Rede von Ulrich Maurer (DIE LINKE) – Aktuelle Stunde: Rechtsstaatliche Anforderungen an eine
Teil von Protokoll der 73. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP ZP 1: Aktuelle Stunde: Rechtsstaatliche Anforderungen an eine.
Text
Rede von Ulrich Maurer (DIE LINKE) – Aktuelle Stunde: Rechtsstaatliche Anforderungen an eine
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Dass sich der Kollege Schmidt bemühte, ein Stück weit
abzulenken und abzuwiegeln, war zu erwarten. Sie
kommen aber nicht daran vorbei, dass es noch nie eine so
eindrucksvolle Kette von Fehlleistungen gegeben hat
wie die, die hier von der Kollegin Leutheusser-
Schnarrenberger aufgezählt worden ist.
(Dr. Jürgen Gehb [CDU/CSU]: Wie viele denn
im Verhältnis zu den anderen?)
– Schauen Sie nach, Herr Kollege, wie oft in der
Nachkriegsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland der
Bundespräsident in vergleichbaren Fällen interveniert
hat.
(Beifall bei der LINKEN – Dr. Jürgen Gehb
[CDU/CSU]: Hier wird die Ausnahme zur
Regel stilisiert!)
Dann merken Sie, was hier eigentlich los ist. Gegen
eines, was ich beim Kollegen Schmidt herausgehört habe,
will ich mich ausdrücklich zur Wehr setzen. Er verfährt
offenbar nach dem Motto: Wir machen jetzt einmal
Gesetze und dann wird sich in einem offenen Prozess beim
Bundesverfassungsgericht oder beim Präsidenten schon
herausstellen, ob sie nun verfassungswidrig sind oder
nicht.
(Andreas Schmidt [Mülheim] [CDU/CSU]: So
ein Quatsch!)
So habe ich die Rolle des Parlaments bisher nicht
interpretiert. Es darf nicht den permanenten Versuch
unternehmen herauszufinden, ob die Gesetze, die es
beschließt, verfassungswidrig sind oder nicht.
(Beifall bei der LINKEN und der FDP –
Michael Grosse-Brömer [CDU/CSU]: Sie haben
noch nicht einmal die einfachen Teile seiner
Rede verstanden!)
Bei der Gelegenheit fällt mir ein, dass neulich in der
Debatte über den Entwurf des
Justizmodernisierungsgesetzes der Sprecher der SPD auf die Feststellung der
Kollegin von der FDP, dieser sei gegen die
Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts gerichtet, gesagt
hat: Die haben auch nicht immer Recht. Der Gesetzgeber
Ulrich Maurermuss die Richter veranlassen, ihre Rechtsprechung zu
ändern, indem man ein Gesetz macht, das gegen das,
was die Richter bisher immer beschlossen haben,
gerichtet ist. – Das ist eine Art von spielerischem Umgang mit
der Verfassungsmäßigkeit, die wir nicht akzeptieren
können. In diesem Bereich darf es keinen spielerischen
Umgang geben.
Man kann ja über die Frage rätseln, wie so etwas
zustande kommt. Ich glaube, dass es etwas mit den
Gesetzmäßigkeiten der großen Koalition zu tun hat. Bei
vertieftem Nachdenken kommt man darauf.
(Joachim Stünker [SPD]: Ja, das fehlt bei
Ihnen!)
Erstens haben Sie einen bestimmten Machtrausch; das
ist jedenfalls unser Eindruck. Ihre übergroße Mehrheit
führt offensichtlich dazu, dass Sie zum einen – der
Kollege Gysi hat heute Morgen darauf hingewiesen – in
Ruhe permanent gegen die Mehrheit der Bevölkerung
entscheiden können. Das wird uns irgendwann in eine
Krise der repräsentativen Demokratie führen. Zum
anderen haben Sie offensichtlich im Hinterkopf, dass Sie sich
bei einer so großen Mehrheit, durch die auch die
Oppositionsrechte, etwa beim Thema Normenkontrolle, sehr
eingeschränkt sind, noch mehr leisten können. Das ist
eine Art doppelte Ignoranz.
Zweitens ist es bei Ihnen, glaube ich, so, dass Sie,
wenn Sie sich in der großen Koalition unter großen
Mühen, unter Berücksichtigung machtpolitischer
Erwägungen, unter wechselseitiger Gesichtswahrung, auf
irgendetwas geeinigt haben, dann so angestrengt waren, dass
Sie auf das weitere parlamentarische Verfahren keine
große Lust mehr hatten. Sie müssen einmal überprüfen,
ob das bei Ihnen nicht der Fall ist.
(Michael Grosse-Brömer [CDU/CSU]: Was
erzählen Sie denn da?)
Haben Sie so viel Anstrengendes hinter sich? Sie
meinen, wenn alles so schwierig war, dann muss das, was
man gefunden hat, die Wahrheit sein – oder jedenfalls
das Einzige, was machbar ist.
Diese ganzen Vorgänge werfen verschiedene Fragen
auf: erstens – das hat die Kollegin zu Recht gesagt –
nach der Rolle der Ministerien, des Justizministeriums
und des Innenministeriums, die den Gesetzgebungsgang
eigentlich überprüfen müssten. Vielleicht sollten Sie das
Justizministerium immer sofort zu Ihren
Koalitionsgesprächen auf höchster Ebene hinzuziehen,
damit dessen Überlegungen gleich mit einfließen. Das
wäre durchaus erwägenswert.
Zweitens werfen sie die Frage auf, inwieweit das
Parlament sozusagen durch den Koalitionsausschuss ersetzt
wird. Wie groß ist Ihr Selbstbewusstsein
(Dr. Michael Bürsch [SPD]: Das wächst
täglich!)bei der Frage der verfassungsrechtlichen Überprüfung,
die in der Tat dem gesamten Parlament obliegt und nicht
nur der Opposition? Wann greifen Sie eigentlich unter
dem Gesichtspunkt der Verfassungsmäßigkeit in Ihre
eigenen großkoalitionären Debatten ein?
(Beifall bei der LINKEN sowie bei
Abgeordneten der FDP)
Drittens und letztens; das will ich zum Schluss sehr
deutlich sagen. Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal in
die Rolle komme, den Bundespräsidenten gegen
Angriffe aus der großen Koalition verteidigen zu müssen.
(Dr. Jürgen Gehb [CDU/CSU]: Das hat keiner
gedacht!)
Ich will Ihnen sagen, was ich zu dem Thema gelesen
habe. Namhafte Leute haben sich zu der Aussage
verstiegen, der Bundespräsident solle seine
Prüfungskompetenz zurücknehmen und nur noch das zurückweisen,
was sozusagen Otto Normalverbraucher vor dem
Fernseher zu dem Satz „Oh, das ist ja verfassungswidrig!“
veranlasst. Die Ermahnungen, die erfolgt sind, sind
geradezu dazu geeignet, eine institutionelle Krise
heraufzubeschwören.
– Ja, natürlich! Passen Sie einmal auf: Ich kenne meine
Landsleute ganz gut. Sie sind ziemlich nachhaltig, man
könnte auch sagen: stur, wenn man ihnen auf diese Art
und Weise kommt. Das kann man dem Herrn
Bundespräsidenten nur empfehlen. Wollen Sie ihn im Ernst jetzt
jedes Mal, wenn es Ihnen nicht passt, öffentlich zur
Ordnung rufen? Was meinen Sie, wie das in der
Bevölkerung ankommt, in der das Urteil – oder
Vorurteil; wie Sie wollen –, „die da oben“ machten sowieso,
was sie wollen, verbreitet ist, wenn die Menschen nun
auch noch die Erfahrung machen, dass „die da oben“
auch gegenüber dem Bundespräsidenten machen, was
sie wollen?
Was glauben Sie, was das in einer Demokratie auslöst?
Deswegen kann ich Ihnen nur raten: keine lauten
Töne mehr! Gehen Sie in diesem Punkt in sich; Sie
erweisen uns dann allen einen Dienst!
(Beifall bei der LINKEN sowie bei
Abgeordneten der FDP – Dr. Michael Bürsch [SPD]:
Reden, die die Welt bewegen!)