parteien
leisten wollten, wobei es mich gar nicht interessiert
hat, für welche der demokratischen Parteien sie
diese Beiträge geleistet haben.
(Lachen bei der SPD — Fischer [
Frankfurt] [GRÜNE]: Liechtenstein!)
— Meine verehrten Kollegen, Ihre Reaktion zeigt
mir nur, wie wenig bei Ihnen Toleranz und Respekt
vor einer anderen Meinung eine Heimstatt haben
können. Ich bemühe mich, über eine wichtige
rechtspolitische Frage eine sachliche
Auseinandersetzung zu führen. Ich denke, Sie werden das
Zuhören ertragen können. Sie haben j a noch Redner, die
dazu Stellung nehmen können.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Meine Damen und Herren, wer sich im Besitz der
besseren Argumente weiß, sollte doch in dieser
empfindlichen Frage dem anderen nicht bestreiten,
daß auch er gute Gründe für seine Auffassung
haben kann.
Ich bin in meiner Fraktion von Anfang an dafür
eingetreten, daß jeder seine Entscheidung für sich
trifft und zu verantworten hat. Amnesten, auch
wenn sie sich in verfassungsrechtlichen Grenzen
halten, gehören zu den rechtspolitisch
empfindlichsten Entscheidungen des Gesetzgebers. Sie stellen
immer einen schwerwiegenden Eingriff in die
Rechtspflege dar. Der Gesetzgeber muß deshalb
darauf bedacht sein, Gefahren für das
Rechtsbewußtsein zu vermeiden. Wer selbst eine
Güterabwägung vorgenommen hat, wird das Gewicht der
Argumente richtig bewerten, die rechtspolitisch aus
Gründen des Demokratieverständnisses oder aus
Sorge um die Erfüllung des Befriedungszwecks zu
einer Ablehnung der Amnestie führen.
(Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Eigene
Sache!)
Das Gewicht dieser Einwände rechtfertigt auch
diejenigen meiner Kollegen, die in einem
intensiven Prozeß der Diskussion und der Güterabwägung
ihre Auffassung geändert haben. Wir müssen heute
erkennen, meine Damen und Herren, daß der
Vorwurf, die Parteien handelten in eigener Sache, sie
wollten sich selbst oder ihre Spender begünstigen,
in einer breiten Öffentlichkeit nicht ausgeräumt
werden konnte.
(Fischer [Frankfurt] [GRÜNE]: Sehr gut!)
Die in der FDP erhobenen Einwände richten sich
gegen die rechtspolitische Vertretbarkeit der
Amnestie. Dabei spielt eine wichtige Rolle die Sorge
um Stellung und Ansehen der Parteien in der
Gesellschaft. Sie berühren damit auch Fragen des
Demokratieverständnisses.
(Reents [GRÜNE]: Wie steht es um die
FDP?)
Von erheblichem Gewicht ist auch die breite
öffentliche Ablehnung; denn hier liegt eine Gefährdung
des Befriedungszwecks, ja, es bestand die Gefahr,
daß die Beseitigung von Unklarheit und
Unsicherheit auf der einen Seite zu Rechtsunfrieden auf der
anderen geführt hätte.
(Fischer [Frankfurt] [GRÜNE]: Sehr rich
-
tig!)
Deshalb widerspricht es dem Grundgedanken der
repräsentativen Demokratie nicht, wenn gerade bei
diesem Vorhaben der öffentlichen Meinung in
besonderer Weise Rechnung getragen wird. Wir
lehnen das imperative Mandat ab. Weder Parteien
noch die öffentliche Meinung können es ausüben.
Aber eine Amnestie, deren Zweck es doch ist,
Rechtsfrieden zu schaffen, ist in besonderem Maße
auf die Zustimmung der Bürger angewiesen.
(Dr. Vogel [SPD]: Sehr wahr!)
Nur diese Zustimmung kann zur Befriedung führen
und Beeinträchtigungen des Rechtsbewußtseins
vermeiden. Es erscheint uns deshalb auch
ausgeschlossen, daß erneut eine Initiative für eine
Amnestie im Zusammenhang mit Parteispenden
ergriffen werden wird.
(Beifall bei der FDP und bei Abgeordneten
der SPD)
Meine Damen und Herren, die leidenschaftliche
Auseinandersetzung die Frage des Ja oder Nein zur
Amnestie — —
(Unruhe bei der SPD)
— Herr Kollege Vogel, Ihre Fragen können Sie bitte
auch laut erheben. Wir sind eine Partei, die in der
Lage ist, die Argumente gegenseitig abzuwägen. Bei
uns gibt es niemanden, der glaubt, er besitze die
alleinige Wahrheit und könne nur diese Auffassung
vertreten.
(Dr. Ehmke [Bonn] [SPD]: Sagen Sie das
mal auf dem Parteitag!)
Und diese Abwägung haben wir in unserer Partei in
großer Ehrlichkeit, mit großem Respekt
vorgenommen.
(Dr. Vogel [SPD]: Wir auch!)
Diese Abwägung trage ich hier dem Deutschen
Bundestag vor.
(Beifall bei der FDP)
Meine Damen und Herren, die leidenschaftliche
Auseinandersetzung, die Frage des Ja oder Nein zur
Amnestie, bewegt die Öffentlichkeit. Niemand kann
dabei übersehen, daß das Ja oder Nein nicht den
herkömmlichen Kategorien von links oder rechts
oder Regierung oder Opposition zugeordnet werden
kann.
Die FDP hat diese Auseinandersetzung in sich
ausgetragen und letztlich entschieden. Wir haben
das mit Anstand untereinander, gegenüber unseren
Wählern und auch gegenüber unserem
Koalitionspartner getan. Daß diese Auseinandersetzung die
FDP am meisten ergriff, bei ihr am
leidenschaftlichsten geführt wurde, sollte für niemanden Anlaß
für herablassende Kritik oder Schadenfreude sein.
(Beifall bei der FDP)
Ich halte das gerade in einer solchen Frage für
einen Vorzug der liberalen Partei, ja, ich halte das
für eines ihrer Wesensmerkmale. Das sage ich
gerade als einer derjenigen in meiner Partei, die ihre
Meinung nicht durchgesetzt haben, zu der sie heute
noch stehen.
Meine Damen und Herren, die mehrheitliche
Ablehnung in der FDP galt diesem Entwurf. Sie gilt in
keiner Weise der Zusammenarbeit mit der CDU/
CSU. Sie gilt natürlich auch nicht der gemeinsamen
Politik, für die die Regierungsparteien gewählt
wurden und zu deren Verwirklichung sie sich
verpflichtet haben.
(Beifall bei der FDP)
Daß die Regierungsparteien auf den Entwurf in
ihrer Mehrheit unterschiedlich reagiert haben,
bestätigt nur, daß es sich um selbständige Parteien
handelt, die auch in einer engen, vertrauensvollen
Zusammenarbeit ihre eigene Identität bewahren.
Dennoch ist der Abstand in der Haltung zur
Amnestie gar nicht so groß, auch wenn andere diesen
Eindruck erwecken möchten. Es ist eben nicht
zutreffend, daß die eine Regierungspartei das
Vorhaben ohne Ausnahme ablehnt und die andere ihm
ohne Ausnahme zustimmt.
Ich habe mit großem Respekt gesehen, mit
welcher Sachlichkeit und welchem Ernst der
Bundesparteitag der CDU in dieser Frage debattiert und
mehrheitlich entschieden hat. Es nimmt dieser
Diskussion auf dem CDU-Parteitag und der
Entscheidung nichts von ihrer Bedeutung, daß auch
innerhalb der Union die Diskussion weiterging.
Ich frage mich noch einmal, Herr Kollege Vogel,
ob sich die SPD eigentlich wohlfühlen kann bei dem
öffentlich erweckten Eindruck, als stünde sie wie
ein Mann, mit Empörung und Abscheu gegen dieses
Vorhaben.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Meine Damen und Herren, es ist doch ganz
unbestritten, daß sich 1981 in der SPD-
Bundestagsfraktion keine Mehrheit für eine Amnestie finden ließ.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD)
Aber ebenso richtig ist doch auch, daß damals diese
Amnestie von der Führung der SPD für notwendig
gehalten wurde. Sie wollten sie auch. Ich will Ihnen
sagen, warum Sie sie wollten: weil der frühere
Schatzmeister der SPD aus genauer Kenntnis der
Umstände Ihnen dazu geraten hatte.
Die Versuche, sich von der damaligen von
Kollegen der SPD erarbeiteten Initiative loszusagen oder
gar von einem Druck der FDP zu sprechen, zeigen
nur zu deutlich Ihre Absicht: dieses Thema eben
nicht als ein rechtspolitisches, sondern als ein
wahlpolitisches Thema zu behandeln.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU —
Dr. Dregger [CDU/CSU]: Bei dem werden
sie scheitern! — Dr. Ehmke [Bonn] [SPD]:
Lieber Herr Genscher!)
Man will vergessen machen, daß die eigene
Führung früher wollte, was heute zum Anschlag auf
den Rechtsstaat erklärt wird. Wo sind denn heute
die Stimmen, die damals in der SPD den
Gesetzentwurf befürwortet haben?
Meine Damen und Herren, ich respektiere Ihre
Ablehnung dieses Gesetzentwurfes. Aber die Art,
wie auch heute wieder mit der Herabsetzung der
Motive der Gegenseite operiert wurde, weise ich mit
Entschiedenheit zurück.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Zurückweisung verdienen auch Versuche,
Spenden für Parteien als solche ins Zwielicht zu ziehen.
Der Bericht der vom Bundespräsidenten berufenen
Sachverständigenkommission hat sich dazu
geäußert.
(Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Wofür
der alles herhalten muß!)
Ich bitte das zitieren zu dürfen. Es heißt dort:
Angesichts gewisser Kontroversen in der
Öffentlichkeit besteht Anlaß, darauf hinzuweisen,
daß Spenden an politische Parteien weder
verboten noch moralisch bedenklich, sondern
verfassungspolitisch erwünscht und geradezu
unentbehrlich sind,
(Zurufe von der SPD)
wenn man an der Staatsunabhängigkeit der
Parteien festhalten will. Dadurch, daß Bürger
einen Teil ihres Einkommens als private
Spende freiwillig den Parteien zuwenden,
machen sie von ihrem Recht auf politische
Teilhabe Gebrauch und erfüllen eine legitime
staatspolitische Aufgabe. Im Prinzip sind
Spenden an Parteien deshalb nichts Ehrenrühriges,
sondern Ausdruck einer anerkennenswerten
politischen Betätigung.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Das war die Meinung dieser
Sachverständigenkommission.
Präsident Dr. Barzel: Herr Kollege Genscher,
erlauben Sie eine Zwischenfrage des Abgeordneten
Schily?
Genscher (FDP): Nein, bitte keine
Zwischenfragen.
Auch die Sozialdemokratische Partei, meine
Damen und Herren, hat in der Vergangenheit Spenden
empfangen. Wir machen Ihnen daraus keinen
Vorwurf.
(Lachen bei der SPD)
Aber tun Sie doch bitte nicht so, als sei mit
Ausnahme von wenigen Einzelfällen das
Spendenproblem ein Problem von CDU/CSU und FDP.
(Zurufe von der SPD)
Meine Damen und Herren, was den Begriff des
großen Geldes angeht, so läßt doch der Brief des
früheren Bundesbankpräsidenten Klasen einiges von
dem ahnen, was wir heute noch nicht wissen.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Meine Kollegen, ich bin dafür, daß wir über die
Fragen unserer Rechtsstaatlichkeit leidenschaftlich
diskutieren. Nur, Herr Kollege Dr. Vogel, Ihre Rolle
als selbsternannter Gralshüter des Rechtsstaates
wäre glaubwürdiger, wenn Sie sie überall
wahrnähmen, z. B. auf Ihrem Parteitag, als Herr Ferlemann
vom DGB bedauert hat, daß der Zeitungsstreik bei
Ihrem Parteitag stattfindet. Wofür und wogegen
wird dieser Arbeitskampf denn eigentlich geführt?,
müssen wir fragen.
(Lebhafter Beifall bei der FDP und der
CDU/CSU)
Ich frage Sie, Herr Kollege Dr. Vogel: Warum hat
Ihr rechtsstaatliches Gewissen nicht Ihren
Widerspruch herausgefordert, als derselbe Redner die
Delegierten Ihres Parteitages damit tröstete, daß
jedenfalls eine Zeitung, die über Ihren Parteitag
positiv berichtete, nicht bestreikt wird? Hier geht es um
die Informationsfreiheit der Bürger. Sie zu
schützen, sie nicht totstreiken zu lassen ist Ihre wie
unsere Aufgabe. Hier sind Sie aufgefordert.
(Lebhafter Beifall bei der FDP und der
CDU/CSU)
Meine Damen und Herren von der SPD, Sie
hatten die Chance, in dieser sehr schwierigen, sehr
empfindlichen rechtspolitischen Frage der
Amnestie
(Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Für Sie,
Herr Genscher, Sie, der Sittenwächter!)
eine wichtige Rolle zu spielen. Sie haben durch die
Art, wie Sie sich mit der Frage auseinandergesetzt
haben, diese Chance versäumt.
(Dr. Ehmke [Bonn] [SPD]: Jetzt wird es ja
langsam komisch!)
Meine Partei hat es sich schwerer gemacht. Wir
haben mit uns gerungen und letztlich entschieden.
(Lachen bei der SPD und den GRÜNEN)
Aber, meine Damen und Herren, wir haben gezeigt
(Zurufe von den GRÜNEN)
— hören Sie sich das gut an;
(Zurufe von der SPD und den GRÜNEN)
ja, Zuhören gehört auch zur Demokratie —,
(Dr. Ehmke [Bonn] [SPD]: Wenn Heuss das
hören würde, würde er austreten!)
daß gerade eine Diskussion über Fragen der
Rechtspolitik und des Demokratieverständnisses
zuallererst Toleranz und Respekt vor der anderen
Auffassung verlangt.
(Zuruf von der SPD: Das müssen gerade
Sie sagen!)
Wer sie vermissen läßt, schadet der Sache mehr, als
daß er ihr nützt. Der Stil unserer Diskussion, die
Sensibilität der liberalen Partei haben gezeigt, wie
groß unsere Aufgabe ist, wenn nicht die Intoleranz
einziehen soll, die aus manchen Ihrer Zwischenrufe
und vieler Ihrer Redebeiträge in der Vergangenheit
hervorgegangen ist.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Meine Damen und Herren, wer da glaubt, man
könne über diese Frage einen Keil in unsere Partei
treiben, der täuscht sich, und wer auf Gefahren für
die Koalition gehofft hatte, der wird ebenfalls nicht
auf seine Kosten kommen. Wir werden
entschlossen die gemeinsame Politik der Koalition der Mitte
fortführen, die innere Liberalität bewahren, den
wirtschaftlichen Aufschwung fortführen — trotz
des Streiks, den Sie unterstützen — und den
Frieden sichern.
Die öffentliche Diskussion über die Amnestie hat
die Offenheit und die Lebendigkeit unserer
demokratischen Gesellschaft bewiesen. Sie hat bewiesen,
was eine solche Diskussion bewirken kann. Meine
verehrten Kollegen von der SPD, wenn die heutige
Debatte mehr bewirkt und mehr ergibt
(Fischer [Frankfurt] [GRÜNE]: Nur Mut!)
als gegenseitige Schuldzuweisungen, wenn
Probleme und Fehler offen und fair diskutiert werden,
dann kann diese Aussprache auch in ihrem Stil
Parlament und Bürger, Parteien und Bürger näher
zueinander bringen.
Ich danke Ihnen.
(Beifall bei FDP und der CDU/CSU)
Präsident Dr. Barzel: Das Wort hat der
Abgeordnete Emmerlich.
Dr. Emmerlich (SPD): Herr Präsident! Meine sehr
geehrten Damen und Herren! Trotz aller beinahe
verzweifelt zu nennenden Rechtfertigungs- und
Verschleierungsversuche der Koalition — Herr
Dregger und Herr Genscher haben durch ihre
Reden diese Situation j a unterstrichen — hat sich
eines in aller Eindeutigkeit herausgestellt: daß
Straffreiheit für Steuerstraftaten gewährt werden
sollte, die von Politikern der CDU/CSU und FDP
und von Großfinanziers dieser Parteien begangen
worden sind.
(Zurufe von der CDU/CSU: Und der SPD!
— Unglaubliche Heuchelei!)
Das sollte aus zwei Gründen geschehen — —
(Kittelmann [CDU/CSU]: Fangen Sie doch
endlich einmal an, ehrlich zu sein! Das ist
ja nicht mehr anzuhören!)
— Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich will
Sie mit den Zwischenrufen von Kollegen der CDU
allgemein bekanntmachen. Hier wird behauptet, es
gebe entsprechende Straftaten bei Mitgliedern der
SPD und bei Freunden und Wählern der SPD.
(Zurufe von der CDU/CSU: Volksfürsorge!
— Arbeiterwohlfahrt! — Neue Heimat! —
Gewerkschaften! — Fragen Sie den Kla
-
sen! Der weiß das besser! — Mit Aktenzei
chen!)
Ich fordere Sie, die Sie diese Zwischenrufe gemacht
haben, auf, diese Behauptung durch Anzeige bei der
Staatsanwaltschaft und bei der Steuerfahndung zur
Geltung zu bringen und endlich damit aufzuhören,
unter dem Schutz der Indemnität und Immunität
Verleumdungen in die Welt zu setzen!
(Beifall bei der SPD — Kittelmann [CDU/
CSU]: Pharisäer! — Weiterer Zuruf von der
CDU/CSU: Verleumdungen machen Sie!)
Diese Straffreiheit sollte aus zwei Gründen
gewährt werden: erstens um diejenigen — jetzt zitiere
ich Kanzler Kohl — nicht im Stich zu lassen, die
durch strafbare Handlungen das große Geld in die
Kassen von CDU, CSU und FDP geschaufelt
haben,
(Zurufe von der CDU/CSU: Das große Geld
haben Sie! — Der Nau ist der größte Geld
wäscher aller Zeiten!)
und zweitens — jetzt zitiere ich den Staatsminister
Möllemann — um den Spendenfluß wieder in Gang
zu setzen. Herr Kollege Dregger, dies ist der
entscheidende Unterschied zwischen allen Amnestien,
die es in der deutschen Rechtsgeschichte gegeben
hat und dem, was Sie an Straffreiheit, an
Selbstbegünstigungsamnestie ins Werk setzen wollten.
(Beifall bei der SPD)
Während sich der Bürger für Straftaten und
Ordnungswidrigkeiten verantworten muß, so, wie Recht
und Gesetz es befehlen, für falsches Parken, für
Steuerhinterziehung, für Diebstahl und Betrug vor
Gericht gestellt und bestraft wird und seine Strafe
auch auf sich nehmen muß, fallen CDU, CSU und
FDP der Gerechtigkeit und der Justiz in den Arm,
nicht, wie Sie heuchlerisch behaupten —
(Klein [München] [CDU/CSU]: Unver
schämtheit!)
— Herr Dregger und Herr Genscher haben das ja
auch heute wieder getan —, im Interesse des
Rechtsfriedens
(Dr. Waigel [CDU/CSU]: Das Wort „heuch
lerisch" nehmen Sie zurück!)
oder der Rechtssicherheit, sondern um ihre
Freunde vor Recht und Gesetz in Sicherheit zu
bringen.
(Beifall bei der SPD und den GRÜNEN —
Zurufe von der CDU/CSU: Jämmerlich!)
Vor dem Gesetz sind nach unserer Verfassung
alle gleich. Was schert das CDU, CSU und FDP,
wenn es sich um Straftaten dreht, die ihre Freunde
im Interesse ihrer Parteien begangen haben, wenn
das große Geld aus der Wirtschaft wieder in ihre
Parteikassen geleitet werden soll!
(Dr. Friedmann [CDU/CSU]: Und was ha
ben Sie von den Gewerkschaften bekom
men? — Zurufe von der CDU/CSU: Arbei
terwohlfahrt! — Volksfürsorge! — Neue
Heimat!)
Wenn sich die Justiz den Wünschen dieser
Parteien des großen Geldes nicht fügt, dann wird sie
unter Druck gesetzt. Staatsanwälte, die sich
weigern, das Recht zugunsten von CDU, CSU und FDP
zu verbiegen,
(Klein [München] [CDU/CSU]: Halsten
berg!)
Staatsanwälte, die vor diesen Parteien nicht
kuschen,
(Dr. Waigel [CDU/CSU]: Förster!)
solche Staatsanwälte werden dreist öffentlich der
Verfolgung Unschuldiger bezichtigt.
(Beifall bei der SPD — Dr. Waigel [CDU/
CSU]: Wer war denn damals Justizmini
ster? Was war mit Herrn Förster?)
Und der Fraktionsvorsitzende der CDU/CSU
(Dr. Waigel [CDU/CSU]: Mein Gott, sind
Sie schwach!)
hat sich heute nicht gescheut, in unglaublicher
Weise die Dreckschleuder gegen Staatsanwälte in
Tätigkeit zu setzen,
(Zuruf von der CDU/CSU: Die Dreck
schleuder steht da vorne! — Weitere leb
hafte Zurufe von der CDU/CSU)
die nichts anderes tun als das, wozu sie verpflichtet
sind, nämlich strafbare Handlungen ohne Ansehen
der Person zu verfolgen.
(Beifall bei der SPD — Anhaltende leb
hafte Zurufe von der CDU/CSU)
Herr Dregger, Sie kennen ganz gewiß die
Presseerklärung des Leitenden Oberstaatsanwalts in
Bonn vom 21. Mai 1984. Ich erwähne sie im
Zusammenhang mit dem, was Sie über Herrn
Waffenschmidt gesagt haben. In dieser Presseerklärung
heißt es wörtlich:
Der Beschuldigte kann sich auch selbst oder
durch seinen Verteidiger jederzeit schriftlich
äußern. Gelegenheit hierzu hatten alle
Beschwerdeführer, da ihnen die Vorwürfe von der
Staatsanwaltschaft nach den
Immunitätsvorschriften bekanntgegeben worden waren. Diese
Gelegenheit hat bisher nur die Abgeordnete Dr.
Wex wahrgenommen.
Das zu Herrn Waffenschmidt und den Tränen, die
Sie über ihn vergießen!
(Zurufe von der CDU/CSU: Woher wissen
Sie Das?)
— Wörtliches Zitat des Leitenden
Oberstaatsanwalts.
(Zurufe von der CDU/CSU: An wen?)
Die Wende, meine sehr geehrten Damen und
Herren, die Kanzler Kohl versprochen hat, führt in der
Rechtspolitik zurück ins finstere Mittelalter.
Damals war die Justiz der Willkür des absoluten
Monarchen ausgesetzt. CDU, CSU und FDP wollen
die Justiz heute unter ihre Willkür stellen, ihren
Interessen unterwerfen.
Verurteilt werden muß auch die Methode, mit der
die Koalitionsparteien auf die Kritik an der
Selbstbegünstigungsamnestie reagiert haben.
(Kittelmann [CDU/CSU]: Klassenjustiz
gibt es woanders!)
Die Vorwürfe gegen die Staatsanwälte, sie
verfolgten Unschuldige und ließen dafür die wirklichen
Verbrecher laufen, sind ein unerhörter Angriff auf
die Unabhängigkeit der Justiz.
(Dr. Bötsch [CDU/CSU]: Die Staatsanwälte
sind unabhängig?)
Und daß der Fraktionsvorsitzende Dregger sich
nicht scheut, die Bonner Staatsanwälte für
Schmierereien, die er erwähnt hat, verantwortlich zu
machen, weil sie ihren Pflichten nachgehen, dies ist
ein schlimmer Ausfall gegen Recht und
Gerechtigkeit und gegen die deutschen Richter und
Staatsanwälte.
(Lebhafter Beifall bei der SPD — Zuruf
von der CDU/CSU: Oberheuchelei! — Dr.
Bötsch [CDU/CSU]: Man meint, Sie hätten
in Bremen studiert!)
Wen wundert es, meine sehr geehrten Damen und
Herren, daß die CDU und ihre Hilfstruppen
(Zuruf von der CDU/CSU: Ein Glück, daß
Sie nicht mehr Richter sind!)
natürlich ganz besonders massiv die SPD in den
Schmutz zu ziehen sucht.
(Zuruf von der CDU/CSU: Ein
Vorverurteiler ist das!)
Die SPD hat die Amnestie 1981 vom Tisch gefegt.
(Zuruf von der CDU/CSU: Ein Feger ist
das!)
Richtig ist, daß die FDP, Herr Genscher, massiv auf
eine Amnestie gedrängt hat.
(Dr. Dregger [CDU/CSU]: Brandt! Weh
-
ner!)
Richtig ist auch, daß über dieses Ansinnen mit der
FDP gesprochen worden ist.
(Dr. Schäuble [CDU/CSU]: Warum redet
der Herr Brandt nicht?)
Nach rechtlicher und rechtspolitischer Prüfung hat
die SPD-Bundestagsfraktion
(Dr. Dregger [CDU/CSU]: Brandt!)
jede Unterstützung einmütig abgelehnt und
verhindert, daß diese Amnestie auch nur auf die
Tagesordnung der Fraktion gesetzt wurde.
(Beifall bei der SPD — Zuruf des Abg. Frei
herr von Schorlemer [CDU/CSU])
Die SPD hat die Amnestie auch 1983 verhindert. Sie
stand auch 1984 im Kampf gegen die Amnestie in
vorderster Linie.
Diese Schmutzkampagne der CDU gegen die SPD
ist ein Ablenkungsmanöver.
(Zuruf des Abg. Dr. Waigel [CDU/CSU])
Abgelenkt werden soll von der
Selbstbegünstigungsamnestie unter Mißbrauch von
Regierungsmacht und Gesetzgebungsmehrheit.
(Zuruf des Abg. Dr. Waigel [CDU/CSU])
Die Empörung der Bürger soll nach der Methode
„Haltet den Dieb" auf die SPD gelenkt werden.
(Dr. Schäuble [CDU/CSU]: Das ist doch
Eure Methode!)
Die SPD soll die Mitschuld für die Amnestiepläne
erhalten.
(Abg. Freiherr von Schorlemer [CDU/CSU]:
Ihr wart doch die Empfänger des großen
Geldes!)
Aber dieses Ablenkungsmanöver, Herr Dregger,
wird scheitern, ebenso wie die Amnestie selbst und
ihre fadenscheinige, auf Lug und Trug aufgebaute
Begründung.
(Dr. Schäuble [CDU/CSU]: Was haben Sie
denn vom DGB gekriegt? — Weiterer Zuruf
von der CDU/CSU: Nennen Sie doch mal
die Summe!)
Bundeskanzler Kohl hat sich für eine solche
Amnestie in aller Öffentlichkeit vehement eingesetzt.
(Zurufe von der CDU/CSU)
Präsident Dr. Barzel: Einen Augenblick, Herr
Kollege. Meine Damen und Herren, es sind Unruhe und
Erregung im Haus; das kann jeder verstehen. Es
kommen manche Worte hier verstümmelt an, so
daß mir erst das Protokoll Auskunft geben kann,
welche Ordnungsrufe zu erteilen oder nicht zu
erteilen sind. Ich bitte alle Kolleginnen und Kollegen,
sich doch zu mäßigen und eine Aussprache zu
führen, die — —
(Unruhe und Zurufe)
— Ich habe alle Kolleginnen gebeten und bin hier
nicht zu kritisieren.
(Beifall bei der SPD und den GRÜNEN)
Dr. Emmerlich (SPD): Das ist ein Beitrag zu dem
Kapitel Toleranz, das Herr Genscher eben so
großmäulig im Mund gehabt hat.
(Dr. Bötsch [CDU/CSU]: Jämmerlich! —
Weitere lebhafte Zurufe von der CDU/CSU
und der FDP)
Bundeskanzler Kohl hat diese
Selbstbegünstigungsamnestie zu seiner eigenen Sache gemacht.
Er hält nach wie vor daran fest. Er hat sich durch
nichts beeindrucken lassen: nicht vom Deutschen
Richterbund, nicht von kirchlichen
Stellungnahmen, natürlich nicht von den Gewerkschaften,
(Freiherr von Schorlemer [CDU/CSU]: Die
haben doch gegeben! Die haben doch gar
keinen Grund!)
auch nicht von dem früheren Präsidenten des
Bundesverfassungsgerichts, und schon gar nicht von
der Empörung der Bürger. Dies alles läßt ihn kalt.
(Zurufe von der CDU/CSU: Auch nicht von
der Neuen Heimat! — Auch nicht von der
Friedrich-Ebert-Stiftung!)
Dieser Bundeskanzler, an Sachfragen ohnehin
nicht sonderlich interessiert, ein Generalist eben,
(Zuruf von der CDU/CSU: Nennen Sie die
Leute vom DGB!)
hat sich stets seinen angeblich besonders
ausgeprägten politischen Instinkt zugute gehalten.
(Dr. Dregger [CDU/CSU]: Herr Klasen!)
In der Amnestiefrage allerdings sind bei ihm
vornehmlich drei Dinge zutage getreten: sein dickes
Fell, seine Rechtsblindheit und ein erstaunliches
Maß an Verachtung für das Rechtsbewußtsein und
das Rechtsgefühl des Volkes.
(Beifall bei der SPD — Kittelmann [CDU/
CSU]: Unerhört!)
Alle Instinkte Kohls seien auf die Macht gerichtet,
(Zuruf von der CDU/CSU: Unglaublich!)
heißt es — —
Präsident Dr. Barzel: Herr Kollege! Ich bitte den
Redner, sich zu mäßigen.
Dr. Emmerlich (SPD): Vielen Dank, Herr
Präsident.
Präsident Dr. Barzel: Der Dank an den
Präsidenten ist nicht zulässig, Herr Kollege!
Dr. Emmerlich (SPD): Alle Instinkte Kohls seien
auf die Macht gerichtet, heißt es in einem
Zeitungskommentar dieser Tage. Ein solcher Mann ist in
großer Gefahr,
(Zuruf des Abg. Fischer [Frankfurt] [GRÜ
-
NE])
blind und taub zu werden allem anderen gegenüber
und der Arroganz der Macht zu verfallen. Kanzler
Kohl scheint dieser Gefahr mehr und mehr zu
erliegen. Immer dann, wenn ihm Entscheidungen
abverlangt werden, die nicht Machtbewußtsein
verlangen, sondern politische Moral und Feinfühligkeit,
immer dann hat dieser Kanzler versagt.
(Zuruf von der CDU/CSU)
Das war so in der Schwarz-Schilling-Affäre. Das
war nicht anders, als er Graf Lambsdorff trotz
Anklage wegen Bestechlichkeit im Amt hielt. Das war
schließlich der Fall, als er sich darüber
hinwegsetzte, daß Bundesverteidigungsminister Wörner die
öffentliche falsche Anschuldigung eines Vier-Sterne-
Generals zu verantworten hatte.
Wie bei diesen Skandalen hat Kanzler Kohl bei
der Amnestie Kameraderie und Kumpanei, die
parteipolitischen Interessen seiner Partei und seine
persönlichen Machtinteressen höher gestellt als das
allgemeine Wohl und die Staatsräson.
(Beifall bei der SPD)
Er hat dem Amt, das ihm anvertraut worden ist,
Schaden zugefügt. Auch sein persönliches Ansehen
schmilzt dahin.
(Widerspruch bei der CDU/CSU)
In den eigenen Reihen wächst die Einsicht, daß sein
politisches Gespür für das verantwortungsschwere
Amt des Bundeskanzlers nicht ausreicht.
(Hornung [CDU/CSU]: Sie sind ein Mär
chenerzähler, ein Märchenerzähler sind
Sie!)
Die politischen Probleme unseres Landes sind mit
bloßem Aussitzen-Können und mit der Devise „Das
stehen wir durch!" nicht zu meistern.
(Kittelmann [CDU/CSU]: Das sagt ein Sozi
aldemokrat! — Hornung [CDU/CSU]: Mär
chenerzähler!)
Dieser Kanzler hat eine geistig-moralische
Wende versprochen. Eine Wende ist in der Tat
eingetreten, eine Wende, die unser Land zu einer
Bakschisch- und Bananenrepublik zu machen droht
(Seiters [CDU/CSU]: Widerlich, jämmer
lich! — Lebhafte Zurufe von der CDU/CSU:
Pfui! Widerlich!)
Präsident Dr. Barzel: Herr Kollege, ich rufe Sie zur
Ordnung.
Dr. Emmerlich (SPD): — —, zu einem Land, in dem
sich das große Geld über die Demokratie und das
Machtinteresse von CDU und CSU über das Recht
hinwegsetzt.
(Beifall bei der SPD — Anhaltende Zurufe
von der CDU/CSU: Pfui! — Weiterer Zuruf
von der CDU/CSU: Ein ganz widerlicher
Verleumder ist das!)
Präsident Dr. Barzel: Meine Damen und Herren,
ich bitte doch, die Mahnung, die ich Ihnen allen hier
soeben zu sagen versucht habe, zu beherzigen.
Das Wort hat der Bundesminister der Finanzen.
Dr. Stoltenberg, Bundesminister der Finanzen:
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Ich
möchte in dieser wichtigen Debatte darlegen,
weshalb ich in meiner Fraktion für den vorgesehenen
Antrag, für ein Straffreiheitsgesetz eingetreten bin
und diese Sachargumente auch heute vertrete.
Damit will ich als Bundesminister der Finanzen einige
Anmerkungn zu einigen öffentlichen Äußerungen
außerhalb dieses Hauses über die
Finanzverwaltung verbinden. Es geht also um eine
Stellungnahme zur rechtlichen Würdigung, zur
Verwaltungspraxis, aber auch zum Verhalten angesehener
Persönlichkeiten der demokratischen Parteien.
Ich halte dies für um so wichtiger, nachdem ich
feststellen mußte, daß der Herr Kollege Emmerlich
den Versuch gemacht hat, Herrn Schily an
Erbärmlichkeit der Argumente noch zu übertreffen.
(Lebhafter Beifall bei der CDU/CSU und
der FDP)
Meine Überzeugung, die ich im einzelnen begrün
-
den werde, im Hinblick auf die erkennbare Praxis
— auch von Verwaltungen — von mehr als 20
Jahren ist: die Situation der hier von Verfahren
betroffenen Bürger, also Spender an demokratische
Parteien, ist exzeptionell so, daß ein Vertrauensschutz
grundsätzlich bejaht werden muß.
(Schily [GRÜNE]: Herr Richter
Stoltenberg, nicht wahr?)
— Also, Herr Schily, nach dem, was Sie hier
geboten haben, sollten Sie einmal ernsthafte Argumente
anhören. Vielleicht hilft das bei der nächsten Rede.
(Beifall bei der CDU/CSU — Zurufe von
den GRÜNEN)
Ich werde nun ein paar Sätze zur Rechtslage sagen
und mich von Ihnen überhaupt nicht provozieren
lassen.
(Zurufe von der CDU/CSU — Schily [GRÜ-
NE]: Sie sind schon für die
Unschuldsvermutung eingetreten, als ich das Wort noch
gar nicht kannte!)
— Also, erst schlägt er unter die Gürtellinie, und
jetzt stört er systematisch einen Redner. Das ist für
einen Parlamentarier ein schlimmes Verhalten,
Herr Schily.
(Lebhafter Beifall bei der CDU/CSU und
der FDP)
Die Grundsätze des Gutachtens des
Bundesfinanzhofs aus dem Jahre 1952,
(Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Ganz
erbärmlich, Herr Minister!)
das natürlich eine entscheidende Rolle in der
Bewertung dieser Zeit spielt,
(Dr. Ehmke [Bonn] [SPD]: Weil es keiner
aufheben kann!)
über steuerbegünstigte Spenden an Parteien durch
Berufsverbände galten auch nach dem Urteil des
Bundesverfassungsgerichts von 1959 in der
Verwaltungspraxis unverändert weiter. Sie sind ja auch in
einem bruchstückhaft bekannten Schreiben von
Herrn Kollegen Matthöfer an einen Kölner Rechts
anwalt aus dem Jahre 1980 ausdrücklich bekräftigt
worden.
(Hört! Hört! bei der CDU/CSU)
Berufsverbände, insbesondere Gewerkschaften und
Unternehmensverbände haben also in dieser Zeit
auf der Grundlage jenes Gutachtens ständig sehr
hohe Beträge an die demokratischen Parteien
weitergeleitet,
(Zuruf des Abgeordneten Dr. Ehmke
[Bonn] [SPDJ)
und zwar aus Beiträgen von Mitgliedern, die diese
steuermindernd geltend machen konnten. — Es ist
doch gut, Herr Professor Ehmke, daß dieser
Sachverhalt einmal vor der deutschen Öffentlichkeit
dargestellt wird. Das ist doch vollkommen in
Ordnung.
(Dr. Ehmke [Bonn] [SPD]: Aber das spielt
doch in der Amnestiefrage gar keine Rolle!
Gegen die läuft doch kein Verfahren!)
— Darf ich fortfahren: Daneben haben sich seit den
50er Jahren in verschiedenen Formen als
gemeinnützige Vereine anerkannte Vereinigungen
gebildet, die ebenfalls steuermindernde
Spendenbescheinigungen ausgestellt haben und über
Jahrzehnte hinweg unbeanstandet die ihnen
zugeführten Mittel weitgehend oder ganz überwiegend den
Parteien zukommen ließen.
(Schily [GRÜNE]: Was hat denn da das
Bundesverfassungsgericht gesagt?)
— Genau auf den Punkt komme ich. Ich bin zur Zeit
dabei, einen Sachverhalt darzustellen, der mir
bisher in der öffentlichen Debatte zu kurz gekommen
ist.
Im Gutachten des Bundesfinanzhofes ist keine
exakte Obergrenze für die Weiterleitung von
Beitragsanteilen an Parteien festgelegt worden. Es
sind jedoch Kriterien entwickelt worden, die im
Laufe der Zeit von der Steuerverwaltung des
Bundes und der Länder sachgerecht — ich
unterstreiche das — mit Grenzziehungen von 20 bis 25 %
umgesetzt wurden.
Meine Damen und Herren, ich habe auf Grund
mehrerer parlamentarischer und journalistischer
Anfragen der letzten Tage jetzt — ich füge hinzu:
zum erstenmal — einige der Akten aus den 60er
und 70er Jahren durchgesehen. Sie vermitteln —
ich sage das mit der Einschränkung, daß ich nicht
alles gesehen habe; das, was ich gesehen habe, ist
aber, wie ich glaube, repräsentativ — die
Überzeugung, daß die beteiligten Beamten der Bundes- und
Landesministerien nach bestem Wissen und
Gewissen Recht und Gesetz in Richtlinien und Erlassen
konkretisiert und in diesen internen Erlassen dabei
auch den Unterschied zwischen den
steuerbegünstigten Spenden über Berufsverbände und jenen,
die über andere Finanzierungsträger und in
anderen Formen erfolgten, herausgearbeitet haben. Dies
gilt übrigens, wenn man das im
Gesamtzusammenhang liest, auch für das schon als bruchstückhaft
bekannt erwähnte Schreiben des Kollegen
Matthöfer aus dem Jahre 1980.
Ich will an dieser Stelle, was die Beamten,
Angestellten und Arbeiter der Finanz- und
Steuerverwaltung berührt, im Hinblick auf einzelne
Äußerungen von außerhalb des Hauses, nicht von
Mitgliedern des Hauses sagen: Es gibt bei dieser Sachlage
keinen Grund zur Polemik gegen die Finanz- und
Steuerverwaltung des Bundes und der Länder.
(Beifall bei allen Fraktionen)
Meine Damen und Herren, der für unsere
Diskussion und die Bewertung des zunächst
beschlossenen und jetzt nicht eingebrachten
Straffreiheitsgesetzes zentrale Punkt ist ein ganz anderer. Ich
zitiere hier zunächst einen Satz des höchsten
Richters der Finanzgerichtsbarkeit der Bundesrepublik
Deutschland bis 1983, einen Satz des im
vergangenen Jahr in den Ruhestand getretenen Präsidenten
des Bundesfinanzhofs Professor Heinrich List. Er
sagte am 20. Mai im Zweiten Deutschen Fernsehen:
„Veröffentlicht wurden diese Prozentsätze nie." Das
heißt, öffentlich bekanntgemacht worden sind jene
Grenzziehungen — zunächst unter dem Vorzeichen
der Berufsverbände — nie. Man muß ohne Polemik
die politisch Verantwortlichen, nicht die Beamten,
fragen, weshalb das eigentlich nicht erfolgt ist. Die
sogenannten Fördervereine — staatsbürgerliche
Vereinigungen und andere — sind über Jahrzehnte
hinweg als gemeinnützig anerkannt worden und in
den Verwaltungsrichtlinien — ich bin darauf
hingewiesen worden: bei den jetzt im Mittelpunkt von
Verfahren stehenden staatsbürgerlichen
Vereinigungen sogar noch in den Verwaltungsrichtlinien
für 1984 — ausdrücklich als gemeinnützig
beschrieben worden. Wie ich Berichten und
Veröffentlichungen entnehme, sind auch bei ihnen in der Regel
mehrfach Prüfungen durchgeführt worden, die über
lange Zeit keine Beanstandungen auslösten.
Deshalb muß man unabhängig von einer konkreten
Aktenlage in den Ministerien, internen Erlassen und
Vermerken den Spendern grundsätzlich
Vertrauensschutz zubilligen. Das ist die Folgerung, die ich
hier unterstreichen möchte.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Auch sie haben ja bei wiederholten
Betriebsprüfungen durch Beamte, denen wir Handeln nach
bestem Wissen und Gewissen im Einzelfall —
jedenfalls bis zum Beweis des konkreten Gegenteils —
unterstellen sollten, die Anerkennung ihrer
Spenden an die genannten Vereinigungen als
steuermindernd erhalten und mußten vor allem dann, wenn
dies über 10, 15, 20 Jahre geschehen ist, darauf
bauen können.
Professor List als der höchste — ich sage es noch
einmal — zuständige Richter in der
Bundesrepublik Deutschland für diesen Bereich hat hierzu im
Zweiten Deutschen Fernsehen ausgeführt — ich
zitiere es wörtlich —:
Es ist in der Tat so, die Formulierung des
Bundesfinanzhofs ist sehr offen gehalten. Im
übrigen stellt das Gutachten des Bundesfinanzhofs
keine Rechtsgrundlage dar, es stellt nur eine
Antwort auf eine ihm gestellte Frage dar.
Der Interviewpartner hat dann gefragt:
Es heißt, es gab eine Verwaltungspraxis ohne
Rechtsgrundlage.
Hierauf sagt Professor List:
Das ist richtig.
Diese seine Einschätzung — er wird wohl nicht
zu den Dunkelmännern und Vorkämpfern einer
Bananenrepublik oder der Mafia gerechnet, Herr
Schily, wie andere Ehrenmänner — ist um so
wichtiger — —
(Fischer [Frankfurt] [GRÜNE]: Bleiben Sie
ganz sachlich!)
— Ich bleibe ganz sachlich. Aber ich werde
gelegentlich auch mal temperamentvoll, Herr Fischer.
Machen Sie sich da keine Sorge! Das kommt noch.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Diese Einschätzung ist um so wichtiger, weil
zahlreiche angesehene Persönlichkeiten aller Parteien
zu solchen Spenden ermutigt haben. Es ist ja
bereits hier aus dem Brief des langjährigen
Präsidenten der Bundesbank Karl Klasen an den SPD-
Kollegen, den Fraktionsvorsitzenden der SPD, Herrn
Vogel, zitiert worden. Weil Sie das gar nicht
aufnehmen — Herr Emmerlich hat uns ja klargemacht,
daß man bei solchen Punkten nach dem Motto
verfährt: Augen zu, nichts hören, nichts sehen, sondern
nur die vorbereiteten Polemiken vortragen —, will
ich aus diesem Brief noch einige weitere Kernsätze
zitieren, weil mir dies unter der rechtlich wichtigen
Frage des Vertrauensschutzes notwendig erscheint.
Karl Klasen schreibt an Herrn Vogel — ich
zitiere —:
Bei sehr vielen aufgeschlossenen
Unternehmern habe ich damit
— das heißt, mit dem Sammeln von Spenden —
Erfolg gehabt. Gerade diese Kreise, die uns
sehr fernstehen, werden jetzt maßlos
enttäuscht sein, wenn die SPD zwar diese Spenden
entgegengenommen hat, nun aber scheinheilig
tut, als wenn sie immer alle gewußt hätten, daß
hierfür ein Steuerabzug nicht zulässig wäre.
Mir ist
— so schreibt Karl Klasen —
kein Erlaß eines sozialdemokratischen
Justizministers, sei es im Bund, sei es in den
Ländern, bekannt,
(Dr. Dregger [CDU/CSU]: Auch Herr Vogel
hat sich nicht geäußert!)
der hier eine Klarstellung in dem Sinn
gebracht hätte.
Da sind Sie gemeint, Herr Vogel, und Sie hätten
nach dem Empfang dieses Briefes etwas anders
reden müssen, als Sie es bis heute getan haben.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Karl Klasen fährt fort:
Der eine oder andere von Ihnen mag sich für
finanzielle Dinge nicht interessiert haben,
(Klein [München] [CDU/CSU]: Herr Vogel
hat Wichtigeres zu tun!)
aber dazu waren die Beiträge, die der SPD
zugeflossen sind, auch von ihr nahestehenden
Unternehmen, wie Bank für Gemeinwirtschaft,
Neue Heimat, Volksfürsorge und den
Gewerkschaften, zu groß, als daß keiner davon
Kenntnis gehabt hätte.
(Hört! Hört! bei der CDU/CSU)
Es ist richtig — ich habe den Unterschied deutlich
gemacht —, daß die Gewerkschaften im Rahmen
der Grenzen für Berufsverbände spenden konnten.
Aber nach der Rechtsauffassung, die Sie, Herr
Vogel, vertreten haben und die Herr Emmerlich als
der letzte bei diesen rüden Attacken vertreten hat,
ist das natürlich für die Bank für Gemeinwirtschaft,
für die Neue Heimat und die Volksfürsorge mit den
Beträgen, deren Größenordnung hier angedeutet
wurde, nicht möglich gewesen.
(Zurufe des Abg. Dr. Ehmke [Bonn] [SPD]
und der Abg. Frau Dr. Däubler-Gmelin
[SPD])
— Nein, er redet hier von steuerbegünstigten
Spenden. Ich gehe vom Text aus.
Ich muß nun schon einmal darum bitten, daß sich
diejenigen Mitglieder Ihrer Fraktion,
(Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Sie
haben doch gar nichts! Gehen Sie doch zur
Staatsanwaltschaft!)
die in den Organen dieser sozialdemokratisch
geleiteten gemeinwirtschaftlichen
Gewerkschaftsunternehmen sitzen, einmal öffentlich zu diesem Brief
von Karl Klasen und zu ihrer Verantwortung
äußern!
(Lebhafter Beifall bei der CDU/CSU und
der FDP — Zurufe von der SPD)
Es war nicht eine glückliche Fügung, daß dieser
Brief gerade in jenen Tagen bekannt wurde, als die
Aktionen des Herrn Ferlemann einen großen Teil
der deutschen Presse so beeinträchtigt haben, daß
er wenig abgedruckt wird. Wir tragen das hier vor
und fordern Sie in aller Öffentlichkeit auf, zu diesen
Sachverhalten Stellung zu nehmen.
(Lebhafter Beifall bei der CDU/CSU und
der FDP — Zurufe von der SPD)
Karl Klasen — ich sage das aus persönlicher
Wertschätzung auf Grund j ahrzehntelanger guter
Bekanntschaft, und da sind wir uns sicher einig —
(Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Das ist
doch Heuchelei, was Sie machen, Herr
Stoltenberg!)
war nur einer von vielen, die ohne Zweifel aus
ehrenwerten Motiven in dieser erwähnten Form
Mitbürger ermutigten, steuerbegünstigte Spenden —
hier für die Sozialdemokratie, andere auch für die
Sozialdemokratie, in anderen Fällen für CDU, CSU
und FDP — zu sammeln.
(Dr. Ehmke [Bonn] [SPD]: Ja, warum auch
nicht!)
Die GRÜNEN sind sicher nicht betroffen, aber ich
will Ihnen einmal sagen, Herr Schily: Ob es auf die
Dauer überzeugend ist, sich praktisch nur aus
Steuermitteln der Bürger über die Haushalte zu
finanzieren, ist auch noch eine interessante Frage.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Schily [GRÜNE]: Lesen Sie doch unsere
Rechenschaftsberichte! — Weitere Zurufe
von den GRÜNEN)
Meine Damen und Herren, nach dieser kurzen
Zwischenbemerkung, die eine Anregung zum
Nachdenken ist,
(Zuruf von den GRÜNEN: Eine Unver
-
schämtheit!)
fahre ich fort.
(Schily [GRÜNE]: Lesen Sie unsere Re
chenschaftsberichte!)
— Also, ich würde dann sagen: ganz überwiegend!
(Schily [GRÜNE]: 50 %!)
Ich möchte mich jetzt an die Kollegen von der
Sozialdemokratischen Partei wenden.
(Weitere Zurufe von den GRÜNEN)
Meine Damen und Herren von der SPD, sogar
Inhaber hoher Regierungsämter haben sich an dieser
Form der Sammlung beteiligt. Wir werden Ihre
Befürchtungen — Sie haben das im Pressedienst ja
sozusagen vorher angekündigt —, daß wir Dutzende
von Vermerken, die es natürlich mittlerweile mit
vielen Namen aus Ihren Reihen gibt —
präsentieren würden, nicht erfüllen,
(Dr. Ehmke [Bonn] [SPD]: Das können Sie
gern! — Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]:
Sie haben doch gar nichts!)
aber nachdem der Herr Kollege Emmerlich uns
eben noch einmal ausdrücklich dazu aufgefordert
hat, Dokumente zur Klärung dieses Sachverhalts
vorzulegen,
(Dr. Ehmke [Bonn] [SPD]: Der Staatsan
waltschaft!)
— nein, ich halte es nach dieser Aufforderung für
richtiger, daß diese Diskussion im Deutschen
Bundestag geführt wird, als daß ich Briefe an den
Staatsanwalt schicke, Herr Ehmke; das sage ich
Ihnen in aller Offenheit —
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Schily [GRÜNE]: Legen Sie einmal alle Do
kumente vor!)
nachdem wir also dazu aufgefordert sind, möchte
ich, um das zugrundeliegende Problem des
Vertrauensschutzes — darum geht es ja bei der rechtlichen
Bewertung auch des Amnestievorschlages — ganz
deutlich zu machen, hier ein Schreiben wörtlich zu
Protokoll geben, das mir durch einen
Fraktionskollegen vom Empfänger — ich unterstreiche das — in
Fotokopie zugeleitet wurde:
Briefkopf: Rainer Offergeld, Parlamentarischer
Staatssekretär beim Bundesministerium der
Finanzen. Deswegen berührt mich das j a auch in anderer
Eigenschaft. Dann oben rechts die Amtsanschrift:
Bonn 1, Rheindorfer Straße 108. Das ist die
Dienststätte des Bundesministers der Finanzen.
(Zuruf von der CDU/CSU: So, so!)
Hinzugefügt in Maschinenschrift: Waldshut-
Tiengen 2, Neumarktstraße 7. Das ist die
Privatanschrift. Empfänger: Firma Dynamit-Nobel, Werk
Rheinfelden.
(Zurufe von der CDU/CSU: Flick!)
Eingangsdatum: Rheinfelden: 17. Februar 1976.
(Schily [GRÜNE]: Warum ist das nicht mit
den Flick-Akten vorgelegt worden? — Dr.
Ehmke [Bonn] [SPD]: Er wird uns gleich
erklären, was das mit der Amnestie zu tun
hat!)
— Ich habe Ihnen doch gesagt, daß ich es vom
Empfänger habe. Es ist doch nicht aus den Akten des
Ministeriums, sondern ist uns vom Empfänger nach
der ganzen maßlosen Kampagne der Kollegen der
SPD zur Verfügung gestellt worden.
Und jetzt bitte ich zuzuhören, jetzt beginnt der
Text, den ich an Hand der Fotokopie vortrage:
Sehr geehrte Damen und Herren!
Mit diesem Brief möchte ich Sie unabhängig
von Ihrer eigenen parteipolitischen Meinung
um einen Beitrag zur Landtagswahl in Baden
-
Württemberg bitten. Ich äußere diese Bitte,
weil ein gut und fair geführter Wahlkampf im
Interesse aller liegt. Die Vertreter der
demokratischen Parteien müssen der Öffentlichkeit
Rechenschaft ablegen über ihre Arbeit. Sie
müssen um Vertrauen werben für ihre
politischen Zukunftspläne. Demokratie kann anders
nicht existieren.
Die SPD hat zum Erstkandidaten im Wahlkreis
Waldshut erneut Landtagsabgeordneten Kurt
Bantle aus Säckingen nominiert. Kurt Bantle
hat sich in den vergangenen Jahren mit
großem Engagement für die Belange des
Wahlkreises und seiner Bürger eingesetzt. Die
sachliche Art, in der er seine politische Arbeit
betreibt, hat ihm auch in Stuttgart Ansehen bei
allen politischen Gruppen verschafft. Ich
erlaube mir daher, Sie um einen Beitrag zu den
Kosten seines Wahlkampfes zu bitten, wie
immer Sie zu den Zielen sozialdemokratischer
Politik im einzelnen stehen mögen.
Ich bitte Sie, Überweisungen
— „Überweisungen", da ist von mehreren die
Rede —
(Heiterkeit)
auf folgendes Konto vorzunehmen:
Postscheckkonto Karlsruhe 91455-753, Spendenkonto Kurt
Bantle, Säckingen.
Die Spende ist steuerlich abzugsfähig. Eine
entsprechende Quittung wird Ihnen
selbstverständlich zugesandt.
Mit freundlichen Grüßen
Rainer Offergeld
(Heiterkeit bei der CDU/CSU und der
FDP)
Meine Damen und Herren, wohlgemerkt, hier ist
nicht die Rede von einer Begrenzung der
steuerlichen Abzugsfähigkeit im Sinne des Gesetzes auf
600 oder 1 200 DM.
(Abg. Jansen [SPD] meldet sich zu einer
Zwischenfrage)
— Nein, ich lasse keine Zwischenfrage zu, Herr
Jansen.
Der Spendenfreudigkeit sollten eindeutig keine
Grenzen gesetzt werden.
(Dr. Ehmke [Bonn] [SPD]: Armer Stolten
berg, der ruiniert seinen Ruf nur wegen
Lambsdorff!)
Es ist nicht meine Aufgabe, Herr Kollege Ehmke,
heute zu bewerten, von welcher rechtlichen
Beurteilung der damalige Parlamentarische Staatssekretär
beim Bundesminister der Finanzen, Rainer
Offergeld, ausging. Es kann nicht ausgeschlossen
werden, daß er selbst mit allen amtlichen Kenntnissen
und Verantwortlichkeiten ausgestattet, guten
Glaubens von der Rechtmäßigkeit des
steuerbegünstigten Spendens in nicht begrenzter Höhe bei der
sogenannten Umwegfinanzierung ausgeht. Was
immer hierzu abschließend erklärt wird — und es
bedarf sicher einer Klärung —: Niemand kann über
diesen Einzelfall hinaus den Spendern den guten
Glauben absprechen, den Vertrauensschutz
verweigern, wenn sogar der Parlamentarische
Staatssekretär des Bundesfinanzministeriums
nachdrücklich einen solchen Weg empfohlen hat. Das ist
meine Folgerung.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Jansen [SPD]: Solche Briefe máchen Sie
mit Unterschriftenmaschinen! — Schily
[GRÜNE]: Wie ist das mit den Briefen von
Herrn Kiep?)
Ich will wegen der maßlosen Polemik gegen uns
nur die Tatsache erwähnen, daß die Firma Dynamit
Nobel zum Flick-Konzern gehört,
(Heiterkeit bei der CDU/CSU und der
FDP)
dessen bekannte Anträge auf Steuerbefreiung
damals und in den Folgejahren durch das
Bundesministerium für Wirtschaft und das
Bundesministerium der Finanzen geprüft und entschieden
wurden. Meine Damen und Herren, was würden wir für
ein publizistisches und politisches Erdbeben
erleben, wenn ein vergleichbares Schreiben an Firmen
der Flick-Gruppe aus jener Zeit von den am
Genehmigungsverfahren beteiligten FDP-Kollegen heute
publiziert würde! Was würden wir hier für ein
Erdbeben erleben! Ich muß das einmal sagen.
(Lebhafter Beifall bei der CDU/CSU und
der FDP)
Ich möchte die Kollegen der SPD-Fraktion und
vor allem auch die Fraktionsführung auffordern:
Nehmen Sie Ihre maßlosen und kränkenden
Attakken der letzten Wochen und auch noch dieser
Debatte gegen andere Parteien, Politiker und Spender
im Lichte solcher Vorgänge zurück! Ich appelliere
nachdrücklich an Sie.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Zurufe der Abg. Frau Dr. Däubler-Gmelin
[SPD] und Schily [GRÜNE])
Kritisieren Sie unsere Argumente in der Sache,
meine Damen und Herren.
(Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Sie
spielen eine ganz miese Rolle, Herr Minister!)
— Nein. Wir sind hier in einer schlimmen Weise
verunglimpft worden.
(Dr. Ehmke [Bonn] [SPD]: Sie reden doch
bewußt am Thema vorbei!)
— Nein. Hören Sie auf, uns die Integrität
abzusprechen, wie das heute geschehen ist!
(Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Sie sind
nicht integer!)
Wenn wir begründen, weshalb wir ein
Straffreiheitsgesetz auf diesem Hintergrund als legale
Möglichkeit ansehen, dann kritisieren Sie unsere
Argumente in der Sache. Mich erinnert das, was wir in
den letzten Wochen und auch eben in dem Beitrag
von Herrn Emmerlich erlebten, an die bekannte
Formel von Professor Arnold Gehlen von der Moral,
die zur Hypermoral umschlägt und bei der
Doppelmoral endet.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Ich bin bei der Verabschiedung des neuen
Parteienfinanzierungsgesetzes von folgender Beurteilung
ausgegangen: Nach einem alten, in § 2 Abs. 3 des
Strafgesetzbuches enthaltenen Grundsatz ist bei
einer strafrechtlichen Beurteilung das mildere Recht
anzuwenden, wenn das bei Beendigung der Tat
geltende Recht zwischenzeitlich geändert wurde.
Etwas anderes gilt nur, wenn es sich um sogenannte
Zeitgesetze handelt. Diese sind nach Abs. 4 dieser
Vorschrift auf die während ihrer Geltung
begangenen Handlungen auch dann noch anzuwenden,
wenn sie inzwischen außer Kraft getreten sind.
Ministerialdirigent Professor Karl-Heinz Kunert,
als Leiter der Strafrechtsabteilung im
Justizministerium des Landes Nordrhein-Westfalen von
besonderer Autorität — und auch in einer
unmittelbaren dienstlichen Mitverantwortung, sage ich
vorsichtshalber zu den Ermittlungsbehörden —, hat
jetzt in einem Aufsatz der „Neuen Zeitschrift für
Strafrecht" überzeugend dargelegt, daß die von der
höchstrichterlichen Rechtsprechung für Zeitgesetze
aufgestellten Voraussetzungen im Falle der
steuerlichen Regelung für die Abzugsfähigkeit der
Spenden an politische Parteien nicht vorliegen. Nach
einer gründlichen Rechtsanalyse kommt Professor
Kunert zu dem Schluß, daß durch das
Parteiengesetz von 1967 die Konsequenz aus der Entscheidung
des Bundesverfassungsgerichts von 1958 gezogen
und — ich zitiere wörtlich — „eine verfassungsfeste
Dauerregelung dieser Frage für die politischen
Parteien geschaffen werden sollte".
Die Spendenregelung der §§ 34 und 35 dieses
Gesetzes ist später inhaltsgleich in die Steuergesetze
übernommen worden.
Diese Regelung blieb bis einschließlich 1979
unverändert. Erst ab 1980 gab es höhere Grenzen. Bei
einer so langen Geltungsdauer kann man nicht von
einem ständigen Wandel dieser steuerlichen
Abzugsregelung reden, gleich, ob man sie nun im
nachhinein betrachtet oder aus damaliger Sicht. Da
die steuerliche Abzugsregelung für Parteispenden
somit kein Zeitgesetz darstellt, muß nach meiner
Einschätzung der alte Strafrechtsgrundsatz des
milderen Rechtes zum Zuge kommen.
(Schily [GRÜNE]: Sie haben die Amnestie
schon im Kasten, Herr Stoltenberg?!)
— Ich entwickle hier eine Rechtsauffassung,
gestützt auf den Leiter der Strafrechtsabteilung im
Ministerium für Justiz in Nordrhein-Westfalen.
(Dr. Ehmke [Bonn] [SPD]: Weil der Justiz
-
minister ausgefallen ist! Das verstehen
wir!)
Ich erlaube mir, diese Rechtsauffassung, Herr
Kollege Schily, zu zitieren. Es ist doch besser,
rechtliche Argumente vorzutragen, als andere Leute unter
die Gürtellinie zu schlagen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Meine Damen und Herren, ich will als letztes
sagen: Es ist ja auch nicht so, daß wir vor dem
ersten oder zweiten Straffreiheitsgesetz stehen.
Seit 1949 haben wir in Bund und Ländern
Amnestien gehabt, u. a. Straffreiheitsgesetze 1949, 1954,
1968 und 1970 sowie im Rahmen der
Strafrechtsreform. Wer noch einmal — ich habe es getan — die
wesentlichen Gründe von damals nachliest — aus
unterschiedlichen Anlässen —, kann zu der
begründeten Überzeugung kommen, daß das aus den
genannten Erwägungen und Tatbeständen, vor allem
dem Gesichtspunkt des Vertrauensschutzes, eine
legitime Initiative war, auch wenn sie — ich teile da
die Meinung des Herrn Kollegen Genscher — nicht
Gesetz wird.
Schönen Dank.
(Lebhafter Beifall bei der CDU/CSU und
der FDP)
Vizepräsident Stücklen: Das Wort hat der Herr
Abgeordnete Apel.
Dr. Apel (SPD): Herr Präsident! Meine sehr
geehrten Damen und Herren! Herr Kollege Dr.
Stoltenberg, mir ist ja sehr wohl bekannt, daß Sie in den
letzten Tagen das gesamte Finanzministerium,
insbesondere die Steuerabteilung, auf den Kopf
gestellt haben, um für Ihre Behauptung, es habe keine
Rechtsklarheit gegeben, Vertrauensschutz sei
geboten, während der Zeit der sozialdemokratischen
Finanzminister habe es keine Klarheit gegeben,
Unterlagen zu finden.
(Klein [München] [CDU/CSU]: Simplifika
tion à la St. Pauli!)
Sie sind zu dem Ergebnis gekommen — das
haben Sie hier, glaube ich, auch indirekt deutlich
gemacht, insbesondere auch dadurch, daß Sie sich
klar vor Ihre Steuerabteilung gestellt haben, was
ich gut finde —, daß die Rechtsklarheit in der Frage
der Parteispenden zu jener Zeit gegeben war
(Beifall bei der SPD und bei Abgeordneten
der GRÜNEN)
und daß es von daher überhaupt keinen Grund gab,
Amnestiepläne zu verfolgen. Da gab es ganz andere
Gründe, auf die ich noch zu sprechen kommen
werde.
Sozialdemokraten haben immer deutlich
gemacht: Parteispenden sind natürlich zulässig, sie
können auch erwünscht sein. Nur: Ihre steuerliche
Abzugsfähigkeit ist klar definiert und klar
begrenzt.
(Beifall bei der SPD — Klein [München]
[CDU/CSU]: Sie trauen sich was!)
Wenn Sie wollen, Herr Kollege Dr. Stoltenberg,
überreichen wir Ihnen gerne die vielen Antworten
Parlamentarischer Staatssekretäre der
sozialliberalen Koalition in diesem Bundestag. Wir verweisen
Sie gern auf die vielen Aktennotizen der
Besprechungen zwischen Bund und Ländern. Wir
verweisen Sie auch gern darauf, wie oft der
Bundesminister der Finanzen Vorwürfen nach
Steuerhinterziehung nachgegangen ist. Er ist nur selten fündig
geworden, weil diejenigen, die die großen
Geldwaschmaschinen in Betrieb gesetzt hatten,
(Austermann [CDU/CSU]: Alfred Nau zum
Beispiel!)
so tüchtig waren, daß die Steuerfahndung ihnen nur
in Grenzen folgen konnte.
(Beifall bei der SPD — Dr. Waigel [CDU/
CSU]: Meinen Sie Herrn Nau? — Weitere
Zurufe von der CDU/CSU)
Herr Kollege Stoltenberg, darum geht es,
ausschließlich darum. Es geht um die Frage, ob wir es
zulassen dürfen, daß Bürgerinnen und Bürger am
Steuergesetz vorbei und unter Berücksichtigung
der für sie nicht gegebenen Abzugsfähigkeit bei
Spenden an die Parteien Steuerhinterziehung
begehen oder nicht.
(Klein [München] [CDU/CSU]: Z. B. Voll
-
mer-Stiftung!)
Herr Kollege Dr. Stoltenberg, ich fand es schon
schlimm, wie Sie versucht haben, dem
Fernsehpublikum gegenüber am Falle des Kollegen Offergeld
den Eindruck zu erwecken, als habe der
Parlamentarische Staatssekretär Offergeld, der dieses
Schreiben verfaßt hat, als ich Bundesminister der
Finanzen war,
(Zuruf von der CDU/CSU: Aha!)
sich in demselben Boot bewegt wie diejenigen, die
Geldwaschanlagen und Steuerhinterziehung
betrieben haben.
(Beifall bei der SPD)
Was hat denn Offergeld geschrieben, Herr
Kollege Stoltenberg? Sie wissen das doch genausogut
wie ich.
(Austermann [CDU/CSU]: Er hat sein Amt
mißbraucht!)
Es war doch eine wirklich schwache Leistung;
entschuldigen Sie, daß ich das sage.
(Beifall bei der SPD — Link [Diepholz]
[CDU/CSU]: Reife Leistung!)
Was hat er denn geschrieben? Erstens hat er um
Spenden gebeten. Zweitens hat er eine
Spendenbescheinigung — in diesem Falle der
Sozialdemokratischen Partei Deutschlands — versprochen.
(Kittelmann [CDU/CSU]: In unbegrenzter
Höhe!)
I Dieses ist völlig in Ordnung. Die bekommt
jedermann, der für Parteien spendet.
(Beifall bei der SPD — Zurufe von der
CDU/CSU)
Er kann dann, Herr Kollege Stoltenberg, bis zu
3 600 DM jährlich abziehen.
(Lachen bei der CDU/CSU)
— Dieses ist der Fall, jawohl. Da lachen Sie.
(Lebhafte Zurufe von der CDU/CSU)
Ich bitte Sie darum: Bringen Sie den Gegenbeweis,
bringen Sie den Beweis, daß es anders war.
Ich sage Ihnen: Briefe wie die von Herrn
Offergeld habe ich zehnmal, zwanzigmal von CDU-
Mitgliedern bekommen, die augenscheinlich nach dem
Telefonbuch abschreiben konnten, die überhaupt
nicht wußten, daß ich der Empfänger eines solchen
Briefes war.
(Beifall bei der SPD — Anhaltende Zurufe
von der CDU/CSU)
Vizepräsident Stücklen: Herr Abgeordneter Dr.
Apel, Herr Abgeordneter Schily möchte eine
Zwischenfrage stellen.
Dr. Apel (SPD): Nein. Ich folge der Tradition aller
meiner Vorredner.
(Pfeffermann [CDU/CSU]: 3 600 DM von
Flick! Da lachen doch die Hühner! — Fort
gesetzte Zurufe von der CDU/CSU)
Meine sehr geehrten Damen und Herren, bleiben
wir doch beim Thema: Parteispenden —, j a,
Abzugsfähigkeit in den Grenzen der steuerlichen
Möglichkeiten — j a.
(Zurufe von der CDU/CSU)
Aber, Herr Kollege Dr. Stoltenberg, das hat doch
nichts damit zu tun. Sie wissen doch ganz genau,
worum es geht. Sie wissen doch, warum die großen
Geldwaschanlagen installiert worden sind.
(Freiherr von Schorlemer [CDU/CSU]:
Meinen Sie die Anlage von Herrn Nau?)
Sie wissen doch, warum das Geld über das Ausland
transferiert wurde, doch nicht, um auf diese Art und
Weise für Parteienfinanzierung zu werben, sondern
weil auf diese Art und Weise die klaren
Obergrenzen unseres Steuerrechtes für Parteienspenden
umgangen werden sollten.
(Beifall bei der SPD)
Hier sollte Steuerhinterziehung in großem Ausmaß
begangen werden. Das ist der Punkt.
(Zurufe von der CDU/CSU)
Herr Kollege Stoltenberg, hier bin ich am Ende
doch sehr betroffen davon, daß der Bundesminister
der Finanzen — und ich sage das ganz ruhig —
durch seine Zustimmung zu diesem Amnestiegesetz
zum Ingenieur und Konstrukteur eines Vorhabens
wird, von dem die Deutsche Steuergewerkschaft in
einem einstimmigen Beschluß sagt, daß das als ein
bisher beispielloser Anschlag auf die Steuermoral
und den Rechtsstaat bezeichnet werden muß.
(Beifall bei der SPD)
Und das, meine Damen und Herren, unterstützt der
Bundesminister der Finanzen, der dazu da ist,
Steuermoral, Steuerethik und Sauberkeit in der
Steuerverwaltung zu vertreten. Nein, Herr Kollege Dr.
Stoltenberg, auf diese Art und Weise können Sie
sich Ihrer Mitverantwortung für dieses schlimme
Vorhaben nicht entziehen, indem Sie Herrn — —
(Beifall bei der SPD — Austermann [CDU/
CSU]: Wer war damals Finanzminister? —
Abg. Dr. Schäuble [CDU/CSU] meldet sich
zu einer Zwischenfrage)
Vizepräsident Stücklen: Herr Abgeordneter Apel
Dr. Apel (SPD): Ich habe mich bereits erklärt.
Vizepräsident Stücklen: Herr Abgeordneter Apel,
das gilt also generell für Ihre gesamte Redezeit?
Dr. Apel (SPD): Ja. So, wie meine Vorgänger es
auch gemacht haben.
(Zurufe von der CDU/CSU)
Deswegen, Herr Kollege Stoltenberg, ist es eben
unrichtig, wenn Sie auf dem Bundesparteitag der
CDU erklärt haben, daß diese Amnestie nach
gewissenhafter Prüfung den Normen des Rechtsstaates
entspreche. Sie wissen, Herr Kollege Stoltenberg:
Das ist falsch. Und ich frage Sie als Bundesminister
der Finanzen: Wie wollen wir eigentlich diesen
Rechtsstaat, Herr Kollege Stoltenberg,
funktionsfähig halten,
(Dr. Schäuble [CDU/CSU]: 10 000, Herr
Apel!)
wenn ein Zeitschriftenhändler oder
Tankstellenpächter, der bei seinen Belegen mogelt, mit einem
Verfahren überzogen wird, während Sie gleichzeitig
Sonderrechte für diejenigen schaffen wollen, die
doch mit kühler Berechnung gesetzeswidrig,
widerrechtlich Parteienspenden in Millionenhöhe
gegeben haben,
(Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Sehr
wahr!)
davon ausgegangen sind, daß diese
Steuerhinterziehungen nicht erkennbar werden,
(Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Pfui,
Herr Finanzminister!)
und, nachdem sie erkennbar wurden, nun die
Amnestie fordern?
(Beifall bei der SPD)
Wie wollen Sie eigentlich dem normalen
Steuerzahler klarmachen, er habe künftig Steuermoral zu
bewahren?
Herr Kollege Stoltenberg, wir alle sollten uns in
dieser Debatte nicht schöner machen, als wir sind.
(Zuruf von der CDU/CSU: Eben!)
— Das tun wir doch auch nicht. Und wir haben in
unserem Entschließungsantrag dazu auch klare
Sätze gesagt. Aber ich sage Ihnen eines, Herr
Kollege Dr. Stoltenberg: So, wie Sie mit dem Kollegen
Offergeld umgegangen sind, das ist unanständig,
das ist unfein.
(Beifall bei der SPD — Zurufe von der
CDU/CSU: Das war ein Volltreffer! — Wei
-
tere erregte Zurufe von der CDU/CSU)
Und wenn Sie, Herr Kollege Stoltenberg, etwas
gegen einen Sozialdemokraten vorliegen haben, dann
bringen Sie es zur Steuerfahndung, bringen Sie es
zur Staatsanwaltschaft.
(Zurufe von der CDU/CSU: Nein! Hierher
gehört das! Ins Plenum gehört das! — Wei
tere erregte Zurufe von der CDU/CSU)
Sorgen Sie dafür, daß das Steuerrecht auch künftig
für alle gilt, ohne Ansehen der Person. Versuchen
Sie nicht, Herr Kollege Stoltenberg, mit völlig
fehlgeleiteten Antworten einen Eindruck bei den
Bürgerinnen und Bürgern zu erwecken, den es nicht
gibt.
(Freiherr von Schorlemer [CDU/CSU]: Der
Bürger hat schon den richtigen Eindruck!)
Es gibt 1 800 Verfahren in diesem Lande.
(Dr. Schäuble [CDU/CSU]: Sie waren da
mals Minister!)
Und das sind im wesentlichen Verfahren, die sich
gegen Spender richten. Und diejenigen, die die von
Verfahren betroffenen Politiker sind, sitzen hier auf
der Regierungsbank oder hier unter den
Abgeordneten der Koalition. Und Sie wollen sich selbst
freischreiben.
(Beifall bei der SPD — Kittelmann [CDU/
CSU]: So viel Selbstgerechtigkeit!)
Meine Damen und Herren, der Hauptvorstand
der Deutschen Steuer-Gewerkschaft hat am 12. Mai
in einer einstimmig angenommenen Entschließung
folgendes erklärt:
Diese skandalöse Selbstbegünstigung der
Regierungskoalition wird die Steuermoral noch
mehr untergraben, den Steuer- und
Staatsverdruß in ein alarmierendes Ausmaß
hineinsteigern und damit den Rechtsstaat in eine
gefährliche Krise manövrieren. Die für das
Amnestiegesetz verantwortlichen Politiker haben das
moralische Recht verwirkt, von den
Steuerzahlern, auf deren Einkommen sie ungeniert
Zugriff nehmen, Steuerehrlichkeit zu verlangen
... Diese Politiker
— das sind Sie, meine sehr geehrten Damen und
Herren —
treiben die Beschäftigten der Steuerverwaltung
in einen für sie unerträglichen
Gewissenskonflikt.
(Link [Diepholz] [CDU/CSU]: Was haben
Sie als Finanzminister gemacht? —
Austermann [CDU/CSU]: Wer hat denn bei Flick
Geld geholt? — Link [Diepholz] [CDU/
CSU]: Finanzminister Apel, wie war das?)
Die Beschäftigten der Steuerverwaltung
müssen den Strafanspruch des Staates bei
kleinsten Steuersündern durchsetzen, während die
verantwortlichen Politiker unter Mißbrauch
ihrer Gesetzgebungsbefugnis denjenigen
Straffreiheit verschaffen, die bewußt und gezielt zu
ihren Gunsten Steuern hinterzogen haben.
Diesem Zitat ist aus der Sicht der
sozialdemokratischen Bundestagsfraktion nichts, aber auch gar
nichts hinzuzufügen.
(Beifall bei der SPD — Dr. Schäuble [CDU/
CSU]: Wer war denn auf der Jagdhütte?)
Wenn Sie im übrigen den Gesetzentwurf
zurückgezogen haben, dann nicht deswegen, weil Sie
moralische Skrupel haben. Die sind Ihnen ja zu
keinem Zeitpunkt gekommen.
(Klein [München] [CDU/CSU]: Aber Ih
-
nen!)
Dies hat Herr Kollege Dregger heute ja auch
deutlich gemacht. Sie haben j a die „Sentimentalitäten",
wie Sie es gesagt haben, vom Tische gewischt. Sie
haben gesagt: Wir haben die Mehrheit; wir werden
dieses Vorhaben durchsetzen.
Herr Kollege Genscher, Sie haben erklärt, die
FDP werde auch einem neuen Anlauf einer
Amnestiegesetzgebung nicht zustimmen. Wir
Sozialdemokraten halten Sie daran fest. Denn ist es nicht so,
Herr Kollege Stoltenberg, daß Sie bereits daran
arbeiten, durch eine unscheinbare Änderung der
Abgabenordnung das gleiche Ziel doch zu erreichen?
(Hört! Hört! bei der SPD)
Das sage ich Ihnen: Das wird Ihnen nicht gelingen.
Wir sind auf der Hut,
(Lachen bei der CDU/CSU)
die Öffentlichkeit ist vorgewarnt, und wir nehmen
die Liberalen ins Wort.
Aber wenn dieses so ist, meine Damen und
Herren, dann können die Liberalen dem vierten Absatz
der Entschließung der SPD-Bundestagsfraktion
auch zustimmen, damit die deutsche Öffentlichkeit
endlich weiß, daß Schluß ist mit diesem Spuk, mit
dieser Rechtsverdrehung,
(Beifall bei Abgeordneten der SPD — Zu
rufe von der CDU/CSU)
mit dem Versuch, das Steuerrecht zu pervertieren,
mit dem Versuch, die Großen freizulassen und die
Kleinen in die Strafe zu bringen.
Ich bedanke mich.
(Anhaltender Beifall bei der SPD — Zurufe
von der CDU/CSU)
Vizepräsident Stücklen: Das Wort hat der Herr
Abgeordnete Baum.
Baum (FDP): Herr Präsident! Meine Damen und
Herren! Die liberale Partei hat die Veranlassung
dazu gegeben, daß der Amnestieentwurf heute hier
nicht auf dem Tisch liegt und zurückgezogen wurde.
Sie ist also letztlich verantwortlich für diese
Entscheidung, und sie steht zu dieser Verantwortung.
Der Vorsitzende der FDP hat hier ausgeführt,
welche Gründe ihn bewogen haben, der Amnestie
zuzustimmen, und er hat ebenso deutlich und fair
ausgeführt, welche Gründe die Mehrheit in der
Fraktion, in der Partei bewogen haben, diesen Plan
nicht zu stützen.
Wir haben sehr aufmerksam verfolgt, was in den
anderen Parteien an Diskussionen stattgefunden
hat. Ich möchte hier den CDU-Parteitag in Stuttgart
erwähnen. Ich möchte nicht verschweigen, daß wir
uns besonders mit denen bei unserem
Koalitionspartner verbunden fühlen, die unsere Meinung
teilen.
(Beifall bei Abgeordneten der FDP)
Das ist — und das ist erfreulich festzustellen — die
junge Generation, die Junge Union bei Ihnen und
die Jungen Liberalen bei uns.
Ich möchte feststellen, daß diese Rücknahme uns
alle, alle Parteien, vor Schaden bewahrt hat.
(Beifall bei Abgeordneten der FDP und der
SPD)
Die Meinungsbildung in der FDP war eindeutig.
Sie umfaßte alle Gruppen, alle Landesverbände der
Partei gleichermaßen. Sie entsprang innerer
Überzeugung und liberaler Sensibilität. Sie wurde mit
Leidenschaft, aber mit Respekt vor der Meinung
des anderen geführt. Sie richtete sich gegen das
Vorhaben, sie richtete sich nicht gegen die
Personen, die die Amnestie befürwortet haben. Es ist
richtig, was Herr Genscher gesagt hat: Niemandem
wird es gelingen, einen Keil in unsere Partei zu
treiben.
(Beifall bei der FDP)
Die FDP hat sich gerade in den letzten Wochen als
eine äußerst lebendige liberale Partei verstanden,
die entschlossen ist, ihre liberalen Ziele auch zu
vertreten.
Im übrigen, meine Damen und Herren, hat wohl
niemand Anlaß das haben ja auch die
Debattenbeiträge der letzten Redner hier gezeigt —, sich in
Gralshüterpose zu begeben. Ich sage hier ganz
deutlich: Ich war zehn Jahre Kreisvorsitzender der
FDP in Köln, und ich bin natürlich auch Nutznießer
von Spenden gewesen. Mir ist das Gefühl der
menschlichen Solidarität mit denen in meiner
Partei nicht fremd, die Spenden gesammelt haben.
Solidarität empfinde ich auch gegenüber denjenigen,
die die Spenden gegeben haben.
(Beifall bei der FDP und bei Abgeordneten
der CDU/CSU)
Diese Solidarität ergibt sich ja nicht nur aus
Dankbarkeit, sondern auch aus der moralischen
Mitverantwortung aller, deren politische Arbeit mit diesen
Spenden ermöglicht worden ist. Wir haben ja
gehört, daß sich auch führende Sozialdemokraten von
diesen Erwägungen haben leiten lassen. So fern
mögen diese Erwägungen 1981 ja nicht gewesen
sein.
(Zustimmung bei der FDP)
Ich mache Ihnen das keineswegs zum Vorwurf,
meine Damen und Herren. Ich möchte Sie nur
bitten, bei allem, was Sie tun, zu berücksichtigen, daß
die Medaille eben zwei Seiten hat, daß es bei den
Befürwortern Motive gibt, die respektabel sind;
auch wenn ich sie nicht teile, sollten wir durch die
Art des Umgangs hier miteinander deutlich
machen, daß wir die Motive des anderen auch
respektieren können.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Ich lehne die Amnestie ab, meine Damen und
Herren. Ich war ja mit einigen Kollegen von Anfang
an voller Bedenken. Eine Amnestie — erst recht
eine für politische Parteien durch politische
Parteien — kann wesensnotwendig nicht gegen Bürger
und Öffentlichkeit beschlossen werden. Nur wenn
noch strafbar ist, was nach dem Rechtsempfinden
der breiten Mehrheit der Bürger straffrei sein
müßte, trägt eine entsprechende Amnestie zum
Rechtsfrieden und damit zur politischen Kultur bei. Hier
geht es nicht um opportunistisches Schielen auf
öffentliche Stimmung und öffentlichen Beifall. Wir
Liberalen sind es gewohnt, gegen den Strom
anzuschwimmen, wenn es z. B. galt, Minderheiten zu
schützen und unbequeme Themen zu behandeln.
(Beifall bei der FDP)
Die Minderheit, die mit dem Amnestievorhaben
geschützt werden sollte, hat dagegen das Recht
verletzt, sonst wäre ja eine Amnestie überflüssig. Diese
Minderheit hat das Recht gegen sich. Sie der
Rechtsprechung zu entziehen, ist mißlungen; es mußte
mißlingen, weil es außerhalb des Rechts keinen
Halt, keinen Grund gibt, der diese Maßnahme
tragen kann.
(Zustimmung bei der SPD)
Die menschlich anerkennenswerte Solidarität,
meine Kolleginnen und Kollegen, der moralisch
mitverantwortlichen Parteien, kann niemals die
Herstellung der Straffreiheit für diejenigen tragen,
die subjektiv und objektiv das Recht verletzt haben.
Natürlich schafft jede Amnestie unvermeidlich
Sonderrecht, indem sie in die Strafgerichtsbarkeit
eingreift, aber genau deshalb muß mit großer
Empfindsamkeit geprüft werden, ob dieses Sonderrecht eine
wirkliche Lücke zwischen dem noch geltenden
Recht und dem abweichenden allgemeinen
Rechtsgefühl schließen kann. Der Rückgriff auf das
allgemeine Rechtsempfinden — das hat ja Herr Benda
sehr nachdrücklich zum Ausdruck gebracht; das ist
auch meine Meinung — ist das einzige, was eine
Amnestie tragen kann, weil man den Boden des
sonst tragenden Rechts ja mit ihr verläßt. Dieser
Rückgriff ist das Gegenteil von Opportunität.
Daß man jetzt für diese Rechtsverletzungen
einstehen muß, entspricht nicht nur dem
allgemeinen Rechtsempfinden, es entspricht, so meine ich,
auch liberalen Prinzipien. Die Bürger finden das
durchweg in Ordnung: den Rechtsfrieden sehen sie
nicht gestört. Sie vertrauen darauf, daß
unabhängige Richter ihre Pflicht tun, zuallererst also darauf
achten, daß niemand verurteilt wird, der nicht
objektiv wie subjektiv schuldig ist. Sie vertrauen auch
darauf, daß die Richter bei der Anwendung des
Rechts berücksichtigen, daß sich in der Tat in den
Jahren bei der Anwendung des Rechts in der Praxis
eine Fülle von Unsicherheiten und Unklarheiten
herausgestellt haben. Wenn der Vertrauensschutz
so gilt, Herr Kollege Stoltenberg, wie Sie das hier
gesagt haben, dann brauchen wir keine Amnestie.
Dann werden die Gerichte Gerechtigkeit auf dieser
Grundlage sprechen.
(Beifall bei der FDP und bei Abgeordneten
der SPD)
Es geht um die Gleichheit vor dem Gesetz. Das
wurde schon gesagt. Es geht darum, daß Regeln für
alle zu gelten haben und nicht nach Bedarf außer
Kraft gesetzt werden können. Damit, meine ich, ist
der Nerv der politischen Kultur berührt: die
Übereinstimmung zwischen Regierenden und Regierten
über die Regeln, die auch von uns, den Regierenden,
einzuhalten sind. In der Demokratie gibt es keinen
rechtsfreien Raum.
Meine Damen und Herren, trotz
unterschiedlicher Argumente und Akzente ist das Ergebnis
dieser Debatte eindeutig: Die Amnestie geht nicht, und
sie wird auch künftig nicht gehen.
(Dr. Apel [SPD]: Sehr gut!)
Es gilt die Feststellung von Hans-Dietrich Genscher
hier in der Debatte — und ich bin fest der
Überzeugung, daß dies die Meinung der überwiegenden
Mehrheit der FDP ist —: Eine erneute Initiative für
eine Amnestie für Steuerdelikte im Zusammenhang
mit Parteispenden schließen wir aus. Die FDP wird
keiner wie immer gearteten Neuauflage dieses
Vorhabens zustimmen. Und sollte dies versucht
werden, wird sie aktiv dazu beitragen, daß ein solches
Vorhaben ohne Erfolg bleibt.
Der Entschließungsantrag der SPD geht hier in
die gleiche Richtung — wie auch im übrigen in
Ziffer 3. Wenn wir ihm nicht zustimmen, so ist das
keine Ablehnung in der Sache.
(Lachen bei der SPD)
Die Absicht der SPD, meine Damen und Herren von
der SPD, zielt ja nicht nur dahin, unsere
Zustimmung zu bekommen, sondern sie zielt dahin, die
Arbeit in der Koalition zu erschweren.
(Beifall bei der FDP und bei Abgeordneten
der CDU/CSU)
Und wenn es eines Beweises bedurft hätte — wir
haben uns da eben darüber sehr genau
unterhalten —, dann war dies die Rede des Kollegen
Emmerlich. Und vor diesem Hintergrund bekommen
Sie unsere Zustimmung nicht, meine Damen und
Herren von der SPD.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
In Ziffer 4 unserer gemeinsamen Entschließung
ist zum Ausdruck gebracht, daß wir
Vorverurteilungen entgegentreten wollen. Wer den Vorrang
ordentlicher gerichtlicher Verfahren so
bedingungslos fordert, wie wir das getan haben, der muß, meine
ich, auch dafür eintreten, daß die gerichtlichen
Verfahren von öffentlichen Emotionen freibleiben
können. Im angelsächsischen Recht wird nicht die
Freiheit der Medien beschränkt, sondern die Würde des
Beschuldigten, und die Freiheit, der Spielraum des
Gerichts sollen gewahrt werden. Daran müssen wir
doch alle ein Interesse haben. Dieser Prüfung
können wir uns doch nicht entziehen. Das ist doch
nicht, wie manche schon wieder meinen, auf dem
Umweg die Rückkehr zu irgendeiner Straffreiheit;
das ist eine Sache, der wir uns längst hätten stellen
müssen.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
In diesem Zusammenhang noch ein Wort an den
Kollegen Vogel. Die sozialdemokratische Partei hat
konsequent eine Position eingenommen, die sie
schon 1981 bezogen hat. Das erkenne ich an.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD)
Aber ich komme zurück auf den Stil der
Auseinandersetzung. Das ist schon mehrfach hier gesagt
worden. Ich will Ihnen nur eines entgegenhalten,
was mich besonders betroffen macht und — das
muß ich Ihnen sagen — auch empört. Das ist das
Wort des Kollegen Vogel von der Amnestie als
„Lohn der Wende". Herr Vogel, Sie wissen, daß das
nicht stimmt.
(Wid
Anzeige gekürzt – vollständiger Text im Original.
Relationen
- part_of_vorgang → Gesetz zur Änderung des Arbeitsplatzschutzgesetzes (G-SIG: 10020035)
- part_of_vorgang → Gesetz zur Änderung krankenversicherungsrechtlicher Vorschriften über sonstige Hilfen (Sonstige Hilfen-Änderungsgesetz - SHÄG) (G-SIG: 10020 (1. Beratung)
- part_of_vorgang → Internationale Bewertung des Kernbrennstoffkreislaufs (INFCE) (G-SIG: 10000469)
- part_of_vorgang → Vorschlag für eine Richtlinie des Rates zur Angleichung der Rechtsvorschriften der Mitgliedstaaten über typenmäßig durch die Verwendung von