Rede von Christoph Waitz (FDP) – Plenarprotokoll 16/133
Teil von Protokoll der 133. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages.
Text
Rede von Christoph Waitz (FDP) – Plenarprotokoll 16/133
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und
Kollegen! Ich gehöre zu denjenigen, die erst seit dieser
Legislaturperiode und somit die zweite Hälfte der
Kommissionsarbeit begleiten durften. Für mich war es ein
spannender und sehr bereichernder Schnellkurs in
Sachen Kulturpolitik.
Aus dieser Erfahrung heraus kann ich jedem, der
einen Einstieg in die Kulturpolitik und in die aktuellen
Handlungsfelder finden möchte, diesen Schlussbericht
zur Lektüre empfehlen; denn – dies gerät in unserer
Debatte ein wenig in den Hintergrund – dieser Bericht
enthält zu einem großen Teil die Bestandsaufnahme der
Kultur in Deutschland sowie eine Problembeschreibung,
auf deren Basis wir die Handlungsempfehlungen, die
schon jetzt im Mittelpunkt unseres Interesses stehen,
entwickelt haben.
Für mich als sächsischen Bundestagsabgeordneten
war es bei meinen Schwerpunktsetzungen für die Arbeit
innerhalb der Enquete-Kommission ganz wichtig,
herauszubekommen, welche kulturpolitischen Themen für
den Freistaat Sachsen von besonderer Bedeutung sind.
Sie wissen, dass Sachsen mit dem Sächsischen
Kulturraumgesetz eine Art Kulturverfassung hat, die in
vielerlei Hinsicht vorbildhaft für den Rest Deutschlands sein
könnte.
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU)
Für Sachsen gilt aber, was letztlich auch für die
gesamte Bundesrepublik gilt: Die Kultur- und die
Kreativwirtschaft sowie der Kulturtourismus haben noch viel zu
viel ungenutztes Potenzial. Nicht nur in Leipzig, das weit
über die Grenzen Deutschlands hinaus als Bach-Stadt und
Stadt der alten und neuen Leipziger Malerschule bekannt
ist, ist die Kultur ein wichtiger Identitätsfaktor und ein
zentrales Element der Stadt- und
Wirtschaftsentwicklung.
Christoph WaitzWelche tatsächlichen wirtschaftlichen Effekte die
Kultur hat, wurde in diesem Jahr am Beispiel der
Kulturförderung für die Wirtschaft der Stadt Dresden untersucht. Das
Ergebnis dieser Studie hinsichtlich der wirtschaftlichen
Effekte ist beeindruckend: Die Ausgaben der Besucher
in Dresden für Hotels, Restaurants, Verkehr usw., was
auch zu zusätzlichen Steuereinnahmen führt, betragen
circa 144 Millionen Euro. Bei einer staatlichen
Förderung von circa 40 Millionen Euro ist das eine Rendite,
die ansonsten nur mit gewagten Finanzspekulationen
erreichbar wäre, mit dem kleinen Unterschied, dass sich
die Bedeutung der Semperoper zum Beispiel für die
Identifikation der Stadt und des Landes als zusätzlicher
wirtschaftlicher Effekt auswirkt.
(Jörg Tauss [SPD]: Deshalb kann man auf das
Weltkulturerbe ja verzichten!)
Dieses Beispiel, Herr Tauss, lässt sich nicht auf jedes
kleine Theater übertragen. Dadurch wird aber mit dem
verbreiteten Vorurteil aufgeräumt, dass Kultur vor allem
Geld kostet. Einmal abgesehen davon, dass wir es uns
gar nicht leisten könnten, auf die Kultur zu verzichten,
wäre eine Vernachlässigung auch unter dem
wirtschaftlichen Gesichtspunkt kontraproduktiv.
Dies unter Beweis zu stellen und für jeden politischen
Entscheidungsträger nachlesbar aufzuschreiben, war
sicher auch ein Anspruch der Kultur-Enquete. Neben diesen
grundsätzlichen Maßnahmen zur Förderung der
Kulturwirtschaft, die sich in einem fraktionsübergreifenden
Antrag, den wir hier neulich verabschiedet haben,
wiederfinden, halte ich es für zentral, dass insbesondere Länder
und Kommunen Kultur in einem verstärkten Maße als
Alleinstellungsmerkmal für ihr Tourismusmarketing
einsetzen. Wir brauchen in diesem Punkt eine viel stärkere
Vernetzung zwischen der Tourismus- und der Kulturbranche
und den politischen Entscheidungsträgern.
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU und der SPD)
Eine Maßnahme, die die Kultur-Enquete vorschlägt, um
den Wettbewerb zwischen den Kulturstädten Deutschlands
zu befördern, ist die Ausschreibung eines Wettbewerbs
unter dem Titel „Kulturstadt Deutschland“. Nach den
überaus positiven Erfahrungen, die wir mit dem
Wettbewerb um die europäische Kulturhauptstadt – und zwar
ausdrücklich nicht nur für die Gewinner, sondern für alle
Beteiligten – gemacht haben, kann ein solcher nationaler
Wettbewerb nur förderlich und für andere Kommunen im
besten Sinne des Wortes beispielgebend sein.
Einen weiteren Themenkomplex möchte ich noch
ganz kurz anreißen, weil er einen wichtigen Bereich
behandelt und weil es in ihm einige Empfehlungen der
Enquete-Kommission gibt, die sicherlich gut gemeint, aber
nicht wirklich förderlich sind. Es geht um das Kapitel
„Kultur in Europa – Kultur im Kontext der
Globalisierung“. Die europäische Perspektive unseres nationalen
Handelns steht hier außer Frage und ist ohne Alternative.
Das Zusammenwachsen Europas wird in zunehmendem
Maße zu einer europäischen Identität führen, die die
nationale Identität jedoch nicht ersetzt, sondern ergänzt
und erweitert. Allerdings sind die Empfehlungen des Europakapitels
nicht ausnahmslos geeignet, einen hilfreichen Beitrag
dazu zu leisten. Ein Beispiel dafür ist die Methode der
offenen Koordinierung, über die in der Enquete-
Kommission mehrfach diskutiert wurde. Ich glaube nicht,
dass das Instrument der offenen Koordinierung in der
Kulturpolitik tatsächlich praktikabel ist. Die Methode
der offenen Koordinierung ermöglicht keine ausreichend
demokratisch legitimierte Diskussion über die von der
Europäischen Kommission vorgeschlagenen
Maßnahmen. Dies ist gerade im Hinblick auf das
Subsidiaritätsprinzip, welches mit der Methode der offenen
Koordinierung unterlaufen wird, von großer Bedeutung.
Ein weiteres Problem sehen wir bei dem UNESCO-
Abkommen zum Schutz des immateriellen Kulturerbes.
Wir teilen im Grundsatz die Ziele des Abkommens und
erkennen die Bedeutung des immateriellen Kulturerbes
und dessen Bewahrung ausdrücklich an. Die
vorgeschlagenen Institutionen und Maßnahmen stellen aber eine
unnötige Bürokratisierung und Konservierung des
kulturellen Lebens dar, der wir eine lebendige
Weiterentwicklung des immateriellen Kulturerbes vorziehen.
Wir als FDP-Fraktion werden mit großem
Engagement die Umsetzung der Handlungsempfehlungen
forcieren. Aber die Mehrheitsverhältnisse in diesem Hause
sind – noch – relativ klar verteilt.
– Na, wir werden schauen. Die nächsten Wahlen
kommen bestimmt. – Wir konnten gestern im
Kulturausschuss deutlich erleben, dass die Koalition einem Antrag
auch dann nicht zustimmen kann, wenn er der
Regierungsposition eins zu eins entspricht. Das bedeutet für
Sie, liebe Kollegen und Kolleginnen von der Union und
der SPD, dass es unter diesen Bedingungen Ihre
Aufgabe ist, die Themenfelder vorzubereiten und auch die
Mehrheiten für die Umsetzung der Ergebnisse der
Enquete-Kommission durchzusetzen.
Ein Thema der Enquete-Kommission steht schon jetzt
auf der Tagesordnung des Bundestages: das Staatsziel
Kultur. Die FDP-Bundestagsfraktion hat dazu Anfang
2006 einen Gesetzentwurf eingebracht. Nach wie vor
harren wir der Entscheidung. Die SPD hat dem
Staatsziel Kultur kürzlich zugestimmt. Jetzt fehlen noch Ihre
Stimmen von der CDU/CSU.
(Wolfgang Börnsen [Bönstrup] [CDU/CSU]:
Wir werden dazu noch etwas sagen!)