Rede von Simone Violka (SPD) – Plenarprotokoll 16/133
Teil von Protokoll der 133. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages.
Text
Rede von Simone Violka (SPD) – Plenarprotokoll 16/133
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und
Kollegen! Sehr geehrte Damen und Herren
Sachverständige! Wenn wir über Kultur in Deutschland sprechen,
dann dürfen wir die Auswirkungen des demografischen
Wandels auch auf den kulturellen Bereich nicht außer
Acht lassen. Deshalb stand für uns, die Mitglieder der
Enquete-Kommission, nie zur Debatte, wie viel Kultur
wir uns in Zukunft noch leisten können; vielmehr ging
es um die Frage, welche Herausforderungen unsere
Gesellschaft bewältigen muss, damit die Kulturlandschaft
in Deutschland nicht nur erhalten wird, sondern sich
auch weiterhin mannigfaltig entwickeln kann.
Da sich der demografische Wandel in den Regionen
unterschiedlich vollzieht, gibt es bisher noch keine
flächendeckenden politischen Lösungsansätze für die
perspektivische Lösung dieses Problems. Es gibt Regionen,
viele davon im Osten Deutschlands, die sich schon seit
Jahren in einem solch enormen Strukturwandel befinden,
dass dort auf politischer Ebene und auf der Ebene der
Kulturschaffenden bereits reagiert wird bzw. reagiert
werden musste. Auf den dortigen Erkenntnissen kann
man deutschlandweit aufbauen.
Die neuen Länder haben eine alte, vielfältige
Kulturlandschaft in das vereinigte Deutschland eingebracht.
Ich würde mich freuen, wenn auch Dresden seiner
Verantwortung gerecht würde und ein Weltkulturerbe nicht
weniger schätzte als eine Brücke.
Simone Violka(Beifall bei der SPD sowie der Abg. Undine
Kurth [Quedlinburg] [BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN])
Die Erhaltung des Kulturguts und die Förderung
kultureller Infrastruktur in den neuen Ländern liegen trotz
unterschiedlicher gesellschaftlicher Rahmenbedingungen
in gesamtdeutscher Verantwortung. Da hierfür Geld
benötigt wird, empfiehlt die Enquete-Kommission Bund
und Ländern, die Verwendung von 2 Prozent der in
Korb II bis 2019 als zweckgebundene Zuweisungen des
Bundes zur Verfügung stehenden Mittel für die Kultur in
den neuen Ländern verbindlich festzuschreiben.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der
CDU/CSU)
Das sogenannte Leuchtturmprogramm hat sich als
Erfolg erwiesen. Deshalb empfehlen wir, das in den
neuen Ländern bewährte Programm auf den gesamten
Staat auszudehnen.
Aufgrund der gesellschaftlichen Umstrukturierung
sind vor allem ländliche Regionen einer enormen
Bevölkerungsausdünnung ausgesetzt, die die Gefahr mit
sich bringt, dass es dort kein flächendeckendes
kulturelles Angebot mehr gibt. Das bedeutet für die Menschen,
die dort leben, nicht nur lange Wege zur Kultur, sondern
auch, dass ihre Regionen zunehmend an Attraktivität
verlieren, was dann häufig noch mehr Ausdünnung nach
sich zieht und damit ein immer geringeres Angebot an
Arbeitsplätzen zur Folge hat.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der
CDU/CSU)
Gleichzeitig müssen aber viele Steuergelder
aufgewendet werden, um für die immer geringer werdende Zahl
von Menschen lebensnotwendige Infrastrukturen zu
erhalten.
Nun könnte man ja auf den Gedanken kommen, dass,
wenn es weniger Menschen gibt, auch weniger Kultur
benötigt würde. Das ist meiner Meinung nach der
falsche Ansatz; denn es ist festzustellen, dass sich nur ein
bestimmter Prozentsatz der Bevölkerung als
Kulturkonsument sieht. Dieser Anteil ist in den vergangenen
Jahren fast gleich geblieben. Hier muss angesetzt werden;
denn hier liegt ein enormes Potenzial für die Kultur
brach. Das kann aber nur über ein ansprechendes und
vor allem nahes kulturelles Angebot und – das darf in
diesem Zusammenhang auch nicht vergessen werden –
eine bessere kulturelle Bildung genutzt werden. Diese
stellt nämlich eine Grundlage für wachsendes Interesse
an Kultur dar.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU)
Bei der Kultur im ländlichen Raum spielt das
bürgerschaftliche Engagement eine besonders große Rolle. Es
gibt bereits Regionen, in denen das kulturelle Angebot
ausschließlich auf den Schultern von engagierten
Bürgerinnen und Bürgern und dort lebenden Künstlerinnenund Künstlern liegt. Dabei sind auch Laienkultur und
Brauchtum ein selbstverständlicher und unverzichtbarer
Bestandteil der Kulturlandschaft. Deutschland wäre ein
kulturell armes Land ohne die Tausenden Orchester,
Chöre, Theater- und Tanzgruppen und Kulturvereine.
Deshalb ist es notwendig, die Rahmenbedingungen für
diese Gruppe zu garantieren und auch zu verbessern.
Dank eines ausgeprägten Engagements von
Künstlerinnen und Künstlern, aber auch von Kunst- und
Kulturinteressierten finden wir auch in ländlichen Regionen ein
vielseitiges Kulturangebot vor. Dieses Angebot zu
erhalten, ist eine Herausforderung in Zeiten, in denen die
Gelder für kulturelle Angebote in den Haushalten immer
knapper werden. Das größte Problem hierbei ist aber oft
nicht zu wenig Geld, sondern eine zu unstete Förderung,
die oftmals von Jahr zu Jahr völlig offenlässt, ob
überhaupt weiter gefördert wird und, wenn ja, in welcher
Höhe. Als Schirmherrin eines solchen Festivals, nämlich
des von Wustrau, weiß ich, wovon ich rede. Trotz
unglaublichen Engagements und – das ist in Kulturkreisen
leider oft der Fall – einer unglaublichen Bereitschaft zur
Selbstausbeutung bei den Künstlerinnen und Künstlern
stehen wir leider Jahr für Jahr vor der Frage, wie lange
wir das durchhalten. Das könnte durch eine langfristige
Planung bei den einzelnen Engagements verhindert
werden. Wenn dann gleichzeitig noch alle Ressourcen
ausgeschöpft würden, könnte auch eine möglichst hohe
finanzielle Unabhängigkeit erreicht werden.
Einen Ausgleich über Sponsoring oder
Mitgliedsbeiträge zu erreichen, ist vor allem in ländlichen Regionen
kaum möglich, weil viele bereits in mehreren Vereinen
engagiert und am Ende ihrer finanziellen Möglichkeiten
sind. Für überregional agierende Firmen und Konzerne
ist der ländliche Raum für Sponsoring meist unattraktiv,
weil zu wenige erreicht werden und es kein
überregionales mediales Interesse gibt. Um solche Lücken zu
schließen, müssen öffentliche Gelder so effektiv wie möglich
eingesetzt werden.
Eine Lösung sehen wir in der Enquete-Kommission
in der Schaffung einer Kulturentwicklungsplanung;
dieser muss aber eine genaue Bedarfsanalyse
vorausgehen, in der es an erster Stelle nicht um Mitteleinsparung,
sondern um Erhalt durch Anpassung und Veränderung
geht. Solch eine Kulturentwicklungsplanung kann aber
auch nur dann ein wirklicher Erfolg werden, wenn
kulturelle Institutionen stärker kommunen- und
gegebenenfalls auch länderübergreifend genutzt werden. Auch der
Zusammenschluss und die Mehrfachnutzung von
spartenübergreifenden Kulturstätten kann eine Möglichkeit
zur Lösung der anstehenden Probleme darstellen.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU und der LINKEN)
Doch das setzt voraus, dass zum Beispiel vorhandene
Konkurrenzsituationen zwischen Städten und
ländlichem Raum ebenso überwunden werden müssen wie die
zwischen öffentlich finanzierten Einrichtungen und
Programmen.
Simone ViolkaDeshalb sollte sich eine effektive
Kulturentwicklungsplanung nicht nur an den Einrichtungen, sondern auch an
den Nutzern ausrichten.
Wichtig ist hierbei auch eine langfristige Sicht.
Momentan gibt die ältere Generation, deren Anteil an der
Gesamtgesellschaft immer größer wird,
überdurchschnittlich viel Geld für Kultur aus. Doch es wäre
kurzsichtig, nur darauf zu setzen. Denn wenn das so bleiben
soll, muss auch die jüngere Generation sie ansprechende
kulturelle Angebote erhalten. Wer als junger Mensch
keinen Zugang zur Kultur findet, wird diesen im Alter
nicht automatisch von selbst finden.
(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU sowie bei
Abgeordneten der FDP und der LINKEN)
Dabei ist die Förderung der kulturellen Bildung
unerlässlich, wobei allerdings keine Verteilungskonflikte
zwischen den Generationen geschaffen werden sollten.
Nur so bedeuten sinkende Bevölkerungszahlen nicht
gleichzeitig auch eine geringere Nachfrage nach
kulturellen Angeboten. Deshalb ist ein demografischer Wandel
kein unwiderlegbares Argument für den Rückbau
kultureller Infrastruktur, sondern stellt eine lösbare
gesamtgesellschaftliche Aufgabe dar, zu deren Bewältigung ich
hiermit alle aufrufe.
Vielen Dank.
(Beifall bei der SPD, der CDU/CSU und der FDP
sowie bei Abgeordneten der LINKEN)